E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Naomi Cottle
Denfeld Das Schneemädchen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86552-987-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Naomi Cottle
ISBN: 978-3-86552-987-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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1
Das Zuhause war ein kleines gelbes Häuschen in einer leeren Straße. Es hatte etwas Entmutigtes an sich, aber daran war Naomi gewöhnt. Die junge Mutter, die ihr die Tür öffnete, war zierlich und sah viel älter aus, als sie war. Ihr Gesicht wirkte angespannt und müde.
»Die Kinderfinderin«, stellte sie fest.
Sie setzten sich auf eine Couch in einem leeren Wohnzimmer. Naomi registrierte einen Stapel Kinderbücher auf dem Tisch neben einem Schaukelstuhl. Garantiert war das Zimmer des Kindes noch genau wie zuvor.
»Es tut mir leid, dass wir nicht früher von Ihnen gehört haben«, sagte der Vater, der in einem Sessel am Fenster saß und seine Hände gegeneinanderrieb. »Wir haben alles versucht. So viel Zeit ist …«
»Sogar eine Hellseherin«, fügte die junge Mutter mit einem gequälten Lächeln hinzu.
»Man sagt, Sie sind die Beste darin, verschwundene Kinder aufzuspüren«, setzte der Mann nach. »Ich wusste nicht mal, dass es Ermittler gibt, die das tun.«
»Nennen Sie mich Naomi«, bat sie.
Die Eltern musterten sie: kräftig gebaut, gebräunte Hände, die aussahen, als wüssten sie, was Arbeiten heißt, langes braunes Haar, ein entwaffnendes Lächeln. Sie war jünger, als sie erwartet hatten – sicher nicht älter als Ende 20.
»Woher wissen Sie, wie man sie findet?«, fragte die Mutter.
Sie schenkte ihnen das strahlende Lächeln. »Weil ich weiß, was Freiheit ist.«
Der Vater blinzelte. Er hatte von ihrer Vorgeschichte gelesen.
»Ich würde gern ihr Zimmer sehen«, sagte Naomi nach einer Weile und stellte ihren Kaffee ab.
Die Mutter führte sie durchs Haus, während der Vater im Wohnzimmer blieb. Die Küche sah steril aus. Da stand eine altmodische Keksdose, deren Rand Staub angesammelt hatte: Auf dem dicken Bauch stand Omas Plätzchen. Naomi fragte sich, wann diese Oma wohl zum letzten Mal zu Besuch gewesen war.
»Mein Mann findet, ich sollte wieder arbeiten gehen«, sagte die Mutter.
»Arbeiten ist gut«, gab Naomi sanft zurück.
»Aber ich kann nicht«, sagte die Mutter, und Naomi verstand. Du kannst dein Haus nicht verlassen, wenn dein Kind jeden Augenblick zurückkommen könnte.
Die Tür führte in ein Zimmer voller Traurigkeit. Ein schmales Bett mit einer Tagesdecke mit Disney-Motiven. Eine Reihe von Bildern an der Wand: fliegende Enten. MADISONS ZIMMER, stand in Klebebuchstaben über dem Bett. Dann gab es noch ein kleines Bücherregal und einen größeren Schreibtisch, auf dem ein Durcheinander aus Kulis und Filzstiften herrschte.
Über dem Schreibtisch hing eine Lesetabelle von ihrer Vorschullehrerin. SUPERLESERIN, stand dort. Für jedes Buch, das Madison im Herbst, bevor sie verschwunden war, gelesen hatte, gab es einen goldenen Stern.
Es roch nach Staub und abgestandener Luft – der Geruch eines Zimmers, das seit Jahren unbewohnt geblieben war.
Naomi trat an den Schreibtisch heran. Madison hatte gezeichnet. Naomi konnte sich vorstellen, wie sie von ihrer Zeichnung aufstand und zum Auto hinausrannte, während ihr Vater ungeduldig nach ihr rief.
Es war ein Bild eines Weihnachtsbaums voller schwerer roter Kugeln. Daneben stand eine Gruppe Figuren: eine Mama und ein Papa mit einem kleinen Mädchen und einem Hund. Meine Familie, verkündete die Bildunterschrift. Eine typische Zeichnung für ein kleines Kind, mit großen Köpfen und Strichmännchen. Naomi hatte Dutzende solcher Bilder in ähnlichen Zimmern gesehen. Jedes Mal fühlte sich das an wie ein Stich ins Herz.
Sie nahm ein liniertes Schreibheft vom Tisch, blätterte durch die ungelenken, aber überschwänglichen Einträge, die mit Wachsstift-Zeichnungen verziert waren.
»Sie konnte schon gut schreiben für ihr Alter«, merkte Naomi an.
»Sie ist gescheit«, erwiderte ihre Mutter.
Naomi ging zum offenen Kleiderschrank. Darin eine Ansammlung bunter Pullover und oft gewaschener Baumwollkleidchen. Madison mochte heitere Farben, das konnte sie sehen. Naomi fuhr mit dem Finger am Ärmelbündchen eines Pullovers entlang, dann betastete sie einen zweiten. Sie zog die Brauen zusammen.
»Die sind alle ausgefranst«, stellte sie fest.
»Sie hat immer daran gezupft – an allen. Hat die Fäden aufgedröselt«, erklärte die Mama. »Ich habe dauernd versucht, sie dazu zu bringen, es zu lassen.«
»Wieso?«
Die Mutter hielt inne.
»Ich weiß es nicht mehr. Ich würde alles tun …«
»Sie wissen, dass sie höchstwahrscheinlich tot ist«, wandte Naomi sacht ein. Sie hatte festgestellt, dass es besser war, es einfach auszusprechen. Besonders wenn so viel Zeit vergangen war.
Die Mama erstarrte.
»Ich glaube nicht, dass sie tot ist.«
Die beiden Frauen blickten einander an. Sie waren etwa im selben Alter, aber Naomis Wangen besaßen eine gesunde Röte, während die Mama von Angst gezeichnet war.
»Jemand hat sie entführt«, sagte die Mutter mit Nachdruck.
»Wenn sie entführt wurde und wir sie finden, dann ist sie nicht mehr dieselbe, wenn sie zurückkommt. Das muss Ihnen von vorneherein klar sein«, sagte Naomi.
Die Lippen der Frau zitterten. »Wie kommt sie denn zurück?«
Naomi machte einen Schritt auf sie zu, kam nahe genug, dass sie einander fast berührten. In ihrem Blick lag etwas Großes, Überwältigendes.
»Sie wird Sie brauchen, wenn sie zurückkommt.«
Zuerst glaubte Naomi nicht, dass sie die Stelle finden würde, obwohl sie die Wegbeschreibung und die Koordinaten hatte, die ihr die Eltern gegeben hatten. Die schwarze Straße war nass vom Winterdienst, die Seiten voller Schneematsch. Zu beiden Seiten des Wagens erstreckte sich die Aussicht endlos: Berge dunkelgrüner, schneebedeckter Fichten, schwarze Steilhänge und weiß bestäubte Gipfel. Sie fuhr seit Stunden, hoch in den Skookum National Forest hinein, weit weg von der Stadt. Das Gelände war unwirtlich und brutal. Eine wilde Landschaft voller tiefer Spalten und Gletscherwände.
Etwas Gelbes blitzte auf: zerrissene Überreste Absperrband, die von einem Baum hingen.
Wieso hatten sie hier angehalten? Es gab hier nichts.
Naomi stieg achtsam aus dem Auto. Die Luft war kalt, das Licht grell. Sie nahm einen tiefen, beruhigenden Atemzug. Dann trat sie ins Gehölz und war in Dunkelheit getaucht. Ihre Stiefel knirschten im Schnee.
Sie malte sich aus, wie die Familie beschlossen hatte, einen ganzen Tag darauf zu verwenden, rauszufahren und ihren Weihnachtsbaum zu schlagen. Wie sie anhielten und sich in dem kleinen Weiler Stubbed Toe Creek frische Donuts holten. Eine der vielen alten Straßen nahmen, die sich in die verschneiten Berge hinaufschlängelten. Um ihre eigene, ganz besondere Douglasfichte zu finden.
Schnee und Eis überall ringsumher. Sie stellte sich vor, wie die Mama sich die Hände am Gebläse des Wagens wärmte, das kleine Mädchen auf dem Rücksitz eingemummt in einen rosafarbenen Parka. Wie der Vater entschied, dass dies der richtige Ort war – vielleicht war er es leid gewesen, einen Platz zu suchen. Wie er rechts ranfuhr, den Kofferraum aufmachte, um die Säge herauszuholen, wie seine Frau sich schüchtern in den Wald vorwagte, während ihre Tochter rasch vorausstürmte …
Es war binnen weniger Augenblicke geschehen, hatten sie ihr erzählt. Gerade war Madison Culver noch da, im nächsten Moment war sie fort. Sie waren ihren Spuren gefolgt, solange sie konnten, aber es hatte heftig zu schneien angefangen, und während sie sich noch voller Schrecken aneinanderklammerten, waren die Spuren verschwunden.
Als man dann Suchtrupps rief, hatte sich der Schneefall zum Gestöber gesteigert. Zwei Tage später wehte ein Schneesturm heran und die Straßen wurden gesperrt. Sie nahmen die Suche wieder auf, als die Straßen ein paar Wochen später freigeräumt waren. Keiner der Ortsansässigen hatte irgendetwas gesehen oder gehört. Im folgenden Frühling wurde ein Leichenspürhund in den Wald geschickt, aber auch der kam ergebnislos zurück. Madison Culver war verschwunden, und man nahm an, dass ihre Leiche unter dem Schnee begraben lag oder von wilden Tieren verschleppt worden war. Niemand konnte lange im Wald überleben. Erst recht kein fünfjähriges Mädchen in einem rosafarbenen Parka.
Hoffnung war eine schöne Sache, dachte Naomi, als sie durch die stillen Bäume nach oben blickte und die reine, kalte Luft ihre Lunge füllte. Sie war der schönste Teil ihrer Arbeit, wenn sie mit dem Leben belohnt wurde. Der schlimmste, wenn sie nur Trauer brachte.
Zurück beim Auto holte sie ein neues Paar Schneeschuhe und ihren Rucksack heraus. Sie trug bereits den warmen Parka, eine Mütze und dicke Stiefel. Der Kofferraum ihres Wagens war voller Kleidung und Ausrüstung, um jegliches mögliche Terrain zu durchsuchen, von der Wüste über die Berge bis zu den Städten. Alles, was sie brauchte, hielt sie hier hinten bereit.
In der Stadt hatte sie ein Zimmer im Haus einer engen Freundin. Dort bewahrte sie ihre Akten, die Schallplatten, noch mehr Kleidung und einige Erinnerungsstücke auf. Aber für Naomi fand das wahre Leben unterwegs statt, während sie ihre Fälle bearbeitete. Vor allem in Gegenden wie dieser, wie sie festgestellt hatte. Sie hatte Kurse zum Überleben in der Wildnis besucht, ebenso wie solche zu Suche, Bergung und Rettung, aber wonach sie sich richtete, war ihre Intuition. Für Naomi fühlte sich die gefährlichste Wildnis sicherer an als ein Zimmer mit einer Tür, die von der anderen Seite verschlossen war.
Sie...




