E-Book, Deutsch, 224 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
Dellert WIR.
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8312-7097-2
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Weil nicht egal sein darf, was morgen ist. (SPIEGEL-Bestseller)
E-Book, Deutsch, 224 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
ISBN: 978-3-8312-7097-2
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Louisa Dellert, geboren 1989 in Wolfenbüttel, ist Unternehmerin, Moderatorin und Autorin. Seit vielen Jahren tauscht sie sich in den sozialen Medien mit Menschen über alles aus, was sie bewegt: Umweltschutz, Gleichberechtigung, Politik und vieles mehr. Immer wieder lädt sie Betroffene und Expert:innen ein, um mit ihnen über unsere Zukunft zu sprechen und nach Lösungsansätzen zu suchen.
Weitere Infos & Material
1. THEMENKOMPLEX:
FEMINISMUS
Ich schaue das Mädchen verdutzt an, während ich ihr Handy halte und erst mal damit klarkommen muss, was ich auf dem Display lese. Ich habe an ihrer Schule gerade einen Vortrag über »Hate Speech in sozialen Medien« gehalten. Die Fünfzehnjährige wollte unbedingt noch alleine mit mir sprechen. »Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren. Kein Mensch braucht diesen Schwachsinn«, steht in der Kommentarspalte unter einem YouTube-Video auf ihrem Smartphone. »Der Typ sagt in seinen Videos immer, dass Frauen mit ihrer Gleichberechtigung nerven und übertreiben«, erklärt sie mir. »Die Jungs in meiner Klasse feiern ihn voll ab und ich finde das schlimm. Als ich sie darauf angesprochen habe, haben sie sich über mich lustig gemacht und gesagt, dass ich mich nicht so anstellen soll – weil ich ja zum Glück nicht hässlich bin.«
Um den Jungs in der Schulklasse erklären zu können, weshalb Feminismus wichtig ist, braucht es Geschichten von Menschen. Geschichten, auf die wir gleich zu sprechen kommen werden. Aber vorher möchte ich erklären, was Feminismus bedeutet. In erster Linie ist Feminismus ein Oberbegriff für gesellschaftliche, politische und akademische Strömungen und Bewegungen, die ein gemeinsames Ziel haben. Sie treten für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und die Würde aller Menschen ein – egal welches Geschlecht diese haben oder welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen. Vor allem aber treten sie gegen etwas ein, das uns allen leider nur allzu bekannt ist: gegen Sexismus.1 Sexismus lässt sich als Gegenbegriff zu Feminismus verstehen und beschreibt eine auf das Geschlecht bezogene Diskriminierung. Gemeint ist damit jeder Ausdruck – sei es eine Handlung, Worte, eine Abbildung oder Gesten –, der auf der Idee basiert, dass manche Menschen aufgrund ihres Geschlechts minderwertig sind.
Das können abfällige Aussagen sein wie »Zickst du schon wieder rum, weil du deine Tage hast?«, vergiftete Komplimente wie »Für eine Frau kannst du ja gut einparken« oder – der Spieß kann auch umgedreht werden – »Heul nicht rum, echte Männer weinen nicht«. Solche Kommentare und bestimmte Rollen, die Frauen und Männern zugewiesen werden, sind oft ebenfalls sexistisch. Feminismus ist so viel mehr als die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wenn ich in der Öffentlichkeit oder in kleiner privater Runde unter Freundinnen und Freunden über Feminismus spreche, dann ist oft eine Person darunter, die Feminismus mit Männerhass assoziiert. Eine zweite Person weiß nicht, was Feminismus bedeutet. Und wieder eine andere Person hat eine klare Vorstellung davon, wie sie Feminismus für sich persönlich definiert.
Ich nehme in solchen Gesprächen immer wieder wahr, dass der Begriff negativ behaftet ist. »Radikaler Männerhass« ist nur eine von vielen Aussagen, die mir dabei unterkommen. »Warum denn nicht einfach ein anderes Wort benutzen, statt immer von Feminismus sprechen?«, werde ich oft gefragt. Ich finde nicht, dass es einen neuen Begriff braucht. Viele Menschen haben in der Vergangenheit für ihre Rechte und Gleichberechtigung gekämpft – unter dem Überbegriff Feminismus. Wenn wir ein neues Wort einführen würden, würde sich das für mich falsch anfühlen, weil wir damit die Lebensleistung vieler kleinmachen.
Menschen, die sich vom Begriff Feminismus angegriffen fühlen, sollten sich meiner Meinung nach eher die Frage stellen, warum das so ist. Warum werden viele – vor allem Männer – gleich emotional, wenn Frauen sich wünschen, dass sie in Diskussionen genauso wahrgenommen werden wie Männer oder dass Führungspositionen nicht ausschließlich von einem Geschlecht – dem männlichen – besetzt werden. Bei all dem, was ich hier schreibe, ist es mir sehr wichtig klarzumachen, dass das Ziel des Feminismus nicht darin besteht, statt Männern ausschließlich Frauen an die Spitzen von Politik und Wirtschaft zu bringen oder irgendwelche Machtverhältnisse radikal umzukehren. Ich möchte auch nicht allen Männern unterstellen, dass sie mit Absicht in Diskussionsrunden dazwischenreden oder Frauen weniger zuhören. Und nein, Männer sollen und dürfen nicht gecancelt werden. Vielmehr geht es mir um eine gerechte Verteilung und mehr Selbstbestimmung für Frauen, ja, für alle Geschlechter. Zwar ist in Deutschland »die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht. An der tatsächlichen, alltäglichen Gleichstellung arbeiten wir noch« – wie die Bundesregierung selbst zugeben muss.2
Diese reale Ungleichheit zeigt sich zum Beispiel in der immer noch zum Teil unfairen, weil niedrigeren Bezahlung von Frauen gegenüber Männern; dazu später mehr. Die traurige aktuelle Faustregel: Je wichtiger die Position im Unternehmen, desto geringer die Anzahl der Frauen, die sie innehaben. Das belegt eine Studie der Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR): In 103 von 186 untersuchten börsennotierten Konzernen gab es keine einzige Frau in der Vorstandsetage.3
Aber immerhin tut sich hier etwas. Mitte Juni 2021 hat der Bundestag das »Zweite Führungspositionen-Gesetz« beschlossen. Das Vorhaben der Großen Koalition sieht vor, dass in börsennotierten Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten und in Vorständen mit mehr als drei Mitgliedern künftig mindestens eine Frau dem Vorstand angehören muss.4
Das sind lobenswerte Bemühungen, aber nur erste Schritte. Ich finde: Es muss sich grundsätzlich etwas in unserem Denken ändern. Denn schon in unserer Sprache wird deutlich, dass Frauen benachteiligt sind. Die meisten Personenbezeichnungen für Handelnde sind in ihrer Grundform Maskulina.5 Also Lehrer, Arzt, Bürger. Durch das Anhängen des Femininsuffixes (meist »-in«) werden die weiblichen Bezeichnungen gebildet: Lehrerin, Ärztin, Bürgerin.
Wenn von einer Gruppe gesprochen wird, die aus Männern, Frauen und non-binären Personen besteht, kommt oft das sogenannte generische Maskulinum zur Anwendung: grammatikalisch die männliche Form, aber verstanden als geschlechterübergreifend. Bloß: Frauen zum Beispiel sind hier immer nur mitgemeint: 99 Sängerinnen und ein Sänger sind zusammen also 100 »Sänger«.6 Das generische Maskulinum, dem kein adäquates generisches Femininum gegenübersteht, hat Auswirkungen auf die Art, wie wir denken. Meinen Aha-Moment, seitdem ich versuche, konsequent geschlechtergerechte Sprache umzusetzen, hatte ich, als ich im Internet auf die folgende Geschichte stieß:
Ein Vater fa¨hrt mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglu¨cken. Der Vater stirbt an der Unfallstelle. Der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und muss operiert werden. Einer der Chirurgen eilt in den OP, tritt an den Operationstisch heran, auf dem der Junge liegt, wird kreidebleich und sagt: »Ich bin nicht imstande zu operieren. Dies ist mein Sohn.«7
Mein erster Gedanke, als ich die Geschichte zum ersten Mal gelesen habe, war: Ist der Vater aus dem Auto gar nicht der leibliche Vater? Handelt es sich vielleicht um ein homosexuelles Elternpaar? Richtig ist: »Chirurgen« wird geschlechterneutral gebraucht und meint gleichermaßen Männer und Frauen. Die Auflösung der Geschichte: Die Mutter eilt in den OP. Sie ist Chirurgin. Aber an eine Frau denken eben die wenigsten (inklusive mir), wenn von Chirurgen die Rede ist. Diese Geschichte zeigt, welche Macht unsere Sprache hat und wie sehr sie unsere Wahrnehmung beeinflussen kann.
Es gibt aber nicht nur Unterschiede, was die Sprache angeht. Werfen wir einen Blick auf die mediale Repräsentation: In Fernsehserien werden Frauen häufiger als Krankenschwestern (statt als Ärztinnen) gezeigt, Männer dagegen häufiger als Ärzte (statt als Pfleger), die – noch dazu gebildeter und belesener – mit ihren kompetenten Entscheidungen immer schnell zur Stelle sind. Das klingt vielleicht zunächst wie eine Lappalie, aber ebenso wie die Art, wie wir sprechen, beeinflusst auch die Art, wie Medien und Werbung Frauenbilder, ja generell Geschlechterbilder, entwerfen und transportieren, enorm unser Denken und Handeln.8
Was tut der Feminismus also, um eine Gleichberechtigung zu erreichen? Zunächst einmal analysiert er aus verschiedenen Blickwinkeln die Gründe für die fehlende Gleichberechtigung. Einige der Fragen, die sich dabei stellen, werden uns in den Gesprächen im Anschluss an diese Zeilen begegnen. Kurz zum Unterschied von zwei wichtigen Begriffen, die in diesem Zusammenhang oft verwechselt und falsch verstanden werden: Gleichstellung und Gleichberechtigung. Gleichberechtigung meint, dass jede Person die gleichen Chancen hat. Gleichstellung bedeutet hingegen, dass eine zahlenmäßige Gleichheit herrscht. Einige der Fragen, die der Feminismus stellt, liegen auf der Hand: Warum gibt es in einer großen, modernen IT-Firma nur eine einzige Frau, die dort als Technikerin beschäftigt ist? Wie kann es sein, dass bei vielen Sportereignissen Frauen seit Jahrzehnten unterrepräsentiert sind und strukturell weniger gefördert, wenn nicht sogar ausgeschlossen werden? Inwieweit prägen Schönheitsideale und Körperbilder Mädchen und Jungen und schränken sie in ihrer Entwicklung oder bei der Berufswahl ein? Und vor allem fragt der Feminismus im nächsten Schritt: Was kann jeder Mensch ganz individuell tun, um das zu ändern? Es ist gar nicht so einfach, hierauf Antworten und Lösungen zu liefern.
Trotzdem sucht der Feminismus schon seit über zwei...




