Säkulare Identitäten im Spannungsfeld interreligiöser Beziehungen
E-Book, Deutsch, Band 16, 296 Seiten
Reihe: Reihe Jüdische Moderne
ISBN: 978-3-412-50416-8
Verlag: Böhlau
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
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Jewishness disrupts the very categories of identity,
because it is not national, not genealogical, not religious,
but all of these, in dialectical tension with one another. Daniel Boyarin1 1Einleitung
Wie sehen zu Beginn des 21. Jahrhunderts jüdische Identitäten aus, und wie werden sie an die nächste Generation weitergegeben? Die fast 50 Prozent2 interreligiöser Partnerschaften mit jüdischer Beteiligung,3 die juristische und gesellschaftliche Gleichstellung und Akzeptanz von Jüdinnen und Juden in der westlichen Welt, gekoppelt mit dem Erstarken eines explizit nicht religiösen Selbstbewusstseins außerhalb des Staates Israel, bilden für die jüdischen Gemeinschaften eine Herausforderung. Dabei besteht ein Dilemma zwischen der Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung gegen außen, damit die Eigenart bewahrt und tradiert werden kann, und der Durchlässigkeit, die mit der Akzeptanz der umgebenden Gesellschaft einhergeht. Diese bewirkte das Ende der Diskriminierung und, nach dem Holocaust, die gesellschaftliche Ächtung des Antisemitismus zumindest in der westlichen Welt. Kinogänger und Romanleser konnten seit den 1970er-Jahren zur Kenntnis nehmen, dass die Thematisierung der komplexen Identitätskonstruktionen von Jüdinnen und Juden im Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Herkunftsreligion eine anscheinend selbstverständliche Option wurde. Das jüdische Spezifikum scheint von der Befangenheit durch den Holocaust befreit und wird als eine Besonderheit unter vielen möglichen gesehen, es eignet sich sogar als Stoff für Komödien. [<<15||16>>] Wie sieht die Reaktion auf diese »Normalisierung« auf jüdischer Seite aus? Eine große Zahl von Mischehen ist immer ein Hinweis auf die gute Integration einer Minderheit in die Gesellschaft. Das führt jedoch auch zur Beunruhigung, ob diese Minderheit in ihrer Partikularität erhalten bleiben kann. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaften der Schweiz und Westeuropas ist gerade in Bezug auf Mischehen eine Art Untergangsstimmung auszumachen: Leitmotivisch und mit moralischem Druck4 wird der Aufruf zu innerjüdischen Ehen wiederholt. Damit wird angedeutet, dass eine nichtjüdische Partnerwahl einem Verrat gleichkomme. Durch die Wahl eines nichtjüdischen Partners werde die jüdische Herkunft gefühlsmäßig entwertet, und es sei damit der Abfall von der Gemeinschaft verbunden – womit ein Topos aus der Geschichte der Emanzipation perpetuiert wird. Interessanterweise gilt diese Haltung auch für eher nichtreligiös lebende Personengruppen. Es ist, als ob sich die jüdische Gemeinschaft ohne den in Westeuropa mehrheitlich verpönten Antisemitismus5 keine positiven Werte, keine verbindende Kraft zutrauen, als ob sie ihre eigene Vielfältigkeit nicht als Reichtum, sondern als Bedrohung erleben würde. Angelpunkt ist die Transmission des Judentums, sind die Anerkennungsprobleme, die durch den Hegemonialanspruch der Orthodoxie vorgegeben sind. Es gibt einen Konflikt zwischen dem Wunsch, auch dem Anspruch nach Integration von jüdischer wie nichtjüdischer Seite, dem auf jüdischer Seite die Befürchtung entgegensteht, die Eigenart zu verlieren und ganz in der umgebenden Gesellschaft aufzugehen. Dieses Dilemma ist die Signatur säkularer jüdischer Identität; es aktualisiert sich ganz besonders bei der Frage der Weitergabe. 1.1Problemstellung und Gegenstand der Untersuchung An den Grenzen, den Übergangsstellen, fokussieren sich Differenz und Identität in zugespitzter Weise. Die traditionell ausschließlich matrilineare Transmission der Zugehörigkeit zum Judentum birgt zusätzliches Konfliktpotenzial in einer Zeit wenigstens juristischer Gleichstellung der Geschlechter. Zusammen mit der Diskussion über die Stellung der Frauen im traditionell patriarchal strukturierten Judentum sind neue Probleme bei der Definition jüdischer Identitäten entstanden, die mit unterschiedlichsten individuellen und institutionellen Konfliktlösungsstrategien inner- und außerhalb des sich als »jüdisch« bezeichnenden Spektrums gekoppelt sind. [<<16||17>>] In dieser Studie werden Identitätskonstruktionen untersucht, die sich im Zusammenhang mit der Transmission der Zugehörigkeit zum Judentum im Konvergenzbereich zwischen jüdisch und nichtjüdisch manifestieren: Wie wird in einer Zeit, in der nicht nur die Zugehörigkeit, sondern auch die Art, wie sie gelebt wird, selbst bestimmt werden kann, Jüdischsein6 (jewishness) erlebt und weitergegeben? Worüber und wie wird argumentiert bezüglich eines möglichen Übertritts7 (Giur) der nichtjüdischen Partnerin oder des Partners?8 Welche Auswirkungen hat die unterschiedliche Betroffenheit vom Matrilinearitätsprinzip? Wie stehen nicht direkt vom Transmissionsproblem Betroffene zu Übertritten? Mit Methoden der interpretativen Sozialforschung, die sich an die Grounded Theory anlehnen, und der Psychoanalyse als Konflikttheorie im Hintergrund wird untersucht, wie heute im Feld jüdisch-nichtjüdischer Mischehen Jüdischsein vermittelt und problematisiert wird. Nicht auf essenzialistische Weise »das« Judentum, nicht »das Jüdische« wird gesucht, sondern es wird gezeigt, wie die Akteure selbst ihr Jüdischsein leben und erleben, oder anders gesagt, welchen Gebrauch sie vom Jüdischsein machen. Es zeigte sich, dass insbesondere Elternschaft und die Auseinandersetzung mit dem Tod die Selbstverortung aktualisieren und verschärfen. Mit diesen Fragestellungen wird ein Konzept von Identität als spezifisches Gefühl für Eigenschaften angedeutet, die als wesentlich zum Eigenen gehörend empfunden werden. Identität ist ein Grenzbegriff zwischen Kollektiv und Individuum und beschreibt nicht einen fixierten Zustand, vielmehr wird Identität in einem zeitlich (historisch wie lebensgeschichtlich) und räumlich (geografisch wie körperlich) verorteten Prozess über diskursive Formationen und kulturelle Symbole fortlaufend konstruiert. In diesem Prozess werden Aspekte sowohl der Zugehörigkeit als auch der Autonomie verhandelt, wobei der Blick von außen ebenso konstitutiv ist wie Abgrenzung nach außen.9 [<<17||18>>] Der Begriff »Mischehen« wird dem der »interreligiösen« Ehen oder Partnerschaften vorgezogen, um der steigenden Zahl von Personen gerecht zu werden, die sich als konfessionslos oder atheistisch definieren und sich deshalb in der Bezeichnung »interreligiös« nicht wiedererkennen. Im Terminus »Mischehen« sind Partnerschaften zwischen Personen, die sich selbst als jüdisch identifizieren, und solchen, die sich selbst als nicht- oder areligiös bezeichnen, mit einbezogen. Der explizite Bezug zur Religion im Begriff »interreligiös« wird auch vielen jüdischen Personen nicht gerecht, die sich hauptsächlich säkular verstehen und Judentum im Alltag als Tradition, Geschichte und Kultur leben. Der Gebrauch des Begriffs »Mischehe« ist teilweise verpönt, da er durch den Nationalsozialismus (verschiedene Grade von privilegierten Mischehen zwischen »Ariern« und »Juden«) diskreditiert wurde. Wie das Wörterbuch der »Vergangenheitsbewältigung«10 jedoch nach gründlicher Untersuchung der Gebrauchsgeschichte des Begriffs konstatiert, zeigt sich an »Mischehe«, »dass nach der Gewaltherrschaft alte Sprachgebrauchstraditionen wieder aufgenommen werden und neue Sprachtraditionen entstehen können«. Die deutsche Historikerin Kerstin Meiring11 verwendet das Wort »Mischehe« bereits im Titel ihrer auf der Grundlage umfangreichen Quellenmaterials basierenden Untersuchung, ebenso die Österreicherin Petra Ernst.12 Der dem englischen intermarriage nahe stehende Terminus »Zwischenehe«13 konnte sich nicht durchsetzen. In der Ethnologie wird der englische Begriff »Intermarriage« teilweise sogar in auf Deutsch verfassten Arbeiten verwendet,14 um dem durch seine [<<18||19>>] Verwendung im Nationalsozialismus negativ konnotierten Begriff auszuweichen. Festzuhalten ist, dass der Gebrauch des Terminus »Mischehe« in der Alltagssprache der hier zu Wort kommenden Personen selbst fest verankert ist, ja dass sie ihn (gerade der schwierigen Geschichte und der sozialen Ächtung wegen) manchmal sogar mit einem gewissen Trotz gebrauchen. Nicht nur verheiratete Paare definieren sich mit diesem Begriff, wenn sie auf die Unterschiede der Herkunftsreligionen hinweisen wollen, sondern auch Paare, die ohne Trauschein zusammenleben. In dieser Arbeit werden diese Konstellationen untersucht, unabhängig vom zivilrechtlichen Status, auf den aus Diskretionsgründen nicht hingewiesen wird. Religion15 wird seit Max Weber meist als ein Teil von Kultur gedacht, was allerdings nicht ohne einschneidende Umdeutungen möglich ist, denn Religionen verstehen sich selbst nicht so. Statt Religion und ihre Äußerungsformen »als« etwas zu verstehen, schlägt Martin Treml vor, »gerade das an ihr zu betonen, was solche Zuordnungen untergräbt«.16 Formen und Institutionen der Religionen wirken einerseits langfristig...