E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Drotschmann Verrückte Geschichte
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86413-828-7
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Absurdes, Lustiges und Unglaubliches aus der Vergangenheit
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-86413-828-7
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mirko Drotschmann (Jahrgang 1986) studierte Geschichte und Kulturwissenschaft in Karlsruhe und absolvierte ein journalistisches Volontariat beim Südwestrundfunk. Er arbeitet als freier Journalist und ist unter anderem als Moderator des Geschichtsmagazins 'MDR Zeitreise' im MDR Fernsehen und als Reporter für die ZDF-Kindernachrichten logo! tätig. Daneben entwickelt, betreut und produziert er mit seiner Firma objektiv media Webvideo-Formate und betreibt als MrWissen2go einen Youtube-Kanal. Neben Veröffentlichungen in zahlreichen deutschsprachigen Medien wirkte Drotschmann unter anderem an dem wissenschaftlichen E-Journal des Karlsruher Instituts für Technologie mit und verfasste Beiträge für einen Sammelband zur regionalen Geschichte der Stadt Ettlingen.
Autoren/Hrsg.
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#einfallsreichtum
Wie die Bild Barbie erfunden hat
@drguidoknapp
Das Vorbild für #Barbie war Lilli – das Maskottchen der @bild-Zeitung in den 1950er-Jahren.
Sie ist der Traum so ziemlich jeder Männerphantasie: sinnlicher Blick, die blonden Haare zu einem frechen Pferdeschwanz nach hinten gebunden – und weibliche Rundungen, die selbst Marilyn Monroe und Rihanna alt aussehen lassen. Keine Frage, Lilli ist heiß. Und Lilli weiß, was sie will. »Ich will gar keine große Dame sein«, vertraut sie einer Freundin an, »das heißt doch nur, dass ich all das nicht tun darf, was mir Spaß macht«.
Spaß – das ist für Lilli alles, was irgendwie mit reichen Männern und schicken Klamotten zu tun hat. Klingelt bei einem ihrer Liebhaber das Telefon, nimmt sie vor ihm den Hörer ab, meldet sich artig und fragt dann, auf seinem Schoß sitzend, mit der Hand auf der Sprechmuschel: »Es ist für dich – soll ich sagen, du seist gerade mit schwerwiegenden Problemen beschäftigt?« Überhaupt, für kluge Sprüche ist Lilli immer zu haben. Als sie die schicke Limousine eines Lovers gegen die Wand setzt, stellt sie mit unschuldigem Hundeblick fest: »Du hattest Recht – der Bremsweg ist tatsächlich länger, als ich vorher dachte.«
Vieles von dem, was Lilli sagt und tut, ist politisch nicht ganz korrekt und aus heutiger Sicht sogar ziemlich frauenfeindlich. Aber das interessiert in den 1950er-Jahren kaum jemanden. Im Gegenteil: Lilli ist ein Star. Hunderttausende Menschen begleiten jeden Schritt ihres Lebens, hängen an ihren tiefrot geschminkten Lippen und warten jeden Tag gespannt darauf, Neues von ihr zu erfahren. Und sie werden nicht enttäuscht – immer wieder liefert eine ganz bestimmte Zeitung zuverlässig Einblicke in das Privatleben der vermutlich begehrtesten unverheirateten Frau ihrer Zeit.
Dabei gibt es Lilli eigentlich gar nicht. Sie ist eine Comicfigur. Allerdings eine, die später ordentlich Karriere machen wird und am Ende unter dem Namen »Barbie« in Millionen von Kinderzimmern landet. Lilli Superstar.
Aber beginnen wir ganz von vorne, im Jahr 1952. Für die meisten Deutschen kehrt nach den Entbehrungen des Krieges langsam wieder der Alltag ein. Das sagenumwobene Wirtschaftswunder steht im Westen in den Startlöchern, insgesamt kann man sagen: Läuft im Land. Das empfindet auch ein junger Verleger aus Hamburg so und nutzt die Gunst der Stunde, um etwas zu wagen, an dem er schon lange herumgebastelt hat: Am 24. Juni 1952 erscheint die erste Ausgabe einer Boulevardzeitung, die Deutschland von da an wie kaum ein anderes Medium prägen wird – sowohl positiv als auch negativ. »Grenze bei Helmstedt wird gesichert!«, ist die Schlagzeile der ersten Bild-Zeitung der Geschichte. Ihrem Namen macht sie direkt alle Ehre. Allein auf der ersten Seite sind sechs Bilder im Großformat abgedruckt.
Aber es sind nicht unbedingt die Aufnahmen der Berühmten und Mächtigen, die für Begeisterung an den Kiosken im Land sorgen. Es ist vor allem eine Zeichnung, über die man am Bahnhof, in der Werkshalle und teilweise auch auf dem Schulhof spricht: die Comicfigur Lilli. Im eleganten schwarzen Kleid steht sie da und füllt mehr als gekonnt die Lücke zwischen zwei Artikeln. Für mehr ist sie eigentlich auch gar nicht vorgesehen. Ihr Zeichner Reinhard Beuthien hatte mit Lilli nur den Auftrag ausgeführt, ungenutzten Platz zu kaschieren. Und nachdem sein erster Entwurf eines Babys mit Engelsgesicht in der Redaktion nicht wirklich gut ankam – Zitat: »Leser wollen keine Bilder von Babys sehen« –, versuchte Beuthien es eben mit einem Engel im Körper einer üppig bestückten Frau, womit er beim zuständigen Redakteur direkt einen Volltreffer landete. Der Name? Ein Zufallsprodukt. »Der ist mir direkt in den Sinn gekommen, als ich Lilli gezeichnet habe«, sagt Beuthien später.
Allerdings soll Lilli zunächst nur eine Eintagsfliege sein. Bei den Verantwortlichen der Bild besteht wenig Interesse daran, regelmäßig mit ihr die Seiten zu schmücken. Zu ordinär, lautet das Urteil aus der Chefredaktion. Doch das ändert sich schnell. Nachdem Lilli-Schöpfer Beuthien noch am Tag des Erscheinens der ersten Bild-Ausgabe mit Lobesbriefen geradezu bombardiert wird, entschließt man sich doch dazu, weiterzumachen – vermutlich eine der besten Entscheidungen, die man je bei Bild getroffen hat.
Ähnlich wie ihre große Schwester Jane, die schon seit einiger Zeit die Seiten des britischen Boulevardblatts The Mirror schmückt, wird Lilli zum Publikumsliebling. Männer sehen in ihr das Idealbild der modernen Frau, die Damen der Republik posieren heimlich zu Hause vor dem Spiegel, um zumindest ein bisschen die Eleganz ihres gezeichneten Vorbilds imitieren zu können. Schon nach wenigen Wochen ist Lilli aus Bild nicht mehr wegzudenken. In kurzen Comic-Episoden gibt sie Einblick in ihr Beuteschema (»Hans sagt immer, Geld macht nicht glücklich – aber er hat nicht einmal das!«), lässt Männerherzen höher schlagen (an einen Polizisten gerichtet, der sie dafür kritisiert, dass sie verbotenerweise einen zweiteiligen Bikini trägt: »Welches der beiden Teile soll ich denn ausziehen?«), oder philosophiert über Politik (»Natürlich interessiere ich mich für Politik – niemand sollte ignorieren, wie sich einige Politiker kleiden.«). Für viele ist Lilli im prüden, verknöcherten Nachkriegsdeutschland ein Lichtblick, mit dem sie sich gerne identifizieren.
Das stellt auch ihr Vater Rainhard Beuthien immer wieder fest. Berauscht vom Erfolg seiner »Tochter« beschließt er, eine Lilli zum Mitnehmen zu erschaffen: eine Puppe, die gleichermaßen Kinder und Erwachsene begeistert. So massenkompatibel wie die gezeichnete Lilli soll auch die echte Figur werden. Doch schnell muss Beuthien feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Geschlagene zwölf Mal wird er von Fabrikanten enttäuscht, die es einfach nicht hinbekommen, seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Erst dann hat er Erfolg. Über einen Tipp gelangt Beuthien an den renommierten Spielzeughersteller Rolf Hausser aus dem bayerischen Neustadt. Dessen Unternehmen O & M Hausser hat unter anderem das beliebte Kartenspiel »Elfer raus!« erfunden und im »Dritten Reich« mit besonders liebevoll gestalteten Figuren von Adolf Hitler auf sich aufmerksam gemacht. Letzteres wird in der Firmenchronik zwar gerne verschwiegen, ist aber einer der Hauptgründe, warum O & M Hausser seit Mitte der 1930er-Jahre enorm wachsen konnte.
Für Rainhard Beuthien ist das nicht so wichtig. Für ihn zählt, was Rolf Hausser und sein Team ihm zu bieten haben. Im Auftrag seines Chefs entwirft der O & M-Modelleur Max Weißbrodt den Prototypen der Lilli-Puppe – und wird direkt auf eine besonders harte Probe gestellt. Zur Präsentation von Lilli bringt Zeichner Beuthien nämlich seine beiden Kinder mit, denen er vorher eine Überraschung versprochen hat. Und die zündet: Beuthiens Kinder stürzen sich auf die Puppe, rufen »Das ist unsere Lilli!« und wollen sie gar nicht mehr aus den Händen geben. Damit ist alles gesagt. O & M bekommt die Rechte an der Produktion, und ab dem 12. Oktober 1955 sind die ersten »Bild-Lillis« im Handel zu haben.
Verkauft werden die Puppen in zwei Größen: Eine Version mit 19 Zentimetern für 7 Mark 50 und eine mit 30 Zentimetern für 12 Mark – natürlich immer mit einer maßstabsgetreuen Bild-Zeitung in der Verpackung. Hergestellt wird Lilli in den Anfangsjahren aus dem stabilen Stoff Elastolin. Dazu gibt es eine Fülle von Wechselkleidung, mit der Lilli gepimpt werden kann. Cocktailkleider, Blusen und – lange vor deren Siegeszug in der Modewelt – Miniröcke sind in allen möglichen und unmöglichen Farben und Formen zu haben. Auf Wunsch liefert die von Rolf Haussers Schwiegermutter geleitete Puppenbekleidungsfirma MMM (noch kürzer: 3M) auch Sonderanfertigungen. Als zum Beispiel einmal eine Dame aus reichem Hause eine Lilli im Nerzmantel ordert, bekommt sie selbstverständlich auch eine. Für das entsprechende Kleingeld, versteht sich.
Innerhalb weniger Jahre verkauft sich Lilli mehr als 130 000 Mal. Hauptsächlich in Deutschland, aber auch in England und den Niederlanden kommt sie so gut an, dass geschäftstüchtige Unternehmer sie eifrig nachbauen lassen, allerdings nur mit vergleichsweise mäßigem Erfolg. Lilli ist anders. Anders als gewöhnliche Puppen, ist sie kein Kind mehr, sondern eine ausgewachsene Frau. Außerdem lassen sich ihre Beine flexibel bewegen, was einer kleinen Revolution im Puppenbusiness gleichkommt – und nebenbei auch dazu führt, dass spätpubertäre Bastler Lilli teilweise zur Porno-Puppe umfunktionieren, um sie zu später Stunde bei Geburtstagsfeiern und Junggesellenabschieden für perverse Spielchen aus der Tasche zu ziehen.
Lilli – hauptsächlich blond, aber auch brünett und rothaarig zu haben – wird zum perfekten Werbeträger für die Bild-Zeitung, die auf der Welle des Hypes gerne mitschwimmt. Als 1957 eine Produktionsfirma anbietet, Lillis Leben zu verfilmen, greift man im Axel-Springer-Haus gerne zu. »Lilli – ein Mädchen aus der Großstadt« wird am 6. März 1958 zum ersten Mal präsentiert, fällt bei den meisten Kritikern allerdings bitter durch. Das Lexikon des internationalen Films spricht von einem Werk, das »einfältig konstruiert und zu unbeholfen inszeniert« sei. An den Erfolg der Comics und der Puppen kommt der Film nicht heran. Der Beliebtheit von Lilli schadet das Debakel nicht. Zwar taucht sie am 5. Januar 1961 zum letzten Mal in einem Comic in der Bild auf, aber ihr erfolgreiches Jetset-Leben geht...




