Dotzauer Babyschlaf
3. aktualisierte Auflage 2024
ISBN: 978-3-86321-590-3
Verlag: Mabuse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fundiertes Wissen und konkrete Handlungsvorschläge aus der Beratungspraxis
E-Book, Deutsch, 209 Seiten
ISBN: 978-3-86321-590-3
Verlag: Mabuse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. med. Daniela Dotzauer ist praktizierende Ärztin, Eltern-Säuglings-/Kleinkindberaterin und seit 30 Jahren mit der Kinderheilkunde befasst. Sie arbeitete am Kinderzentrum München in der 'Münchner Sprechstunde für Schreibabys'. Dieses 'Münchner Modell' ist die Basis für ihre Beratungspraxis. Daniela Dotzauer ist zudem als Dozentin für viele Themen rund um die frühe Kindheit und auch in der Hebammenfortbildung für den Bayerischen Hebammenverband tätig.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vorwort 9
Teil 1
Grundlagen
1 Frühkindliche Regulation – Was Kind und Eltern mitbringen 13
1.1 Entwicklungsaufgaben für das Neugeborene und seine Eltern 13
1.2 Intuitive elterliche Kompetenzen 14
1.3 Eltern-Kind-Kommunikation 17
1.4 Elterliche Co-Regulation 21
1.5 Kindliche Selbstregulation 22
2 Entwicklungsaufgaben gemeinsam bewältigen 24
2.1 Die Anfangszeit: Säuglinge von null bis drei Monaten 24
2.2 Erster bio-sozialer Reifungsschub um den dritten Lebensmonat 25
2.3 Das halbe Jahr: Säuglinge von vier bis sieben Monaten 26
2.4 Zweiter bio-sozialer Reifungsschub um den neunten Monat 27
2.5 Die Einjährigen: Säuglinge von acht bis dreizehn Monaten 28
2.6 Das Wichtigste in Kürze: frühkindliche Regulation und Entwicklungsaufgaben 28
3 Frühkindliche Regulationsstörung – Exzessives Schreien 29
3.1 Definition 32
3.2 Prävalenz 32
3.3 Persistierendes Schreien 34
3.4 Diagnostik 34
3.5 Schlafauffälligkeiten exzessiv schreiender Kinder 40
3.6 Konzept der "Münchner Sprechstunde für Schreibabys" 41
3.7 Das Wichtigste in Kürze: exzessives Schreien 43
4 Konkrete Empfehlungen für die Eltern-Säuglings-Beratung bei exzessivem Schreien 44
4.1 Schlafprotokoll 45
4.2 Unterstützung für kleine Säuglinge 47
4.3 Nur satte Kinder können schlafen 50
4.4 Die Morgenstunden nutzen und jeden Tag neu beginnen 51
4.5 Der Umgang mit dem Zwischenerwachen 51
4.6 Abendliche Schreistunden umschiffen 52
4.7 Gefahr eines Schütteltraumas: Notfallplan 52
4.8 Das Wichtigste in Kürze: Empfehlungen für das beratende Umfeld 53
5 Schlaf im frühen Kindesalter 54
5.1 Schlaf-Wach-Regulation 54
5.2 Schlafarchitektur 57
5.3 Schlafbedarf 60
5.4 Wachzeiten 61
5.5 Die Bedeutung der Eltern-Kind-Interaktion 62
5.6 Warum sind Schlaflernprogramme problematisch? 65
5.7 Schlafstörungen 65
5.8 Beurteilung durch die Eltern 71
5.9 Das Wichtigste in Kürze: Schlaf im frühen Kindesalter 71
5.10 Plötzlicher Säuglingstod, SIDS 72
6 Werkzeuge für Eltern: Schlaf-Wach-Organisation unterstützen 76
6.1 Gewusst wann: Co-Regulation zurücknehmen 76
6.2 Selbst steuerbare Einschlafhilfen 78
6.3 Einschlafroutinen 80
6.4 Selbstständiges Einschlafen lehren 82
6.5 Durchschlafen unterstützen und Weiterschlafen lehren 83
6.6 Weiterschlafsprache – Aufwachen ist kein Problem 84
6.7 Was Eltern ihren Kindern zutrauen 87
Teil 2
Mein Konzept
Die alters-, entwicklungs- und
kommunikationsbezogene Beratung
Einstimmung 90
7 Der praxiserprobte Leitfaden 91
7.1 Der gute Plan 91
7.2 Sichere Bindung 94
Kleine Säuglinge
null bis drei Monate
8 Kleine Säuglinge: null bis drei Monate 98
8.1 Alterstypische Phänomene: Bedürfnisse 99
8.2 Schlafbesonderheiten: Schlafanfänger:innen mit Leichtschlafphasen 100
8.3 Altersgemäßes Schlafen und Tagesstruktur: kurze Wachzeiten 103
8.4 Einschlafhilfen Eltern 106
8.5 Einschlafroutinen: erstes Erkennen von Zusammenhängen 107
8.6 Abendroutine: zur Schlafenszeit geborgen, satt, ruhig und nicht zu müde 110
8.7 Vorgehen in der Nacht: Aufwachen ist kein Problem 114
8.8 Ernährung: Hast du Hunger oder bist du müde? 116
8.9 Altersgemäße Tagesprojekte 117
8.10 Herausforderungen der Beratung: gleiche Sprache,
unterschiedliches Verständnis, fixierte Vorstellungen 120
8.11 Das Wichtigste in Kürze: kleine Säuglinge 124
Halbjährige Kinder
vier bis sieben Monate
9 Halbjährige Kinder: vier bis sieben Monate 128
9.1 Alterstypische Phänomene: Gewohnheiten 131
9.2 Besonderheiten: häufiges nächtliches Erwachen 132
9.3 Altersgemäßes Schlafen und Tagesstruktur: drei Tagesschläfchen 135
9.4 Einschlafhilfen: selbst steuerbar? 136
9.5 Einschlafroutine: Einschlafsprache und neue Gewohnheiten 140
9.6 Abendroutine: zur Schlafenszeit geborgen, satt, ruhig und müde 144
9.7 Vorgehen in der Nacht: Aufwachen ist kein Grund zum Essen 146
9.8 Ernährung: Beikost 150
9.9 Altersgemäße Tagesprojekte und neue Entwicklungsaufgaben 151
...
3Frühkindliche Regulationsstörung – Exzessives Schreien
Wenn die gemeinsame Bewältigung der Entwicklungsaufgaben, also das Zusammenspiel von elterlicher kompensatorischer Unterstützung und kindlicher Selbstregulation nicht gelingt, führt das zu Regulationsstörungen mit ihren phasentypischen Symptomen.
| Alter | Entwicklungsaufgabe | Phasentypische Probleme |
| 0–3 Monate | Regulation der Verhaltenszustände Schlaf-Wach – ruhige Aufmerksamkeit immun. Aufgaben/Temperatur/Regulation von Nahrungsmittelaufnahme, Verdauung | Probleme mit Schlaf-Wach-Organisation, motorische Unruhe exzessives Schreien Fütterstörungen |
| 4–7 Monate | Nahrung: Zufüttern Nachtschlaf-Konsolidierung Regulation von Aufmerksamkeit, Affekt Beginn der Selbstregulation Erfahrungsintegration im Spiel/Zwiegespräch | Fütterstörungen Schlafstörungen motorische Unruhe, Dysphorie Spielunlust |
| Ab 7.–9. Monat | Eigenständige Fortbewegung personenspezifische Bindung Bindungssicherheit – Exploration Umgang mit dem Fremden Nahrungsaufnahme: Abstillen Schlaf: Reorganisation d. Nachtschlafs | Trennungsangst, Ängstlichkeit, exzessives Klammern gehemmte Exploration übermäßige Fremdangst, soz. Fütterstörungen Schlafstörungen |
Tab. 1:Phasentypische Probleme (nach Papoušek 2004, S. 102)
Das Neue an dieser Diagnose ist, dass nicht eine Person Träger dieser Störung ist, sondern dass unter dieser Diagnose das Zusammenspiel der drei beteiligten Faktoren Kind, Eltern und die Eltern-Kind-Interaktion verstanden wird.
„Es wurde damit ein neuartiger Patient geschaffen: die Eltern-Kind-Beziehung“ (Papoušek 2004).
Abb. 6:Symptomtrias (nach Mechthild Papoušek)
„Frühkindliche Regulationsstörungen sind so etwas wie extreme Varianten bei der Bewältigung alterstypischer Krisen und unterscheiden sich von normalen Entwicklungskrisen dadurch, dass sie über längere Zeit andauern und sich auf weitere Entwicklungsbereiche ausweiten können.
Die gemeinsame Bewältigung der anstehenden Entwicklungsaufgaben gelingt unter diesen Umständen nicht. Dadurch kommt es fast regelmäßig zu Beeinträchtigungen der kindlichen Selbstregulation und der Eltern-Kind-Beziehungen“ (Benz 2015).
Zu den frühkindlichen Regulationsstörungen gehören alterstypisch folgende Störungsbilder:
-exzessives Schreien
-Schlafstörungen
-Fütterstörungen
-persistierende Unruhe
-Dysphorie mit Spielunlust (Gefühl von körperlichem oder sozialem Unwohlsein)
-exzessives Klammern
-soziale Ängstlichkeit
-persistierende Trennungsängste
-exzessives Trotzen
-provokativ-oppositionelles und aggressives Verhalten
Je nach Alter stehen also verschiedene Störungsbilder im Vordergrund.
Zu Beginn des Lebens äußert sich die frühkindliche Regulationsstörung durch exzessive Schreiattacken, welche regelmäßig mit Schlafschwierigkeiten einhergehen. Auch wenn das exzessive Schreien nach dem dritten Lebensmonat häufig sistiert, bleiben die Schlafschwierigkeiten meist bestehen und können sich im weiteren Verlauf zu hartnäckigen Schlafstörungen entwickeln, welche unter Umständen lange fortbestehen. Um dem vorzubeugen, ist es wichtig, diese Zusammenhänge zu verstehen, und deshalb wird an dieser Stelle ausführlich das exzessive Schreien behandelt.
Alle gesunden Babys teilen sich mit, sie lautieren, quengeln, weinen und schreien. Dies gehört zum angeborenen natürlichen Ausdrucksverhalten eines Säuglings und beschreibt seine Befindlichkeit. Das physiologische Schreien ist ein Signal, ein biologisch sinnvoller Appell an die Umwelt. Es ist anfangs noch ungerichtet und Ausdruck der kindlichen Erregung und seiner Bedürfnisse.
Dem starken Aufforderungscharakter eines schreienden Babys kann man sich kaum entziehen. Dies ist von der Natur so vorgesehen, quasi als kindlicher Schutz gegen Vernachlässigung, und versetzt als Alarmsignal gesunde Eltern in sofortige Reaktionsbereitschaft (messbare Stressreaktion) und löst ein beruhigendes, intuitives Fürsorgeverhalten aus. „Damit gehören Schreien und Trösten zu den biologisch angelegten Grunderfahrungen der frühen Eltern-Kind-Kommunikation“ (Papoušek 2009).
Das Symptom „schreien“ ruft die Eltern auf den Plan, und in der Regel gelingt es ihnen, dank ihrer intuitiven Fähigkeiten ihr Baby wieder zu beruhigen.
„Eltern mit guten Ressourcen und Entlastungsmöglichkeiten werden auch durch das unstillbare Schreien verunsichert, können aber das Schlafdefizit kompensieren und die Überreiztheit ihres Kindes aushalten.
Bei multipel belasteten Eltern mit geringen Ressourcen hingegen kann das Schreiproblem schon früh in eine umfassende Regulationsstörung mit exzessivem und persistierendem Schreien umschlagen.
Das schreiende Baby reagiert nicht auf die Regulationshilfen der Eltern und gerät außer sich vor Erregung. Und mit ihm die alarmierten Eltern, die in ihren vergeblichen Beruhigungsversuchen immer heftiger reagieren und das Baby in einem ‚Teufelskreis wechselseitig eskalierender Erregung‘ im schlimmsten Fall anschreien oder sogar schütteln, um es irgendwie zu erreichen“ (Papoušek 2009, Barr 2006).
Immerhin: Jedes fünfte exzessiv schreiende Kind lässt sich mit normalen Beruhigungsstrategien nicht erreichen. Je länger sein Erregungszustand anhält, desto mehr entgleist das Kind.
Als exzessives Schreien im Säuglingsalter wird das Verhalten eines Säuglings bezeichnet, der an unstillbaren, dauerhaften Schrei- und Unruheattacken leidet. Die deutsche Kinder- und Jugendpsychiatrie versteht es als Leitsymptom für frühkindliche Regulationsstörungen (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2007).
Exzessives Schreien im Säuglingsalter: Leitsymptom frühkindlicher Regulationsstörungen
Es handelt sich um langanhaltendes, über das normale Maß hinausgehendes Schreiverhalten. Zur Definition wird häufig die sogenannte „Dreier-Regel“ nach Wessel (Wessel 1954) herangezogen, danach schreit ein Kind exzessiv, wenn es das mehr als drei Stunden am Tag, an mindestens drei Tagen in der Woche und über drei Wochen hinweg tut. Eine Definition, welche ausschließlich die Schreidauer beschreibt, ist höchstens für die Vergleichbarkeit bei wissenschaftlichen Studien nützlich, greift in der Praxis zu kurz.
3.1Definition
Heute hat sich die Definition des Kinderarztes Nikolaus von Hofacker und seiner Kollegen durchgesetzt (Hofacker 2007):
-Episoden von Unruhe/Quengeln mit scheinbar grundlosem, anfallsartigem Schreien
-fehlendes Ansprechen auf Beruhigungshilfen
-Beginn dieser Symptomatik meist in der zweiten Lebenswoche, mit Schreigipfel in der sechsten Lebenswoche, abfallend bis zum Ende des dritten Lebensmonats – zeitweise Persistenz bis zum sechsten Lebensmonat
-gehäuftes Auftreten in den frühen Abendstunden
-kumulative Überreizung/Übermüdung bei bestehender Unfähigkeit abzuschalten
-beeinträchtigte Schlaf-Wach-Regulation mit ausgeprägten Einschlafproblemen, kurzen Tagesschlafphasen
-und vermindertem Gesamtschlaf
Mit zunehmender Reifung des Kindes verschwindet diese Symptomatik bei 60 Prozent aller Kinder, und es bleiben keine nachhaltigen Folgen für seine weitere Entwicklung und die Beziehung der Eltern zu ihrem Baby (Wurmser 2009).
3.2Prävalenz
Von exzessivem Schreien ist jedes fünfte Kind betroffen, Studien weisen eine Spannbreite von 16 bis 29 Prozent aus (Lehtonen 1994).
Exzessives Schreien tritt in vielen Fällen gemeinsam oder...




