Demski | Das siamesische Dorf | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

Demski Das siamesische Dorf

Kriminalroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95824-977-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

ISBN: 978-3-95824-977-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Tod geht um im Garten Eden: Der Kriminalroman 'Das siamesische Dorf' von Eva Demski jetzt als eBook bei dotbooks. Es soll das Paradies auf Erden sein: Das luxuriöse Andaman Resort an der Küste Thailands verspricht seinen zahlungskräftigen Gästen vollkommene Entspannung. Auch die Journalistin Kecki und ihr Kollege Max, die hier eine Reportage über die Reichen und Schönen schreiben, schwelgen schon bald in der weltentrückten Atmosphäre. Doch in diese Oase inmitten duftender Orchideen bricht plötzlich das Grauen ein. In der Anlage werden die Leichen zweier junger Frauen entdeckt und immer wieder tauchen verstörende Fundstücke auf: Mysteriöse Opfergaben oder Hinweise auf grausame Verbrechen? Kecki und Max beginnen, hinter der Fassade des vermeintlichen Paradieses zu ermitteln - und geraten in einen Strudel, der sie hinabzureißen droht ... Ein so zartes wie bitterböses Totenlied aus den Tropen - Bestseller-Autorin Eva Demski in Höchstform: 'Ein pointiert-ironischer Blick in deutsche Urlauberseelen und ihre Suche nach Exotik - und ein intelligenter Krimi.' stern Jetzt als eBook kaufen und genießen: 'Das siamesische Dorf' von Bestseller-Autorin Eva Demski. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

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Kapitel 1


»Nichts kenne ich, ihr Mönche, was ohne
Übung spröder wäre, als das Herz.«

Die Reden des Buddha

Das Dorf schläft noch. Über der Bucht, die glatt und silbern wie eine riesige Fischschuppe daliegt, färbt sich der Himmel rosa. Zwölf Stunden später werden die neuen Dorfbewohner, die jetzt im Flugzeug aufwachen, in Doppelreihen am Strand stehen und ihren ersten Sonnenuntergang im Paradies mit Kameras und Photohandys in Besitz nehmen.

Das Dorf hat keine Kirche, keine Schule, keine Apotheke. Es besteht aus fünfzig gleichen Häuschen mit überdachten Holzterrassen, an deren Decken Geckos wohnen. Manchmal hört man ihr Gekicher. Das Hauptgebäude ist eine offene, von Bougainvilleen überwucherte Halle, die blaugrüne Löwen und rote Drachen bewachen. Eine junge Frau ist dabei, mit einem Reisstrohbesen über den blanken Boden zu wedeln. Außer ihr ist niemand zu sehen. Sie trägt einen königsblauen Anzug mit einer goldenen Schärpe um die Taille. Die langen schwarzen Haare hat sie im Nacken zusammengesteckt und mit zwei gelben Hibiskusblüten geschmückt.

Es ist sehr heiß. Die Ventilatoren an der Decke rühren die Luft um und bringen nicht einmal die Illusion von Kühle, aber der japanische Destilleriebesitzer, der das Dorf als Mitgift für die Tochter eines seiner Cousins hat bauen lassen, liebt Deckenventilatoren, weil sie ihn an Hemingway-Romane erinnern, die er bewundert.

Vom Dschungel und einer sandigen Straße in respektvollem Abstand gehalten, liegen ganz andere Ansiedlungen. In diesen Dörfern gleicht keine Hütte der anderen, sie bestehen aus den seltsamsten Materialien, aus Ölfässern, alten Türen, Bananenkartons und allerlei anderem Abfall. Eine Schule gibt es auch hier nicht, aber zwei Klöster und Hunderte von Geisterhäuschen.

Die glücklichen Einheimischen, die einen Job im neuen Dorf ergattert haben, sind vor Tagesanbruch von ihren Holzpritschen aufgestanden, haben sich ein bißchen Wasser über den Kopf gespritzt und warten jetzt sauber angezogen am Rand der roten Piste, bis der Lastwagen sie abholt. Sechsundzwanzig Mädchen und achtzehn Jungen drängen sich müde auf der Ladefläche und wehren die scharfkantigen Palmwedel ab, die nach ihnen schlagen. Unwillig machen die Hunde, die fast die gleiche Farbe wie die Straße haben, dem Wagen Platz und schleppen sich an den Wegrand, wo einer der Ihren ohne Kopf liegt. Sie ignorieren ihn und suchen den Palmenschatten, um den Tag zu verdösen. Große braune Schmetterlinge taumeln wie Blätter zu Boden und bleiben reglos sitzen, als seien sie sich selber zu schwer.

Müllbehälter aus Lastwagenreifen stehen am Straßenrand, schöne, bauchige Gefäße mit Henkeln an den Seiten, sie glänzen in der Sonne wie Metall. Es riecht nach Fisch, verrotteten Ananas, Blüten und nach etwas Totem.

Die Mädchen und Jungen mit ihren Bündeln sind vom Gehoppel des Wagens wach geworden und schwatzen und lachen so laut, daß ein Fremder hätte denken können, sie seien auf dem Weg in die Ferien.

Sie sind stolz auf ihre Arbeit in dem neuen Dorf, man hat ihnen Englischunterricht versprochen und daß sie Manager werden können, wenn sie gut lernen. Sie wissen nicht genau, was ein Manager ist. Sie kennen auch keinen, nur Madame Sourathorn, die ihnen sagt, wie man Betten richtig bezieht, Handtücher zusammenlegt und Waschbecken putzt. Es ist nicht leicht, das jeden Tag auf die gleiche Art zu machen und nichts zu vergessen, immer frische Orchideenblüten auf den Waschtisch und einen Schokoladentrüffel in die Mitte vom Kopfkissen und an den riesigen Bettlaken so lange ziehen, bis sie keine einzige Falte mehr werfen!

Das Dorf wird sich an diesem Tag wieder einmal mit fremden rosa Ferkelmenschen füllen, die solche großen Betten mögen und sehr böse werden, wenn sie nicht jeden Tag denselben Liegestuhl am Strand bekommen.

Virikit ist zwanzig Jahre alt und hat immer hier gelebt. Sie liebt das vollkommene Halbrund der Bucht und den Wald, aber sie begreift, daß das alles nicht ihr allein gehören kann. Die Fremden brauchen diese seltsamen Häuser mit den mächtigen Betten, sie fürchten sich vor Geckos und hassen die schönen Hahnenkämpfe. Andererseits verschwinden sie nach längstens drei Wochen wieder und lassen Geld da. Man kann für sie waschen, ihnen Gummisandalen und schlechten Mekong-Whisky verkaufen, manchmal laden sie Mädchen oder Jungen zum Essen ein und wollen danach etwas Liebe haben. Sie sind nicht glücklich und bezahlen gern für ein bißchen Freude.

Ihre Frauen haben Stimmen wie Männer und riesige Brüste. Virikit muß lachen, wenn sie sie auf ihren Liegen am Strand sieht oder beim Muschelsuchen. Da bücken sie sich mühsam, ihre großen Sackbusen schaukeln, und wenn sie eine Muschel finden, schreien sie wie dumme Kinder. Sie tun ihr leid, die großen Frauen mit den blaugestreiften Beinen und ihre traurigen Männer, die man so leicht aufregen kann, ohne sich anzustrengen oder irgendwas zu zeigen.

Virikit trägt lange Röcke und knappe, kurze Blusen aus grüner, blauer oder rostroter Seide, ihr Hinterteil ist höchstens so groß wie eine Kokosnuß, und ihre Haare glänzen wie schwarzer Lack. Sie hat sehr kleine Füße und kann stundenlang auf ihnen sitzen, während sie mit einem Messerchen Melonen in Blüten und Papayas in Tiere verwandelt. Die Ferkelfarbenen photographieren das dann hundertmal und sagen, ju mäk sät wonderfull! Manchmal ist Virikit gerührt, weil die Fremden sich so bemühen, nett zu sein. Aber man darf nicht vergessen, daß sie auch gefährlich werden können, vor allem die Einsamen, die im Flugzeug ihren Jahre alten Zorn haben mitreisen lassen, weil sie sich keine Minute von ihm trennen wollen.

Nei tu mie ju! sagt Virikit leise und lächelt Madame an, die noch müde ist und deshalb ihr schlechtest gelauntes Gesicht macht.

Das heißt nice to meet you, meet, meet, meet! Achtet doch auf die Endungen, ihr sprecht ja wie die Affen! Und dafür bezahlt der Patron den teuren Lehrer!

Indessen steht die Sonne schon hoch über der Bucht, die jungen Dorfbediensteten sind sämtlich in ihre hübschen Uniformen geschlüpft, und Madame kontrolliert Haus für Haus. In ihrem Kopf, stellt sich Virikit vor, rollt eine ellenlange Liste ab, Badesandalen genau im rechten Winkel zum Terrassengeländer, Kimonogürtel zur Schleife mit gleichen Enden gebunden, Schnapsflaschen schräg gestaffelt hintereinander, Eiskübel frisch gefüllt, Blumen überall genau gleich in Art und Anzahl, noch ein Puster geruchfreies Insektenspray. Sie wollen kein Gift, aber auch kein Getier, die Fremden.

In einer halben Stunde wird einer von Virikits Cousins, der auch das Glück hat, im neuen Paradiesdorf arbeiten zu dürfen, in einem Eimerchen samtene Schmetterlinge, große, grüne Heupferde und gelbe Falter einsammeln, reglose Dinger, die Vorderbeine wie zum letzten Gebet gekreuzt. Das darf man die Gäste nicht sehen lassen, sie wären entsetzt.

Der Cousin heißt Tosaphon Tongchaiprasit und wird Mow genannt. Er ist ein frecher, zarter Junge, der jetzt artig in blauen Thaihosen und einem weißen, engen Jackett steckt. Ihm gehört einer der schönsten und wildesten Hähne im ganzen Wald, dem wird er die eingesammelten kleinen Leichen zum Frühstück bringen. Er hat über die Gäste, die heute an seiner Bucht erwartet werden, schon eine ganze Menge in Erfahrung gebracht. Leicht zu verstehen ist das alles nicht, aber Mow hat Pläne, und für die ist es wichtig, daß er mit den Fremden so vertraut wie möglich wird. Sie machen sich nichts aus Wetten, und so läßt er seinen bunten Hahn, seinen Stolz mit den messerscharfen Sporen und dem roten Kamm, in seinem Gefängnis aus geflochtenem Rohr sitzen, wo er träge nach Reiskörnern und Würmern pickt, seinen Mut vergißt und fett wird wie ein Suppenhuhn.

Die Fremden wollen Uhren kaufen und Anzüge machen lassen, manche kommen nur wegen der Liebe, von deren Hitze sie in ihren kalten Ländern Wunderdinge gehört haben. Mow hat als coffeeboy angefangen. Längst läßt er seine Pläne viel höher fliegen. Er kennt Massagemädchen und coffeeboys, er weiß, wo die ganz jungen zu finden sind. Er kennt Uhrenhändler mit perfekt gefälschten Rolex und Jaeger-LeCoultres, Schneider, Golfclubmanager und Mütter. Er will noch viel mehr wissen von den Wünschen der Fremden.

Seit einem Jahr hat er einen Freund, der ihm besser helfen kann als jeder andere. Mister Oss heißt er, eigentlich anders, aber Mow kann den richtigen Namen seines Freundes nicht aussprechen. Horst! hat der ihm hundertmal vorgesagt, Versuchs doch mal, H-O-R-S-T. Ist denn das so schwer? Bald wird Englisch nicht mehr genügen, bei den vielen Österreichern und Deutschen hier, von den Schweizern gar nicht zu reden.

Oss! hat Mow geantwortet und gelächelt. Hi, Mr. Oss!

Mr. Oss wird die neuen Gäste mit ihm abholen, in etwa einer Stunde. Er hat große Macht. Er bestimmt, was die Fremden zum Frühstück bekommen. Als die Bungalows eingerichtet wurden, hat der japanische Boß sich ganz nach Mr. Oss gerichtet. Asiatisch ist ja ganz schön, aber nicht übertreiben! sagt Mr. Oss, und die Fremden loben die schweren Teakholzmöbel und die Kristallspiegel in ihren Paradieshütten.

Mr. Oss kennt die Vorzüge dieses wunderbaren Erdenflecks besser als die primitiven Leute, die das Schicksal zu dessen Ureinwohnern gemacht hat. Wenn es, hat Mr. Oss oft gedacht, umgekehrt gewesen wäre? Diese schläfrigen, nicht recht lernwilligen kleinen Menschen Ureinwohner von Nordrhein-Westfalen oder dem Allgäu und dafür die von dort für immer im Paradies?

Manchmal denkt Mr. Oss, daß dann hier endlich was voranginge und man nicht alles jeden Tag neu zu erklären brauchte, später aber, bei Sonnenuntergang mit einem Glas...



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