Dreher Solitaire und Brahms
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95609-041-7
Verlag: el!es-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 456 Seiten
ISBN: 978-3-95609-041-7
Verlag: el!es-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Wenn eine Frau, die Frauen liebt, keine Frau ist, wer dann?' Beruflich erfolgreich, allgemein beliebt und frisch verlobt, wehrt sich Shelby dennoch gegen das traditionelle Rollenverhalten einer gehorsamen Ehefrau, in das ihre Umwelt sie drängen will. Als sie merkt, wieviel ihre neue Nachbarin Fran ihr bedeutet, beginnt sie die Puzzleteile in ihrem Leben endlich neu zu ordnen. Sarah Dreher zeichnet in ihrem persönlichsten Roman ein einfühlsames, humorvolles und zugleich schmerzhaft realistisches Bild der sechziger Jahre, aus der Zeit vor Stonewall und Gay Pride, als eine 'richtige Frau' sich nicht gegen gesellschaftliche Erwartungen auflehnen geschweige denn in eine andere Frau verlieben durfte.
Weitere Infos & Material
Für Liz, Fayal, Jeannette, Alice und Pat – die Frauen, die mich am Leben erhalten haben
Kapitel 1
Eines hatte Shelby Camden immer schon über sich gewusst, nämlich dass es da etwas gab, das sie nicht wusste. Manchmal glaubte sie, dass sie es früher einmal gewusst, aber dann vergessen hatte. Und manchmal glaubte sie, dass sie es noch nie gewusst hatte, aber immer kurz davor stand, es zu wissen. Manchmal fühlte es sich an wie ein fremdes, furchterregendes Tier, das im Tageslicht noch größer und stärker werden würde und das darum im Dunkeln gehalten werden musste. Manchmal fühlte es sich an wie etwas Angenehmes, womöglich eine verborgene Begabung oder Fertigkeit, die ihr viel Freude machen würde. Die meiste Zeit war es ein geheimes Kästchen, das vielleicht eines Tages geöffnet werden würde – wenn sie es fertigbrächte, wenn sie sich entschlösse, wenn sie es wagte, in ihre Tasche zu fassen und den Schlüssel hervorzuholen. Aber bis dahin . . .
Sie lehnte sich auf dem selleriegrünen Kunstledersofa zurück und sah einem kleinen grauschwarzen Vogel zu, der an einer fest geschlossenen Ahornblüte pickte. Ein Goldfink, noch in seinem Winterkleid. Der Tag war genauso grau wie dieser Fink. Im März waren die Tage immer grau. Der März in New England war das spiegelverkehrte Abbild des November. Er versprach bessere Aussichten als der November, aber er dauerte doppelt so lange. Der Himmel triefte – es war kein richtiger Nebel, kein richtiger Regen, es war eine feuchtschwere, gerinnende Luft, die sich auf allem, was sie berührte, zu Wasser verdichtete. Auf der großen Fensterscheibe suchte sich ein einzelner Tropfen seinen Weg.
In der Redaktion der Zeitschrift für die Frau klopften und dröhnten die Heizkörper, doch gegen die schleichende Feuchtigkeit, die einem in die Knochen kroch, kamen sie nicht an. Shelby wandte ihre Aufmerksamkeit vom Fenster ab und blickte über den Sofatisch hinweg auf den kümmernden Gummibaum in der anderen Ecke des Vorzimmers. Sie fand Gummibäume immer schrecklich künstlich, mit ihren dunkelgrünen glänzenden Blättern und den wie die Glieder einer Schaufensterpuppe gebogenen Zweigen. Soviel sie wusste, blühten sie nie, und sie hatte noch nie einen neuen Trieb oder eine Knospe gesehen. Sie verloren niemals wirklich all ihr Laub, nur ab und zu ein erbärmliches trockenes Blatt, das aber nie abfiel, wenn man hinsah, sondern einen mit Vorliebe am Morgen in seinem ganzen toten Gummibaumblattelend begrüßte. Das geschah gerade oft genug, dass man dachte, man mache etwas falsch und müsse den Baum weniger gießen oder öfter düngen oder vielleicht schneiden. Unternahm man jedoch etwas, sah er am nächsten Tag ganz genauso aus wie am Abend vorher. Und hatte genau ein Blatt verloren.
Gummibäume waren sehr beliebt, und Shelby konnte sie nicht ausstehen.
Mein Gott, dachte sie angewidert, wie hört sich das bloß an. Sie wurde nächste Woche fünfundzwanzig. Sie hatte ihren Magisterabschluss in Publizistik, genau wie sie es immer geplant hatte, und eine eigene Wohnung in einem großen, alten, ein wenig gespenstischen Haus in einer ruhigen Allee, genau wie sie es sich immer erhofft hatte. Sie hatte Freunde, und sie arbeitete bei einer beliebten und angesehenen Zeitschrift, die nicht im Gemischtwarenladen, sondern an Zeitungsständen verkauft wurde und in den meisten Bibliotheken zu finden war, und innerhalb der nächsten sechs Monate würde sie vermutlich zur Cheflektorin befördert werden. Und hier saß sie und fühlte sich von einem Gummibaum gekränkt.
Sie schaute quer durch den Raum auf die Tür zu David Spurls Büro, wo die Privatsekretärin des Chefredakteurs wie ein aus Beton gegossener chinesischer Drache Wache hielt und auf ihrer Schreibmaschine vor sich hinklapperte. Miss Myers war ihnen allen ein Rätsel. Falls sie ein Leben außerhalb der Redaktion hatte, einen Vornamen, eine Familie, ein Haustier, irgendwelche Vorlieben, so hatte es bisher noch niemand herausgefunden. Falls sie jemals jung und übermütig gewesen war, so gab es niemanden, der dabei gewesen wäre. Sie nahm niemals auch nur einen Tag frei, und sie war nie krank. Keine Fotos von geliebten Angehörigen oder Angebeteten standen auf ihrem Schreibtisch oder klemmten in einer Ecke ihrer Schreibtischunterlage. Sie aß in der Kantine zu Mittag, aber sie saß immer allein, las in ihrem Taschenbuch, nippte ihren Tee und aß mit vornehmen Bewegungen Häppchen von grünem Salat mit Thunfisch. Niemand hatte je einen Blick auf das Taschenbuch erhascht.
Einmal hatte Shelby sie eingeladen, sich zu ihnen zu setzen, weil sie ihr leid tat. Miss Myers hatte nur kurz aufgeschaut und ein »Danke, nein« gemurmelt. Dann hatte sie den Kopf weggedreht, und Shelby war entlassen gewesen.
Miss Myers war da, wenn sie am Morgen kamen, und sie war noch immer da, wenn die Büros am Abend geschlossen wurden. Womöglich war sie hinter ihrem Schreibtisch eingepflanzt wie der Gummibaum, in den vorüberziehenden Nachtstunden in ein Koma gleitend, das graugesträhnte Haar immer graugesträhnt, stets dasselbe bescheidene, dezent geblümte Kleid, nur ein Schimmer Lippenstift, ein Hauch Puder, kein Rouge, die Hände jederzeit einsatzbereit über den Tasten der Schreibmaschine schwebend, die Finger leicht gekrümmt, die Nägel perfekt gefeilt und poliert . . .
Oder vielleicht schlich sich Spurl nach Feierabend in die Redaktion zurück, wo Miss Myers in schwarzen Spitzenhöschen und Strumpfgürtel auf ihn wartete, und sie fielen in wilder und ungezügelter Leidenschaft übereinander her, während der Gummibaum sein einsames Blatt fallen ließ.
Hinter ihrem Schreibtisch sitzend, sah Miss Myers zu ihr hoch und zeigte ihr ein kurzes Lächeln. Na ja, sie lächelte nicht wirklich. Lächeln war etwas Gewolltes. Bei Miss Myers war ein Lächeln zufällig und nicht gezielt, eine Herbstwolke, die vor dem Mond entlangglitt.
Das Lächeln geschieht bei ihr einfach, dachte Shelby.
Sie stellte fest, dass sie die Frau irgendwie beneidete. Ein Lächeln, das einfach geschah, erforderte keine Entscheidung, keine Anstrengung, weder Planung noch Absicht. Es geschah einfach, ob erwartet oder unerwartet. An manchen Tagen meinte Shelby die Energie, die ein Lächeln erforderte, nicht aufbringen zu können.
Lächeln war Pflicht in Shelbys Welt.
Die Tasten von Miss Myers’ Schreibmaschine hoben und senkten sich in perfektem Takt wie eine wohltrainierte Armee. Der Wagen bewegte sich mit gleichmäßiger Geschwindigkeit. Auf die Abstände zwischen den Anschlägen hätte man sicher einen Motor eichen können. Bisweilen hielt Miss Myers inne, um das Geschriebene zu überfliegen. Dann schnitt sie den Wörtern Grimassen, wie um zu sagen: Wehe euch, wenn ihr nicht makellos seid! Fand sie einen Fehler – Shelby hatte das einmal beobachtet und voller Entsetzen zugeschaut –, zerrte sie das Blatt aus der Schreibmaschine, riss es in Fetzen und ließ den Übeltäter in den Papierkorb fallen. Faule Kompromisse ließ Miss Myers nicht gelten, oh nein. Miss Myers war offensichtlich der Ansicht, dass Tipp-Ex und andere moderne Erfindungen, die einem das Leben erleichtern sollten, moralisch minderwertig seien und der Privilegien und Verantwortlichkeiten höherer menschlicher Wesen unwürdig. Manchmal schaute Miss Myers plötzlich hoch, und ihre Augen streiften mit einem durchdringenden, aufmerksamen Blick durch den Raum, als suchten sie Unordnung. Wenn sie keine rebellierenden toten Gegenstände fand – kein lebendiges Wesen würde es jemals wagen, gegen Miss Myers zu rebellieren –, nickte sie zufrieden und setzte ihre Arbeit fort. Niemals gerieten ihre Finger aus dem Rhythmus.
Shelbys Blick fiel wieder auf den Gummibaum. Sie schnitt ihm eine Grimasse. Schade, dass dieses Monstrum nicht das Missfallen von Miss Myers erregte. Denn dann würde es das gleiche Schicksal ereilen wie verirrte Kommas und verunglückte Großbuchstaben.
Sie waren so selbstzufrieden, diese Gummibäume. Und sie waren überall. Genauso wie die wachsverkrusteten Chiantiflaschen, die sie im College alle gehabt hatten. Mit hohem Hals, grün, rundbäuchig und in diese ach so hübschen kleinen Körbe gekleidet. Sogar sie selbst hatte nach einem Pizzaabend eine aufgehoben – »jeder macht das«, hatte ihre Mitbewohnerin mit Nachdruck gesagt –, obwohl sie ihr auf die Nerven gingen.
Manchmal, wenn sie irgend etwas ohne Grund nicht leiden konnte – eine Weile waren es Papierservietten gewesen, ein anderes Mal gefüllte Sellerie –, hatte sie am Ende Mitleid mit ihrem armen Opfer, denn es hatte sich ja eigentlich nichts zuschulden kommen lassen. Aber die Chiantiflaschen waren einfach zu penetrant beliebt gewesen. Und bei den Gummibäumen war das bisher auch noch nicht eingetreten.
Miss Myers klapperte und klingelte weiter und brachte Ordnung in Briefe, Wörter und Satzzeichen. Sie verkörperte das Leben, das Shelbys Mutter für Shelby prophezeit hatte, als sie erfahren hatte, dass Shelby nach dem College weiterstudieren wollte. In ihrer Naivität hatte Shelby gehofft, dass Libby, die doch stets nach gesellschaftlichem Aufstieg strebte, sich vom Prestige der Universität von Columbia beeindrucken lassen würde. Fehlanzeige.
Eine Zeitlang hatte Libby getobt, und im Hause Camden hatte es einige recht unangenehme, schweigsame Abendessen gegeben, aber schließlich hatte sie sich beruhigt. Beruhigt, aber keinesfalls bekehren lassen. Bekehren lassen würde sie sich wohl nie. Karriere zu machen führte in Libbys Augen ohne Umwege in die Sackgasse, was die Heiratsaussichten betraf, und die waren das einzige, was in diesem Leben zählte....




