E-Book, Deutsch, 172 Seiten
Dewanger Mit Gong Fu ins Wan Wu
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-5749-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Betrachtungen zur Psychologie und Praxis im Taijiquan
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-7583-5749-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer Taijiquan als innere Kampfkunst betreibt, kommt nicht umhin, sich mit sich selbst und seinen inneren Kämpfen auseinanderzusetzen. Auf diese einen psychologischen Blick zu werfen, ist das Anliegen des vorliegenden Buches.
Dr. Christian Dewanger; promoviert in Psychologie; Lehrer für Taijiquan und Qigong seit 2001; Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Europa-Universität Flensburg
Autoren/Hrsg.
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2. Kontaktaufgaben
Die erste Orientierung und zugleich einen wesentlichen Rahmen für die innere Arbeit bieten uns die Aufgaben des Kontaktes zur Erde, zum Himmel und zur Umwelt. Wenn wir Wurzeln bilden und uns an den Himmel hängen, kontaktieren wir grundlegende Kräfte und Energien, die weit über uns hinaus gehen, uns aber dabei helfen, uns selbst zu begegnen. Wir sind auf unserem Weg nicht allein, uns stehen die Kräfte des Dao zur Verfügung, die wir nur nutzen sollten. Ich kann daher gar nicht ausreichend betonen, wie bedeutsam die Kontaktaufgaben sind, auch wenn sie relativ schnell und einfach erklärt und behandelt sind. Zunächst besinnen wir uns darauf, dass Himmel und Erde im daoistischen Verständnis mit Yang und Yin assoziiert sind, ihnen also bestimmte energetische Eigenschaften zugeschrieben werden. Möchten wir nun diese kontaktieren, so sollte dies ebenfalls nach dem Yin-Yang-System erfolgen, d.h. wir begegnen dem Yang mit einem Yin und umgekehrt. Da der Himmel Yang ist, kontaktieren wir diesen also mit einer geistigen Yin-Haltung. Und der Erde als Yin begegnen wir mit Yang als einer körperlichen Aktivität. Die geistige Yin-Haltung bedeutet, dass wir den Himmel nicht aktiv kontaktieren, sondern diesen nur passiv zum Kontakt einladen können. Ob der Kontakt geschieht, entscheidet der Himmel, denn dieser ist das Yang. Damit richten wir uns zugleich auf die eigentlichen Qualitäten des Shen, also der geistigen Ebene aus, die im Wahrnehmen und Beobachten liegen, also selbst passiver Natur sind. Im Gegenzug kann der Kontakt zur Erde durch eigene Aktivität erfolgen. Wir können die Erde direkt mit unseren Bewegungen und Handlungen kontaktieren und in ihrer Passivität wird sie alles tragen. Daraus ergibt sich ganz unmittelbar, dass die Aktivität unserer Bewegungen im Unterbauch, in den Hüften und Beinen ihren Ursprung hat, also vom Xia Dantian gelenkt wird. Der Oberkörper hingegen bleibt passiv und drückt lediglich die Folgen der Aktivität im unteren Bereich aus, ohne dabei selbst einzugreifen. Entsprechend setzen unsere Füße die Kraft frei, nicht die Hände. Letztere drücken die Kraft nur aus. Wir haben also eine sehr klare Zuordnung: Tun und Erde gehören zusammen, sie bilden das Aktiva im Yin und damit die Manifestation. Dem gegenüber steht das zum Himmel gehörende Beobachten, Wahrnehmen und Erfahren, welche das Passiva im Yang bilden, die Information. Unsere Positionierung zwischen Himmel und Erde erhält auf diese Weise eine klare Struktur, die unseren Kontakt zu den energetischen Qualitäten deutlich erleichtert und mit den Zuschreibungen von Aktivität und Passivität zudem unmittelbare, konkrete Übungsvorgaben gibt. Abbildung 1: Tian-Di-Ren als Ausgangspunkt Wie bereits gesagt, ist dieses Prinzip einfach, und es lässt sich in allen Bereichen des Übens aber auch des Alltags anwenden. Es organisiert unsere Bewegungen im Taijiquan ebenso wie unsere Verarbeitung bzw. Bewältigung von Erfahrungen. Für unsere Bewegungen bedeutet es, dass ihre Initiation, ihr Anfang, in den Füßen und Beinen zu finden sein sollte, und die aufsteigende Bewegung dann von den Hüften in die gewünschten Ausdrucksformen gelenkt wird, welche sich dann im Oberkörper, den Armen und Händen manifestieren. Eben auf diese Weise entstehen die fließenden Bewegungen, in denen alle Teile des Körpers miteinander verbunden sind. So wie gerade beschrieben, können Bewegungen, in denen wir Kraft übertragen, gut nachvollzogen werden. Doch auch für Bewegungen, mit denen wir Kraft aufnehmen und neutralisieren, gilt dieser Ablauf. Eine an uns herangetragene Energie wird von den Händen und Armen passiv empfangen und aufgenommen, dann aber durch aktives Sinken im Xia Dantian und Nutzen der Beine und Füße in den Erdboden abgeleitet. Der aktive Part verbleibt unten, der passive oben. Und auch, wenn wir in den Alltag gehen und uns unseren Umgang mit Situationen und Erfahrungen ansehen, können wir diesem Prinzip folgen. In unserem normalen Erleben und Handeln sollten wir nämlich immer klar unterscheiden, auch, wenn es oft durch Zeitdruck oder ähnliches nur bedingt möglich ist: Entweder gehen wir ins Himmlische und konzentrieren wir uns darauf, die Situation/Erfahrung zu erleben, zu beobachten und zu analysieren, oder aber wir gehen ins Irdische und fokussieren uns darauf, zu handeln, zu gestalten und Einfluss zu nehmen. Natürlich müssen beide Komponenten meistens quasi gleichzeitig erfolgen, aber eben daraus resultieren oftmals auch die Probleme. Wir reden schneller als wir denken, und bereuen dann das Gesagte. Wir gehen in die Aktion, ohne einen Plan zu haben und erreichen dann die Ziele nicht. Wir sind noch damit beschäftigt, die Situation verstehen zu können, hätten aber schon längst agieren müssen. Es gibt unzählige derartige Beispiele, aber in den allermeisten Fällen weisen sie einen Punkt auf, nämlich den, dass wir das beschriebene Prinzip nicht ausreichend anwenden und im Agieren zu wenig Yang und im Nachdenken zu wenig Yin sind. In der Umkehrung finden wir also in unserer geistigen Tätigkeit zu viel Yang und im Tun zu viel Yin. Sind wir mit der Verarbeitung einer Situation beschäftigt, so ist das eine himmlische, also geistige Aktivität. In der Regel machen wir uns dann allerlei Gedanken, wälzen Aspekte hin und her und suchen wir irgendwie eine Erkenntnis. Und ganz ehrlich: Wie oft gelingt das? Wir denken nach und denken nach, kauen auf der Erfahrung rum und schlittern schlimmstenfalls in ein nicht aufhörendes Gedankenkreisen, ohne jedoch eine Lösung zu finden. Dann begegnen wir dem Himmel im Yang und »müssen« scheitern. Denn dem Himmel ist im Yin zu begegnen, und das bedeutet, dass unser Nachdenken von Passivität und Beobachtung getragen sein sollte. Die meisten Lösungsideen und Erkenntnisse werden nämlich nicht erarbeitet, sondern stellen sich spontan ein. Sie sind Eingebungen, Intuitionen. Genau die aber blockieren wir, wenn wir angestrengt und pausenlos denken. Doch es gibt eine Schnittstelle, eine Form aktiven Denkens, die dennoch von Yin getragen ist. Und dies ist schlicht rational-analytisches Denken. Dieses geht von den empirischen Fakten aus, bezieht sich auf konkret definierte Gegenstände, zergliedert die Beziehungsstrukturen zwischen diesen, bildet klare Hypothesen und prüft diese, um so strukturiert zu einem Ergebnis zu kommen. In der chinesischen Sicht wird das Denken der Wandlungsphase Erde zugeordnet, ebenso der Magen. Beide verarbeiten konkrete Dinge, indem sie diese zerlegen und aus den Einzelteilen etwas Neues, Wertvolles zusammensetzen. Entsprechend können wir dieses als Yin-Qualität in unser Denken aufnehmen, und so die Qualitäten des Yang-Himmels schärfen und befördern, die darin liegen, emotional nüchtern und sachlich Informationen zu verarbeiten. Auf der anderen Seite nützten uns unsere Eingebungen, Intuitionen oder auch Ergebnisse rational-sachlicher Analysen nichts, wenn wir diese nicht anwenden, also in ein Tun überführen. So manch eine Erkenntnis verbleibt im Denken und ändert an der alltäglichen Praxis gar nichts. Ja, wir haben verstanden, warum wir in einer Situation agiert haben, wie wir agiert haben, obwohl wir so nicht agieren wollten, werden aber dennoch in der nächsten Situation wieder genauso agieren. Verstehen alleine reicht nicht aus. Erst, wenn wir aus dem Verstehen heraus etwas tun, ändert sich auch etwas, kann sich etwas manifestieren. Dabei muss dieses Tun nicht einmal nach Außen gerichtet sein. Es kann auch darin bestehen, die Eigenwahrnehmung zu ändern, bestimmte gedankliche Automatismen abzustellen, oder sich bewusst mehr Zeit für bestimmte Empfindungen zu geben. Wenn wir aber im Tun sind, dann sollten wir auch klar im Yang sein und eben nicht analysieren, nachdenken usw. Dabei ist es natürlich hilfreich, wenn die Ziele und Handlungsabsichten bereits klar sind und nicht erst noch gefunden werden müssen. Sehr oft aber agieren wir, ohne diese Klarheit und können wir dann gar nicht anders, als auch Energie auf das Yin des Nachdenkens auszurichten. Damit aber sind wir eben nicht mehr voll im Yang und schmälern wir so die Wirkungskraft unserer Handlungen. So wie das Tai Yi als Yang-Qualität im Huang Ji aus dem Wu Ji als Yin-Qualität hervorgeht, sollte auch in unserem Leben das Yang aus dem Yin hervorgehen. Also: Erst nachdenken und dann handeln. Wenn wir aber handeln, dann vollkommen und absolut, hundertprozentig und mit allen Mitteln. In unserem Körper nun können wir beide Kontaktqualitäten zusammenführen und in Verbindung bringen. Wir können in uns eintauchen und den inneren Wegen nachspüren, auf denen sich die Aktivität im Yin der Erde aufbaut, nach oben hin entwickelt und hinein in die Passivität des Yang des Himmels auswirkt. Und wir können erkunden, wie das Zusammenkommen von Yin und Yang in uns unser Chong...




