Detering | Das Versprechen eines Lebens - oder: Der Sommer des Raben | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 206 Seiten

Detering Das Versprechen eines Lebens - oder: Der Sommer des Raben

Roman | Eine junge Frau erfährt nach dem Tod ihres Freundes von einem Familiengeheimnis und reist auf dessen Spuren bis nach Prag und Hiddensee
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-211-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman | Eine junge Frau erfährt nach dem Tod ihres Freundes von einem Familiengeheimnis und reist auf dessen Spuren bis nach Prag und Hiddensee

E-Book, Deutsch, 206 Seiten

ISBN: 978-3-98952-211-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Emotional, aufwühlend, hoffnungsvoll Wenn alte Geheimnisse zu neuen Anfängen führen ... Seit dem Unfalltod ihres Freundes, fühlt sich das gemeinsame Haus im Havelland für Siri nur noch einsam an - und als Schuldgefühle an Felix' Tod aufkommen, will sie ein Versprechen, dass sie ihm vor langer Zeit gegeben hat, endlich einlösen. Sie soll für ihn die alte, berühmte Holzmarionette eines Raben finden. Eine Spur führt nach Hiddensee, wo Siri das Gefühl hat, bei frischer Inselluft und langen Strandspaziergängen endlich wieder frei atmen zu können. Sie mietet sich in einer kleinen Pension ein - doch warum kommt ihr der charmante Pensionsgast Magnus so seltsam bekannt vor? Mehr und mehr hat sie den Verdacht, dass Felix ihr einiges aus seinem Leben verschwiegen hat. Ein Hinweis auf den Raben führt Siri weiter nach Prag zum alten Besitzer eines Marionettenladens, doch dort begreift sie, dass sie erst die Geheimnisse der Vergangenheit lösen muss, wenn eine neue Zukunft möglich sein soll ... »Die Autorin wollte mit dem Buch den Raben eine eigene Geschichte widmen. Gleichzeitig hat sie damit Josef Skupa, dem Schöpfer von Spejbl und Hurvineck, ein literarisches Denkmal gesetzt.« (Manuela Benesch/Lesejury.de) Dieser Roman ist bereits unter dem Titel »Der Sommer des Raben« erschienen und wird Fans von Patricia Koelle und Anne Barns begeistern.

Monika Detering wollte Schiffsjunge, Malerin oder Schriftstellerin werden. Als Puppenkünstlerin arbeitete sie u. a. in New York, Washington und Philadelphia, aber auch auf Langeoog, Juist und Spiekeroog. Jahre als freie Journalistin folgten. 1997 erschien ihr erster Roman, viele weitere folgten. Neben Romanen veröffentlichte sie Krimis, Kurzprosa und Sachbücher. Sie gewann zahlreiche Preise, u. a. mit der Kurzgeschichte »Herrin verbrannter Steine« den 1. Preis des großen Wettbewerbs für Frauen aus deutschsprachigen Ländern. Monika Detering ist Mitglied bei den 42erAutoren. Monika Detering veröffentlichte bei dotbooks die drei Fälle um Kommissar Weinbrenner - auch im Sammelband »Liebesopfer« erhältlich - und ihren Spannungsroman »Bernd, der Sarg und ich«. Auch bei dotbooks erscheinen ihre Romane »Heimweh nach dem Leben« - als Hörbuch bei Saga Egmont erhältlich -, »Als wir unterm Kirschbaum saßen« und »Das Versprechen eines Lebens«. Gemeinsam mit Horst-Dieter Radke veröffentlichte sie bei dotbooks »Ein Sommer auf Hiddensee« und »Ein Sommer auf der Sanddorninsel« sowie mit Silke Porath zusammen »Das Geheimnis der Inselfreundinnen«.
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Kapitel 1


In diesem Sommer starb Felix, an einem Tag, als die Hitze glühte und das Gras verbrannte. In einem Sommer sind wir uns das erste Mal begegnet, damals waren wir uns sicher, dass nichts uns trennen könnte.

Und ich hatte Schuld an seinem Tod.

***

Ich buk Brötchen auf und mahlte Kaffee. Erst sein Duft brachte mich zur Besinnung. Verwirrt stellte ich alles Geschirr zurück, hastete hin und her, wollte vor dem Schmerz wegrennen und glaubte, solange ich in Bewegung bliebe, könnte meine Unrast Felix’ Tod auf Abstand halten.

Noch.

Bis zu jenem Moment, in dem die Geräte abgeschaltet wurden, bis zu dem Augenblick davor, an dem sein Herz immer langsamere Schläge tat, hatte ich mich an der Hoffnung festgeklammert. Ich war nicht vorbereitet auf die Leere, die mich jetzt umgab.

Ich rannte in den Garten, blieb stehen, sah . oben und entdeckte auf einem Schornstein zwei Störche in ihrem Nest. Fast wollte ich Felix anstoßen und ihm die Vögel zeigen. Ich ging zum Birnbaum, wo ein alter Küchentisch stand; da hat er oft gesessen. Egal bei welchem Wetter. Auf der staubigen Tischplatte lag die dunkle Feder eines Vogels. Ich nahm sie hoch, pustete sie in die Luft und fing an zu weinen.

Die letzten Wochen haben meine Erinnerungen zerschnitten. Nichts passte mehr zusammen. So war es auch gewesen, als ich noch hoffte, Felix würde wieder gesund. Im tiefsten Innern wusste ich aber, er würde es nicht.

Jeden Tag fuhr ich zum Krankenhaus, jedes Mal mit der Hoffnung, heute würde es ihm bessergehen.

Nichts wurde besser. Die Nachbarn erkundigten sich, auch Mara, meine Freundin, kam oft. Die Tage vergingen, ich nahm sie kaum wahr, es gab nur diesen einen Kreis, den ich um Felix gezogen hatte. Den Kreis seiner Zeit.

Ich vernachlässigte meine Arbeit. Stornierte Aufträge schob ich zur Seite, auch Nachrichten, in denen Kunden ihr Unverständnis mir gegenüber ausdrückten - kannten sie mich doch als sehr zuverlässig. Ich drängte alle Gedanken an den kommenden Ärger weg. Wie ein riesiger Mülleimer fühlte ich mich, der schluckte und schluckte, bis heute.

Ich starrte auf die Schmetterlingswiese, das Gras, auf den Tisch, hörte mich sprechen; meine Stimme war kratzig, vielleicht schrie ich, wahrscheinlich wie gestern auch. Denn Felix war tot.

Gestern war ich ein letztes Mal im Krankenhaus gewesen, um Felix’ Sachen einzupacken. Der Bestatter hatte den Leichnam schon abgeholt. Ein Abschied von meinen Hoffnungen, meiner Anspannung, und diesem wortlosen Kittel-und-Haube-Anziehen. Vor der Intensivstation hatte ich mich ein letztes Mal auf die Bank gesetzt. Daneben stand der Aschenbecher. Und wenn man aufstand, ins Weite guckte, sah man das Reichstagsgebäude.

Wieder sah ich die Szenen der letzten Tage vor mir. Hörte auch hier im Garten das Zischen des Sauerstoffs. Sah die Infusionsständer mit den durchsichtigen Beuteln. Wusste um immer neue Medikamente, die nicht mehr halfen. Dachte an den Atemschlauch. Er schien Felix gequält zu haben, seine Hände tasteten oft zum Hals, und die Augenlider flatterten blaugrau, wie jene seltenen Bläulinge, die es kaum noch gibt. Gehirnblutung. Dazu eine Lungenentzündung. Die Ärzte versetzten ihn ins künstliche Koma. Als sie ihn daraus zurückholen wollten ... sahen die Ärzte und ich nur die grauenhafte Panik in seinem Blick, als er wieder allein atmen sollte und es nicht konnte. Meist standen seine Augen offen und die nadelfeinen Pupillen wirkten wie Sterne entfernter Galaxien.

Ich sah mich am Waschbecken einen Frotteelappen anfeuchten, mit dem ich über Felix’ Gesicht wischte, es mit einem Handtuch abtupfen und die Haut eincremen. Seine Wangenknochen traten hervor, die Nase wurde spitz und die Falte zwischen Nase und den Mundwinkeln hatte sich vertieft. Ich erzählte ihm Komisches, hatte gelacht, wir haben immer viel zusammen gelacht. Ich erzählte aus jenen Tagen, in denen wir uns kennengelernt hatten. Und jeden Tag zog ich in diesen Frühsommertagen die Kunststofflamellen hoch, die das Zimmer verdunkelten. Er sollte die Sonne spüren.

Sein Herzschlag wurde schnell, viel zu schnell, wenn ich flüsterte: »Ich muss jetzt gehen.«

Sagte ich: »Ich schlafe diese Nacht in deinem Zimmer«, wurde er ruhiger. Nur, immer ging das nicht, ich musste zu Hause einiges tun. Meist aber tat ich zu Hause wenig, ich saß im Garten und fühlte mich wie gelähmt. Manches Mal schlief ich draußen, in der Hängematte, die Felix einmal von Birnbaum zu Birnbaum gespannt hatte. Es gab auch Abende, an denen ich die Sehnsucht nach Felix nicht auszuhalten glaubte und von intensiver, verrückter und atemloser Liebe mit ihm träumte.

An einem seiner letzten Tage erzählte ich, dass ich möglicherweise schwanger wäre, obwohl ich schon wusste, dass die Reaktion meines Körpers stressbedingt war. Außerdem fand ich mich mit neununddreißig Jahren zu alt für ein Kind. Ich hatte meinen Job - war als Agentin für außergewöhnliche und seltene Puppen neben der Arbeit am Computer viel zu viel auf Reisen. Und doch: In sehr ruhigen Momenten hatte ich ein gemeinsames Kind vor Augen.

Ich setzte mich ins Gras und zupfte an Gänseblümchen. Das erinnerte mich an den Moment, als ich auf das leere Bett mit dem Plastiküberzug geschaut hatte, dort stand und stand, als würde ich darauf warten, dass eine Krankenschwester käme und mir sagte, er komme gleich wieder.

Aber ich verließ das Krankenhaus mit Felix’ Sachen, fuhr durch die Stadt, landete in der Nähe des Ku’damms, parkte in der Bregenzer Straße und schaute an dem Haus Nummer fünf hoch, das mit der gut erhaltenen Vorkriegsfassade. Ich war davon überzeugt, einen Schatten vorauseilen zu sehen - Felix? Glaubte mich um Jahre zurückversetzt und dachte, wir seien eingeladen bei Fräulein Zuckschwert, die mit dem fetten Pekinesen.

Ich guckte auf die Namensschilder, und Fräulein Zuckschwert stand nicht mehr auf dünnem Papier in den goldglänzenden Blechfassungen. Aber in diesem Haus hatte ich vor Jahren gewohnt. Da war die Frau schon achtzig gewesen, wollte ›Fräulein‹ genannt werden, und den Köter mussten wir mit ›Herr Liebe‹ anreden.

Ich erinnerte mich an jenen Abend, an dem sie uns einlud ... Schon gab mein Gehirn einen geheimen Ort mit abgelegten Gerüchen frei, schon witterte ich Dill und eingelegte Gurken, den schweren Geruch des Herrn Lieber, der mit einem Handtuch auf einem Stuhl saß. Felix und ich hatten Hunger, aber wir waren nicht fähig, etwas aus dem dampfenden gusseisernen Topf zu nehmen. Nach diesem Abend begannen wir, in Brandenburg nach einem gemeinsamen Zuhause zu suchen.

Ich wollte mich nicht in der Vergangenheit verheddern, musste den Gerüchen entkommen, und fast meinte ich, ›Nun komm schon, Herr Liebe‹ zu hören.

Da raste ein neuer Gedanke durch meinen Kopf: Soll ich das Auto stehen lassen, ins Graffiti gehen, da an der Kreuzung Adenauerplatz und Ku’damm? Graffiti. Hier hatte Felix mir eine dreißig Seiten umfassende Liebeserklärung überreicht. In unserem ersten Jahr.

Nein. Das Graffiti konnte ich nicht aushalten. Und der Schatten, den ich noch eben als Felix gewähnt hatte, der war fort.

Ich fuhr aus der Stadt, fuhr, bis ich die Eingangsschilder von Wützow las, fühlte mich gerettet, hatte wieder nicht unser Haus betreten wollen, an diesem Sommertag, als die Birnen noch nicht reif waren und die Johannisbeeren einem, wenn man sich passend bückte, in den Mund fielen. Der Sommer an der Havel war hell und weit; alle Sommer würden nun tieflilablau aussehen.

Vor sechs Jahren waren Felix und ich hierhergezogen. Wützow.

Aalsteig 3. Als wir den rauchig bitteren Geruch der Räucheröfen in der Nase hatten, den Sisalgeruch der Havel, den Geruch der Birnen, der Äpfel, rannten wir wie ausgelassene Kinder durch die Straßen, blieben plötzlich stehen, blickten auf dieses Haus und auf das Schild »Zu verkaufen«. Wir sagten nichts, nickten und wussten: Das ist es, was wir haben wollten.

Sechs Jahre, vorgestern, gestern ... Seit zwei Tagen war Felix tot.

Ich schüttelte energisch den Kopf, kam wieder in der Gegenwart an, und mein Garten schien dichter geworden zu sein, als wollte er mich beschützen. Ich stand auf. Während ich meine Jeans abklopfte, von Erde und zerdrückten Gänseblümchen, hörte ich einen festen Schritt näherkommen. Meine Nachbarin. Jetzt nicht. Ich hätte ihr das sagen können, aber ich war zu müde, zu erschöpft, zu leer, um mit jemandem reden zu können. Durch die Hintertür ging ich ins Haus, es roch ungelüftet; ich holte mein Tagebuch und ging damit in Felix’ Büro. Früher war dieser Raum eine Räucherkammer gewesen. Die Wände strömten immer noch den Geruch nach Rauch und Feuer aus.

Ich schlug das Tagebuch auf. Fand sofort die Notizen, die an Felix gerichtet waren. »Wir hatten ein Paradies gefunden, einen Ort für Liebende, und du weißt, dass der Unfall auch deiner Eifersucht zuzuschreiben ist.«

Nein. Davon wollte ich nichts wissen.

Jetzt musste ich handeln, durfte weder träumen noch Erinnerungen nachhängen.

Ich musste Papiere zusammensuchen. In drei Tagen war die Verbrennung im Krematorium. Ich würde allein vor dem Sarg stehen. »Ich will verbrannt werden, wenn es so weit ist«, hatte er gesagt. Felix, der Glückliche. In zehn Tagen sollte die Trauerfeier in der Dorfkirche sein. Ich rief die Bestatterin an. Sie wollte mir die Trauerkarten bringen. »Die Endgültigkeit macht mir große Angst«, sagte ich.

»Möchten Sie mit einem Geistlichen sprechen?«

»Nein, auf keinen Fall.« Ich sprach sie auf den Grabstein an, sie sagte, den macht der Steinmetz, das hat noch Zeit, der Betrieb ist zwei Straßen vom Friedhof entfernt. Die Frau verströmte mit ihrer unaufgeregten Stimme...



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