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E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Dennig Abgetaucht

Alma Liebekinds 1. Fall. Ein Wien Krimi.
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-902998-13-2
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Alma Liebekinds 1. Fall. Ein Wien Krimi.

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-902998-13-2
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mord am Donaukanal in Wien Dr. Alma Liebekind Spanneck ist Psychiaterin, ihr Forschungsgebiet 'Die Wahl der Todesart bei Suizid nach Kriterien der Psychopathologie'. Beim Fall einer weiblichen Leiche, die aus dem Wiener Donaukanal gefischt wurde, fallen ihr Ungereimtheiten auf und sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Dafür spannt sie Manfred, einen schrulligen Gerichtsmediziner, ein und schließt sich der Puppentheatergruppe an, in der die Tote mitgespielt hat. Deren Leiter, ein selbst ernannter Guru, der Alma an die Wäsche will, ist bald ihr Hauptverdächtiger. Um ihn zu überführen, bringt sich Alma selbst in Lebensgefahr. Gäbe es da nicht Almas Freundin Erika, die Kommissarin, und vor allem ihre schlaue Mutter, würde Almas Neugierde sie wohl Kopf und Kragen kosten ...

Constanze Dennig ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, geboren in Linz, lebt und arbeitet in Graz und Wien als Autorin von Theaterstücken, Drehbüchern, Romanen, Sachbüchern und Satiren, als Regisseurin und Produzentin zahlreicher Theaterprojekte. Sie ist Theaterleiterin des 'Theater am Lend' in Graz (gemeinsam mit Edith Zeier Draxl) und baut selbst Klappmaulpuppen.
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2. Kapitel


Unter der Dusche stehend, hallen die Worte von Sabines Mutter in meinem schamponierten Kopf nach: »Ich vertraue Ihnen …, ich vertraue Ihnen …« Trotz besseren Wissens – ich möchte mich nicht in einen Versicherungskrieg verwickeln lassen – eile ich mit ungeföntem Haar, kaum abgetrocknet und ohne Frühstück aus der Wohnung, um noch vor Ordinationsbeginn in der Polizeidirektion am Schottenring vorzusprechen. Da ich nicht schneller bin, wenn ich mich dem morgendlichen Gerangel in den Öffis aussetze, marschiere ich zu Fuß über die Augartenbrücke Richtung Schottentor. Überdies werden dann meine Haare inzwischen naturgetrocknet sein, was bei meiner praktischen Kurzhaarfrisur genau fünfzehn Minuten bei einer Außentemperatur von 22 Grad, sagt das Handy, dauern wird. Am Weg zum Kommissariat wuschle ich die Haare mit beiden Händen durch, dann schauen sie wie gestylt aus. Oh je, ich habe Michael vergessen. Der wird mir mein Verschwinden, ohne mich liebevoll verabschiedet zu haben, übel nehmen. Aber was muss er auch sofort wieder ins Bett verschwinden? Wenn er mir ein Frühstück gerichtet hätte, wäre ihm als Dank ein Marillenmarmeladekuss zum Abschied sicher gewesen.

Ich mag Polizisten. Dafür, dass sie immer nur unfreundlich behandelt werden, sind sie erstaunlich geduldig. Meine Sympathie für sie und ihre Arbeit müssen meine Kontaktleute in der Polizeidirektion spüren, denn im Gegensatz zu meinen anderen Gutachterkollegen mögen die Kommissare mich ebenfalls. Jedenfalls hatte ich noch nie Probleme mit ihnen. Ich überlege, wen ich wegen der Katz ansprechen soll. Die Polizei darf eigentlich keine Informationen an nicht beteiligte Außenstehende weitergeben. Unmittelbarer Ansprechpartner wäre ja der Polizeiarzt Dr. Würzl, aber der ist ein unterbelichteter Trottel, der schon im Studium alle Prüfungen nur aufs zweite Mal geschafft hat. Gerade bei Gerichtsmedizin ist er gar nur kommissionell durchgekommen. Was ihm an Intelligenz fehlt, macht er aber durch Arroganz wett. Drum: Ich werde die Frau Oberinspektor Sacherl ansprechen. Mit Erika verbindet mich unsere gemeinsame Abneigung gegen Würzl und unsere Vorliebe für die Vinothek Brioni, wo wir uns gelegentlich treffen. Im Büro von Erika erfahre ich leider von ihrem Sekretariat, dass sie heute auf Schulung ist. Also doch der Würzl, denn unverrichteter Dinge möchte ich nicht gehen. Mit dem Würzl bin ich noch immer per Sie. Ich habe allen seinen Versuchen, mit mir bei diversen Studienkollegentreffen auf das Du anzustoßen, widerstanden. Beruflich ein Fehler, privat ein Gewinn.

Würzl lässt mich vor seinem Büro warten, obwohl ich weiß, dass da sicher niemand drin ist. Das braucht er, um mir seine Macht zu demonstrieren. Soll er, ich werde mich wie ein Mäuschen gebärden und mir lieber die Zunge abbeißen, als wie beim letzten Treffen eine Anspielung auf die von ihm bei einem Opfer übersehene Stichwunde zu machen. Endlich darf ich rein. Da sitzt er hinter seinem leeren Schreibtisch, den nur eine vertrocknete Grünlilie ziert.

»Nehmen Sie Platz!«

Er dirigiert mich auf den Delinquentensessel, obwohl er auch eine Sitzgarnitur zu Besprechungszwecken in seinem Büro hat. Gehorsam setze ich mich.

»Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.«

»Selbstverständlich, meine Pflicht! Welchen Suizid wollen Sie mir herausreißen?«

So viel Zynismus hätte ich ihm gar nicht zugetraut.

»Sie sind sich wohl darüber im Klaren, dass ich nicht verpflichtet bin, Ihnen bei Ihrer Publikation unter die Arme zu greifen. Das ist reine Gefälligkeit.«

Ich sage mir, Alma bleib cool, lass dich nicht provozieren …

»Ja, dafür bin ich Ihnen auch sehr dankbar. Ich werde Ihre Unterstützung natürlich in meinem Vorwort erwähnen, als Kollege.«

»Als Co-Autor?«

Also, da muss ich jetzt tief durchatmen. Der Mensch will mich erpressen, was sonst?

»Hm, so hatte ich das nicht gedacht, mehr so, quasi als … hm, zum Beispiel: Ich danke für die Unterstützung durch Chefarzt Dr. Würzl …«

»Co-Autor …«

Wenn Würzl pokern möchte, das kann ich auch.

»Sabine Katz. Ich möchte das Gutachten lesen.«

»Den Fall kenne ich nicht.«

Er lügt.

»Ich denke drüber nach. Ich, hm, meine … wegen der Co-Autorenschaft bei meiner Publikation. Das Gutachten Katz lässt sich nicht ausheben, oder?«

Würzl greift zum Telefon.

»Bringen Sie mir den Akt Katz und einen Espresso.«

Ich weiß jetzt schon, dass der Espresso nicht für mich ist. Oh Gott, wie ich diese Machtspielchen hasse!

»Danke, das ist sehr nett, ich hatte noch kein Frühstück.«

»Ach, Sie wollten auch einen. Da hätten Sie was sagen sollen.«

Er greift zum Hörer.

»Noch einen Espresso!«

Zu mir: »Mit Milch, Zucker?«

»Milch, bitte!«

Würzl gibt die Informationen weiter und lächelt mich verkniffen an. Ich lächle verkniffen zurück.

»Danke.«

»Gerne … Durchs Reden kommen die Leute zusammen.«

Ich nicke. Wie wurstle ich mich da jetzt raus? Nie und nimmer nenne ich den als Co-Autor. Egal, jetzt einmal den Akt. Bis die Veröffentlichung fertig ist, hat ihn womöglich irgendein nächtlich Betrunkener statt meiner erwürgt und ich mache mir umsonst Gedanken.

Die Sekretärin bringt den Akt und zwei Kaffeetassen, keine Milch. Ich sage nichts.

»Bitte schön«, er schiebt mir den Kaffee an seine Schreibtischkante, sodass ich, um zu trinken, aufstehen muss. »Milch ist aus.«

»Macht nichts.«

Der Akt liegt vor ihm. Er klopft mit den Fingern darauf. Ich sage mir, nur nicht so tun, als ob ich sehr neugierig wäre. Ich halte den Espresso in den Händen und rühre gelassen mit dem Löffel in der Tasse, obwohl es da nichts zu rühren gibt. Dazwischen trinke ich mit Minischlucken, um die Zeit zu dehnen. Ich denke, wenn du mich auf die Folter spannen willst, bitte, das kann ich auch. Er öffnet das Deckblatt des Akts, genau so, dass ich nichts lesen kann.

»Schlimm«, meint er und macht wieder zu: »Schlimm!«

Ich mache eine tragische Miene.

»Ja, schlimm. Es ist immer schlimm, wenn ein Mensch sich was antut.«

»Da hat die Psychiatrie wieder einmal versagt.«

Okay, ich verstehe den Seitenhieb. Er hat es ja nicht bis zum Facharzt geschafft.

»Und wer war der Gutachter?« Oh je, das war zu forsch. Ich dürfte gar nicht wissen, dass da ein posthumes Gutachten gemacht wurde.

»Hm, das darf ich nicht sagen, Amtsgeheimnis, leider.«

»Kein Problem, spielt ja keine Rolle. Hätte mich nur interessiert, ich meine fachlich, was meine Kollegin dazu meint.«

»Kollege …«

»Ach so. Eindeutig Selbstmord? Kein Zweifel?«

»Kein Zweifel, aber wie gesagt, Datenschutz …«

»Wenn Sie mitpublizieren, auch?«

»Ich kann mich vom Amtsgeheimnis in dringlichen Fällen befreien lassen. Müsste man ansuchen. Ist aber langwierig, schwierig …«

»Verstehe. Nur bei Dringlichkeit. Ist der Fall Katz dringlich? Versicherungstechnisch, meine ich.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Nur so, bei Suizidgutachten ist ja oft eine Versicherung der Auftraggeber.«

»Gutachterlich gibt es keinen Zweifel an der Selbsttötung. ICD F31.5.«

»War die Tote in stationärer Behandlung? Ich meine, kurz vorher?«

»Ich habe schon zu viel gesagt. Sie verstehen, Datenschutz. Stationär, ja.«

Das habe ich nicht erwartet. Sabine Katz war also schon in einem psychiatrischen Krankenhaus. Michael hatte doch recht, wenn er meinte, dass mein Bauchgefühl einem Richter nicht als Beweis dienen würde. Okay, das war’s dann. Dann brauche ich mir auch keine Gedanken mehr über Würzls Co-Autorenschaft zu machen. Die Katz ist einfach nur ein Fall für meine Suizidforschung. Die Krankengeschichte kann ich selber auf der Baumgartnerhöhe ausheben lassen. Ich stehe auf, stelle die Tasse auf Würzls Schreibtisch, strecke ihm meine Hand hin, die er verwirrt ergreift, und verabschiede mich.

»Danke, war sehr aufschlussreich. Auf Wiedersehen.«

Würzl schluckt, erhebt sich aus seinem Bürosessel und will mich aufhalten. Aber ich bin schon bei der Tür draußen.

»Hm, Frau Dr. hm, Spanner, hm Lieb …«

Als ich die Treppe hinunterrenne, nehme ich zwei Stufen auf einmal, nur weg von diesem Waterloo. Der Anblick eines Fahndungsfotos, das an der Wand gegenüber dem Stiegenaufgang hängt, bremst mich ein.

Ein unscharfes Bild, offenbar mit dem Handy gemacht, das einen Mann von hinten zeigt, der einen weiblichen Körper über seine Arme gelegt trägt. Unter dem Foto steht:

»Wer kennt diesen Mann oder diese Frau? Am 7.6.2013 knapp nach 6 Uhr wurde diese Person dabei beobachtet und fotografiert, wie sie einen weiblichen Körper am rechten Donaukanalufer unterhalb der Brigittenauer Brücke entweder aus dem Wasser gezogen oder ins Wasser geworfen hat. Sachdienliche Hinweise an die Polizeidirektion...


Constanze Dennig ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, geboren in Linz, lebt und arbeitet in Graz und Wien als Autorin von Theaterstücken, Drehbüchern, Romanen, Sachbüchern und Satiren, als Regisseurin und Produzentin zahlreicher Theaterprojekte. Sie ist Theaterleiterin des "Theater am Lend" in Graz (gemeinsam mit Edith Zeier Draxl) und baut selbst Klappmaulpuppen.



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