E-Book, Deutsch, 316 Seiten
DeMelly Retter wider Willen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96000-320-5
Verlag: Elysion Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 316 Seiten
ISBN: 978-3-96000-320-5
Verlag: Elysion Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nicky DeMelly wurde 1978 im schönen Münsterland geboren und lebt auch heute mit ihrer Familie dort. Sobald sie lesen konnte, hat sie jede freie Minute genutzt, um in fremde Buchwelten einzutauchen. Inzwischen sind zahlreiche Projekte, Kurzgeschichten, Novellen und Bücher erschienen.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Endlich Ruhe!
Dieser Gedanke hatte ein wahres Feuerwerk an positiven Gefühlen in mir ausgelöst, als mein Flug nach Palmanova gebucht war. Endlich raus aus dem Krankenhaus, aus der Patienten-Kollegen-Ärzte- Vorgesetzten-Hölle. All den Stress und Druck hinter mir lassen.
Nun stand ich hier, am weißen Traumstrand, der sanft von den auslaufenden Wellen des Mittelmeeres gestreichelt wurde. Die Sonne brannte vom wolkenlosen, babyblauen Himmel, brachte das Wasser zum Glitzern. Eine Möwe kreischte gegen das Rauschen der Wogen an, während sie majestätisch ihre Bahnen zog. Traumhaft.
Eigentlich.
Die Realität von dicht aneinander gequetschten, braungebrannten oder frisch gerösteten roten Leibern, quengelnden Kindern und einer Joggerin, die mich fast über den Haufen rannte, war ernüchternd.
Aber stopp – ich wollte mich auf das Positive besinnen. Jetzt würde ich einen Spaziergang machen und mit etwas Glück ein ruhigeres Plätzchen finden.
Nach gut zwei Stunden war ich erfolgreich. Klar, auf dicken, teils zu eindrucksvollen Haufen gestapelten Gesteinsbrocken wollte niemand sitzen. Ich inzwischen schon. Denn hier war alles, was ich brauchte: das Meer und Ruhe.
Ich suchte mir einen annehmbaren Stein aus, der einen druckstellenfreien Hintern versprach, und ließ mich mit einem erleichterten Seufzer nieder. Sog die wohltuend salzige Luft tief in meine Lunge. Schloss die Augen und lauschte dem sanften Rauschen des Meeres, das seine wahren Kräfte gekonnt verbarg. Verdrängte die dröhnenden Motorengeräusche der Yachten und Schnellboote, die immer neuen Touristen zu einem Adrenalinkick verhalfen.
Schluss damit. Keine Menschen in den Kopf lassen. Nicht in diesen beiden Wochen.
Der gepresste und doch markerschütternde Schrei hinter mir brachte meine Vorsatzblase jäh zum Platzen. Vor Schreck wäre ich fast vom Felsbrocken gefallen, was Wut in mir aufsteigen ließ. Wie konnte man die Stille an diesem friedlichen Ort nur dermaßen verhunzen? Ich fuhr herum, bereit, all meinen Frust an dem Störenfried auszulassen – und klappte den Mund wieder zu. Stattdessen erwachte mein Helfersyndrom, als ich die schmerzverzerrte Miene des jungen Mannes sah, der hinter mir kauerte und sich den Fuß hielt. Seiner Kleidung nach zu urteilen - die, nebenbei bemerkt, eine Menge muskelüberspannende Haut präsentierte – war er zum Joggen hier. Ursprünglich zumindest.
»Was ist passiert?« Ich stand auf und ging unschlüssig auf ihn zu.
Er sah auf, der Schmerz in seinen Augen wich Verständnislosigkeit. »´ne dämlichere Frage hast du nicht auf Lager?«
Wow, was für ein freundlicher Mitmensch. Er erinnerte mich an so manchen Patienten im Krankenhaus, der bei den Pflegekräften telepathische Fähigkeiten erwartete. Und die Wünsche gefälligst gestern, nicht erst in einer Minute erfüllt zu haben.
Nur hatte dieses männliche Wesen vor mir einen englischen Akzent und lag in keinem Krankenhausbett. Noch. Dennoch war diese Situation genau das, worauf ich Lust hatte. Nicht.
Abwehrend hob ich die Hände. »Vergiss es. Aber wenn du keine Hilfe willst, schrei hier auch nicht so rum.«
Wow, was konnte ich böse sein. Das erschreckte mich gerade selbst. Andererseits war er ja nicht besser gewesen.
Ich wandte mich ab, was mich viel zu viel Mühe kostete. Auch wenn er unfreundlich war, tat er mir leid. Aber was konnte ich als dummer Krankenpfleger schon machen? Schließlich hatte ich nicht Medizin studiert und war somit höchstens zum Hinternabputzen geeignet. So die Aussage meines Lieblingsarztes, der vor Wertschätzung nur so strotzte.
, schalt ich mich selbst. .
Das unterdrückte Stöhnen hinter mir jagte einen Schauer über meinen Rücken. Den armen Kerl musste es voll erwischt haben. Was auch ein gewisses Maß seiner Zickigkeit erklärte.
Widerstrebend drehte ich mich wieder zu ihm. Keinen halben Meter hatte er von mir weggeschafft. Nun lehnte er vornübergebeugt mit der Hand an einem Steinhaufen, der aussah, als würde er jeden Moment unter seinem Gewicht zusammenbrechen. Wie auch der Kerl selbst. Seine Stirn war schweißnass, das Gesicht machte dem Weiß meines Bettlakens in der Pension Konkurrenz.
Seufzend erhob ich mich erneut. »Warte, ich helfe dir.«
»Nicht nötig.« Wie zum Beweis stieß er sich von der Mauer ab, trat auf den verletzten Fuß – und fiel um. In meine Arme. Ein angenehmer Duft nach Fichte und einem Hauch Vanille stieg mir in die Nase, während ich mühsam versuchte, uns beide auf den Beinen zu halten. Sobald wir halbwegs sicher standen, machte er Anstalten, mich von sich zu stoßen.
Diesmal hielt ich dagegen. »Jetzt lass das Gezicke, hier kommt kein Krankenwagen hin.«
»Ich brauche auch kei...«
»Klappe jetzt.« Seine Muskeln unter meinem Arm, den ich um seine Schulter gelegt hatte, spannten sich noch mehr an. Doch das war mir egal. Energisch griff ich ihm unter die Achsel und fummelte mit der anderen Hand an seinem Arm herum. »Jetzt zier dich nicht so und hilf mal etwas mit. Tragen wollte ich dich nicht.«
Er öffnete den Mund, klappte ihn jedoch wieder zu. Zögerte, stieß ein herzhaftes Seufzen aus und stützte sich dann endlich auf mir ab.
Es war ein kurzer, aber überaus beschwerlicher Weg bis zur Straße – ohne weitere Schweißausbrüche konnte er den Fuß weder belasten, noch hochhalten, geschweige denn das Schwingen beim Hüpfen auf einem Bein ertragen.
Aber wir schafften es, wobei ich ihn für seine verhältnismäßige Schmerzunempfindlichkeit bewunderte. Ich an seiner Stelle wäre sicher schon fünf Mal umgekippt.
An der Straße angekommen, ließen wir uns beide schwer atmend zu Boden sinken.
»Sorry«, murmelte er und sah mich dann aufrichtig an. »Und danke.«
»Kein Ding. Ich bin übrigens Arian.«
»Zane.«
»Komischer Name.«
»Bei deinem fehlt ein D.«
Wir sahen uns an und lachten los. Es gefiel mir, wie er seine ebenmäßigen Zähne präsentierte und der Schalk in seinen Augen blitzte. Überhaupt konnte er sich sehen lassen, obwohl ich eigentlich nicht auf blonde Kerle stand. Aber seine fast schulterlangen Locken bildeten einen traumhaften Kontrast zu den dunklen, geheimnisvollen Augen. Auch der Dreitagebart passte perfekt zu seinem markanten Gesicht. Sollte ich es ebenfalls mal versuchen und mich von meinem glattrasierten Babyface trennen? Warum war ich vorher noch nie auf die Idee gekommen? Bei meinen dunklen Haaren könnte es die blauen Augen mehr zur Geltung bringen. Einen Versuch war es wert.
Zane riss mich aus den Gedanken. »Sorry, dass ich so zickig war.« Er kratzte sich verlegen am Kopf. »Ich bin es nicht gewohnt Hilfe anzunehmen.«
»Manchmal muss es aber sein.«
»Ja.« Gedankenverloren spielte er mit einem Stein, was mir erneut Zeit gab, ihn unauffällig zu mustern. Je länger ich ihn ansah, desto perfekter wirkte er auf mich. Jetzt, wo er etwas entspannter wirkte, klang auch seine Stimme wunderbar melodisch. Das alles hinterließ ein seltsames Gefühl in meinem Bauch, das ich nicht deuten konnte.
Was zum Teufel war los mit mir? Scheinbar stand ich auf Männer-Entzug. Aber den sollte ich besser woanders ausleben.
»Du hättest mir nicht helfen müssen«, murmelte er.
Schlagartig wurden meine Fantasien von Fassungslosigkeit verdrängt. Was eine gewisse Dankbarkeit in mir weckte, denn er schien anstrengend zu sein. Darauf hatte ich keine Lust. »Echt jetzt? Fängst du schon wieder an?«
»Was? Nein, so meinte ich das nicht. Ich brauchte Hilfe, aber es war nicht dein Job, es zu tun.«
Klar war es mein Job. Darüber wollte ich jetzt allerdings nicht reden. »Du Hilfe? Ich denke, das hat sich nicht geändert. Apropos, lass mich mal deinen Schuh ausziehen. Sonst ist der Fuß gleich so geschwollen, dass es gar nicht mehr funktioniert.«
Er ließ den Kraftakt zu und versuchte vergebens, sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Mein Herz zog sich mit jedem unterdrückten Aufkeuchen ein Stück mehr zusammen, aber wir schafften es. Was den Anblick nicht unbedingt leichter machte. Das Gelenk sah schlimm aus. Wenn da nichts gebrochen war, würde ich auf meinen nächsten Jahresurlaub verzichten.
Mit einem nun herzhaften Stöhnen ließ er sich zurücksinken. Der Schweiß lief ihm über das Gesicht, wieder war er eine Nuance bleicher geworden. »Fuck. Schon blöd, wenn man zu dämlich zum Laufen ist.« Er versuchte ein Grinsen, scheiterte aber kläglich.
Es tat mir in der Seele weh, ihn leiden zu sehen. Obwohl ich sowas auf der Arbeit täglich sah und Zane überhaupt nicht kannte – ich ertrug den Anblick nicht länger.
»Ich hol dir mal ein nasses Tuch, das kühlt etwas.«
Er nickte und schenkte mir ein dankbares Lächeln. »Das ist lieb.«
Auch ich lächelte und eilte zum Meer. Dort angekommen atmete ich mit geschlossenen Augen tief durch. Der Kerl brachte mein Blut in Wallungen, wie ich es noch nie erlebt hatte.
Heute Abend sollte ich mal die Bars unsicher machen. Ich war eindeutig untervögelt. Aber jetzt brauchte ich erstmal ein Tuch, das ich nassmachen konnte. Wo könnte ich sowas finden?
Nirgends. Mir blieb nur mein Shirt. Super, da musste ich Schmächtling diesem durchtrainierten Kerl meine Hühnerbrust präsentieren. Wenn der mal keinen Lachanfall bekam. Aber was juckte es mich? Ich würde ihn nie...




