E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Dostojewskij Der Spieler
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402032-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Fjodor M. Dostojewskij, Werkausgabe
ISBN: 978-3-10-402032-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821-1881) war ursprünglich Leutnant in St. Petersburg. Er quittierte seinen Dienst 1844, um freier Schriftsteller zu werden. Seine Romane ?Verbrechen und Strafe?, ?Der Spieler?, ?Der Idiot?, ?Böse Geister?, ?Ein grüner Junge?, ?Die Brüder Karamasow? sowie ?Aufzeichnungen aus dem Kellerloch? liegen im S. FISCHER Verlag in der herausragenden Übersetzung von Swetlana Geier vor.
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Kapitel I
Endlich bin ich nach vierzehntägiger Abwesenheit zurück. Die Unsrigen waren schon seit drei Tagen in Roulettenburg. Ich hatte gedacht, sie warteten Gott weiß wie ungeduldig auf mich, aber das war ein Irrtum. Der General gab sich außerordentlich souverän, behandelte mich höchst herablassend und schickte mich zu seiner Schwester. Es war klar, daß sie irgendwo Geld aufgetrieben hatten. Es schien mir sogar, daß der General bei meinem Anblick ein wenig verlegen wurde. Marja Filippowna war außerordentlich beschäftigt und begrüßte mich nur flüchtig; das Geld allerdings nahm sie in Empfang, zählte nach und hörte meinen ausführlichen Rechenschaftsbericht an. Zu Tisch wurde Mesenzow erwartet, der Franzose und ein Engländer; wie üblich, kaum ist Geld da, sofort ein Gastmahl nach Moskauer Art. Polina Alexandrowna sah mich, fragte, wo ich so lange geblieben sei, und ging weiter, ohne die Antwort abzuwarten. Es war wohlbedacht, das versteht sich. Wir sollten uns wirklich aussprechen. Es ist manches zusammengekommen.
Man wies mir ein kleines Zimmer im vierten Stock des Hotels an. Hier weiß man, daß ich zum Gefolge des Generals gehöre. Man merkt an allem, daß sie es erst vor kurzem fertiggebracht haben, sich ins rechte Licht zu setzen. Der General wird hier von allen für einen steinreichen russischen Magnaten gehalten. Noch vor Tisch hat er mir aufgetragen, zwei Tausend-Francs-Noten wechseln zu lassen. Ich tat das an der Rezeption. Jetzt werden wir als Millionäre angesehen, wenigstens eine ganze Woche lang. Ich wollte Mischa und Nadja holen und mit ihnen spazierengehen, aber schon auf der Treppe wurde ich zum General beordert; er hatte es für nötig befunden, zu erfahren, wohin ich mich mit ihnen bewegen möchte. Dieser Mann kann mir einfach nicht offen in die Augen sehen; er hätte es wohl sehr gerne getan, aber ich entgegne ihm jedes Mal mit einem derart aufmerksamen, das heißt respektlosen Blick, daß er verlegen zu werden scheint. In hochtrabender Rede, eine Phrase auf die andere türmend, bis er den Faden völlig verloren hatte, gab er mir zu verstehen, daß ich mich mit den Kindern irgendwo, möglichst weit vom Kurhaus, im Park, aufhalten möge. Schließlich wurde er richtig heftig und bemerkte schroff: »Sonst wären Sie imstande, die Kinder ins Kurhaus, an das Roulette zu führen. Sie müssen mich schon entschuldigen«, fügte er hinzu, »aber ich weiß, daß Sie noch ziemlich leichtsinnig und möglicherweise fähig sind zu spielen. Ich bin zwar nicht Ihr Mentor und wünsche diese Rolle keineswegs auf mich zu nehmen, habe aber immerhin das Recht zu wünschen, daß Sie mich nicht kompromittieren …«
»Aber ich habe ja kein Geld«, antwortete ich gelassen; »um etwas zu verspielen, muß man es vorher haben …«
»Sie werden es unverzüglich bekommen«, antwortete der General leicht errötend, öffnete den Sekretär, schlug ein Notizbuch auf und stellte fest, daß ich rund einhundertzwanzig Rubel von ihm zu erhalten hatte.
»Aber wie wollen wir das verrechnen?« begann er. »Es muß in Taler umgerechnet werden. Hier, nehmen Sie erst einmal einhundert Taler, eine runde Summe – der Rest geht Ihnen natürlich nicht verloren.«
Ich nahm das Geld schweigend entgegen.
»Nehmen Sie mir meine Worte bitte nicht übel, Sie sind so empfindlich … mit meiner Bemerkung wollte ich Sie, sozusagen, nur warnen, und dazu, glaube ich, habe ich ein gewisses Recht …«
Als ich gegen Mittag mit den Kindern zurückkam, begegnete uns eine ganze Kavalkade. Die Unsrigen waren ausgeritten, um irgendwelche Ruinen zu besichtigen. Zwei hervorragende Kutschen, herrliche Pferde! Mademoiselle Blanche in einer Kutsche mit Marja Filippowna und Polina; der Franzose, der Engländer und unser General hoch zu Roß. Die Fußgänger blieben stehen und staunten; der Effekt war erreicht; aber mit dem General würde es ein böses Ende nehmen. Ich hatte überschlagen, daß sie mit den viertausend Francs, die ich gebracht hatte, plus der Summe, die sie offenbar inzwischen aufgetrieben hatten, sieben- oder achttausend Francs besitzen konnten; zu wenig für Mademoiselle Blanche.
Mademoiselle Blanche logiert ebenfalls in unserem Hotel, mit ihrer Mutter; ebenso unser Franzose. Die Lakaien sprechen ihn »Monsieur le comte« an, die Mutter von Mademoiselle Blanche läßt sich »Madame la comtesse« nennen, was soll’s, vielleicht sind sie wirklich Comte und Comtesse.
Ich habe es ja im voraus gewußt, daß Monsieur le comte mich bei Tisch nicht wiedererkennen würde. Der General dachte nicht einmal daran, uns bekannt zu machen oder mich wenigstens vorzustellen, und Monsieur le comte war selbst durch Rußland gereist und wußte, daß jemand, den sie einen nennen, kein rarer Vogel ist. Übrigens kennt er mich sehr wohl. Aber ich muß gestehen, daß ich ungebeten bei Tisch erschienen war; offenbar hatte der General vergessen, seine Anordnungen zu treffen, denn andernfalls hätte er mich an die Table d’hôte geschickt. Ich erschien aus eigenem Antrieb, so daß der General mir einen mißbilligenden Blick zuwarf. Die gute Marja Filippowna wies mir sofort einen Platz an; aber die Begegnung mit Mister Astley rettete mich, meine Zugehörigkeit zu ihrer Gesellschaft war nolens volens legitimiert.
Diesen wunderlichen Engländer hatte ich schon in Preußen kennengelernt, in einem Eisenbahnabteil, wo wir einander gegenübersaßen, als ich den Unsrigen nachreiste; dann traf ich auf ihn bei meiner Einreise nach Frankreich und schließlich in der Schweiz; im Laufe dieser beiden Wochen zweimal – und nun trafen wir einander in Roulettenburg. In meinem ganzen Leben bin ich noch nie einem schüchterneren Menschen begegnet; er ist bis zur Torheit schüchtern und weiß es selbst, denn er ist keinesfalls töricht. Übrigens, ein sehr liebenswerter, stiller Mensch. Ich hatte ihn schon bei unserer ersten Begegnung in Preußen zum Reden gebracht. Er ließ mich wissen, daß er im vergangenen Sommer am Nordkap gewesen sei und die größte Lust habe, den Jahrmarkt in Nischnij Nowgorod zu besuchen. Ich weiß nicht, unter welchen Umständen er den General kennengelernt hat, aber mir scheint, daß er unsterblich in Polina verliebt ist. Als sie den Raum betrat, wurde er feuerrot. Er freute sich sehr, daß ich mich zu ihm gesetzt hatte, und hält mich, scheint es, schon für einen engen Freund.
Bei Tisch führte der Franzose das große Wort; er gab sich arrogant und lässig. In Moskau aber, ich erinnere mich, ließ er eine Seifenblase nach der anderen steigen. Da hatte er sich sehr ausgiebig über Finanzen und russische Politik verbreitet. Der General erkühnte sich hin und wieder zu einem Widerspruch, aber sehr bescheiden, höchstens so weit, um nicht seine Würde endgültig einzubüßen.
Ich war in einer wunderlichen Stimmung; selbstverständlich hatte ich während der ersten Hälfte des Essens gerätselt, mir meine übliche und immerwährende Frage gestellt: “Warum gebe ich mich mit diesem General ab und bin ihnen allen nicht bereits längst davongelaufen?” Hin und wieder warf ich einen Blick auf Polina Alexandrowna; sie nahm von mir nicht die geringste Notiz. Es endete damit, daß ich, erbost, mich entschloß, dreist zu werden.
Mir nichts, dir nichts, mischte ich mich laut und unaufgefordert in die allgemeine Unterhaltung ein. Ich hatte es vor allem auf den kleinen Franzosen abgesehen. Ich wandte mich an den General – und bemerkte plötzlich laut und deutlich, wobei ich ihm anscheinend ins Wort fiel, daß es für einen Russen in diesem Sommer nahezu unmöglich geworden sei, an einer Table d’hôte zu speisen. Der General richtete einen erstaunten Blick auf mich.
»Ein Ehrenmann«, fuhr ich unaufhaltsam fort, »setzt sich in jedem Fall Schmähungen aus und wird etliche Nasenstüber in Kauf nehmen müssen. In Paris und am Rhein, sogar in der Schweiz, wimmelt es von kleinen Polen und mit ihnen sympathisierendem Franzosenvolk, es ist unmöglich, sich auch nur einmal zu äußern, wenn man Russe ist.«
Ich hatte Französisch gesprochen. Der General sah mich verdutzt an, sichtlich im Zweifel, ob er in Zorn geraten oder sich nur wundern sollte, daß ich mich derart vergessen konnte.
»Das bedeutet, daß irgend jemand Ihnen irgendwo eine gehörige Lektion erteilt hat«, ließ der Franzose nachlässig verlauten.
»Ich bin in Paris zuerst an einen Polen geraten«, antwortete ich, »und darauf an einen französischen Offizier, der zu dem Polen hielt, und dann erst wechselten die übrigen Franzosen auf meine Seite, und zwar als ich erzählte, daß ich einem Monsignore in den Kaffee spucken wollte.«
»Spucken?« fragte der General gravitätisch und blickte sogar erstaunt um sich. Der Franzose musterte mich argwöhnisch.
»Jawohl, so war es«, antwortete ich. »Da ich ganze zwei Tage überzeugt war, daß ich möglicherweise in unserer Angelegenheit ganz kurz nach Rom würde fahren müssen, begab ich mich in die Kanzlei des Heiligen Vaters in Paris, um mir das Visum in den Paß stempeln zu lassen. Dort empfing mich ein Abbé von ungefähr fünfzig Jahren, dürr und mit eisiger Miene, der mir höflich zuhörte, aber außerordentlich trocken bat, mich zu gedulden. Ich war zwar in Eile, nahm aber Platz, um zu warten, zog die ›Opinion Nationale‹ hervor und stieß sogleich auf einen gräßlichen Artikel gegen Rußland. Dabei hörte ich, wie durch das Nachbarzimmer jemand zum Monsignore vorgelassen wurde; ich sah meinen Abbé sich eifrig verbeugen. Ich wandte mich abermals mit meiner Bitte an ihn; er bat, noch trockener, mich zu gedulden. Kurz darauf erschien ein weiterer Unbekannter, aber geschäftlich – ein Österreicher; dieser...




