E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Dexter Gott sei ihrer Seele gnädig
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-293-31031-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman. Ein Fall für Inspector Morse 8
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-293-31031-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Colin Dexter (1930-2017) studierte Klassische Altertumswissenschaft und war erst als Oberstufenlehrer und anschließend als Prüfer an der Oxford-Universität tätig. 1973 schrieb er Der letzte Bus nach Woodstock. Es folgten dreizehn weitere Fälle für Inspector Morse, die als Fernsehserie verfilmt wurden. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mehrmals mit dem CWA Gold Dagger. Für sein Lebenswerk wurde Dexter mit dem CWA Diamond Dagger und dem Order of the British Empire für Verdienste um die Literatur ausgezeichnet.
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1
Das Denken ist völlig abhängig vom Magen;
dessen ungeachtet sind die mit den besten Mägen
nicht auch die besten Denker.
Voltaire in einem Brief an d’Alembert
Am Dienstag war ihm immer wieder übel. Am Mittwoch musste er sich des Öfteren erbrechen. Am Donnerstag war ihm zwar fast die ganze Zeit über schlecht, doch der Brechreiz hatte nachgelassen. Am Freitagmorgen kostete es ihn, elend und teilnahmslos, wie er sich fühlte, und vor allem unendlich müde, eine große Kraftanstrengung, aufzustehen und sich ans Telefon zu schleppen, um seinem Vorgesetzten im Polizeipräsidium in Kidlington mitzuteilen, dass er heute vermutlich nicht zum Dienst erscheinen werde.
Als er am Samstagmorgen aufwachte, stellte er erfreut fest, dass er sich erheblich besser fühlte, und während er in seinem Schlafanzug – grell gestreift wie eine Sonnenliege – in der Küche seiner im Norden Oxfords gelegenen Junggesellenwohnung saß, überlegte er sogar, ob er seinem Magen unter diesen Umständen bereits wieder eine Schüssel Weetabix zumuten könne. Da klingelte das Telefon.
»Hier Morse«, meldete er sich.
»Guten Morgen, Sir.« (Welch angenehme Stimme!) »Würden Sie bitte einen Augenblick am Apparat bleiben? Der Superintendent möchte Sie sprechen.«
Morse blieb am Apparat – er hatte kaum eine andere Wahl – und überflog, während er wartete, die Schlagzeilen der Times, die ihm gerade durch den Briefschlitz gesteckt worden war. Wie immer samstags reichlich spät.
»Ich stelle Sie jetzt durch zum Superintendent«, sagte dieselbe angenehme Stimme. »Einen Moment noch.« Morse schwieg, aber er schickte ein Stoßgebet zum Himmel (für einen Atheisten schon eine Überwindung), dass Strange sich beeilen und ans Telefon kommen möge, um ihm endlich mitzuteilen, was immer es mitzuteilen gab … Auf Morse’ Stirn begannen sich Schweißperlen zu bilden, und er suchte mit der Linken in den Taschen seines Pyjama-Oberteils nach einem Taschentuch.
»Hallo, Morse? Sind Sie am Apparat? Ah, ja? Tut mir leid, dass Sie sich nicht wohlfühlen, alter Junge. Geht zur Zeit vielen so. Den Bruder meiner Frau hat es auch erwischt – wann war es doch gleich –, muss jetzt zwei Wochen her sein, glaube ich. Nein, stimmt gar nicht, eher drei Wochen. Aber das tut ja auch nichts zur Sache.«
Der Schweiß floss jetzt in Strömen, und Morse wischte sich immer wieder mit dem Taschentuch über die Stirn, während er pflichtschuldig ein zustimmendes Gemurmel von sich gab.
»Ich habe Sie hoffentlich nicht aus dem Bett geholt?«
»Nein, das nicht, Sir.«
»Gut. Ich dachte, ich ruf mal schnell bei Ihnen an. Äh … Ach, übrigens, Morse …«, (offenbar hatte Strange sich jetzt zu dem durchgerungen, was er sagen wollte) »es besteht keinerlei Notwendigkeit für Sie, heute ins Präsidium zu kommen, keinerlei Notwendigkeit. Es sei denn, Sie fühlen sich schon bedeutend besser. Ich denke, wir werden hier auch ohne Sie schon zurechtkommen. Auf den Friedhöfen liegen reihenweise Männer, die sich für unentbehrlich hielten, ist es nicht so?«
»Vielen Dank, Sir. Sehr freundlich von Ihnen, mich anzurufen. Ich weiß es wirklich zu schätzen. Allerdings hätte ich dieses Wochenende ohnehin freigehabt …«
»Ach? Na, umso besser. Trifft sich gut, nicht wahr? Da können Sie ja in aller Ruhe im Bett bleiben.«
»Ja, vielleicht, Sir«, sagte Morse erschöpft.
»Aber Sie sagten, Sie seien auf, oder?«
»Ja, Sir.«
»Nun, dann machen Sie, dass Sie jetzt schnell wieder ins Bett kommen, Morse. So ein freies Wochenende ist doch die ideale Gelegenheit, sich mal so richtig zu erholen. Genau das, was Sie brauchen, wenn Sie sich nicht ganz wohlfühlen – ein bisschen Ruhe, Erholung … Das hat der Arzt auch dem Bruder meiner Frau gesagt, als der … wann war das noch gleich …«
Hinterher meinte Morse sich zu erinnern, dass er das Telefongespräch mit Strange trotz allem noch halbwegs anständig über die Bühne gebracht hatte, einschließlich einiger angemessen besorgter Äußerungen bezüglich dem Ergehen von Stranges Schwager, doch vor allem hatte sich ihm eingeprägt, dass sich seine Stirn, als er mit der Hand darübergefahren war, plötzlich nicht nur feucht, sondern sehr, sehr kalt angefühlt hatte und dass er dann zwei-, dreimal tief Luft geholt hatte und plötzlich aufgesprungen und ins Bad gelaufen war …
Mrs Green, seine Putzfrau, die jeden Dienstag- und Samstagvormittag bei ihm sauber machte, warf nur einen kurzen Blick auf Morse, der, an die Wand gelehnt, auf dem Boden des Eingangsflurs saß, dann stürzte sie zum Telefon, wählte den Notruf und bestellte einen Krankenwagen. Ihr Arbeitgeber war bei Bewusstsein, allem Anschein nach nüchtern und sah halbwegs manierlich aus bis auf die rötlich braunen Flecken auf der Vorderseite seiner Schlafanzugjacke, Flecken, die Mrs Green, sowohl was ihre Farbe als auch was ihre Konsistenz anging, lebhaft an den Bodensatz in ihrer Kaffeemaschine erinnerten. Sie wusste nur zu genau, was diese Flecken bedeuteten. Der Arzt damals hatte ihr ohne jede Schonung mit brutaler Offenheit gesagt – fünf Jahre war das nun her –, dass ihr Mann, wenn sie ihn nur rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht hätte, noch am Leben sein könnte …
»Ja, genau«, hörte sie sich überraschend bestimmt sagen, »gleich südlich vom Banbury-Road-Kreisverkehr. Ja, ich werde an der Tür auf Sie warten.«
Um Viertel nach zehn ließ sich Morse ohne allzu großes Widerstreben von einem Sanitäter die Treppe hinunterhelfen. In Hausschuhen und einem frischen Schlafanzug, eine kratzige graue Decke um die Schultern, saß er etwas verloren auf der Pritsche des Krankenwagens. Die Krankenschwester, eine Frau mittleren Alters, schien seine Weigerung, sich hinzulegen, als persönlichen Affront aufgefasst zu haben. Mürrisch, ohne ein Wort zu sagen, schob sie ihm, als er sich geräuschvoll übergeben musste, eine weiße, emaillierte Nierenschale auf den Schoß und schwieg auch noch, als der Krankenwagen auf das Gelände des John-Radcliffe-Krankenhauses einbog und schließlich vor der Notfall-Ambulanz anhielt.
Während Morse, ausgestreckt auf einer Krankenbahre liegend, auf einen Arzt wartete, dachte er in einem Anflug von Selbstmitleid, dass er hier auf diesem Flur sterben könnte, ohne dass dies irgendjemandem auffiele. Er war schon immer ungeduldig gewesen (vor allen Dingen in Hotels, wenn morgens das Frühstück nicht gleich kam), und vielleicht hatte es ja in Wirklichkeit nur einige wenige Minuten gedauert, bis ein weiß gekleideter Krankenhausangestellter neben ihm auftauchte und begann, in aller Ruhe mit ihm den Aufnahmebogen durchzugehen. Morse musste Auskunft geben über seine nächsten Angehörigen (in seinem Fall nicht vorhanden) sowie seine Konfession (ebenfalls nicht vorhanden). Nachdem solchermaßen die Initiationsriten vollzogen und er gleichsam in den Klub aufgenommen worden war, begann man sich um ihn zu kümmern. Von irgendwoher erschien eine junge Schwester, fühlte ihm den Puls, maß seinen Blutdruck (wobei sie, wie Morse fand, den schwarzen Gummiriemen um seinen Oberarm sehr viel fester als nötig anzog) und trug die Ergebnisse mit einem Gleichmut in sein Krankenblatt (»MORSE, E.«) ein, der den Gedanken nahelegte, dass nur ausgesprochen dramatische Abweichungen von der Norm Grund zur Besorgnis sein könnten. Zum Schluss wollte sie auch noch seine Temperatur messen, und Morse kam sich einigermaßen idiotisch vor, wie er so dalag und das Thermometer ihm aus dem Mund ragte. Die Schwester schien mit dem Ergebnis der Messung offenbar unzufrieden, sie schüttelte das Thermometer einige Male mit einer Bewegung, nicht unähnlich einem Rückhandschlag beim Pingpong, um es ihm schließlich, kaum weniger geschickt als beim ersten Mal, noch einmal unter die Zunge zu zwängen.
»Werde ich überleben?«, wagte Morse einen Vorstoß, während die Schwester die Ergebnisse der Messung auf sein Krankenblatt übertrug.
»Sie haben Temperatur«, antwortete der wenig auskunftsfreudige Teenager.
»Ich dachte, jeder Mensch hätte Temperatur«, murmelte Morse.
Doch da hatte die Schwester ihm schon den Rücken zugewandt, um den nächsten Neuzugang in Augenschein zu nehmen.
Der junge Mann, den man gerade hereingerollt hatte, trug noch sein schwarz-rot gestreiftes Rugby-Trikot. Seine nackten Beine waren dreckverkrustet, und quer über seine Stirn klaffte eine scheußlich aussehende, riesige Wunde. Morse kam er dennoch ganz entspannt vor, als er dem Krankenhausangestellten (derselbe, der auch Morse befragt hatte) bereitwillig Auskunft gab über Lebensgeschichte, Konfession und Verwandte. Genauso entspannt ließ er es über sich ergehen, als die Schwester ihm mit dem Stethoskop zu Leibe rückte, den Puls fühlte und seine Temperatur maß. Morse merkte plötzlich, wie er neidisch wurde auf die selbstverständliche Vertrautheit zwischen dem jungen Mann und der ebenso jungen Schwester. Und plötzlich – und diese Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag – realisierte er, dass die Schwester ihn vermutlich genau als das sah, was er ja auch tatsächlich war: ein Mann, der recht und schlecht ins sechste Lebensjahrzehnt getreten war und sich nun den leicht entwürdigenden Krankheiten des beginnenden Alters gegenübersah – Leistenbruch, Hämorrhoiden, Prostatabeschwerden und, ja!, Zwölffingerdarmgeschwüren.
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