Ditlevsen | Gesichter | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Ditlevsen Gesichter

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8412-2947-2
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-8412-2947-2
Verlag: Aufbau Verlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von der gefeierten Autorin der Kopenhagener-Trilogie - ein eindringlicher Roman über eine Frau am Abgrund, geschrieben mit der Lebendigkeit und Direktheit gelebter Erfahrung.

Kopenhagen, 1968: Lise Mundus, Autorin und Mutter dreier Kinder, entgleitet ihr Alltag. Sie meint, Stimmen zu hören und Gesichter zu sehen. Sie ist überzeugt, dass ihr Mann sie betrügt und verlassen wird. Vor allem aber hat sie Angst, dass sie nie wieder schreiben wird. Als sie in die Klinik geht und sich behandeln lässt, fragt sie sich, ob der Wahnsinn wirklich etwas ist, wovor sie sich fürchten muss -  oder ob er nicht auch eine Form von Freiheit für sie bereithält. In »Gesichter« macht Tove Ditlevsen die Verschiebungen in der Wahrnehmung einer Frau mit literarischen Mitteln meisterhaft erfahrbar.

The Guardian.

Patti Smith.

Anna Prizkau, FAS.

Elke Heidenreich.

Literarische Welt.

Glamour.



Tove Ditlevsen (1917-1976), geboren in Kopenhagen, galt lange Zeit als Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte. Heute gilt sie als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk. Ihre »Kopenhagen-Trilogie« mit den Bänden »Kindheit«, »Jugend« und »Abhängigkeit« wird international als literarische Wiederentdeckung gefeiert. Der Roman »Gesichter« wurde im dänischen Original 1968 veröffentlicht, ein Jahr, nachdem »Kindheit« und »Jugend« erschienen. Ursel Allenstein, 1978 geboren, studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Dänischen, Schwedischen und Norwegischen von u.a. Christina Hesselholdt, Sara Stridsbergund Johan Harstad. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane-Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.
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EINS


Abends war es wenig besser. Sie konnte es vorsichtig glätten und betrachten, in der Hoffnung, irgendwann doch einen Überblick darüber zu gewinnen, als wäre es ein unfertiger, vielfarbiger Gobelin, dessen Muster eines Tages zu erahnen war. Die Stimmen kehrten zu ihr zurück und ließen sich mit etwas Geduld voneinander trennen wie die Fäden eines verhedderten Wollknäuels. Sie konnte in Ruhe über die Worte nachdenken, ohne zu fürchten, dass neue hinzukamen, ehe die Nacht vorüberging. Die hielt in dieser Zeit ohnehin nur mühsam die Tage auseinander, und wenn man versehentlich ein Loch in die Dunkelheit hauchte wie auf eine vereiste Scheibe, stach einem der Morgen viele Stunden zu früh in die Augen.

Alle schliefen, bis auf Gert, der immer noch nicht nach Hause gekommen war, obwohl es auf Mitternacht zuging. Sie schliefen, und ihre Gesichter waren friedlich und fern und würden erst morgen wieder gebraucht. Vielleicht hatten sie ihre Gesichter sogar sorgfältig auf ihrer Kleidung abgelegt, denn Gesichter mussten sich ausruhen und waren beim Schlafen auch nicht dringend notwendig. Tagsüber veränderten sie sich unablässig wie Spiegelungen in aufgepeitschtem Wasser. Augen, Nase, Mund, wie konnte dieses schlichte Dreieck bloß so unendlich viele Variationen enthalten? Lise war schon lange nicht mehr auf die Straße gegangen, weil ihr die vielen Gesichter Angst einjagten. Sie wagte es nicht, sich neue aufzubürden, und fürchtete ein Wiedersehen mit den alten, die nicht mehr in ihre Erinnerung passten, wo sie sich zu den Toten gelegt hatten, vor denen man anders geschützt war. Wenn man Menschen begegnete, die man seit Jahren nicht gesehen hatte, waren deren Gesichter verändert; fremd, gealtert, ohne dass sie daran gehindert worden waren. Ihre Besitzer hatten nicht darauf achtgegeben, die Gesichter waren ihren schützenden Händen entglitten, die sie eigentlich über Wasser halten sollten wie Ertrinkende. Sie hatten, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt waren, nicht auf dieses Gesicht aufgepasst, und so war es erst im letzten Moment durch ein neues ersetzt worden; gestohlen von einer Schlafenden oder Toten, die nun zusehen musste, wie sie ohne es zurechtkam. Dieses Gesicht war zu groß oder zu klein und trug die Spuren eines Lebens, das nicht das der neuen Besitzerin war. Wenn man sich daran gewöhnte, schimmerte bisweilen das ursprüngliche Gesicht darunter hervor, wie wenn sich eine alte Tapete löst und stellenweise die überklebte Schicht freigibt, die noch frisch und gut erhalten ist und voller Erinnerungen an die früheren Bewohner. Manch einer legte sich jedoch auch vor Ungeduld oder aus dem Drang, der herrschenden Mode zu folgen, ein neues Gesicht zu, bevor das alte aufgebraucht war, wie wenn man sich eine modernere Garderobe anschafft, obwohl die alte noch gut erhalten ist. Junge Mädchen machten das oft und kamen manchmal sogar auf die Idee, einzelne Gesichtszüge mit einer Freundin zu tauschen, wenn sie abends ausgingen und sich dann gern mit Augen schmückten, die größer oder klarer waren als ihre eigenen, oder mit einer schmaleren Nase. Zwar spannte die Haut, aber das fühlte sich nicht schlimmer an, als Schuhe zu tragen, die drückten, weil sie eine Nummer zu klein waren. Am meisten fiel es natürlich bei Kindern auf, die sich noch im Wachstum befanden. Man konnte sie nicht mit dem Blick einfangen, er kehrte leer zu einem zurück wie ein Spiegel, in den man zu lange hineingesehen hatte. Kinder trugen ihr Gesicht wie etwas, in das man hineinwachsen muss, und das einem erst Jahre später passt. Fast immer saß es zu hoch, und sie mussten sich auf die Zehenspitzen stellen, um in die Bilder hinter ihren Augenlidern hineinzusehen. Einige, vor allem Mädchen, mussten die Kindheit ihrer Mutter leben, während ihre eigene in einer geheimen Schublade verstaubte. Diese Mädchen hatten es am schwersten. Ihre Stimme brach aus ihnen hervor wie Eiter aus einer Wunde, und der Klang erschreckte sie derart, als hätten sie entdeckt, dass jemand in ihrem Tagebuch gelesen hatte, obwohl es weggesperrt gewesen war; zwischen Gerümpel und altem Spielzeug aus einer Zeit, als sie noch das verletzliche Gesicht einer Vierjährigen trugen. Mit seinem unschuldigen, erstaunten Glasblick starrte es zwischen Brummkreiseln und steifen Puppen zu ihnen auf. Der Schlaf dieser Mädchen war leicht und roch nach Angst. Jeden Abend, wenn sie ihr Zimmer aufräumten, mussten sie ihre Gedanken für die Nacht einfangen wie Vögel, die man in ihren Käfig lockt. Manchmal geriet ein Gedanke dazwischen, der gar nicht ihr eigener war, und dann wussten sie nicht, wohin damit. Voller Eile, denn sie waren immer müde, stopften sie ihn hinter einen Schrank oder steckten ihn zwischen zwei Bücher ins Regal. Doch wenn die Mädchen dann wieder erwachten, passten die Gedanken nicht mehr zu ihrem Gesicht, das sich im Schlaf aufgelöst hatte wie eine Faschingsmaske, deren steife Pappe gerissen und vom warmen Atem durchweicht war. Mühsam fügten sie sich ihrem neuen Gesicht wie einem Schicksal, und wenn sie auf ihre Füße hinabblickten, wurde ihnen schwindelig, so groß war der Abstand zu ihnen im Laufe der Nacht geworden.

Lise sah sich aus den Augenwinkeln um, ohne den Kopf zu bewegen. Es gab eine Frisierkommode, einen Nachttisch und zwei Stühle. Das Zimmer wirkte nüchtern wie eine Grabstätte ohne Stein oder Kreuz. Es erinnerte sie an die gemieteten Zimmer ihrer Jugend, in denen sie ihre ersten Bücher geschrieben hatte, und nur hier fand sie die zerbrechliche Geborgenheit, die ein Mangel an Veränderung bereithält. Sie lag rücklings auf dem Sofa, das sie schon für die Nacht hergerichtet hatte, und verschränkte die Hände unter dem Kopf. Jetzt kam es darauf an, ganz still zu halten und plötzliche Bewegungen zu vermeiden, damit das, was in den Einbauschränken lauerte, diesen beunruhigenden Hohlräumen, nicht gemeinsam mit der zusammengedrängten Angst ihrer ganzen Kindheit daraus hervorbrach.

Langsam streckte sie sich nach dem Glas mit den Schlaftabletten. Sie schüttelte zwei heraus und spülte sie mit Wasser herunter. Die Tabletten hatte sie von Gitte bekommen, die jedem von ihnen das gab, was er oder sie ihrer Meinung nach brauchte. Bei Gitte musste man vorsichtiger sein als bei den anderen. Man musste gewisse Wörter aufhalten, ehe sie ihr über die Lippen kamen, um jeden Preis, mit jedem Mittel. Es war ein Nachteil, dass sie sich inzwischen duzten, dachte Lise. Gert und sie hatten an einem der ersten Abende zusammen mit ihr getrunken, und da sie von ihrem Højskole-Aufenthalt eine gewisse Kultur mitbrachte, hatten sie das Gefühl gehabt, man könne sie nicht wie eine gewöhnliche Hausangestellte behandeln, deren Persönlichkeit die Familie nichts anging.

Gitte war eine Folge von Lises plötzlicher Berühmtheit, nachdem sie vor zwei Jahren den Kinderbuchpreis der dänischen Akademie für ein Buch erhalten hatte, das sie selbst nicht für besser oder schlechter hielt als ihre übrigen. Bis auf einen weitgehend unbeachteten Gedichtband hatte sie nie etwas anderes geschrieben als Kinderbücher. Auf den Damenseiten der Zeitungen waren sie anständig besprochen worden, hatten sich auch anständig verkauft und waren auf beruhigende Weise von jener Welt übersehen worden, die sich mit der Erwachsenenliteratur beschäftigte. Ihre Berühmtheit hatte brutal jenen Schleier weggerissen, der sie immer von der Wirklichkeit getrennt hatte. Sie hatte eine Dankesrede gehalten, die Gert für sie geschrieben hatte, und war währenddessen von der Angst ihrer Kindheit eingeholt worden, man könnte sie enttarnen und herausfinden, dass sie etwas zu sein vorgab, was sie nicht war. Diese Angst hatte sie seither im Grunde nicht mehr verlassen. Wenn sie interviewt wurde, gab sie Gerts oder Asgers Meinungen wieder, als hätte sie nie einen eigenständigen Gedanken gehabt. Als sich Asger vor zehn Jahren von ihr trennte, hinterließ er einen ganzen Vorrat an Wörtern und Haltungen und Denkweisen in ihr, wie einen vergessenen Koffer in einer Gepäckaufbewahrung. Nachdem sie alles verbraucht hatte, schöpfte sie aus Gerts Ansichten, die mit seinen Stimmungen wechselten. Nur wenn sie schrieb, drückte sie sich selbst aus, und ein anderes Talent besaß sie nicht. Gert hatte ihren Ruhm als persönliche Beleidigung aufgefasst. Er behauptete, er könne nicht mit einem Stück Literatur ins Bett gehen, betrog sie mit großem Eifer und berichtete ihr ausführlich von seinen Eroberungen. Es hatte sich angefühlt, als wäre sie in ein Eisloch gefallen, denn damals liebte sie ihn noch und war besessen von der Angst, auch ihn zu...



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