E-Book, Deutsch, Band 2, 728 Seiten
Reihe: Valkyrie
Dörge / E. Howard / Phillips Lovecraft VALKYRIE II
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7487-0138-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Internationale Fantasy-Storys, hrsg. von Christian Dörge
E-Book, Deutsch, Band 2, 728 Seiten
Reihe: Valkyrie
ISBN: 978-3-7487-0138-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
30 Erzählungen internationaler Spitzen-Autoren und -Autorinnen, vereint in einer Fantasy-Anthologie der Extra-Klasse (zusammengestellt und herausgegeben von Christian Dörge): u. a. von Michael Moorcock, Robert E. Howard, Lin Carter, Roger Zelazny, Ramsey Campbell, L. Sprague de Camp, Jack Dann, Michael Bishop, Nancy Springer, H. P. Lovecraft, Evangeline Walton.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Michael Moorcock: DIE LÄNDER JENSEITS DER WELT
(The Lands Beyond The World)
1. Seine weiße Hand mit den langen feinen Fingern ruhte auf einem aus schwarzbraunen Hartholz geschnitzten Dämonenschädel (einem der wenigen größeren Zierwerke des Schiffes). Der hochgewachsene Mann stand allein auf der Back und spähte mit schrägen blutroten Augen in den Nebel, durch den sie mit einer Geschwindigkeit und Sicherheit fuhren, die jeder sterbliche Seemann als unmöglich erachtet hätte. Laute klangen aus der Ferne, Laute, die in dieser namenlosen, zeitlosen See ungewohnt waren. Aus Schmerz und Qual waren sie geboren, das konnte selbst diese Entfernung nicht vertuschen. Und es schien, als zögen sie das Schiff an, denn sie wurden allmählich lauter. Ja, Schmerz und Verzweiflung schrien aus ihnen, aber Grauen war vorherrschend. Elric hatte solche Laute aus den Lustgemächern gehört - wie sein Vetter Yrkoon seine Folterkammern spöttisch nannte -, ehe er der Verantwortung entfloh, das alte Melnibonéanische Reich, oder vielmehr, was davon noch übrig war, zu regieren. Die Stimmen von Menschen waren es, deren Seelen (nicht die Körper allein) in Gefahr waren; für die der Tod nicht die Auslöschung bedeutete, sondern ein Weiterleben für immer und alle Zeit als Sklaven eines grausamen, übernatürlichen Herrn. So hatte er Männer wimmern gehört, wenn sein schwarzes Schwert Sturmbringer, seine Rettung und seine Nemesis, ihre Seelen trank. Ihm gefielen diese Laute nicht, er hasste sie! Er drehte sich um und wollte die Leiter zum Hauptdeck hinuntersteigen, als er bemerkte, dass Otto Blendker inzwischen hinter ihm hochgeklettert war. Seit Corum von Freunden in Wagen, die auf dem Wasser fahren konnten, abgeholt worden war, war Blendker der letzte der Kameraden, die an Elrics Seite gegen die fremden Zaubergeschwister Gagak und Agak gekämpft hatten. Blendkers schwarzes, narbiges Gesicht wirkte besorgt. Der ehemalige Gelehrte, der zum Söldner geworden war, presste seine Hände an die Ohren. »Bei den Zwölf Symbolen der Vernunft, Elric, woher kommen diese schrecklichen Schreie? Es hört sich an, als segelten wir dicht am Rand der Hölle!« Prinz Elric von Melniboné zuckte die Schultern. »Ich würde gern von einer Antwort Abstand nehmen und meine Neugier ungestillt lassen, Meister Blendker, wenn unser Schiff nur den Kurs änderte. Doch es hat den Anschein, als näherten wir uns diesen Schreien immer mehr.« Blendker nickte zustimmend. »Auch ich habe keinerlei Verlangen, der Ursache für die Qualen dieser armen Burschen zu begegnen. Wir sollten vielleicht den Kapitän darauf aufmerksam machen.« »Glaubt Ihr wirklich, er weiß nicht, wohin sein Schiff steuert?« Elrics Lächeln wirkte düster. Der große Schwarze rieb seine Narbe, die v-förmig von der Stirn zu den Kinnbacken verlief. »Ob er wohl beabsichtigt, uns erneut in eine Schlacht zu schicken?« »Ich werde nicht mehr für ihn kämpfen.« Elrics Hand legte sich um den Knauf seines Runenschwerts. »Ich muss mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern, sobald ich erst wieder auf wirklichem Land bin.« Ein heftiger Windstoß kam aus dem Nichts. Der dichte Nebel war plötzlich gerissen. Elric sah nun, dass das Schiff durch rostfarbiges Wasser fuhr. Gespenstische Lichter schimmerten unmittelbar unter der Oberfläche. Er vermeinte, unbestimmbare Kreaturen sich schwerfällig in der Tiefe bewegen zu sehen und dann einen Augenblick gar ein weißes, aufgedunsenes Gesicht zu schauen, das seinem ähnelte - das Gesicht eines Melnibonéaners. Er stützte sich schwer gegen die Reling und blickte sichtlos an Blendker vorbei, während er sich bemühte, der Übelkeit, die ihn zu übermannen drohte, Herr zu werden. Zum ersten Mal, seit er an Bord gekommen war, konnte er das Schiff in seiner gesamten Länge sehen. Hier waren die beiden großen Steuerräder, eines neben ihm an Vorderdeck, das andere am Heck, das, wie immer, vom Rudergänger, dem sehenden Zwillingsbruder des blinden Kapitäns, bedient wurde. Da war der mächtige Mast mit dem straffen schwarzen Segel, davor und dahinter die beiden Deckkabinen, von denen eine nun völlig leer war (die sie benutzt hatten, waren vom letzten Landabenteuer nicht mehr zurückgekehrt), und die zweite, die nun ihm und Otto Blendker mehr als reichlich Platz bot. Elrics Blick wanderte zurück zum Steuermann. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, wieviel Einfluss des Kapitäns Zwillingsbruder auf den Kurs des Dunklen Schiffes hatte. Der Mann schien nie zu ermüden. Selten, soviel Elric wusste, ging er hinunter zu seiner Kajüte im Heck. Des Kapitäns Kajüte befand sich am Vorderdeck. Ein paarmal hatten Elric und Blendker versucht, den Rudergänger in ein Gespräch zu verwickeln, aber er schien so stumm zu sein, wie sein Bruder blind war. Die kryptographischen geometrischen Schnitzereien, die die gesamte Holzhülle und auch die Metallteile vom Achtersteven zur Bugfigur bedeckten, waren nun, da der Nebel sich zurückgezogen hatte, gut zu erkennen. Und wieder dachte Elric darüber nach, ob dieser Nebel, der das Schiff gewöhnlich einhüllte, nicht vielleicht gar von ihm erzeugt wurde. Während er die Schnitzereien betrachtete, nahmen sie allmählich ein bleichrosa Feuer an, als der rote Stern, der dem Schiff ruhelos folgte, durch die Wolkendecke drang. Ein Geräusch erklang von unten. Der Kapitän, dessen langes rotgoldenes Haar in einer Brise flatterte, die Elric nicht spüren konnte, war aus seiner Kajüte getreten. Sein Stirnreif aus blauem Jade glänzte in dem rosigen Licht violett, und selbst sein beiges Beinkleid und das gleichfarbige Wams schimmerten in demselben Ton - ja sogar die silbernen Sandalen mit den Silbersenkeln glitzerten rosig. Elric musterte das geheimnisvolle blinde Gesicht, das im üblichen Sinn so nichtmenschlich wie seines angesehen werden konnte, und er überlegte, woher dieser Mann wohl stammten mochte, der darauf bestand, nur »Kapitän« genannt zu werden. Als befehle der Blinde es ihnen, zogen die Nebelschwaden sich wieder um das Schiff zusammen, wie weiche Pelze, in die eine Frau sich hüllt. Das Licht des roten Sternes verschwamm, aber die fernen Schreie verstummten nicht. Hörte der Kapitän sie jetzt zum ersten Mal, oder täuschte er es nur vor? Er neigte den Kopf und hob eine Hand an das Ohr. »Aha«, murmelte er zufrieden. Dann ruckte sein Kopf hoch. »Elric?« »Ich bin hier auf dem Vorderkastell.« »Wir sind gleich da, Elric.« Die scheinbar gebrechliche Hand fand das Geländer des Niedergangs. Der Kapitän stieg empor. Elric kam ihm zum Kopfende der Leiter entgegen. »Wenn das wieder eine Schlacht ist.. Das Lächeln des Kapitäns wirkte rätselhaft, bitter. »Es war eine Schlacht - oder soll eine werden.« »Zumindest wir wollen nichts damit zu tun haben«, fuhr Elric fort. »Es ist keiner der Kämpfe, in die mein Schiff unmittelbar verwickelt ist«, beruhigte ihn der Blinde. »Die Ihr da hört, sind die Besiegten - verloren in einer Zukunft, die Ihr, glaube ich, gegen Ende Eurer jetzigen Inkarnation erleben werdet.« Elric winkte ab. »Es wäre mir lieb, Kapitän, wenn Ihr von solch schalen Mystifikationen Abstand nähmt. Ich bin ihrer müde.« »Ich bedauere, wenn ich Euch damit kränke. Ich antworte wahrheitsgemäß nach meinen Gefühlen.« Der Kapitän schritt an Elric und Otto Blendker vorbei, um sich an die Reling zu stellen. Seine Bemerkung schien ihm leid zu tun. Er verharrte eine Weile stumm und lauschte dem beunruhigenden Stimmengewirr aus dem Nebel. Schließlich nickte er, offensichtlich zufrieden. »Wir werden bald Land voraushaben. Wenn Ihr aussteigen und Eure eigene Welt suchen wollt, würde ich Euch raten, es jetzt zu tun. Näher kommen wir nie wieder an Eure Ebene heran.« Elric unterdrückte seinen Ärger nicht. Er fluchte, rief Ariochs Namen, und legte eine Hand auf die Schulter des Blinden. »Was? Ihr könnt mich nicht direkt auf meiner eigenen Ebene absetzen?« »Dazu ist es zu spät.« Des Kapitäns Bedauern schien ehrlich zu sein. »Das Schiff segelt weiter. Wir nähern uns dem Ende unserer langen Reise.« »Aber wie soll ich meine Welt finden? Die geringen Zauberkräfte, über die ich verfüge, genügen nicht, mich zwischen den Sphären zu bewegen. Und die Hilfe von Dämonen ist mir hier verwehrt.« »Es gibt ein Tor zu Eurer Welt«, versicherte ihm der Kapitän. »Darum mein Rat, hier von Bord zu gehen. Nirgendwo sonst ist ein weiteres zu finden. Eure Welt und diese überschneiden sich hier.« »Aber Ihr sagtet, wir seien hier in meiner Zukunft?« »Beruhigt Euch - Ihr werdet in Eure eigene Epoche zurückkehren. Hier gibt es keine Zeit für Euch. Deshalb ist auch Euer Erinnerungsvermögen so schwach, darum entsinnt Ihr Euch kaum dessen, das mit Euch geschieht. Sucht das Tor - es ist rot und erhebt sich aus der See, ein wenig außerhalb der Küste dieser Insel.« »Welcher Insel?« »Jener, der wir uns nun nähern.« Elric zögerte. »Und wohin fahrt Ihr, nachdem ich das Schiff verlassen habe?« »Nach Tanelorn«, erwiderte der Kapitän. »Ich habe dort etwas zu tun. Mein Bruder und ich müssen unsere Bestimmung erfüllen. Wir transportieren nicht nur Männer, sondern auch eine Ladung. Viele werden von jetzt an versuchen, uns aufzuhalten, denn sie fürchten sich vor unserem Frachtgut. Vielleicht ist es unser Untergang, aber wir müssen alles tun, um Tanelorn zu erreichen.« »War das denn nicht Tanelorn, wo wir gegen Agak und Gagak kämpften?« »Es war nichts weiter als ein zerschellter Traum von...




