E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Deitch Killer Potential
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3566-7
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller | »Fesselnd, unheimlich und cool. Hannah Deitch hatThelma & Louise für unsere Zeit geschrieben.«Paula Hawkins
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3566-7
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hannah Deitch arbeitete lange selbst als Nachhilfelehrerin, um finanziell über die Runden zu kommen. Inzwischen ist sie Journalistin und Lektorin und lebt in Los Angeles. Killer Potential ist ihr Romandebüt.
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Serena Victor war mein Sonntagnachmittag. Sie war eine meiner Allround-Schülerinnen, und ich hatte bis dahin knapp acht Wochen mit ihr gearbeitet. Wir trafen uns jede Woche für zwei Stunden: In der ersten bereitete ich sie auf die Prüfung für die Zulassung an der Uni vor, und in der zweiten gab ich ihr Hausaufgabennachhilfe. Ich war nicht Serenas erste Tutorin: Dinah erwähnte, dass es eine Vorgängerin gab, von der man sich aber habe trennen müssen. Der darin enthaltene Hinweis war nicht zu überhören.
Normalerweise brauchte sie Unterstützung in Englisch, manchmal auch in Chemie. Serena war in den vorangegangenen Wochen nicht in der Schule gewesen, und ich half ihr nun, den Stoff nachzuholen. Ihre Krankheit sei rätselhaft, aber nicht ansteckend, versicherte mir ihre Mutter, jedoch schlimm genug, dass Serena zu Hause bleiben und ihre Eltern sie im Auge behalten mussten. Im Fokus unserer gemeinsamen Arbeit stand vor allem die Vorbereitung auf die Zulassungsprüfung. In den Probetests kam Serena auf ungefähr 1350 Punkte. Ihr bestes Ergebnis waren 1480, ihr schlechtestes 1220. Ausgerechnet in Mathe schnitt sie am besten ab, erstaunlich für eine junge Frau, die ein teures geisteswissenschaftliches College besuchen wollte. Mathematik unterrichtete ich am liebsten, die eleganten Formeln, die Tricks und Kniffe. Eine garantiert erfolgreiche Methode zur Verbesserung des Leseverständnisses zu entwickeln, war dagegen deutlich schwieriger, und die Fortschritte meiner Schüler waren meist nicht eindeutig erkennbar, ihre Leistungsschwankungen unvorhersehbar und den Eltern sehr viel schwieriger zu erklären.
Letztere fielen typischerweise in zwei Kategorien. Entweder zeigten sie sich übertrieben dankbar für »meine enorme Hilfe« oder misstrauisch in Hinblick auf meine Qualifikation und Vergütung. Die Victors schienen mich allerdings aufrichtig zu mögen.
Peter Victor, ihr Vater, arbeitete im Finanzwesen, war wohl irgendeine Art Banker. Mehr wusste ich nicht. Er verdiente sein Geld mit anderer Leute Schulden, seine Konten schwollen an, während er die Sommer auf Mallorca, in Monaco und Martha’s Vineyard verbrachte. Er war klein und unnatürlich braun gebrannt, sein dunkelblondes Haar war silbergrau meliert. Normalerweise war er nicht zu Hause, aber wenn er mich, was selten vorkam, doch einmal an der Tür begrüßte, tat er dies mit der entwaffnenden Milde eines einsamen Mannes in einem Haus voller Frauen. Ich kannte die Sorte. Er war ein Vater, der sich für einen Friedensstifter hielt, weil er die gelassene Stimme der Vernunft vertrat, als Gegengewicht zu all dem überbordenden Östrogen.
Ich weiß nicht genau, wann Peter Dinah kennenlernte, und auch nicht wie, aber ich weiß, dass sie vor ihrer Hochzeit als Schauspielerin einigermaßen berühmt war. Nach Serenas Geburt stieg sie aus dem Beruf aus. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere hatte sie in einem oscarnominierten Film über einen abgehalfterten Leichtathletik-Star mitgespielt, der am Ende trotz aller Widrigkeiten einen Wettkampf gewinnt. Meine Freunde und ich haben ihn uns einmal bekifft angesehen. Dinah spielte darin die sexy Freundin des Protagonisten, die nicht von seiner Seite weicht, auch als er wegen einer Knieverletzung in eine tiefe Krise gerät, die er dank der unerschütterlichen Unterstützung seiner Freundin überwindet. Der Film gefiel mir besser, als ich bereit war zuzugeben.
Und dann Serena. Sie war eine schüchterne Siebzehnjährige mit glänzend hellblondem Haar und dem Gesicht einer Porzellanpuppe. Sie trug Kleider oder Röcke, dazu schäbige ausgeleierte Pullis und ihre Beine waren mit pfirsichblondem Flaum bedeckt. Als ich ihr das erste Mal begegnete, reichten ihr die Haare fast bis zur Taille. Drei Wochen später schnitt sie sie auf Jean-Seberg-Länge: Das war ihr Bezugsrahmen, und indem sie mir davon erzählte, teilte sie mir mit, dass sie Jean-Luc Godard kannte.
Ich vermutete, dass sie trotz ihres hübschen Äußeren in der Schule unbeliebt war. Sie versuchte, durch ihren Literatur-, Film- und Musikgeschmack zu einer Identität zu finden, reagierte aber häufig voreingenommen und genierte sich schnell. Unfairerweise konnte ich sie von Anfang an nicht leiden. Ihre Schüchternheit erinnerte mich an die asozialen reichen Jugendlichen, mit denen ich selbst auf dem College war. Launisch schlenderten sie über den Campus und rauchten Kette.
Ich sah Serenas Zukunft genau vor mir. Ein Master in Lyrik oder ein Doktor in frühneuzeitlicher Literatur. In einem viktorianischen Townhouse im Mission-District mit einem Bohème-Leben in Armut liebäugeln. Ich wusste genug über Lukas, ihren Freund, um eine Vorstellung davon zu haben, auf welche Typen sie stand. Ich hatte ihn auf Fotos gesehen, die sie als Bildschirmschoner verwendete, außerdem hatte sie ein Polaroid von ihm mit Tesafilm auf ihre iPhone-Hülle geklebt. Seine dunkelblonden Haare waren eher lang und ungepflegt, eine strähnige Version von Serenas glänzenden Goldlöckchen. Sie hingen wie geschmolzenes Wachs auf seinem Schädel, umrahmten sein Gesicht mit dem kantigen Kinn und den hohen Wangenknochen. Lukas war Vegetarier und rauchte Selbstgedrehte. Spätestens mit Anfang zwanzig hätte Serena ihn gegen ein glanzvolleres Modell ausgetauscht, gegen eine Variante der immer gleichen Männer, deren kulturelle Vorlieben als Beleg ihrer alternativen Integrität dienten. Ausgewaschene T-Shirts mit den Logos von Bands, von denen niemand je gehört hatte, fettige Haare, ausgelatschte Turnschuhe, Schnurrbärte und selbst gestochene Tattoos. Sie waren reich, genau wie Serena, ließen es sich aber nicht anmerken. Am Ende würde Serena sich mit einem Mann aus der Technologie-Branche verloben, möglicherweise mit schwedischen oder norwegischen Wurzeln, der im Ecstasy-Rausch Apps entwickelt und sich für eine Autorität auf dem Gebiet des amerikanischen Hip-Hop hält. Oder aber mit einem Trust-Fund-Kid, einem gebürtigen New Yorker, der in Immobilien macht und am Wochenende in einer Dinosaur Jr.-Cover-Band spielt. Serena malt, sammelt Kunst oder gründet eine teure Wellness-Klinik, nebenher beendet sie ihre Dissertation über Melancholie und den weiblichen Körper in der englischen Schäferdichtung.
Sollte ich den Eindruck erwecken, gemein oder kleinlich zu sein, will ich das nicht abstreiten. Falls es hilft, kann ich versichern, dass meine Gemeinheit keinen negativen Einfluss auf Serenas Gefühle hatte. Ich war sehr gut darin, ihr gegenüber so zu tun, als würde ich sie mögen, und ehrlich gesagt, spielte es auch gar keine Rolle, ob ich sie mochte oder nicht. Sie lebte in dem schönsten Haus, das ich je betreten hatte, einem Haus, in dem ich niemals leben würde, einem so fantastischen Haus, dass es für mich aussah wie von einem anderen Stern. Es befand sich mitten in den Los Feliz Hills, zwischen all den anderen im englischen Tudor-, spanischen Kolonial- oder Schweizer Chaletstil erbauten Anwesen.
Im Wohnzimmer sickerte Licht meeresgrün durch das Prisma eines nach der Vorlage von Klimts »Lebensbaum« gestalteten Buntglasfensters. Dinah Victors Möbel waren klassisches Hollywood, lange Samtsofas und mittelalterliche Kronleuchter, persische Teppichläufer, türkisfarbene marokkanische Fliesen im Bad, perlmuttfarben schimmernde Wannen mit goldenen Klauenfüßen. Jede Woche saß ich zwei Stunden im Esszimmer, gelegentlich auch mal im Wohnzimmer oder in der Küche. In diesen zwei Stunden konzentrierte ich mich zur Hälfte auf meine Aufgabe: Serena etwas über Parabeln, schiefe Metaphern und den Satz des Pythagoras beizubringen … zur anderen Hälfte durchstreifte ich das Haus, ergötzte mich an jedem Detail. Dem Stück Seife aus Jasmin und Safran für hundert Dollar. Zusammengezogene Hauptsätze ohne Konjunktion. Der Baumkanten-Tisch aus portugiesischem Holz. Polynome. Die handgemalte Seidentapete von De Gournay. Parallelismus.
Ich muss gestehen, in schwachen Momenten bin ich empfänglich für Immobilien-Pornografie. Am meisten fahre ich auf die etwas älteren Jahrgänge ab und hole mir meine Kicks meist auf exklusiven Maklerseiten im Internet. Für das Haus der Victors aber konnte ich von meinem teuren Abschluss in Kunstgeschichte profitieren. Der Architekt war ein Surrealist namens Emmanuel Besos, ein spanischer Adliger, der nach Kalifornien gezogen war, um in der Filmbranche zu arbeiten, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Er baute Kulissen für Musicals und historische Epen: Treppenaufgänge so gewaltig, dass sie sich scheinbar in den Wolken verloren, märchenhafte Ballsäle, Gärten und Bergketten. Das Haus der Victors war eines von drei Wohnhäusern in Los Angeles, die er in den Zwanzigerjahren entworfen hatte. Er experimentierte mit neuen Möglichkeiten der Dienstbotenunterbringung und plante ein Labyrinth aus geheimen Gängen und versteckten Türen, damit die Angestellten weitestgehend außerhalb des Blickfelds blieben. Laut des Artikels, den ich darüber fand, waren die geheimen Gänge ein Mythos: Niemand hatte sie je gefunden, und auf den offiziellen Bauplänen waren sie nicht verzeichnet. Sie waren lediglich eine von Besos’ zahlreichen Launen, das Vorhaben wurde nie umgesetzt.
Die Treffen mit Serena verliefen immer gleich. Ich parkte meinen schwarzen PT Cruiser Baujahr 2003, den ich von...




