E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Dockter Weihnachtswunder in den Bergen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96122-335-0
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung.
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-96122-335-0
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jahrgang 1965, verheiratet, vier Kinder zwischen 12 und 20 Jahren, schreibt für Kinder ebenso gern wie für Erwachsene. Bisher veröffentlichte sie zwei Romane, einen Bildband und mit 'Wimm und die brennende Stadt' das neunte Kinderbuch. (www.monikadockter.de)
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 3
Noch weitere fünf Kilometer nordwärts, im Zentrum der Großstadt, begann der Abend für Chris genau wie jeder vorangegangene in diesem Dezember. Ein böiger Wind pfiff durch die Straßen und um die Häuser, drückte den Regen gegen die Scheiben des Erkerfensters und trieb sein Spiel mit der Straßenlampe vor dem Altbau, sodass der Lichtschein in unregelmäßigen Abständen durchs Wohnzimmer schwenkte. Chris war eine gute Stunde später von der Arbeit auf der örtlichen Sozialstation nach Hause zurückgekehrt als üblich. Offenbar hatten in der Vorweihnachtszeit viele ältere Mitmenschen einen erhöhten Gesprächsbedarf. Aber nun war es an der Zeit, auch gedanklich zu Hause anzukommen und Ruhe zu finden. Die Sechsundzwanzigjährige tauschte ihre Tageskleidung gegen ein Sweatshirt samt gemütlich weiter, weicher Hose, verzehrte eine warme Mahlzeit und ließ sich anschließend mit ihrem Tablet-PC auf dem Sofa nieder.
Seit etlichen Tagen nutzte sie die Abendstunden dazu, an dem Weihnachtsgeschenk für ihre Patenkinder zu arbeiten. Die Zwillinge Josephine und Julius liebten Geschichten – egal, ob von Tante Chrissi vorgelesen oder nur aus dem Stegreif erzählt. So war sie auf die Idee gekommen, ihnen eine ganz spezielle Geschichte zu Weihnachten zu schenken: eine Geschichte, in der Josie und Juju persönlich die Helden waren; eine Geschichte, die von ihrer Tante Chrissi selbst verfasst und zu einem Buch gebunden worden war. Bislang war sie ganz gut vorangekommen und hatte ihre beiden Hauptpersonen etliche lustige oder abenteuerliche Alltagssituationen durchleben lassen. Auch einige echte Erlebnisse der Zwillinge hatte sie in die Geschichte eingefügt. Da war zum Beispiel der Tag, an dem sie auf dem Schulweg einem gleichaltrigen Flüchtlingsjungen begegneten. In Anbetracht des kühlen Herbstwetters schenkten sie ihm, außer ihren Brotzeitpaketen und Jujus warmer Jacke, auch Josies pinkfarbene Handschuhe. Allein der Gedanke daran brachte Chris noch jetzt zum Lächeln.
Dennoch wollten heute Abend die Worte einfach nicht fließen. Nicht einmal gedanklich konnte Chris sich auf ihr Projekt konzentrieren.
Von Josie und Juju wanderten ihre Gedanken zu deren Mutter, Chris’ Schwester Linda, ihrem Mann Stephan und dem Baby, das diese demnächst erwarteten – zu dem Kind, das das Glück dieser Familie noch vollkommener machen würde, als es ohnehin schon war, während Chris immer noch einsam und allein durchs Leben stolpern musste.
Aber nein! Entschlossen richtete Chris ihren Blick auf den blinkenden Cursor auf ihrem Tablet. So etwas wollte sie gar nicht denken. Sie hatte nicht den geringsten Grund, eifersüchtig auf das Leben ihrer Schwester zu sein! Ihr eigenes Leben, auch als Single, bot genügend Anlass zur Dankbarkeit: Ihre soziale Arbeit erfüllte sie mit Befriedigung, sie besaß eine gemütliche, liebevoll eingerichtete Wohnung sowie etliche gute Freundinnen, und sie durfte bei den Zwillingen häufig die Ersatz-Mama spielen. Wie oft war sie mit den beiden schon auf dem Spielplatz gewesen, hatte sie gebadet oder ihnen am Bett eine Geschichte erzählt. Ein Grund mehr, sich jetzt ganz und gar auf ihr Geschichten-Geschenk zu konzentrieren!
Chris setzte ihre Finger auf die Tastatur und hatte eben zu schreiben begonnen, als ihr Handy sich meldete. Ohne den Blick vom Tablet zu nehmen, griff sie danach.
„Stell dir vor, Chrissi, es klappt!“
„Wie bitte?“ Mühsam riss Chris ihre Augen vom Text los. „Ach, du bist es, Linda!“
„Natürlich bin ich’s, Schäfchen! Und wie ich eben schon sagte: Es klappt! Wir haben die Hütte im Gebirge über die Feiertage bekommen, und gerade eben haben wir es den Kindern gesagt. Die beiden sind ganz aus dem Häuschen vor Freude!“
„Wow, das ist ja großartig! Ich freue mich mit euch!“
„Schön! Aber noch schöner fände ich es, wenn du dich gleich für dich selbst mitfreuen würdest! Du denkst doch nicht etwa, dass ich dich an Weihnachten hier allein in der öden grauen Stadt zurücklasse?!“
„Du meinst, ich soll mit euch fahren?“
„Natürlich sollst du das, Schäfchen! Das war doch von Anfang an so geplant – auch, wenn ich eventuell bisher versäumt habe, dir das mitzuteilen.“
„Tja, das hast du tatsächlich, große Schwester!“ Chris grinste nur über das „Schäfchen“ – ein Überbleibsel aus ihrer Kindheit, in der die sieben Jahre ältere Linda sie stets mit bemuttert hatte – und fuhr fort: „Mir scheint, allmählich macht sich dein Alter doch bemerkbar!“
„Und mir scheint, das Schäfchen hat sich hier gerade eine ordentliche Portion eisigen Schnee im Kragen verdient! Aber Spaß beiseite, Chrissi: Du fährt doch mit uns?“
„Ich weiß nicht recht – eigentlich habe ich geplant, zu Hause mit Claus und den Eltern zu feiern. Außerdem will ich mich nicht in euren wohlverdienten Familienurlaub drängen, ihr habt selten genug Zeit nur für euch!“, entgegnete Chris.
„Von wegen hineindrängen! Du weißt, dass du quasi zu unserer Familie gehörst. Ich bin sicher, die Kinder wären zutiefst enttäuscht, wenn sie ohne ihre Tante Chrissi fahren müssten. Unter anderem auch deshalb, weil ihre Mutter im achten Monat allmählich etwas unbeholfen wird und sicher nicht mehr bei allen sportlichen Aktionen dabei sein kann!“
„Natürlich, das sehe ich ein. Gib mir trotzdem noch einen Tag Bedenkzeit, Linda. Du weißt, ich bin ein Stadtmensch, ich passe einfach nicht in eine einsame Hütte hoch oben im Gebirge!“
„In Ordnung, denk nochmals drüber nach, Chrissi. Aber vergiss nicht: Nicht nur die Kinder, auch Stephan und ich würden uns wirklich sehr über deine Gesellschaft freuen. Ich erwarte dann morgen deinen Anruf!“
Damit legte ihre Schwester auf. Chris starrte erneut auf ihren mit Worten angefüllten Bildschirm, ohne tatsächlich etwas zu lesen oder den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen.
Anstelle des Textes sah sie eine Gebirgslandschaft vor sich, fernab jeglicher Zivilisation: Berge, die sich karg und schroff gegen einen unfreundlich dunklen Himmel erhoben; felsige Hänge, die so steil abfielen, dass der Schnee gar keinen Halt fand. Am steilsten dieser Hänge klebte ein Häuschen oder vielmehr eine Hütte mit im Wind hin und her schlagenden Fensterläden und einer Tür, die sich nicht schließen ließ. Konnte man eine solche Unterkunft tatsächlich als Ferienhaus mieten? Schaudernd schob Chris die absurde Vorstellung von sich, trat ans Erkerfenster und genoss den vertrauten Blick nach draußen.
Vier Stockwerke unter ihrer Wohnung lagen der Hauseingang und die vierspurige Straße mit der Straßenbahnhaltestelle in der Mitte, an der trotz der späten Stunde und des miesen Wetters reges Leben herrschte. Eben ratterte eine Bahn heran, öffnete quietschend die Türen und entließ ihre Fahrgäste ins Freie beziehungsweise verschluckte die zusteigenden Passagiere. Regenschirme wurden auf- und zugeklappt, wobei der Wind den Schirm einer jungen Frau auf links drehte und diese erschrocken aufschrie. Fußgänger eilten den Gehweg entlang, vorbei an weihnachtlich dekorierten Fenstern, jeder einzelne von ihnen auf dem Weg nach Hause oder zu einem anderen Ziel. Über der ganzen Szenerie lag wie eine Glocke der lilabläuliche Widerschein einer Stadt, die niemals wirklich dunkel wurde.
„Ich bin ein Stadtmensch!“, hatte Chris zu Linda gesagt. „Ich passe nicht in die Berge!“ Was sie eigentlich damit gemeint hatte, war nicht, dass sie die Zerstreuungen einer großen Stadt brauchte, sondern die Sicherheit, die diese ihr bot. Die gewohnten, niemals endenden Geräusche um sie herum, die niemals verlöschenden Lichter, das Gefühl, stets irgendwo irgendjemanden in erreichbarer Nähe zu haben – dies alles gab ihr Sicherheit. So trügerisch sie auch sein mochte, konnte Chris sich partout nicht vorstellen, für längere Zeit außerhalb dieses gewohnten Umfelds zu leben. Sie war eben ein zurückhaltender, zaghafter bis furchtsamer Mensch …
Nachdem das Rattern der Straßenbahn in der Ferne verklungen war, registrierte Chris ein weiteres Geräusch. Vom Rathausplatz herüber drang leise Musik. Weihnachtsmusik. Wie jedes Jahr um diese Zeit untermalte sie als Hintergrundgeräusch das laute, lebhafte Treiben zwischen den Buden des Weihnachtsmarktes. Vermutlich nahmen sie die meisten Besucher dort gar nicht mehr wirklich wahr – so ging es zumindest Chris beim Besuch des Marktes –, aber heute und aus der Entfernung lauschte sie ganz bewusst ihrem Klang.
Soeben gingen die Töne von „Jingle Bells“ in einen weiteren Titel über, den Chris auf der Stelle als „Stille Nacht, heilige Nacht“ erkannte. Natürlich, was wäre ein Weihnachtsmarkt ohne dieses altehrwürdige Lied, das nahezu in Dauerschleife gespielt wurde? Dennoch oder genau deshalb war es lange her, dass der Text bis in Chris’ Bewusstsein gedrungen war. Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar …
Chris stutzte. Eigentlich war es genau das, was sie mehr oder minder bewusst immer zu meiden versuchte. Aber genau das waren auch die Umstände, unter denen der Sohn Gottes auf der Erde angekommen war: Stille, Nacht und Einsamkeit. Und das nicht nur für Maria und Josef, sondern auch für die Hirten bei ihrer nächtlichen Wache und die Weisen bei ihrer langen Reise durch die Nacht … Unter exakt diesen Bedingungen war das Heil nicht nur für die Menschheit, sondern auch für sie persönlich in die Welt gekommen! War es möglicherweise auch für Chris an der Zeit, nicht länger an ihren Sicherheiten festzuhalten, sondern sich Stille und Einsamkeit zu...




