E-Book, Deutsch, 168 Seiten
Dostojewski Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7565-2490-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erster und Zweiter Teil
E-Book, Deutsch, 168 Seiten
ISBN: 978-3-7565-2490-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fjodor Michailowitsch Dostojewski war ein russischer Schriftsteller, Kurzgeschichtenschreiber, Essayist und Journalist. Dostojewskis literarische Werke erforschen den menschlichen Zustand in der unruhigen politischen, sozialen und spirituellen Atmosphäre des Russlands des 19. Jahrhunderts und beschäftigen sich mit einer Vielzahl philosophischer und religiöser Themen. Zu seinen bekanntesten Romanen gehören 'Schuld und Sühne' (1866), 'Der Idiot' (1869), 'Dämonen' (1872) und 'Die Brüder Karamasow' (1880). Seine 1864 erschienene Novelle 'Aufzeichnungen aus dem Kellerloch' oder 'Aufzeichnungen aus dem Untergrund' gilt als eines der ersten Werke der existenzialistischen Literatur.
Weitere Infos & Material
VII
Doch das sind alles nur goldene Träume. Oh, sagen Sie bitte, wer hat als erster verkündigt, wer zuerst bekanntgemacht, dass der Mensch nur deswegen Gemeinheiten begeht, weil er seine Interessen nicht kennt; und dass, wenn man ihn aufklären und ihm die Augen für seine wahren Interessen öffnen würden, der Mensch sofort aufhören würde, Gemeinheiten zu begehen; er würde gut und edel werden, denn einmal aufgeklärt, würde er seinen wahren Vorteil erfassen und müsste diesen Vorteil im Guten erkennen, denn bekanntermaßen kann ja niemand vorsätzlich gegen seinen eigenen Vorteil handeln. Folglich würde der aufgeklärte Mensch gewissermaßen notwendigerweise Gutes tun. Oh Unschuld! Oh, heilige Unschuld! Wann ist es denn im Laufe all dieser verflossenen Jahrtausende schon vorgekommen, dass der Mensch einzig und allein um des eigenen Vorteils willen gehandelt hätte? Wohin mit den Millionen von Tatsachen, die da deutlich bezeugen, dass Menschen vorsätzlich, das heißt bei voller Einsicht in das eigentlich Vorteilhafte, dies dennoch bewusst ignorierten und einen anderen Weg einschlugen, das Wagnis, auf das Geratewohl, von niemandem und durch nichts dazu gezwungen, allein aus Auflehnung gegen den vorgezeichneten Weg und sich hartnäckig und eigenwillig einen anderen, mühseligeren Weg bahnten, einen absurden, zuweilen im Stockfinstern herumtappend. Das bedeutet doch, dass ihnen diese Hartnäckigkeit und dieser Eigenwille bei weitem lieber waren als jeder Vorteil... Vorteil! Welcher Vorteil? Könnten Sie sich etwa anmaßen, immer ganz genau zu wissen, worin eigentlich der menschliche Vorteil besteht, wenn es doch häufig vorkommt, dass der menschliche Vorteil nicht nur darin bestehen kann, sondern sogar darin bestehen muss, sich das Schlechte und nicht das Vorteilhafte zu wünschen? Sollte das aber so sein, wird einmal die Möglichkeit eines solchen Falles zugegeben, so ist die ganze Regel über den Haufen geworfen. Und was meinen Sie? Kann es einen solchen Fall geben oder nicht? Sie lachen; lachen Sie nur, meine Herrschaften, aber antworten Sie auch: Sind denn die menschlichen Vorteile in völlig zuverlässiger Weise klassifiziert? Gibt es nicht auch solche, die nicht nur in keiner Kategorie untergebracht sind, sondern die sich überhaupt nicht klassifizieren lassen? Haben Sie doch, meine Herrschaften, soviel ich weiß, Ihr ganzes Register der menschlichen Vorteile dem statistischen Durchschnitt und den nationalökonomischen Formeln entnommen. Ihre Vorteile sind doch – Wohlergehen, Reichtum, Freiheit, Bequemlichkeit usw. usw., so dass ein Mensch beispielsweise, der sich unmissverständlich und vorsätzlich gegen dieses Register auflehnt, nach Ihrer Meinung und, nun ja, selbstverständlich auch nach meiner, entweder ein Fortschrittsfeindlicher oder ein völlig Verrückter sein müsste, nicht wahr? Aber bei alledem ist doch eines verwunderlich: Wie kommt es, dass all diese Statistiker, Weisen und Menschenfreunde beim Errechnen der menschlichen Vorteile fortwährend einen ganz bestimmten Vorteil übersehen? Mit ihm wird gar nicht gerechnet, jedenfalls nicht so, wie mit ihm gerechnet werden müsste; davon aber hängt die ganze Rechnung ab. Es wäre weiter kein besonderer Aufwand, man hätte diesen Vorteil wahrnehmen und einfach auf die Liste setzen können. Das Unglück liegt aber darin, dass dieser eigenartige Vorteil sich überhaupt nicht klassifizieren und in keine Liste aufnehmen lässt. So habe ich zum Beispiel einen Freund... aber meine Herrschaften, er ist ja bestimmt auch Ihr Freund; und überhaupt, wessen Freund ist er denn nicht? Angesichts einer Aufgabe wird dieser Herr Ihnen sofort beredt und deutlich auseinandersetzen, wie er gemäß den Gesetzen der Vernunft und der Wahrheit handeln muss. Nicht genug, er wird mit Feuer und Leidenschaft über die wahren, normalen menschlichen Interessen deklamieren; er wird spöttisch die kurzsichtigen Dummköpfe zurechtweisen, die weder ihre eigenen Vorteile noch die wahre Bedeutung der Tugend erkennen und schon in der nächsten Viertelstunde, ohne jeden äußeren Anlass, aber aus irgendeinem inneren, der sich stärker als all seine Interessen erweist, wird er einen Haken schlagen, das heißt, er wird offen gegen alles vorgehen, was er selbst behauptet hat: Gegen die Gesetze der Vernunft, gegen den eigenen Vorteil, also, mit einem Wort, gegen alles. Ich möchte vorausschicken, dass mein Freund eine Kollektivperson ist und dass es darum nicht gut möglich ist, ihn allein zu beschuldigen. Das ist es ja gerade, meine Herrschaften, gibt es denn nicht wirklich etwas, das fast jedem Menschen teurer ist als seine besten Vorteile? Man könnte wohl sagen (um nicht gegen die Logik zu verstoßen), es gibt da solch einen vorteilhaftesten Vorteil (eben den, den wir vorhin erwähnten), einen Vorteil, wichtiger und vorteilhafter als alle anderen Vorteile, um dessentwillen der Mensch bereit ist, wenn es darauf ankommt, sämtliche Gesetze umzustoßen, das heißt, wider die Vernunft, die Ehre, die Ruhe und das Wohlergehen zu handeln – kurz, gegen all diese ausgezeichneten und nützlichen Werte, allein um diesen ureigenen, vorteilhaftesten Vorteil, der ihm am wertvollsten ist, zu erlangen.
„Aber es geht ja doch wieder um Vorteile!“ wenden Sie ein.
Erlauben Sie, meine Herrschaften, wir werden uns noch verständigen, mir geht es nicht um ein Wortspiel, sondern darum, dass dieser Vorteil gerade deswegen bemerkenswert ist, weil er unsere ganzen Klassifikationen zerstört und auch alle Systeme immer wieder sprengt, die von den Menschenfreunden zum Wohl des Menschengeschlechts aufgestellt wurden. Kurz, er ist ein Hindernis. Aber bevor ich Ihnen diesen Vorteil nennen werde, möchte ich mich persönlich kompromittieren und verkünde darum dreist, dass all diese ausgezeichneten Systeme, diese ganzen Theorien zur Aufklärung der Menschheit über ihre eigentlichen, normalen Interessen, damit sie, zwangsläufig diesen Interessen nachgehend, sofort gut und edel werde – zunächst, meiner Meinung nach, nichts als logische Überlegungen sind. Jawohl, logische Überlegungen, um eine Theorie der Wiedererneuerung des Menschengeschlechts zu vertreten, zum Beispiel durch das System der eigenen Vorteile, das ist meines Erachtens praktisch dasselbe wie einfach zu behaupten, der Mensch werde durch die Zivilisation sanfter, folglich weniger blutrünstig und weniger kriegslustig. Er kommt zu dieser Schlussfolgerung, glaube ich, gemäß der Logik. Der Mensch hat aber so eine Vorliebe für Systeme und abstrakte Schlussfolgerungen, dass er bereit ist, die Wahrheit willentlich zu entstellen, sich Augen und Ohren zuzuhalten, nur um seine Logik zu rechtfertigen. Deswegen greife ich auch zu diesem Beispiel, weil es ein viel zu krasses Beispiel ist. Aber sehen Sie sich um: Blut fließt in Strömen, dazu noch auf die fidelste Art und Weise wie Champagner. Da haben Sie unser neunzehntes Jahrhundert, in dem auch Buckle zu Hause ist. Da haben Sie Napoleon, sowohl den Großen als auch den jetzigen. Da haben Sie Nordamerika, die ewige Union. Da haben Sie schließlich die Karikatur Schleswig-Holstein... Und was hat die Zivilisation in uns besänftigt? Die Zivilisation bringt im Menschen nur Differenziertheit der Empfindungen hervor und nichts weiter. Aber gerade durch die Pflege dieser Differenziertheit wird der Mensch womöglich noch so weit gehen, dass er auch im Blutvergießen einen Genuss finden wird. So etwas ist schon vorgekommen. Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass die Menschen, die am meisten Blut vergossen haben, fast ausnahmslos höchst zivilisierte Herrschaften waren, denen all diese Attilas und Stenka Rasins nicht das Wasser reichen konnten? Und wenn sie nicht so auffallen wie Attila und Stenka Rasin, so kommt das nur daher, da sie allzu häufig vorkommen, allzu gewöhnlich sind – allzu vertraut. Jedenfalls wurde der Mensch durch die Zivilisation, wenn nicht noch blutrünstiger, so doch gewiss blutrünstig auf üblere, gemeinere Art und Weise. Früher hielt er das Blutvergießen für Gerechtigkeit und vernichtete mit ruhigem Gewissen, wen er zu vernichten hatte; jetzt aber halten wir das Blutvergießen zwar für eine Gemeinheit, können aber von dieser Gemeinheit nicht lassen und treiben es ärger denn je. Was ist schlimmer? Entscheiden Sie selbst. Man erzählt, Kleopatra (ich bitte das Beispiel aus der römischen Geschichte zu entschuldigen) habe besonders gern mit goldenen Nadeln in die Brüste ihrer Sklavinnen gestochen und sich an ihren Schreien und Krämpfen ergötzt. Sie werden einwenden, dies sei in einem relativ barbarischen Zeitalter geschehen. Aber auch jetzt noch leben wir in einem barbarischen Zeitalter, denn (wiederum relativ betrachtet) auch in der Gegenwart sticht man noch mit Nadeln, und dass obwohl der Mensch mittlerweile zu weit mehr Erkenntnis fähig ist als in den barbarischen Zeiten, aber noch immer nicht daran gewöhnt ist, so zu handeln, wie es ihm die Vernunft und Wissenschaft gebieten. Immerhin sind Sie vollkommen davon überzeugt, dass er sich unbedingt daran gewöhnen werde, sobald sich gewisse alte dumme Angewohnheiten verlieren und gesunder Verstand nebst Wissenschaft die menschliche Natur vollständig umerzogen und normal ausgerichtet haben würden. Sie sind überzeugt davon, der Mensch werde dann ganz von selbst gutwillig seine Fehler unterlassen und zwischen dem eigenen Willen und seinen normalen Interessen sozusagen nicht mehr unterscheiden. Noch mehr: Dann, werden Sie sagen, wird die Wissenschaft selbst dem Menschen beibringen (wenn das auch meiner Meinung nach schon ein Luxus ist,), dass er in Wirklichkeit weder Wille noch Laune besitzt, ja nie besessen hat, und dass er selbst nichts anderes ist als eine Art Klaviertaste oder Drehorgelstift. Darüber hinaus ist die Welt von Naturgesetzen bestimmt; so dass alles, was er auch tun mag, durchaus nicht nach seinem Wunsch und Willen, sondern ganz von allein...




