E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Dohner Animalische Leidenschaft 1
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95762-066-8
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fury
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-95762-066-8
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Laurann Dohner ist New York Times-Bestsellerautorin und schreibt vor allem deshalb gerne Bücher, weil sie darin neue Welten und Geschichten mit einem Happy End entwerfen kann.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
»Verdammt«, murmelte Ellie leise vor sich hin und betrachtete den Mann, der im Nebenraum an die Wand gekettet war. Jedes Mal, wenn sie in den Beobachtungsraum schlich, deprimierte dieser Anblick sie schrecklich, aber sie konnte einfach nicht anders.
Sie wusste, dass er sie durch den Einwegspiegel nicht sehen konnte, und trotzdem schien er sie anzuschauen. Ihr Blick glitt über seine nackte Brust und die angespannten Muskeln in seinem wohlgeformten Körper. Die großen Muskelpakete seiner Bizepse arbeiteten, als er an den Ketten riss, und auf seinem Gesicht zeichnete sich Wut ab.
Sie fühlte so mit ihm, dass es regelrecht wehtat. Obwohl man ihm Freiheit und Würde genommen hatte, kämpfte er voller Entschlossenheit. Er musste wissen, dass es vergeblich war, wenn er sich wehrte, und dennoch tat er es. Sie hob die Hand und berührte den hölzernen Rahmen um den Spiegel. Wie gern hätte sie ihm gezeigt, dass es jemanden gab, der sich um ihn sorgte. Vielleicht hätte ihn das beruhigt. Am liebsten hätte sie ihn aus seiner Gefangenschaft befreit. Es war die Hölle – und er hatte die Freiheit verdient.
Als sie in der Ecke seiner Zelle eine Bewegung wahrnahm, wandte sie den Blick ab von dem Mann, an den sie Tag und Nacht dachte. Ihr Herz begann vor Furcht schneller zu schlagen, als ein Techniker eintrat. Jacob Alter war vermutlich eines der hartherzigsten, gefühllosesten Monster, die je für Mercile Industries gearbeitet hatten. Dieses Arschloch genoss es, die »Versuchsobjekte« zu quälen und ihnen Schmerzen zuzufügen. Und auf ihn hatte er es mit seinen Grausamkeiten ganz besonders abgesehen. Vor einem Monat hatte der angekettete Mann Jacob mit einem Schlag seines Ellenbogens die Nase gebrochen. Ellie wusste, dass Jacob es mehr als verdient hatte. Auf seinem Gesicht war noch immer der Schatten eines blauen Flecks zu sehen, als er sein Opfer nun böse angrinste. Er wollte weitere schmerzhafte Tests mit ihm durchführen.
»Hallo, 416.« Jacob kicherte, es war ein unangenehmes Geräusch. »Wie ich höre, hast du dich bei Dr. Trent sehr unbeliebt gemacht. Du weißt doch, was das bedeutet, oder?« Mit einem Knall stellte er einen braunen Koffer von der Größe einer Bowlingtasche auf den Untersuchungstisch in der Ecke. »Das bedeutet, ich kann etwas mit dir machen, was ich schon sehr lange tun möchte. Heute wirst du leiden.« Er warf einen Blick zur Überwachungskamera in der Ecke und fuhr sich mit einer beredten Geste über die Kehle.
»Verdammt, verdammt, verdammt«, wiederholte Ellie leise, während Panik in ihr aufstieg. Sie hatte gehört, dass die Insassen hier gefoltert wurden, wenn sie einen der Ärzte richtig verärgert hatten. Jacob wollte offensichtlich nicht, dass das, was er 416 Fürchterliches antun wollte, aufgezeichnet wurde. Es musste wirklich schlimm sein.
Jacob hielt den Kopf schief und starrte weiter auf die Kamera in der Ecke hinauf, dann grinste er und wandte sich an 416.
»Die Kamera ist jetzt aus. Von nun an wird nichts von dem mehr aufgezeichnet, was hier passiert. Dr. Trent weiß noch nicht, dass du einen schrecklichen Unfall haben wirst, Freak. Du hättest dich besser nicht mit mir angelegt. Ich habe dich gewarnt, dass ich dich fertigmache.« Er griff nach seiner Tasche. »Niemand bricht mir die Nase und überlebt das. Es war nur eine Frage der Zeit. Jetzt bekommst du deine Strafe, ich habe nur auf den richtigen Moment gewartet.« Er holte eine Spritze hervor. »Du wirst sterben, du Mistkerl!«
Das darf doch nicht wahr sein!, dachte Ellie. Sie hatte sich nicht die letzten beiden Monate tagtäglich durch diesen Albtraum gekämpft, zu dem ihr Leben geworden war, nur um 416 jetzt zu verlieren. Sie war in ständiger Angst gewesen, dass man sie als Spionin enttarnen könnte, aber der ungebrochene Widerstand von 416, den sie miterlebte, hatte ihr jeden Tag die Kraft gegeben, weiter durchzuhalten. Für 416 hatte sie gefährliche Risiken in Kauf genommen. Nur so hatte sie genügend Beweise sammeln können, um ihm und den anderen Gefangenen bald die Freiheit zu bringen.
Sie erwartete beinahe, dass der Sicherheitsdienst sie jeden Augenblick festnahm. In ihrer Verzweiflung, aussagekräftige Beweise für das zu sammeln, was sich in dieser Forschungseinrichtung abspielte, hatte sie vor einer halben Stunde eine völlig irrwitzige Aktion gestartet: Sie hatte einer Ärztin den Hausausweis gestohlen, sich in das Büro der Frau geschlichen und Daten von ihrem Computer heruntergeladen. Wenn die Sicherheitsleute sich die Überwachungsbänder anschauten, würde man sie auf jeden Fall erwischen. Sie würde auf der Stelle festgenommen werden, und es würde ihr ein genauso schlimmes Schicksal bevorstehen wie 416. Noch ehe dieser Tag sich dem Ende zuneigte, würden sie alle beide tot sein.
Ellie hatte zwei Möglichkeiten: Entweder würde sie bei dem Versuch, 416 zu retten, etwas unglaublich Dummes tun, oder sie würde die Anweisungen ihres eigentlichen Chefs befolgen, denen zufolge sie sich auf keinen Fall einmischen durfte. Sie hatte jetzt endlich genug belastendes Material beisammen, wahrscheinlich würde es reichen, um die Zwangsprobanden befreien zu können. Diese Beweise würde sie am Ende ihrer Schicht herausschmuggeln können, wenn sie sich jetzt unauffällig verhielt, den Mund nicht aufmachte und niemandem weiter auffiel. Aber das würde bedeuten, nicht einzuschreiten, während Jacob in Ruhe den Mann ermordete, der an die Wand gekettet war.
Ihr Blick richtete sich fest auf 416. Von allen Gefangenen wünschte sie ihm die Freiheit am meisten. Er hatte sie nächtelang wach gehalten, seit sie in den Bereich der illegalen Medikamentenforschung bei Mercile Industries versetzt worden war. Ehe sie abends einschlief, sah sie 416 vor sich, und manchmal spielte er sogar in ihren Träumen eine wichtige Rolle. Ihre Entscheidung fiel schnell. Es wäre unverantwortlich, wenn sie zuschaute, es würde ihr das Herz brechen. Sie würde nicht damit leben können, wenn sie nicht wenigstens versuchte, ihn zu retten.
»Diesmal kannst du nichts gegen mich unternehmen. Du wirst gleich völlig hilflos sein. Doch du kannst sicher sein, dass du sehr bald sterben wirst.« Jacobs Stimme wurde rau. »Aber erst nachdem du ordentlich gelitten hast, du Tier!«
Ellie drehte sich um und stürmte aus dem Beobachtungsraum. Sie hatte zwar keinerlei Plan, aber sie war wild entschlossen, 416 zu retten. Auf dem Flur zwang sie sich, langsamer zu werden, denn sie wusste genau, dass sich auch hier Überwachungskameras befanden. Sie ging in den Materialraum und griff sich ein Test-Set, denn es würde Verdacht hervorrufen, wenn sie ohne vernünftigen Grund in der Zelle auftauchte. Sie riss den mittelgroßen Plastikkoffer, der etwa so groß war wie ein Angelkasten, aus dem Schrank und versuchte, möglichst wenig hektisch zu erscheinen, als sie wieder auf den Flur trat. Doch sie wusste, dass sie schnell zur Zelle von 416 musste, sonst hätte Jacob genug Zeit, um irgendetwas Entsetzliches mit ihm anzustellen.
»Ellie!«
Sie erstarrte mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen und drehte sich langsam um. Dr. Brennor, ein großer rothaariger Mann, trat aus einem Zimmer, ein Krankenblatt in der Hand. »Ja bitte?«
»Haben Sie bei 321 einen Rachenabstrich gemacht?«
»Ja, hab ich.« Sie blieb ruhig stehen, obwohl sie sich um liebsten umgedreht hätte und davongerannt wäre.
»Gut. Haben Sie ihn schon ins Labor gebracht?«
»Natürlich.«
Er rieb sich den Nacken. »Ein ganz schön anstrengender Tag, was? Wünschen Sie sich nicht auch, es wäre endlich Wochenende? Also ich schon.«
Halt die Klappe, befahl sie ihm im Stillen, damit ich endlich weiterkann. Sie zuckte die Schultern. »Mir gefällt die Arbeit. Übrigens – ich muss jetzt eine Blutprobe nehmen, eine eilige Sache.«
»Ja, natürlich.« Er schaute sie von oben bis unten an. »Möchten Sie vielleicht morgen Abend mit mir essen gehen?«
Sekundenbruchteile war sie völlig baff, dass er sie um ein Date bat. »Ich habe einen Freund«, log sie dann ganz locker. Bei der Vorstellung, mit irgendjemandem auszugehen, der für Mercile arbeitete, wurde ihr übel. »Aber vielen Dank, dass Sie mich gefragt haben.«
Er verzog den Mund, und das freundliche Leuchten in seinen grünen Augen erlosch. »Aha – tja, wenn das so ist … Dann machen Sie mal weiter. Ich muss noch ein paar Berichte aktualisieren.« Er drehte sich um und ging in die entgegengesetzte Richtung davon. »Viel zu viel von diesem verdammten Papierkram«, knurrte er, ehe er um die Ecke verschwand.
Die Kameras sind immer noch da und beobachten mich, rief sich Ellie ins Gedächtnis und widerstand dem Drang, über den Flur zu rennen. Stattdessen ging sie so lässig auf die Zelle von 416 zu, als hätte sie keinerlei Sorgen auf dieser Welt. Zumindest hoffte sie, dass es so aussah.
Lieber Gott, betete sie im Stillen, lass mich noch rechtzeitig kommen! Ihre Finger zitterten, als sie den Code für das Schloss eingab. Die Tür piepste, als es die Zahlenfolge akzeptierte, und die Stahlstäbe glitten mit einem charakteristischen Geräusch zur Seite. Ellie konnte die Tür öffnen und trat rasch in die Zelle.
Sie rang sich ein Lächeln ab. »Ich muss eine Blutprobe nehmen.«
Die Tür schloss sich automatisch hinter ihr, die Stäbe glitten wieder an ihren Platz und schlossen Ellie in der Zelle ein, und ein kurzes, scharfes Summen bekräftigte diesen Vorgang akustisch. Ellie warf einen Blick auf das Bild, das sich ihr bot, und schnappte entsetzt nach Luft.
416 war mit den Händen nicht mehr an die Wand gekettet, sondern lag...




