E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Deville Pest & Cholera
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-293-30993-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-293-30993-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexandre Yersin, Arzt, Forscher, Seefahrer, Landwirt, Geograf und Mitarbeiter Louis Pasteurs, wird von einer unbändigen Neugier um die Welt getrieben. Als Schiffsarzt befährt er die Meere Asiens und stürzt sich in immer neue wissenschaftliche Abenteuer. In China gelingt ihm unter dramatischen Umständen eine sensationelle Entdeckung: Er identifiziert den Pestbazillus und entwickelt als Erster einen Impfstoff gegen die Geißel der Menschheit.
Der französische Schriftsteller und Bestsellerautor Patrick Deville erzählt in einem leidenschaftlichen Abenteuerroman von diesem außergewöhnlichen Mann und seiner Epoche.
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In Paris
Als Yersin die andere Hauptstadt entdeckt, stößt er vor allem auf den Antigermanismus. In Paris tut man besser daran, den komischen Schweizerhut statt Pickelhaube zu tragen, zu jodeln statt bayrische Lieder zu singen. Seit fünfzehn Jahren, seit Sedan ist Frankreich kleiner, und das kann man nicht durchgehen lassen. Für die Abtrennung des Elsass und Lothringens rächt sich Frankreich durch die Eroberung eines ausgedehnten Übersee-Imperiums, das weit größer ist als das der Deutschen. Von den Karibischen Inseln bis nach Polynesien, von Afrika bis Asien: Über der Trikolore geht die Sonne ebenso wenig unter wie über dem Union Jack. In jenem Jahr trifft Auguste Pavie, der Erforscher von Laos, Pierre Savorgnan de Brazza, den Erforscher des Kongo. In der Rue Mazarine, im Restaurant La Petite Vache, versammelt sich auch die kleine Schar der Sahara-Reisenden. Zwei Jahre zuvor hatte sich die französische Marine von Cochinchina aus der Provinzen Annam und Tonkin bemächtigt. Yersin liest die Berichte, studiert die Karten. Hier hat er es mit Männern zu tun, und die würden nicht nach Marburg gehen und dort vor sich hinvegetieren. Er ist überzeugt von der Richtigkeit seiner Wahl. Hier muss man leben. Paris ist vielleicht zum letzten Mal in seiner Geschichte eine moderne Stadt. Die Renovierungsarbeiten nach Haussmanns Plänen sind abgeschlossen. Man entwirft den Plan einer U-Bahn. »Ich betrete den Louvre. Heute besuche ich die ägyptische Sammlung.« Im Salon des Bon Marché liest Yersin Zeitungen. Gegenüber hat die Familie Boucicaut, Besitzer dieses Warenhauses, fünfundzwanzig Jahre später das Hotel Lutetia bauen lassen. Und gegen Ende seines Lebens bezieht Yersin dort jedes Jahr regelmäßig für ein paar Wochen ein Zimmer, nachdem er dafür um die halbe Welt gereist ist, immer dasselbe Eckzimmer im siebten Stock, ein paar hundert Meter von seiner ersten Studentenbude entfernt, einer armseligen Mansarde in der Rue Madame, von wo aus er den Kirchturm von Saint-Sulpice sehen kann, wenn er sich den Hals verrenkt, wie er Fanny schreibt. In der Rue d’Ulm ist Louis Pasteur gerade eine zweite Impfung gegen die Tollwut gelungen. Nach dem Erfolg bei dem kleinen Elsässer Joseph Meister jetzt der bei Jean-Baptiste Jupille aus dem Jura. Bald kommen Patienten von überall her. Bislang bestand die medizinische Behandlung in allen schneebedeckten Landstrichen und Wäldern mit Wölfen, in Frankreich wie in Russland, häufig darin, die Tollwütigen zu fesseln und zu ersticken, bevor man selbst gebissen wurde. Das Abenteuer liegt um die Ecke in der Rue d’Ulm ebenso wie an den Hängen der Dünen in der Sahara. Die neue Grenze der Mikrobiologie. Der zweiundzwanzigjährige ausländische Student, der über den Zeitungen sitzt, liegt noch seiner Mutter auf der Tasche. Wie alle Männer damals trägt er einen kurz geschnittenen Bart und eine dunkle Jacke, speist in Kellerkneipen zu Abend, in denen Proletarier gerne ein Gläschen über den Durst trinken, denn jedes geleerte Glas mehr ist ein Glas weniger für die Boches, und es wäre doch idiotisch, Herr Wirt, wenn man ihnen das Fass überließe. »Ich war Zeuge eines heftigen Streits zwischen den Arbeitern und einer aus Deutschland stammenden Person, die, glaube ich, das Pech hatte, ihre Muttersprache zu sprechen und dafür fast erschlagen wurde.« Im Augenblick muss er sich kümmerlich durchschlagen. Er schreibt sich in den Grundkurs für Bakteriologie ein, den Professor Cornil hält. Es ist ein neues Fach. Sein Leben lang wählt Yersin das Neue, das ganz und gar Moderne. In wenigen Monaten wird bei Pasteur geimpft wie verrückt. Januar sechsundachtzig: Von fast tausend Geimpften sterben noch sechs, vier, die von einem Wolf, und zwei, die von einem Hund gebissen wurden. Im Juli: Auf jetzt fast zweitausend erfolgreiche Impfungen kommen nur noch zehn Fehlschläge. Deren Leichen werden in die Leichenhalle des Hôtel-Dieu gebracht, wo Cornil Yersin mit der Autopsie beauftragt. Das Mikroskop von Carl Zeiss lässt nur ein Urteil zu: Die Untersuchung des Rückenmarks zeigt die Wirkungslosigkeit der Impfung bei den Verstorbenen: Sie waren zu spät behandelt worden. Yersin übergibt seine Ergebnisse Pasteurs Assistenten Émile Roux. In der Leichenhalle des Hôtel-Dieu begegnen sich zwischen den Leichen von Tollwütigen zwei Waisen im weißen Kittel; es sollte ihr Leben verändern. Der Waisenjunge aus Morges und der Waisenjunge aus Confolens. Roux stellt Yersin Pasteur vor. Der schüchterne Jüngling sieht den Mann und die Stätte seines Wirkens, in einem Brief an Fanny schreibt er: »Das Sprechzimmer von Herrn Pasteur ist klein, quadratisch, mit zwei großen Fenstern. An einem der Fenster steht ein kleiner Tisch, darauf Stilgläser, die die Impfviren enthalten.« Bald hat Yersin einen Platz bei den Ärzten in der Rue d’Ulm. Jeden Morgen bildet sich im Hof eine lange Schlange ungeduldig wartender Tollwütiger. Pasteur hört sie ab, Roux und Grancher impfen, Yersin bereitet den Impfstoff vor. Er wird besoldet, erhält ein mageres Gehalt. Nie wieder wird er jemandem Geld schulden. Der Waisenjunge aus Morges und der Waisenjunge aus Confolens haben in dem strengen Gelehrten aus dem Jura einen Vater gefunden. Der Mann im schwarzen Gehrock trägt einen großen biblischen Namen, einen Namen, unter dem man die Herden zu den Weiden führt und die Seelen zur Erlösung. Schon krank, aber noch Kanzler der École normale supérieure, beendet Louis Pasteur vor der Akademie der Wissenschaften seinen Bericht. Es gibt gute Gründe, ein Zentrum zur Tollwutimpfung zu schaffen. Die Stadt Paris stellt ihm vorübergehend ein heruntergekommenes dreistöckiges Gebäude aus Backstein und Holz in der Rue Vauquelin zur Verfügung, und die kleine Bande richtet sich dort ein. Es ist der Anfang ihrer Wohngemeinschaft. Auf den Hof hinaus Pferdeställe, Hundezwinger und der Impfsaal. Roux, Loir, Grancher, Viala, Wasserzug, Metschnikow, Haffkine, Yersin. Der ein düsteres Gesicht macht und die Stirn runzelt, wenn man seinen Namen wegen seines Akzents Yersine wie Haffkine ausspricht. Jeden Morgen geht er aus dem Haus, um in der Rue des Saints-Pères seine Medizin-Vorlesungen zu hören. Mittags isst er in einer kleinen Kneipe in der Rue Gay-Lussac. Seine Doktorarbeit widmet er der Diphtherie und der Tuberkulose, die man zu jener Zeit in der Dichtung noch Schwindsucht nennt. Im Hôpital des Enfants-Malades führt er klinische Studien durch, nimmt Abstriche aus entzündeten Kehlen, extrahiert die Pseudomembranen, versucht das Diphtherietoxin zu isolieren, liest in Zeitschriften die Berichte der Entdecker. Bei der Banque de France wird ein internationales Konto zur Unterstützung von Louis Pasteur eingerichtet. Die Spenden fließen. Der russische Zar, der brasilianische Kaiser und der Sultan von Istanbul steuern ihren Teil bei, aber auch kleine Leute, deren Namen jeden Morgen im Journal Officiel veröffentlicht werden. Der alte Pasteur geht die Aufzählung durch. Er weint, als er sieht, dass der junge Joseph Meister ihm drei Sous zukommen lässt. Man erwirbt ein Gelände im fünfzehnten Arrondissement. Roux und Yersin inspizieren wöchentlich die Arbeiten in der Rue Dutot, kehren dann in die Rue d’Ulm zurück, wo die kleine Bande sie in der Wohnung des Ehepaars Pasteur über die ausgerollten Baupläne gebeugt erwartet. Der alte Mann im schwarzen Gehrock hat bereits zwei Schlaganfälle erlitten, das Sprechen fällt ihm schwer, sein linker Arm ist gelähmt, sein Bein lahm. Für das Institut entwerfen Roux und Yersin mit dem Architekten eine Innentreppe, die niedrigere Stufen hat, dafür aber mehr. Auf den alten Pasteur warten keine Entdeckungen mehr. Den Stab übernimmt Roux, der Auserwählte, der Beste unter den Söhnen, er soll das Erbe antreten. Seinen letzten Kampf führt Pasteur in der Theorie. Seit mehr als zwanzig Jahren schießen seine Gegner, die Anhänger der Spontanzeugung, wie Pilze aus dem Boden. Er verteidigt seine Auffassung, dass nichts aus dem Nichts entsteht. Und was ist mit Gott? Warum gibt es alle diese Mikroben und warum blieben sie uns jahrhundertelang verborgen? Warum müssen Kinder sterben und vor allem die Kinder der Armen? Fanny macht sich Sorgen. Pasteur tönt wie Darwin. Der Ursprung der Arten und die biologische Evolution, von der Mikrobe bis zum Menschen, widersprechen den heiligen Texten. Yersin lacht darüber, und mit ihm die ganze verschworene Bande. Bald wird das alles vollkommen klar sein, es wird genügen, es zu erklären, zu lehren, die Untersuchungen zu wiederholen. Sie alle hätten sich kaum ausmalen können, dass eineinhalb Jahrhunderte nach ihnen die Hälfte der Weltbevölkerung noch immer den Kreationismus verteidigt. In diesen Jahren, in denen sich die Bande der Pasteur-Schüler bildet, trifft sich die kleine Bande der Sahara-Reisenden weiterhin in der Rue Mazarine, während sich die Schar der Parnassiens zerstreut. Eine Zeitlang existieren die drei nebeneinander. In derselben Stadt und in denselben Straßen. Banville, der sanfte Dichter, haust noch in der Rue de Buci, wo er Rimbaud sein Dienstmädchenzimmer überließ, bevor dieser mit Verlaine in die Rue Racine zog. Seit der »Seher« weggegangen ist, dümpeln die Parnassiens vor sich hin. Aus Gewohnheit suchen sie noch ihre Bistros auf, ihre Laboratorien, in deren Retorten andersartige Elixiere entstehen, die bunten Feengestalten, die sich im Hirn der nicht mehr ganz taufrischen Parnassiens einnisten und durch den schemenhaften Alexandriner geistern, dessen Halbverse sich unablässig entgegenstehen, doch immer blutleerer werden. Im...