Diwiak Liebwies
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-552-06359-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-552-06359-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Irene Diwiak wurde 1991 in Graz geboren und wuchs in Deutschlandsberg/Steiermark auf. Sie studierte Komparatistik in Wien. Ihre Texte wurden bereits vielfach ausgezeichnet. 2017 erschien ihr erster Roman Liebwies.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
4.
Die Volksschule stand als Denkmal mariatheresianischen Wohlwollens direkt neben der St.-Anna-Kirche und strahlte fast jugendliches Flair aus. Die Fassade war weiß wie die der Kirche, während die anderen Häuser in Liebwies ungestrichene Holzbauten waren; das Dach aus echten Ziegeln, wohingegen die anderen Häuser nur mit Stroh oder Holzbrettern bedeckt waren. Ging man durch die hölzerne Eingangstür hinein, so stand man mitten im einzigen Klassenzimmer. Wegen der winzigen Fenster war es dort immer dunkel, und viele der einst sehr feinen Möbelstücke hatten die Jahre nicht gut überstanden: Hier und da fehlten Tisch- oder Stuhlbeine und waren durch beliebige Bretter ersetzt worden, manchmal nicht einmal das. Die Tafel hatte einen Sprung in der Mitte, und der Fußboden war schmutzig. Nichts von dem ordentlichen äußerlichen Eindruck war im Inneren zu finden.
Seit dem Jahr, in dem ein Gesandter der Kaiserin sich mit dem Auftrag, Schulen in die entlegensten Gegenden des Reiches zu bringen, nach Liebwies verirrt hatte, hatte es keinerlei Renovierung gegeben (wenn man von dem provisorischen Erneuern der verheizten Tisch- und Stuhlbeine absah). Auch der kleine Kamin stammte aus einer Zeit, als Liebwies noch nicht vergessen gewesen war. Er hatte die verheizten Möbelteile in eine dünne Rußschicht verwandelt, die sich über den gesamten Fußboden, alle Wände, Tische und Stühle zog.
Köck musste husten, als er dieses Klassenzimmer zum ersten Mal betrat. Es roch, als hätte seit Jahren niemand ein Fenster oder die Tür geöffnet. Die Luft schien bis zur völligen Erschöpfung zirkuliert zu haben und hing nun müde von der Decke. Nicht einmal ein Spinnennetz war zu finden, so verödet war das Klassenzimmer.
Köck zweifelte an seiner Entscheidung. Er hatte sich das Landleben nicht leicht, aber lebhaft vorgestellt. Er wollte gesunde, runde Menschen in bunten Tüchern, wie er sie im Zug gesehen hatte. Dieses Klassenzimmer war völlig abgestorben. Man könnte meinen, dachte Köck, der ganze Krieg, der dieses Dorf nicht einmal angehaucht hat, habe in diesem Schulzimmer stattgefunden.
Sein erster Impuls war es, in der Tür umzudrehen und sich mit geborgtem Geld auf den Weg zurück in die Stadt zu machen. Dort könnte er wieder unehrliche Monologe über seine traurige Vergangenheit halten, vielleicht sogar ein Buch schreiben, eine Autobiografie vollgestopft mit Blut und Gewalt, ein Verkaufsschlager …
Er blieb. Die Tür ließ er hinter sich geöffnet, damit etwas frische Luft und Licht in das Zimmer fallen konnte, und trat ein paar Schritte weiter in den grausigen Raum.
Dann erschrak er. In diesem toten Zimmer, in dem er nicht einmal eine Kakerlake vermutet hätte, saß ein junges Mädchen und schlief, mit dem Kopf auf der Tischplatte ruhend. Im fahlen Licht konnte er nicht sehr viel mehr erkennen als das krause, dunkle Haar und dass das Mädchen eindeutig zu alt war für die Volksschule. Vielleicht ist sie die Hausmeisterin, dachte Köck und zündete die schon fast niedergebrannte Kerze an, die auf dem Lehrerpult stand. Da der Raum nicht groß war, erhellte er sich abrupt, und das Mädchen erwachte mit einem grellen Schrei.
»Ich habe nicht geschlafen!«, rief sie und wischte dabei das Buch, das ihr als Kissen gedient hatte, vom Tisch. Sofort bückte sie sich danach, griff aber einige Male daneben, ohne es in die Finger zu bekommen.
Für ein Mädchen ihres Alters war sie ungewöhnlich hässlich, fand sogar Köck, den an Frauen eigentlich immer eher der praktische Wert interessiert hatte. Aber er war es doch gewohnt, dass gesunde junge Mädchen ganz von selbst einen gewissen Reiz hatten, auch wenn sie vielleicht nicht den gängigen Idealen entsprachen. Dieses Mädchen allerdings entbehrte jeder Attraktivität: Es war ungewöhnlich groß und breitschultrig, hatte ein flaches, breites Gesicht mit winzigen Augen und wildes Haar, welches in zwei ungleich große Zöpfe geflochten war. Seine Bewegungen waren behäbig, irgendwie behutsam, und führten trotzdem nie zum Ziel.
Als das Mädchen endlich das Buch erwischt und wieder auf dem Tisch platziert hatte, sagte es: »Ich heiße Karoline.«
»Walther Köck«, sagte Köck. Karoline blickte haarscharf an ihm vorbei, während sie lächelte und ihre kurzen, schiefen Zähne zeigte.
»Ich bin der neue Lehrer«, fügte er hinzu.
»Schön …«, murmelte Karoline und nickte. Es ärgerte Köck, dass er ihren Blick nicht treffen konnte, egal, wie sehr er sich auch bemühte.
»Für eine Volksschülerin bist du etwas alt, nicht wahr?«
»Ja …« Sie lächelte und nickte weiter.
»Wie alt bist du, wenn ich fragen darf?«
»Neunzehn«, antwortete Karoline. Köck setzte sich auf das Lehrerpult, welches unter seinem Gewicht gefährlich knirschte.
»Dann bist du … die Hausmeisterin?«, fragte er.
Karoline lachte. »Nein, nein, ich putze hier nur!«
Köck blickte sich noch einmal in dem verrußten Zimmer um und seufzte. Die St. Anna hatte schon halb neun geschlagen, und kein weiterer Schüler war in Sicht. Das überraschte Köck nicht wirklich. Nur war er nun in der unangenehmen Situation, sich mit Karoline unterhalten zu müssen, wozu er wenig Lust hatte. Er spürte, dass er die göttliche Belohnung heute nicht mehr erhalten würde, dass er sie wohl nie erhalten würde, dass er immer sinnlos mit dem Strom schwimmen würde, der ihn eines Tages wie jeden anderen auch in einen Sarg schwemmen würde. Er hatte Lust auf Selbstmitleid und musste stattdessen mit einem dummen Bauerntrampel Konversation betreiben.
»Dann putzt du hier also … und du schläfst auch hier?«, fragte Köck, um irgendetwas zu fragen. Karoline lachte wieder und schüttelte den Kopf: »Ich habe doch nicht geschlafen, ich habe gelesen!« Sie zeigte mit ihrem rechten Zeigefinger ein paar Zentimeter an dem Buch vorbei.
»Mit dem Kopf auf dem Tisch hast du gelesen?«
»Ich bin doch so fürchterlich kurzsichtig!« Und wie um es zu beweisen, fegte sie zum zweiten Mal ihr Buch von dem Tisch bei dem Versuch, es in die Hand zu nehmen, um es Köck von vorne zu zeigen. Sie bückte sich wieder umständlich, diesmal aber war Köck schneller.
»Ich habe das Buch aufgehoben«, sagte er etwas verstört, als Karoline den Boden weiter danach abtastete. Während Karoline sich wieder aufrappelte, durchblätterte Köck das Buch. Es handelte sich um eine französische Bibel, der schon einige Seiten fehlten. Wohl noch aus Napoleons Zeiten, dachte Köck, wobei er sich allerdings nicht vorstellen konnte, was Napoleons Männer nach Liebwies getrieben haben sollte.
»Êtes-vous intéressé par la religion?«, fragte Köck. Karoline hatte sich wieder aufgerichtet und nickte, schien aber keine Ahnung zu haben, wovon Köck gerade sprach.
»Parlez-vous français?«, fragte Köck. Endlich hörte Karoline auf zu nicken, und ihr Lächeln wich einem etwas besorgten Ausdruck. Sie zog ihre buschigen Augenbrauen zusammen, sodass sie zu einem einzigen dicken Strich über ihren Augen wurden und sie noch hässlicher machten. Schließlich schüttelte sie ihren Kopf und sagte: »Es tut mir sehr leid, mein Herr, aber ich bin kein gebildeter Mensch.«
Köck nickte freundlich, konnte sich aber ein etwas bissiges »Aber doch liest du eine französische Bibel« nicht verkneifen. Karoline lachte wieder und rief: »Ich sehe so furchtbar schlecht, dass es mir nicht einmal aufgefallen ist.«
Köck langweilte sich langsam. Es hatte noch nicht neun geschlagen, und trotzdem war er seine Arbeit schon leid. Wie hatte er sich denn das Unterrichten in einer Dorfschule vorgestellt? Natürlich wurden hier nicht Spreu und Weizen getrennt wie an dem feinen Gymnasium, und war es nicht das, was ihn fasziniert hatte? Die kleinen, aber gar so natürlichen Geister hätte er doch so gern mit Wissenschaft füllen wollen, aber Karoline war nicht kleingeistig, sondern gar nicht geistig.
»Warum haben sie mir keine sehenden Kinder geschickt?«, entfuhr es Köck, und noch mehr ärgerte es ihn, dass Karoline wieder lachte.
»Die müssen natürlich arbeiten, was glauben Sie denn, warum nur ich hier bin?« Köck konnte sich das Mädchen tatsächlich schlecht an einer Dreschmaschine vorstellen (dass kein einziger Liebwieser auch nur von einer Dreschmaschine gehört hatte, wusste er da noch nicht. Abgesehen davon hätte Karoline auch mit einer Sense in den Händen eine gefährliche Figur abgegeben). Er seufzte laut, Karoline setzte sich wieder auf ihren Kinderstuhl und griff nach dem Buch, um es, mit der Nase das Papier berührend, »weiterzulesen«. Wie sie so dasaß und sich selbst vormachte, sie würde in aller Ruhe ein Buch lesen, wie jeder andere auch von Zeit zu Zeit ein Buch las, und ab und zu sogar laut auflachte über einen Witz, den sie nicht gelesen haben konnte, fühlte sich Köck schmerzhaft an sich selbst erinnert. Als sie letztendlich sogar umblätterte und ihr gespanntes Gesicht zwischen diesen neuen Seiten versenkte, stand er vom Lehrerpult auf und rief verzweifelt: »Irgendetwas musst doch sogar du können!«
Karoline senkte ihre Bibel, um wieder haarscharf an Köck vorbeizublicken, und murmelte: »Ja, singen kann ich ganz gut.«
»Ganz gut …« Köck zog etwas missgünstig eine Augenbraue hoch und einen Mundwinkel hinunter, und hätte er die Möglichkeit dazu gehabt, hätte er auch die Nase gerümpft.
Früher, an dem Bubengymnasium, war »ganz gut singen können« oft das schlagende Argument, mit dem sich faule Knaben die Versetzung erschummeln wollten. Die Schüler, die sich ihre akademische Zukunft vor allem ersingen, erringen und...




