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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten

Reihe: Raphael Freersen

Denzau Nordseerätsel

Küsten Krimi
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98707-244-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Küsten Krimi

E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten

Reihe: Raphael Freersen

ISBN: 978-3-98707-244-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Mörderische Spiele auf Föhr Inseldetektiv Raphael Freersen bekommt einen ungewöhnlichen Auftrag: Hermann Suhrkamp behauptet, dass jemand aus seiner Familie seinen vorzeitigen Tod herbeiführen will. Um den Täter zu entlarven, hat der alte Herr ein Ratespiel à la Agatha Christie ausgetüftelt, bei dem hunderttausend Euro Preisgeld winken. Raphael soll daran teilnehmen und die Familienmitglieder im Auge behalten. Die Verwandtschaft versucht alles, um sich gegenseitig auszutricksen. Doch dann häufen sich mysteriöse Begebenheiten, und der Tod hält Einzug ins Spiel ...

Heike Denzau, Jahrgang 1963, ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in dem kleinen Störort Wewelsfleth in Schleswig-Holstein. Bereits mehrfach preisgekrönt, ist sie Verfasserin zweier erfolgreicher Krimireihen und humorvoller Liebesromane. www.heike-denzau.de
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Prolog


Der Sturm, der in der Nacht an den Fenstern des Schlafsaals gerüttelt hatte, war in den Morgenstunden weitergezogen, und Gitti war mehr als dankbar dafür. Unheimlich waren das Heulen und das Knarzen gewesen, als würde ein wütender Riese draußen toben, und sie hatte Angst gehabt, dass die Scheiben zerspringen würden. Aber sie hatten gehalten.

Auch die Scheiben des Speisesaals, in dem sie an ihrem Platz saß, waren heil geblieben. Es war Nachmittag, und ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass kein einziges Blatt mehr an den schönen Bäumen im Garten hing. Gitti liebte Bäume, auch wenn das Laub schon gefallen war. Dann sah man endlich die vielen Äste und Zweige, die sonst von den Blättern verdeckt waren. Außerdem war es wichtig, dass der Sturm vorbei war, denn morgen würden sie einen Ausflug machen. »Zum Sandwall an die Promenade«, hatte die alte Tante Dora ihnen gestern gesagt. »Da gibt es schöne Häuser und Geschäfte anzusehen. Und am Strand dürft ihr Muscheln sammeln.«

Ein Lächeln stahl sich auf Gittis Lippen. Wie sehr sie sich darauf freute.

»Nun schreibt eure Briefe, Kinder«, holte die Stimme von Tante Femke sie aus den Gedanken zurück an den alten Holztisch im Speisesaal. Der Tisch hatte schon so viele Kratzer, dass man wohl bis zum Ende aller Zahlen gelangte, wenn man sie zählen würde.

Mit Blick auf die anderen Mädchen und Jungen, deren Namen sie nicht kannte, spitzte Gitti den Bleistift, mit dem sie nun den Brief an Mama schreiben würde. Doch, sie kannte Marie, fiel ihr ein, während sie den Stift achtsam im Anspitzer drehte und zu dem blonden Mädchen mit den Zöpfen am anderen Ende des Tisches sah. Marie war auch acht Jahre alt und ganz nett. Die hatte immer gute Laune. Aber die sprach komisch, wohl weil sie da wohnte, wo die hohen Berge waren.

Den Tanten gefiel es auch nicht, dass Marie so sprach. »Das werden wir dir noch austreiben«, hatte Tante Dora einmal gesagt. »Die deutsche Sprache ist ein hohes Gut.«

Gitti war froh, dass sie richtig sprechen konnte. Es war schon grässlich genug hier. Jeden Tag mussten sie eine lange Mittagsstunde machen, obwohl sie doch alle keine Babys mehr waren. Keinen Mucks durften sie dann von sich geben. Und wenn man sich rührte, quietschte das Bett, dann kam sofort die Tante, die Aufsicht hatte, und kontrollierte, ob man schlief. Am Anfang hatte Gitti noch nicht rausgehabt, dass man die Augen nicht zu fest zusammendrücken durfte, und normal weiteratmen musste. Sonst merkte die Tante, dass man nur so tat, als würde man schlafen. Nun klappte es ganz gut.

Ob sie wohl jemals wieder zu Hause sein würde? Acht Wochen war sie zur Verschickung, und sie wusste nicht, wie viele davon schon um waren. Zweimal hatte sie die Tanten gefragt, aber jedes Mal die Antwort bekommen, dass man es ihr schon sagen würde, wenn es so weit war. »Wer nicht zunimmt, kann auch nicht nach Hause.«

Gitti kamen die Tränen. Vielleicht würde sie niemals wieder nach Hause kommen. Onkel Hermann hatte mit den Tanten geschimpft, als er die Listen durchgesehen hatte, in die sie jeden Tag hineinschrieben. »Füttern, füttern, füttern!«, hatte er gesagt. »Mastschweine oder Hänflinge, da machen wir keinen Unterschied.« Laut und unheimlich rau, als habe er eine schlimme Erkältung, so klang seine Stimme. Doch sie war lange genug hier, um zu wissen, dass er nicht krank war. Er klang immer so. Wie der Hund ihrer Nachbarn. Der hieß Hasso, aber Mama nannte ihn Köter.

Manchmal kam der Onkel zur Frühstücks- oder Mittagszeit in den Speisesaal. Mucksmäuschenstill mussten sie beim Essen sein. Darum hörte man seine Schritte auch so gut. Klonk-klonk-klonk-klonk?… Alle waren immer froh, wenn er vorbeiging. Natürlich sagte das niemand, aber Gitti sah es in den Augen der anderen. Einmal war er hinter ihr stehen geblieben. Sie hatte nicht gewagt, sich umzudrehen, auch nicht, als schrecklich viel Zeit verging und er nichts sagte. Ihre Hand, in der sie den Löffel hielt, hatte gezittert.

»Mädchen, warum ist dein Teller noch halb voll? Alle anderen sind gleich fertig«, hatte die Köterstimme ihr im nächsten Moment die Nackenhaare aufgestellt. »Schmeckt dir unser Essen nicht?«

Ihr leises »Doch« hatte in ihren Ohren wie das Piepsen eines Jungvogels geklungen. Und wohl auch in seinen, denn seine große Hand hatte sie am Hals gepackt und ihren Kopf heruntergedrückt, bis die Nase fast die Suppe im Teller berührte.

»Riecht das nicht lecker? Eine Buttermilchsuppe mit Graupen und Mehlklößen?… Sei dankbar dafür, Mädchen. Die Zeiten, in denen wir froh gewesen wären, so etwas Nahrhaftes auf dem Teller zu haben, liegen noch nicht lange zurück.« Dann hatte er sie zum Glück losgelassen und war weitergegangen. Klonk-klonk-klonk-klonk?…

Doch nun war von Onkel Hermann zum Glück weit und breit nichts zu sehen. Gitti legte den Anspitzer auf den Tisch zurück und auch den Bleistift, denn ihre Finger waren eiskalt. Sie rieb sie eine Weile so schnell sie konnte aneinander, bis sie glaubte, ein wenig Wärme zu spüren, doch bis in die Fingerspitzen reichte es nicht. Aber der Brief musste fertig werden, so schnell es nur ging.

Sie sah zu der Schiefertafel, auf die Tante Femke das heutige Datum und den Ort geschrieben hatte, damit es alle richtig machten. Gitti gab sich die größte Mühe, in ihrer besten Schrift zu schreiben.

Wyk auf Föhr, 12. November 1967

Liebe Mama,

kannst du mich bitte, bitte abholen? Ich will auch immer ganz viel essen, damit ich nicht mehr so dünn bin. Bitte, bitte, komm und hol mich. Hier ist es so kalt. Und das Essen schmeckt auch nicht so gut. Du weißt doch, dass ich keine Graupen mag, aber hier darf man das nicht sagen. Einmal habe ich alle Graupen zuerst aufgegessen und dabei gewürgt, ich wollte, dass sie weg sind, damit ich nur noch die Suppe löffeln muss. Aber die Tanten haben gedacht, ich mag die Graupen so gern, und haben mir noch mehr aufgefüllt. Da habe ich geweint. Und die Tanten haben geschimpft. Und pieschern darf man in der Nacht auch nicht. Ich muss es immer verkneifen, bis ich aufstehen darf. Wer ins Bett pieschert, muss aufstehen und kommt nicht wieder. Ein Mädchen hat gesagt, man muss dann die ganze Nacht auf dem eisig kalten Flur sitzen. Im Nachthemd. Bis morgens. Gut, dass ich meine Piesche verkneifen kann. Gestern wollte ich?…

Gitti schrak zusammen, als ihr das Blatt unter den Händen weggerissen wurde, sodass sich ein Bleistiftstrich über das Papier zog. Sie sah hoch und schluckte. Tante Femke stierte auf das Geschriebene. Sie sah dabei so wütend aus, wie Gitti es selten bei ihr gesehen hatte. Eigentlich nur einmal, als der Junge mit den schwarzen Haaren die Erbsensuppe nicht essen wollte. Aber er musste. Tante Femke war bei ihm stehen geblieben und hatte zugeguckt, wie er geweint und gegessen hatte. Und als der Teller halb leer gewesen war, hatte er gewürgt und alles, alles wieder ausgespuckt. Aber getröstet hatte die Tante ihn nicht. Der Junge musste weiteressen. Auch das Ausgespuckte.

»Was soll das?« Tante Femkes Augen blitzten unheilvoll.

»Ich schreibe einen Brief an Mama«, antwortete Gitti leise.

»Was haben wir gesagt?«, fuhr die Tante sie an. »Wir wollen alle nur schreiben, was wir Hübsches erlebt haben.«

Gitti nickte. Sie hatte wirklich überlegt. Sie wollte Mama ja auch etwas Hübsches schreiben, aber zuerst musste sie doch das Wichtige erzählen. Und sowieso war ihr nur ein einziger schöner Nachmittag eingefallen. Sie hatten einen Spaziergang zum Meer gemacht und Muscheln gesammelt.

Im nächsten Moment musste Gitti mit ansehen, wie ihr so schön sauber geschriebener Brief zerknüllt wurde und in der Schürzentasche der Tante landete. Doch viel schlimmer war die Stimme, die hinter ihr erklang.

»Was ist das, Schwester Femke? Zeigen Sie es her.« Die große Hand von Onkel Hermann streckte sich neben Gittis Kopf vor.

Gittis Herz begann so heftig zu schlagen, dass ihr schlecht wurde, als Tante Femke das zerknüllte Papier aus der Schürze zog, es notdürftig glättete und dem Onkel wortlos reichte.

Die Angst fraß sich bei Gitti in alle Gliedmaßen. Erstarrt und steif wie ein Brett saß sie da und konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Sie musste den Kopf dabei weit in den Nacken legen, denn er war ein Riese. Konnte er ihr Herz klopfen hören?

Gitti wünschte sich, er würde endlich etwas sagen. Alles war besser, als das Zucken seiner Oberlippe zu sehen und die tiefe Furche zwischen seinen Augen, die die schwarze Brille nicht verbergen konnte.

Als er seinen Blick schließlich auf sie richtete, nahm Gitti den Wunsch zurück, er möge etwas sagen. Speicheltröpfchen trafen sie, während er auf sie herabsah und hervorspie: »Wie ist dein Name, Mädchen?«

Sie zitterte am ganzen Körper. »Gitti.«

»Brigitte Mahler«, wandte die Tante sich an den Onkel.

Er antwortete ihr nicht, sondern sah unverwandt das Kind an. »Wenn dich jemand fragt, wie du heißt, dann sagst du gefälligst deinen richtigen Namen.«

Gitti nickte heftig.

»Sag ihn!«

»Brigitte Mahler«, wisperte Gitti.

»Ich kann dich nicht hören.«

Gitti holte tief Luft und wiederholte ihren Namen etwas lauter.

»Warum schreibst du deiner Mutter so hässliche Sachen, Brigitte? Willst du sie traurig machen? Willst du, dass sie weint, dass sie sich für ihr Kind schämt, weil es nicht einmal ein paar Wochen, ohne zu klagen, auf dieser schönen Insel sein kann?«

Gittis Augen füllten sich mit Tränen, ihre Mundwinkel bogen sich nach unten. »Nein«, flüsterte sie.

»Dann schreib ihr jetzt etwas Schönes.« Er wandte sich an die Tante. »Schwester Femke, eine Karte für das...


Denzau, Heike
Heike Denzau, Jahrgang 1963, ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in dem kleinen Störort Wewelsfleth in Schleswig-Holstein. Bereits mehrfach preisgekrönt, ist sie Verfasserin zweier erfolgreicher Krimireihen und humorvoller Liebesromane.
www.heike-denzau.de

Heike Denzau, Jahrgang 1963, ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in dem kleinen Störort Wewelsfleth in Schleswig-Holstein. Bereits mehrfach preisgekrönt, ist sie Verfasserin zweier erfolgreicher Krimireihen und humorvoller Liebesromane.
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