E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Dieckmann Woher sind wir geboren
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86284-497-5
Verlag: Ch. Links Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Deutsche Welt- und Heimreisen
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-86284-497-5
Verlag: Ch. Links Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
nicht trennen muss: Vergangenheit und Erinnerung. 'Diese Grenze lässt sich überwinden. Unsere doppeldeutsche Geschichte ist ein gemeinsamer Schatz.'
Christoph Dieckmann, geboren 1956, Filmvorführer, Studium der Theologie, Vikar, Medienreferent, Publizist in Berlin. Seit 1990 Autor der ZEIT. 1992 Internationaler Publizistik-Preis von Klagenfurt, 1993 Theodor-Wolff-Preis, 1994 Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1996 Friedrich-Märker-Preis für Essayistik. Dieckmann lebt in Berlin-Pankow. Buchveröffentlichungen u. a.: My Generation (1991), Die Zeit stand still, die Lebensuhren liefen (1993), Das wahre Leben im falschen (1998), Volk bleibt Volk (2001), Die Liebe in den Zeiten des Landfilms (2002, AtV 1349).
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Europas Geburtskirche
Aachen, das Neue Rom. In der Hauptstadt Karls des Großen
Der Aachener Dom ist Teufelswerk, das lernen schon die Kinder. Der Domführer erzählt’s am Wolfsportal einer wimmelnden Schar: Als Karl der Große mal wieder in den Krieg zog, trug er den Aachenern die Fertigstellung seiner Kirche auf, unter Hinterlassung einer Kiste Gold. Das verjubelten die fröhlichen Untertanen. Karls Rückkehr stand bevor. Panik! Ein hinkender Baumeister erschien in der Stadt und versprach, den Bau über Nacht zu vollenden. Sein Honorar? Die erste Seele, die das Gotteshaus betreten werde. Die Aachener erkannten diesen Meister Krippekratz und trieben ihm eine Wölfin über die Schwelle. Tobend trat der Geprellte einen Riß ins Portal und drosch es derart wütig zu, daß sein Daumen im Toröffner verblieb. Dort steckt er seit zwölfhundert Jahren.
Die Kinder, begeistert, entdecken den Teufelsdaumen. In der Eingangshalle kauert zähnefletschend die Wölfin, samt ihrer »Seele«, einem Pinienzapfen. Beide Bronzen stammen wohl aus Rom, denn dies ist das Zentralheiligtum der christlich-römischen Kaiser. Und die Geburtskirche Europas.
Karl der Große einte seinen Kontinent mit Eisen und Blut. Der Frankenhammer zertrümmerte das Reich der Langobarden, schlug die Bayern, bekämpfte die Awaren. In drei Kriegsjahrzehnten unterwarf er die unermüdlich renitenten Sachsen und zwang sie unter sein Kreuz. 4500 Aufständische, so verzeichnen es die Reichsannalen, ließ Karl 782 im »Blutgericht von Verden« köpfen. 785 empfing der Sachsenführer Widukind die Taufe. Einhart, Karls lobhudelnder Biograph, zitiert ein Sprichwort: Der Franke soll dein Freund, nicht aber dein Nachbar sein.
Nun stand Europa weithin wieder unter einer Herrschaft, erstmals seit dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs 476. Zur Weihnacht des Jahres 800 wurde Karl in der Ewigen Stadt von Papst Leo III. zum Imperator gekrönt. Er war am Ziel seiner Wünsche, doch Einhart schildert die römische Erhebung seines Herrn als Überrumpelung eines ahnungslosen Kirchgängers. »Bei dieser Gelegenheit erhielt er den Kaiser- und Augustustitel, der ihm anfangs so zuwider war, daß er erklärte, er würde die Kirche selbst an jenem hohen Feiertage nicht freiwillig betreten haben, wenn er die Absicht des Papstes geahnt hätte.«
Der Kaiser konsolidierte sein Reich. Die »karolingische Renaissance« vereindeutigte das Recht, die Schrift, das Münzwesen, die Religion als göttlich umfangenden Raum, gemäß Augustins Lehrwerk »De civitate Dei«. Karl beendete sein rastloses Reiseregiment. Im fränkisch zentralen Aachen entstand die prächtigste seiner Pfalzen mit der, für dreihundert Jahre, höchsten Kirche nördlich der Alpen. Diese »basilica sanctae Dei genitricis Aquisgrani« nennt Einhart »opere mirabili constructa«, »auf bewundernswerte Art gebaut«. Das wird jeder Besucher empfinden. Studieren kann man die spirituelle Ambition des Baus. Karls Pfalzkapelle ist steinerne Metaphysik, das himmlische Jerusalem auf Erden. Karl herrscht gottgewollt.
Sein Kirchbau herrscht nicht. Aachens Dom ist kein weithin sichtbarer Triumphator wie der von Köln oder Magdeburg. Die beste Ansicht hat man vom Katschhof, dem Zentralplatz der einstigen Kaiserpfalz: links die gotische Chorhalle, 1355 bis 1414 errichtet, rechts der neugotische Turm von 1884. In der Mitte wächst, barock behaubt mit einer Art Zitronenpresse, das karolingische Oktogon, begonnen 793, vollendet 805. Das kaiserkirchliche Vorbild ist San Vitale in Ravenna, letztlich natürlich die Hagia Sophia von Konstantinopel.
Nun treten wir ein. Und sind sofort geborgen. Die Marmorbögen des Achtecks umringen und beschirmen. Es riecht urgemütlich nach Weihrauch. Der Blick fährt auf, 31,40 Meter empor. Im goldgleißenden Mosaik der Kuppel thront Christus. Vierundzwanzig Könige entbieten dem Pantokrator ihre Kronen, gemäß der Johannes-Apokalypse. Auch den Umlauf im Parterre und auf der Empore schmücken lückenlos Mosaike – wilhelminisches »Byzanz« des 19. Jahrhunderts. Der Marmor ist gleichfalls späteres Dekor. Immer wieder wurde der karolingische Domkörper zeitgenössisch eingekleidet. 1794 geriet Aachen als Aix-la-Chapelle an Frankreich. Karls Wiedergänger Napoleon erblickte den Dom strahlend weiß, mit Stuck und Blattgold verhunzt. Die Porphyr-Schmucksäulen, die Karl aus Rom und aus Theoderichs Palast in Ravenna hatte kommen lassen, wurden nach Paris verschleppt. Nach Napoleons Sturz und dem Zweiten Pariser Frieden 1815 kehrten die Säulen zurück, bis auf jene, die der Räuber im Louvre verbauen ließ.
Der Dom, aus dem Rathaus gesehen (Aachen, 1. Oktober 2019)Karls Pfalzkirche war vermutlich steinsichtig hell, mit dunklem Boden. Ursprünglich rot gemalt, heute als Mosaik umläuft die Widmungsschrift das Oktokon; »inque pares numeros omnia conveniunt« heißt es darin, »wenn in gleichen Maßen alles harmoniert«. Alle Maße sind teilbar durch sechs, die Zahl der Schöpfungstage. Der innere Umfang des Oktogons beträgt 144 karolingische Fuß (je 32,24 cm). Die Zahl steht für zwölf mal zwölf, das Duodezimal-system für Vollendung. Zwölf Stämme Israels gibt es, zwölf Apostel, zwölf Monate, zwölf Tierkreiszeichen. In der Apokalypse (Kapitel 7,4 und 14,1) wird die Zahl der Auserwählten mit 144 000 beziffert. Das himmlische Jerusalem schaut der Offenbarungsautor Johannes (Kapitel 21) als zwölftorige Stadt, so lang wie breit wie hoch: »zwölftausend Feld Weg« übersetzt Luther. Die Stadtmauer ragt »hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß«. Aus der Aachener Kuppel senkt sich, als Radleuchter, die Gottesstadt, mit Mauertürmen und Toren. Kaiser Friedrich I. stiftete den »Barbarossaleuchter« 1165, als er Karl den Großen heiligsprechen ließ.
Jede Macht sucht Legitimation in Tradition. Also mußte Karl Roms Kaisertum beerben. Barbarossa wurde 1152 in Karls Kirche gekrönt, als einer von dreißig Königen. Der erste war 813 Karls Sohn und Mitregent Ludwig der Fromme, der letzte 1531 Ferdinand I. Der Thron steht auf der Empore in der Kaiserloge: ein vergilbtes, roh verklammertes Marmorplattenmöbel. Die Herkunft der Platten ist umrätselt, die Vermutungen reichen vom Forum Romanum bis zur Jerusalemer Grabeskirche. Dieser »Erzstuhl des Reiches« wurde reliquarisch verehrt. Der Gekrönte saß über der Gemeinde, unter dem himmlischen Herrscher in der Kuppel, dessen Blick auf ihm ruhte. Bis zur Wiederkunft Christi regierte der Thronsasse als Gottes Weltordner.
Karl der Große starb am 28. Januar 814, im Alter von 65 Jahren. Noch am Todestag, berichtet Einhart, wurde er bestattet, »in der Kirche«. Bloß wo? Von 1910 bis 1914 wurde im Dom gegraben und nichts gefunden. Man weiß, daß zum Pfingstfest des Jahres 1000 Karls Fan, der zwanzigjährige Kaiser Otto III., den Ort öffnete, vielleicht zwecks Präparation der Heiligsprechung seines Idols. Er fand Karl sitzend. Der Tote hielt ein Zepter. Seine Fingernägel hatten sich durch die Handschuhe gebohrt. Otto schnitt Karl die Nägel, ersetzte die Nasenspitze in Gold und stibitzte einen Zahn. Schon 1002 starb Otto, was als Strafe für Grabfrevel gedeutet wurde. Karls Heiligung – und damit die Stärkung der Reichsmacht in Konkurrenz zur Kirche – erwirkte dann 1165 Barbarossa, wenngleich zweitrangig. Papst Alexander III. verweigerte die Zustimmung, der Kaiser installierte den ihm willfährigen Gegenpapst Pascalis III. Bis heute erkennt Rom Karl nur als Aachener Lokalheiligen an. Damit ist der Gewaltmensch und Multigamist sehr gnädig bedient.
Barbarossa verklappte Karls Knochen in ein neues Behältnis, möglicherweise eigenhändig. 1215 vernagelte Friedrich II., soeben gekrönt, höchstselbst den goldenen Skulpturenschrein, der noch heute etwa die Hälfte von Karls mutmaßlichen Gebeinen versammelt. Ein Stück Hirnschale enthält das Kopfreliquiar in der Domschatzkammer; der goldsilberne Edelschädel dient gern als Karls Konterfei. Auch ein Armknochen wird präsentiert, dazu Karls Bestattungshülle: der marmorne Proserpina-Sarkophag aus dem 3. Jahrhundert, von Karl aus Italien mitgebracht. Das wildbewegte Relief zeigt den Raub der Jupiter-Tochter Proserpina durch Pluto, den Herrn der Unterwelt, unterstützt von Minerva und Venus. Mutter Ceres verfolgt die Götterbande – vergeblich. Es geht in den Hades. So eine Kirche bedarf einer pflejenden Hand. Dat weiß jeder Eijenheimbesitzer, er muß zu Hause auch immer wat tun. – So spricht, mit gemütvollem Öcher Zungenschlag, der Dombaumeister Helmut Maintz. Seit drei Jahrzehnten ist er im Amt. Seither wurde sein Schützling einmal rundum saniert, für 37 Millionen Euro. Derzeit seien Dach und Fach in Ordnung.
Der Dom ist keineswegs eine Karls-, sondern eine...




