DeWinter / Keßler | Beweisstück A. Eine a_sexuelle Anthologie | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 302 Seiten

DeWinter / Keßler Beweisstück A. Eine a_sexuelle Anthologie


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-7758-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 302 Seiten

ISBN: 978-3-7543-7758-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was denken Sie, wenn Sie »Asexualität« hören? An ungehorsame Töchter, eitle Zauberer, einsame Werwölfe oder glückliche Familienväter? Oder an etwas ganz anderes? Mal nachdenklich, mal komisch, oft fantastisch und immer spannend erzählen 19 Geschichten vom asexuellen Spektrum. Mit Beiträgen von Ruth Boose, Carmilla DeWinter, Martin Engelrecht, Erich H. Franke, Jens Gehres, Marcus R. Gilman, Mo Kast, Carmen Keßler, Nicole Kojek, Emeryn Mader, Lili S. McDeath, Friederike Niemann, Katherina Ushachov, Vampyrsoul, Florian Waldner, Jordan T. A. Wegberg, Ria Winter und Amalia Zeichnerin.

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Die weiße Tür
JENS GEHRES
Rita Breier stand in dem teilweise möblierten Schlafzimmer der Wohnung, von der sie hoffte, dass sie bald ihr Heim werden würde. Dies wäre nur der Fall, wenn sie die konservative Witwe Schmidt davon überzeugen konnte, dass Rita keine Probleme in ihr Haus brachte. Es war Mitte Mai 1964, aber die Hausbesitzerin hatte völlig antiquierte Vorstellungen über alleinstehende Frauen. Dass ledige Frauen inzwischen uneingeschränkt geschäftsfähig waren, schien bis zu ihr noch nicht vorgedrungen zu sein. Rita hatte allerdings vorgesorgt. Im Laufe ihres bisher einsamen Lebens hatte sie festgestellt, dass verheiratet oder verwitwet zu sein in den unterschiedlichsten Situationen von Vorteil sein konnte. Die meisten Männer hielten Abstand von einer vergebenen Frau. Beim Mieten einer Wohnung jedoch war ein toter Mann nützlicher. Er ersparte Rita lästige Fragen von Vermietern und eine Frau im Trauerjahr bekam keinen Männerbesuch. Deshalb trug Rita heute Schwarz und spielte die trauernde Witwe, die aus finanziellen Gründen umziehen musste. »Und wohin führt diese weiße Tür?«, erkundigte sich Rita. Jemand hatte die Klinke von besagter Tür abmontiert, nur ein viereckiges Loch war zurückgeblieben. Das Schloss allerdings schien intakt zu sein. »Ach, diese Tür da?« Witwe Schmidt winkte ab. »Die führte mal in die Wohnung nebenan. Janz früher war das janze Stockwerk mal eine große Wohnung.« »Ah ja.« Rita nickte. »Ich muss also von dieser Seite nicht mit unangenehmen Überraschungen rechnen.« »Nee, nee«, sagte Witwe Schmidt. »Die is schon seit über zwanzig Jahren verschlossen. Ick hab keene Ahnung, wo der Schlüssel abjeblieben ist. Und nebenan wohnt nur der junge Herr Junkers. Der studiert Ingenieurstechnik, der ist eh nie zuhause. Und das ist auch ein janz Lieber. Nur ab und zu trifft er sich am Wochenende mit einem Studienkollegen. Aber nur zum Arbeiten, nicht zum Trinken oder so.« »Aha.« Rita wusste zwar nicht, was sie mit der Bezeichnung >janz Lieber< anfangen sollte, nickte aber und zwang sich zu einem schmalen Lächeln, das die mürrische Witwe nicht erwiderte. Jetzt musste sie alles auf eine Karte setzen und die entscheidende Frage stellen. »Ich würde die Wohnung nehmen.« Rita war darum bemüht, ihre Stimme zu kontrollieren. »Können wir gleich den Mietvertrag abschließen?« »Hundertachtzig Mark, junges Fräulein«, sagte die Witwe mit hochgezogenen Augenbrauen. »Zahlbar an jedem Ersten des Monats.« »Das ist kein Problem, Frau Schmidt«, erwiderte Rita eilig. Vielleicht etwas zu eilig. Sie atmete einmal tief durch und zwang sich zur Ruhe. »Ich arbeite in der Margarinefabrik als Sekretärin und verdiene genug. Und Sie dürfen mich gerne mit Frau Breier anreden.« Frau Schmidt warf einen prüfenden Blick auf Ritas linke Hand, beide Frauen trugen einen schmalen Goldring am Ringfinger. »Wat is denn mit Ihrem Mann?«, erkundigte die alte Witwe sich skeptisch. »Arbeitet der nich, oder wat?« »Nicht mehr seit seinem Unfalltod«, gab Rita zurück. Auch das war eine Lüge. Den Ring hatte Rita für fünf Mark bei einem Pfandleiher besorgt. Das Gesicht von Witwe Schmidt versteinerte und sie schwieg einen Moment. Dann murrte sie mit betont gleichgültiger Stimme: »Tschuldigung, dat wusste ich nich.« Diese Wohnung ist viel zu klein für zwei Personen und ich trage tiefschwarze Kleidung, dachte Rita grimmig. Noch offensichtlicher kann eine junge Witwe nicht aussehen. Rita hätte ihre Gedanken gerne Frau Schmidt ins Gesicht geschrien, erwiderte aber stattdessen: »Woher auch?« »Na jut, dann schreibe ich Ihren Namen in den Mietvertrag und werfe ihn in Ihren Briefkasten.« Frau Schmidt wirkte auf Rita plötzlich peinlich berührt. »Wenn Se ihn unterschriebn habn, schieben Se ihn einfach unter meiner Tür durch.« Die alte Witwe schritt auf Rita zu und strich ihr mitfühlend über den Arm. »Wir Witwen müssen doch zusammenhalten«, sagte sie leise. »Mein Hermann ist in der vorletzten Kriegswoche in der Nähe von Augsburch gefallen. Seither schmeiße ick hier alleene den Laden.« Sie griff in die tiefe Tasche ihrer unvermeidlichen Kittelschürze und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. »Wohnungsschlüssel, Haustürschlüssel, Briefkastenschlüssel, Kellerschlüssel und dit is der für die Waschküche.« Frau Schmidt warf Rita einen ernsten Blick zu. »Kein Herrenbesuch, klar? Dat hier is ein ehrenwertes Haus!« Rita nickte eilig. »Darum müssen Sie sich keine Sorgen machen, Frau Schmidt«, erklärte sie und dachte: Herrenbesuch ist garantiert mein geringstes Problem. Energisch nickte Frau Schmidt, drehte sich um und verließ ohne ein Wort des Abschieds die Wohnung. Rita lächelte und sah sich glücklich um. Ihr Plan war aufgegangen. »Alles meins«, flüsterte sie leise. Erschöpft öffnete Rita den letzten Karton, der ins Schlafzimmer gehörte. Noch mehr Unterwäsche. Sie atmete einmal tief durch und sah zweifelnd nach dem Ungetüm von Kleiderschrank, das sich in einer Ecke des Schlafzimmers wie ein Dämon aus der Unterwelt erhob. Witwe Schmidt hatte ihr versichert, dass er schon seit über vierzig Jahren an derselben Stelle stand. Rita glaubte ihr das sofort. Der Schrank war aus massivem Eichenholz, verdeckte die ganze vier Meter lange Wand und war garantiert schwer wie Blei. Er hatte drei klobige Türen und über ein dutzend gigantische Schubladen. Rita würde problemlos in eine der großen Schubladen hineinpassen. Ein Schrank für eine Großfamilie. In diesem Ungetüm nach einem Kleidungsstück zu suchen würde einer Amazonasexpedition gleichkommen. Sie umfasste den Griff einer der kleineren Schubladen und zog. Sie klemmte. Rita seufzte und verdrehte die Augen. Dann packte sie mit beiden Händen den abgenutzten Eisengriff und zog, so stark sie konnte. Unerwartet gab die Schublade nach und Rita riss sie aus dem Schrank. Mit einem überraschten Aufschrei kippte sie mit den Armen rudernd nach hinten auf das Bett, die leere Schublade fiel klappernd zu Boden. Entgeistert sah Rita zum Schrank, in dem jetzt ein riesiges Loch gähnte. Sie begann zu kichern und lachte kurz auf. Glücklicherweise hatte niemand sie bei ihrem Kampf mit dem Schrank beobachtet. Sie schüttelte lächelnd über sich selbst den Kopf und drehte die Schublade um, damit sie sehen konnte, was da geklemmt hatte. Erstaunt gingen ihre Augenbrauen nach oben. In dem schmalen Raum unter dem Boden der Schublade klebte ein großer, brauner Papierumschlag. Der fleckige, zerknitterte Umschlag war schon länger an diesem Platz, vielleicht Jahre. Neugierig glitten Ritas Finger den Rand des Umschlages entlang und fühlten alten, vertrockneten Kleber. Mit einem knisternden Reißen löste sich das Papier vom Holz. Rita drehte das Kuvert und betrachtete es von allen Seiten. Es war zugeklebt und unbeschriftet. Ihre tastenden Finger erspürten einen schmalen, etwa fünfzehn Zentimeter langen Gegenstand in der unteren Ecke und so etwas wie einen Packen Papier. Rita riss den Umschlag auf und sah interessiert hinein. Dokumente, wie sie vermutet hatte. Sie nahm die Papiere aus dem Kuvert und blätterte sie durch, dabei weiteten sich ihre Augen vor Erstaunen. Auf einer alten Schwarzweißfotografie mit zerfranstem Rand blickte ein Ehepaar ernst in die Kamera. Die Frau trug ein weißes Kleid, das in den Dreißigern modern gewesen war, und saß verkrampft auf einem Stuhl. Er trug einen schwarzen Anzug, stand hinter ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. Rita runzelte die Stirn, als sie im Hintergrund auf dem Kamin eine Menora entdeckte. Dieser siebenarmige Kerzenleuchter war ein Symbol der jüdischen Religion. Das nächste Dokument war eine Besitzurkunde aus dem Jahr 1932 von dem Haus, in dem sie jetzt wohnte. Es war mal im Besitz einer Familie Goldstein gewesen. Dann folgten andere wichtige Unterlagen, Geburtsurkunden, Zeugnisse und Ähnliches, aber keins der Dokumente war älter als Oktober 1938. Ein kalter Schauer lief über Ritas Rücken. Am zehnten November 1938 hatte die Reichskristallnacht stattgefunden und tausende von Juden waren in Lagern verschwunden. Ob Witwe Schmidt weiß, wem ihr Haus vorher einmal gehört hat?, dachte sie. Sie legte die Papiere zur Seite, griff erneut nach dem Umschlag und der längliche Gegenstand plumpste auf ihre Tagesdecke. Es war ein bulliger, schwarz glänzender Eisenschlüssel mit langem Bart und einem fein gravierten Griffstück. »Sie mal an«, murmelte sie überrascht und nahm den Schlüssel in die Hand. Er war schwer und unhandlich, das Griffstück blankpoliert von vielen Händen. Ritas Blick glitt nach oben und kam auf der verschlossenen weißen Tür zur Ruhe. Sie erinnerte...



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