E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Drescher Kampfrhetorik - Friedensrhetorik
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-3496-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
überzeugen statt streiten
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-7412-3496-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor Peter Drescher ist Germanist und Politologe und lebt in Berlin. Er berät seit 1995 in Kommunikationsfragen sowohl öffentliche Institutionen wie den Deutschen Bundestag oder Landesministerien als auch privatwirtschaftliche Unternehmen. Er bekleidet Funktionen wie die des Kommunikationstrainers, Moderators, Mediators, Dozenten oder Einzelcoaches.
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1.1.1 Rhetorisches Bewusstsein in Überzeugungsreden
Sowie wir eine Rede halten, mittels derer wir etwas erreichen wollen, gehen wir von Standpunkten aus, die unsere Meinung zum Gesprächsthema darstellen. Diese Standpunkte sind uns mehr oder minder bewusst. Der jeweilige Standpunkt hat dabei einen gedanklich-rationalen und einen emotionalen Bezug.
Diesen jeweiligen Standpunkt zu kennen und gedanklich auszuformulieren, ist die Grundlage jeden Überzeugens. Denn wie will ich davon überzeugen, wie es meiner Meinung nach sein soll, wenn ich nicht genau weiß, was für mich richtig oder falsch, sinnvoll oder abwegig ist?
Geht es zum Beispiel um die Betreuung und Förderung des eigenen Kindes, so mag die Mutter eines Dreijährigen den Standpunkt vertreten, nicht schon bei den ersten quengelnden Rufen nach Unterstützung durch die Eltern (), dieser Aufforderung automatisch nachzukommen. Der rationale Standpunkt der Mutter wäre etwa:
Der Vater hingegen – um im Beispiel zu bleiben – vertritt den entgegengesetzten Standpunkt. Er möchte frühzeitig eingreifen, um dem Kind das Gefühl unbedingter Unterstützung durch die Eltern zu vermitteln. Sein rationaler Standpunkt könnte lauten:
Beide Standpunkte sind dabei nicht allein "Kopf"-gesteuert. Vielmehr geht mit dem jeweiligen Standpunkt ein Gefühl einher, welches mehr oder minder stark mit dem eigenen rationalen Standpunkt verbunden ist. So könnte die Mutter sich immer dann ärgern, wenn ihr Partner gleich auf die Hilferufe des Sohnes anspringt; der Vater könnte Angst um das Wohlergehen des Sohnes bekommen, wenn er ihm nicht frühzeitig Unterstützung zukommen ließe.
Dieser emotionale Hintergrund würde sich dann auch bei der Ausdrucksweise des Standpunktes widerspiegeln, die Mutter würde wohl einen ärgerlichen Ton anschlagen (), der Vater eher hilflos reagieren ().
Wollen wir stark in unserer Überzeugungskraft sein, so ist es unbedingt notwendig, sowohl zu wissen, was wir wollen, als auch zu empfinden, was der rationale Standpunkt für uns emotional bedeutet. Würden unsere Beispiel-Eltern rein gefühlsmäßig mit dieser Erziehungsfrage umgehen, so wäre die Gefahr groß, dass lediglich am jeweiligen Verhalten des Partners herumgenörgelt würde, ohne klar zu machen, was einen eigentlich genau stört. Würde umgekehrt versucht werden, die Emotionen zu unterdrücken, um rein rational das Problem zu behandeln, so wäre auch hier eine Gefahr zu sehen. Dann nämlich könnte sich beim Reden das Gefühl des Ärgers oder der Unsicherheit trotzdem Bahn brechen und verhindern, dass die rationale Botschaft überhaupt beim anderen ankommt.
In beiden Fällen – wenn also Kopf und Gefühl nicht gleichermaßen berücksichtigt werden – ist es schwierig oder gar unmöglich, den eigenen Standpunkt stark zu machen.
Sollten die eigenen Emotionen zu stark für eine sachliche Rede sein, so ist ein Ausweg aus dieser emotionalen Bedrängnis das direkte Ansprechen der eigenen momentanen Gefühlslage. Gerade hier sind – die im Folgekapitel noch genauer behandelten – "Ich-Botschaften" Gold wert! So könnte die Mutter in unserem Beispiel voranstellen: Unser Beispiel-Vater könnte seiner Rede voranstellen Was auch immer wir über unsere Gefühlslage mitteilen, es sollte im engen zeitlichen Zusammenhang mit unserer rationalen Rede stehen. Wir entlasten uns so selbst, werden ruhiger und gelassener für unsere Rede. Falls die Gefühle zu sehr die Oberhand gewinnen, können wir zudem auf die Spontanentspannungstechnik, so wie wir sie im nächsten Kapitel noch genau erklären werden, zurückgreifen.
Sind wir emotional hinreichend stabil und gelassen, dann können wir unseren jeweiligen Standpunkt vertreten. Der feste Standpunkt drückt sich als Behauptung aus und wird durch entsprechende Argumente begründet. Und die Argumente sollen bewirken, dass das Gegenüber das akzeptiert, was am Ende der Rede vom ihm gefordert wird.
So könnte etwa die Mutter ihren Standpunkt wie folgt begründen und daraus eine entsprechende Forderung an ihren Partner ableiten:
Eine mögliche Rede des Vaters könnte hingegen lauten:
Die Redebeispiele zeigen, dass sich auch konträre Standpunkte in sich schlüssig begründen lassen und man daraus seine (unterschiedlichen) Forderungen oder konkreten, selbstbewussten Wünsche ableiten kann. Vorausgesetzt, der jeweilige Standpunkt wird mitsamt seinem emotionalen Hintergrund klar und deutlich.
Der eigene Standpunkt muss insbesondere an zwei Stellen des Redebeitrags deutlich werden:
- in der Behauptung, das heißt durch Aussagen über den Ist-Zustand am Anfang der Rede () und
- in der Forderung, das heißt durch Ausdruck des gewünschten Soll-Zustands am Ende der Rede ()
Die Argumente (Erstens…, Zweitens…, Drittens…), welche die Behauptung des Ist-Zustands absichern und zum Soll-Zustand führen sollen, stellen die Begründung der Behauptung dar. Argumente stärken dann eine Rede, wenn sie logisch, nachvollziehbar oder allgemein anerkannt sind.
Der Standfestigkeit der eigenen Rede können wir auch durch unsere Ausdrucksweise eine besondere Stärke verleihen. Oftmals werden Reden wirkungsmindernd zu vage oder zu unsicher formuliert. Dieserart Reden sind dann geprägt von "Hätten-täten"-Formulierungen im Konjunktiv II (der Möglichkeitsform) wie oder
Der Indikativ (die Wirklichkeitsform) hingegen drückt den Wirklichkeitsanspruch der eigenen Behauptung aus und ist dem Konjunktiv II vorzuziehen, da dieser die Behauptung in den Dunstkreis der bloßen Möglichkeit verlagert.
Wirkungsvolle Formulierungen (im Indikativ) sind zum Beispiel:
Wirkungsarme Formulierungen (im Konjunktiv II) sind zum Beispiel:
Die in diesem Kapitel vorgestellten rhetorischen Techniken und Systeme wirken dann besonders überzeugend, wenn sie von dieser Selbstakzeptanz des eigenen gedanklichen Standpunktes, des eigenen Willens und der eigenen emotionalen Verfassung getragen sind.
Und auch, wenn das Gegenüber eine andere Meinung...




