Diemrich / Flecker / Herzog | HELDINNENSICHT | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Diemrich / Flecker / Herzog HELDINNENSICHT


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-8715-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-7693-8715-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Über mutige, gescheiterte und zufällige Heldinnen Valentina ist eine besondere Erscheinung, innerlich wie äußerlich. Ihr Leben ähnelt einer Achterbahnfahrt, die nicht enden will. Die einzige Konstante ist ihre beste Freundin, die aber an Valentinas Art zunehmend verzweifelt. Franzi startet mit ihrem True-Crime-Podcast richtig durch. Dabei schreckt sie selbst vor laufenden Ermittlungen nicht zurück. Ihr Eifer entwickelt sich jedoch schnell zu einem Spiel mit dem Feuer. Das Seelenleben eines fremden Mannes fliegt Finja eines Tages buchstäblich zu. Mitten auf der Straße findet sie ein vertrauliches Dokument, in dem sie ein einsames Geschöpf erkennt, das nur sie retten kann. Ungefragt begibt sie sich auf eine selbstlose Mission. Seit dreißig Jahren pflegen vier Frauen eine Freundschaft, deren Fixpunkt eine eigentümliche Bar ist. Als eine der vier plötzlich des Mordes verdächtigt wird, machen sich alle gemeinsam auf die Suche nach dem Täter. AgAti ist unabhängige Literatur aus München. Zehn Geschichten tauchen tief ins Innenleben verschiedenster Frauen ein, um eine Sicht auf das zu ermöglich, was es heißt, eine Heldin unserer Zeit zu sein.

Robert Diemrich lebt in München und verfasst Texte, die eine bewusste Gratwanderung zwischen Tiefgang und Trash vollziehen. Dabei erschafft er skurrile Welten aus Wahnsinn, Träumen und Rausch, in denen die Rätsel der Existenz pulsieren. 2021 erschien seine Kurzgeschichte »Das Wiedersehen« im Science-Fiction-Sammelband Am Anfang war das Bild von Uli Bendick, Aiki Mira und Mario Franke, der u. a. für den Deutschen Science-Fiction-Preis und den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert wurde. Auf Instagram veröffentlicht er regelmäßig Gedichte. Aktuell arbeitet er an seinem Debütroman.

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Weitere Infos & Material


KERSTIN HERZOG
VALENTINA UND IHRE MÄNNER ODER: DIE UNENDLICHE SUCHE NACH DEM GLÜCK
Gestern habe ich meiner Freundin Valentina einen Abschiedsbrief geschrieben. Es war natürlich kein Brief wie man ihn früher per Post schickte, sondern eine E-Mail. Immerhin beendete ich unsere Freundschaft nicht über Facebook oder WhatsApp. Und »beenden« klingt zu pathetisch. Ich schrieb, ich benötige eine längere Pause. Abstand eben. Das ist viel freundlicher formuliert als ein unwiederbringliches »Beenden«. Heißt aber das gleiche. Ich erinnere mich, wie ich Valentina zum ersten Mal treffe. Ich stehe in einem Klub in der ostdeutschen Provinz zwischen Windischleuba und Meuselwitz. Zugegeben, nicht Mittelpunkt der Welt, aber Leute kommen aus ganz Europa zu dem Festival. Es ist klein und elektronisch. Valentina hat karmesinrote Haare, braune Augen und schneeweiße Haut. Wenn sie spricht, leuchten ihre Zähne wie Perlen und der Schalk funkelt in ihren Augen. Sie wiegt 136,7 Kilo und ist wunderschön. Sofort zieht sie mich auf eines der ranzigen Sofas. Ich sinke tief hinein, sie sinkt noch tiefer neben mir, sodass ich Mühe habe, nicht mit in ihre Sitzkuhle zu fallen. Ich werde von allein nie wieder aufstehen können. Das ist Valentinas Trick. Jetzt hat sie mich. Sie erzählt mir, dass sie heillos in ihren Psychiater Herrn Lorenz verliebt ist. Leider hat er vier Kinder und ist glücklich verheiratet. Sie hat ihm ihre Liebe vor zwei Wochen gestanden und jetzt kann er sie nicht weiter behandeln. Das ist ein großes Unglück. Valentina rinnen Tränen übers Gesicht und ihr hübscher Nilpferdkörper wackelt unter Schluchzern. Mit einem Taschentuch tupft sie die Tränen ab, sieht mich kritisch an und fragt, ob ihre Schminke noch sitzt. Ergeben nicke ich und frage, wie lange sie schon in Herrn Lorenz verliebt ist. Ich stelle mir das trübselig vor, in den eigenen Psychiater verliebt zu sein. Wenige Sekunden überlegt Valentina, nein, sie rechnet nach in Jahren. Ich denke: Ach, Scheiße! »Ben kenne ich seit neun Jahren, dann bin ich vor sechs Jahren zu Herrn Lorenz gekommen. Vor fünf Jahren habe ich mich in ihn verliebt!« »Wer ist Ben?«, frage ich. »Ben ist mein Freund«, erklärt Valentina. Mit Ben lebt sie seit acht Jahren zusammen. Ich bin ehrlich verblüfft. »Und was sagt Ben zu Herrn Lorenz?«, frage ich, »weiß er davon?« Ben legt ihr Schokoladenstückchen neben den Computer, neben das Bett, auf den Couchtisch im Wohnzimmer. Ben weiß, dass Valentina Schokolade liebt, und er liebt Valentina. »Er füttert mich dick und fett«, lacht sie, »damit ich bei ihm bleibe.« Ich finde sie interessant, lustig und abstoßend gleichermaßen. Wir tauschen Mail-Adressen. Ich fahre zurück nach Leipzig, sie nach München. Nach wenigen E-Mails fangen wir an, miteinander zu telefonieren. Ihre Stimme klingt wie die einer Telefonsexarbeiterin, leicht rauchig und verdorben. Meist redet sie. Anfangs fragt sie der Form halber nach meinem Befinden, aber in Gedanken ist sie weiter und mit ihren Themen beschäftigt. Höflichkeitsfragen, kein echtes Interesse. Echtes Interesse hat sie an meiner Meinung zu ihren Problemen. Wir telefonieren nicht so oft. Deswegen macht es mir nichts aus, dass sie mir nie zuhört. Den Psychiater hat sie gewechselt, der neue Psychiater sei kein Vergleich zu Herrn Lorenz, aber fachlich sicher gut, sagt sie und dass sie in einen Musiker verliebt ist. Es folgt eine Litanei über die grandiose Musik von Leander, so heißt der Typ, und über sein unglaublich gutes Aussehen und seine Bodenständigkeit. Im wirklichen Leben ist er Friseur. Als ich ihn später auf einem Festival persönlich kennen lerne, ist er tatsächlich ein netter Typ. Genau, und dann dieses Festival. Das findet in München statt, ich übernachte bei Valentina. Sie wohnt in der Gegend der ehemaligen Maikäfersiedlung in Berg am Laim. In einem kleinen Haus, vermutlich aus den Dreißiger- oder Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Innen ist das Haus ziemlich klein. Wohnzimmer, Küche, Bad und dann steigt man über eine steile Treppe nach oben. Dort befinden sich Schlafzimmer und Kinderzimmer. Alles in allem jedes Zimmer um die zehn Quadratmeter. Statt Kinderzimmer hat Valentina ein Arbeitszimmer. Kinder will sie damals nicht. Sie will den Musiker. Deswegen reibt sie sich die weißen Waden mit roter Weinlaubsalbe ein und steht zwei Stunden vor dem Spiegel. Sie weiß nicht, was sie anziehen soll. Ich sitze in der Küche, als Valentina in hautfarbener Unterwäsche hereingerauscht kommt und mich bittet, ihren BH zu verschließen. Meine Finger berühren ihr weißes Fleisch, welches von tiefen Furchen durchzogen ist. Wulst um Wulst lagert übereinander und begräbt eine weitere Wulst unter sich. Vermutlich ist der Büstenhalter zu eng, denn das weiße Fleisch quillt an den Stoffbändern hervor und wölbt sich unnatürlich. Ich mühe mich vergebens, während Valentina über ihren Körper spricht. Und dass ich so einen fetten Körper wahrscheinlich noch nie gesehen hätte. Nicht so nackt und in vollem Tageslicht. Abrupt dreht sie sich zu mir herum und der Büstenhalter rutscht ergeben Richtung Bauchnabel, bevor er unter ihren schweren herabfallenden Brüsten verschwindet. Ich setze mich und weiß nicht, wohin ich schauen soll. Wie sie es schafft, diese Dinger in den Büstenhalter zu verfrachten, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls kann ich mich noch genau an ihr boshaftes Lächeln erinnern und an den herablassenden Blick. Während sie dann die Waden mit Weinlaubsalbe einfettet, sprudeln aus ihrem Mund erneut die typischen Valentina-Sätze über die Liebe, über den Musiker, über Musik im Allgemeinen und wen sie alles kennt. Als hätte es die Übergriffigkeit mit nackten Brüsten vor wenigen Minuten nicht gegeben. Auf dem Fest wird es besser, Valentina ist wahnsinnig aufgeregt. Wie eine 14-Jährige. Sie steht ganz vorne in der ersten Reihe, als Leander auf die Bühne kommt. Der posiert cool mit seinem Laptop und grinst frech. Mit dem ersten Ton aus den Boxen fällt Valentina in Ohnmacht. Wie ein Baum kippt sie neben mir der Länge nach um. Und hätten nicht Leute hinter ihr gestanden, wäre es böse ausgegangen. Zu viert tragen wir sie raus und ein richtiger Tumult entsteht. Leander hört zu spielen auf und erkundigt sich nach Valentinas Befinden. Draußen auf dem Parkplatz kommt sie wieder zu sich und behauptet steif und fest, es liege an der roten Weinlaubsalbe. Die habe ihren Kreislauf durcheinandergebracht und nicht Leander auf der Bühne. Ich verkneife mir ein Grinsen. Valentina fragt in diesem Augenblick besorgt, wie ihre Ohnmacht wohl auf Leander gewirkt hat. Ich beruhige sie. Das gibt es sicher nicht so oft, dass die Damen gleich in Ohnmacht fallen bei seinen Auftritten. Valentina fängt an zu kichern und dann lachen wir beide richtig los und hören ganz lange nicht mehr auf. Das ist eine der großartigen Eigenschaften von Valentina: Sie kann über sich selbst lachen. Später lese ich nach, dass ihre Ohnmacht auf einen Schock zurückzuführen war. »Positive emotional shock syndrome«, heißt das. Bei den Beatles gab es das reihenweise. Mit Leander geht es dann nicht so richtig vorwärts. Als Valentina herausbekommt, dass er an Silvester in Salzburg spielen wird, ist klar, dass wir hinfahren. Das ist von München aus nicht so weit. Kann man machen. Ben, Valentinas Immer-noch-Freund, und ich sitzen in der Küche, während sie stundenlang im Bad beschäftigt ist. Ab und zu tönt ihre Stimme durch die Tür. Ziemlich aufgeregt wegen Leander. Heimlich beobachte ich Ben, der mir gegenübersitzt und Valentinas unvergleichliche Gemüsesuppe löffelt. Er lässt sich nichts anmerken. »Was machst du heute Abend?«, frage ich ihn. Immerhin ist Silvester. Er zuckt mit den Schultern. »Eine gute Freundin kommt.« »Hierher?« »Ja.« Er sagt es, als wäre es vollkommen belanglos. Zwei Wochen später wird Ben ausziehen und ein Jahr danach die gute Freundin heiraten. Und dann klingelt das Telefon. Irgendwer weiß, dass wir nach Salzburg wollen. Leander hat auf halber Strecke eine Autopanne. Wir sollen ihn holen und mitnehmen zum Gig. Valentina wird kreidebleich und dann sehr betriebsam. Jetzt muss alles rasend schnell gehen, denn Leander steht mit seinem Auto in irgendeiner Parkbucht vor Österreich. Es ist scheißkalt und er muss zum Gig. Mit eingedrehten Lockenwicklern auf dem Kopf quetscht sich Valentina hinters Steuer, ich neben ihr. Wir finden ihn eine Stunde später ziemlich unterkühlt und in eine alte Decke gehüllt in seinem Auto. Ich klettere nach hinten und Leander sitzt vorne neben Valentina. Die Heizung und die Musik werden voll aufgedreht. In Salzburg erzählt Leander Valentina, dass er eine russische Soldatin kennen gelernt hat und sie heiraten will. Kacke, denke ich. Das wird auf gar keinen Fall was mit den beiden. Nach dem Gig sitzen sie trotzdem den ganzen Abend auf dem Sofa im Backstagebereich und reden. Valentina hat sich den Schock nicht anmerken...



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