Decker | Was ich dir immer schon mal sagen wollte | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Politik & Zeitgeschichte

Decker Was ich dir immer schon mal sagen wollte

Ost-West-Gespräche
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86284-314-5
Verlag: Links, Christoph, Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ost-West-Gespräche

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Politik & Zeitgeschichte

ISBN: 978-3-86284-314-5
Verlag: Links, Christoph, Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie steht es nach 25 Jahren Einheit um die innerdeutsche Verständigung? Wie stark ist der Ost-West-Gegensatz noch? Markus Decker hat sich mit 14 kompetenten Gesprächspaaren aus Ost und West getroffen. Er diskutierte u. a. mit Andreas Dresen und Axel Prahl, Rainald Grebe und Hans-Eckardt Wenzel, Anke Domscheit-Berg und Gesine Schwan, Reiner Haseloff und Winfried Kretschmann, Esra Kücük und Anne Wizorek, Lutz Rathenow und Bernd Riexinger, Arne Friedrich und Axel Kruse über den Prozess des Zusammenwachsens in ihrem jeweiligen Umfeld. Es geht um Freiheit und Frauenrechte, um Freundschaft, Glaube und Liebe, um Solidarität und um Fußball. Für den Blick von außen sorgen eine französische und eine polnische Deutschland-Korrespondentin. Entstanden sind vielschichtige Gespräche - so lebendig wie die Einheit selbst.

Jahrgang 1964, Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Romanistik in Münster und Marburg, ab 1994 Redakteur in Lutherstadt Wittenberg und Halle, seit 2001 Berliner Parlamentskorrespondent für die Mitteldeutsche Zeitung und den Kölner Stadtanzeiger, ab 2012 auch für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau, seit 2018 beim Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). 2006 erhielt Markus Decker den Journalistenpreis Münsterland für einen autobiografischen Text über seine Heimatstadt. Er lebt in Berlin.

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»Zu einem Gespräch gehört Respekt«


Der Philosoph, Psychologe, Autor und Coach Olaf Georg Klein über das Miteinanderreden


Olaf Georg Klein (60) hat sich vielleicht wie kein anderer mit der Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen beschäftigt. Einerseits ist das sein Beruf. Klein studierte an der Humboldt-Universität Theologie, Philosophie und Psychologie und arbeitet heute als Coach. Der Lebensweg des Ost-Berliners war und ist auf Verständigung aus. Seine Arbeit setzt ein, wo sie misslingt. Andererseits ist das Ost-West-Thema auch seine Leidenschaft. Den Mauerfall 1989 erlebte Klein mit 34 Jahren. Vor 15 Jahren schrieb er das Buch , das ein Bestseller wurde. Wohl weil das Aneinandervorbeireden längst zum Alltag gehörte im neuen Deutschland.

Oh, da gibt es eine ganze Reihe von Voraussetzungen. Es sollte Zeit vorhanden sein und vor allem ein gegenseitiger Respekt. Zudem gelingt ein Gespräch in der Regel nur, wenn auf beiden Seiten die innere Bereitschaft vorhanden ist, dem anderen wirklich zuzuhören.

Im besten Fall ist damit wohl ein gegenseitiger Respekt gemeint.

Gegenseitiger Respekt hat aus meiner Sicht erst einmal nichts mit dem Status zu tun. Es ist eher eine Frage der inneren Haltung gegenüber anderen Menschen und der Welt. Mit dem Begriff der Augenhöhe ist wahrscheinlich gemeint, man solle nicht »von oben herab« oder »unterwürfig« kommunizieren. Aber der Begriff suggeriert eben auch, es gäbe keine Unterschiede zwischen Menschen in Bezug auf Herkunft, Bildung, Vermögen, Geschlecht und Körpergröße. Oder man könne, wenn es doch Unterschiede gebe, dann eben nicht auf Augenhöhe kommunizieren. Insofern verschleiert der Begriff mehr, als er ermöglicht. Und von daher erscheint mir der Ausdruck des gegenseitigen Respekts angemessener zu sein, als die Metapher von der gleichen Augenhöhe.

Dass es die Kommunikationsprobleme nach dem Mauerfall gab, ist unbestritten. Worauf sie basierten und noch immer basieren, ist Gegenstand der Diskussion geblieben. Eine Deutung wäre, es liege am Statusunterschied und am Kapital und daran, dass der Osten das wirtschaftliche und politische System des Westens übernommen habe. Für mich hängt es eher damit zusammen, dass es leider gar keine Wiedervereinigung gab. Es war vielmehr politisch, juristisch und ökonomisch ein Anschluss des Ostens. Und dieser Anschluss war vom Westen gewollt und wurde mit politischen und ökonomischen Mitteln durchgesetzt. Das hat von vornherein den Blick darauf verstellt, dass auch der Osten etwas für den Westen Wesentliches hätte einbringen können. So kam es eben nicht zu einer respektvollen Vereinigung. Das wiederum hat die individuelle Kommunikation zwischen den Menschen auf beiden Seiten von Anfang an überlagert. Dieser »Geburtsfehler« ist bis heute nicht wirklich überwunden. Er spielt aber in der ganz jungen Generation keine vorherrschende Rolle mehr.

Die Anpassungserwartung funktioniert nach wie vor nicht besonders gut. Wenn Sie jemanden mit Hilfe von bestimmten Machtmechanismen zur Anpassung zwingen wollen, wird das immer nur oberflächlich gelingen. Es geht aber eben nicht allein um die politische, ökonomische und juristische Anpassung. Die ist ja weitgehend abgeschlossen. Es geht noch immer um eine kulturelle Anpassung. Deswegen habe ich ja mit meinem Buch 2001, , den Begriff der Kommunikationskulturen in die Diskussion eingebracht. Damit ist das Wie in der Kommunikation gemeint. Gehe ich direkter oder indirekter vor? Trage ich Konflikte offen oder verdeckt aus? Wie ist die Sprache rhythmisiert? Wie lang sind Pausen? Wie normal sind Unterbrechungen? Diese Unterschiede, die genauso in der Kommunikation zwischen Deutschen und Österreichern oder Deutschen und Schweizern auftreten, treten natürlich auch zwischen Ost- und Westdeutschen auf. Der Hauptirrtum bestand darin, diese kulturelle Dimension auszublenden. Entsprechend groß ist nach wie vor die »Enttäuschung« auf der Westseite über die noch immer nicht gelungene »Anpassung« des Ostens.

Ja. Aber es gibt Einschränkungen. Ich spreche ja bewusst nicht von »den Westlern« und »den Ostlern«, sondern von einer westlichen und einer östlichen Kommunikationskultur. Diese komplexe Kultur wirkt unbewusst weiter, wenn ich sie nicht reflektiere und wandle. Und jeder Einzelne kann natürlich zu seiner eigenen gelernten Kommunikationskultur auf Distanz gehen – sie also verlernen und eine neue lernen. Das passiert immer, wenn man sich in einer anderen Kultur bewegt. Typisch für Einwandererfamilien ist: Die erste Generation passt sich gar nicht mehr an, die zweite ist in einer Zwischenposition, adaptiert und fremd zugleich, die dritte wiederum ist voll integriert. Aber im Unterschied dazu reproduzieren sich in Deutschland beide Kommunikationskulturen und deren unbewusste Voreinstellungen stets neu. Es gibt Abschleifungen und eine »Mischkultur« nur da, wo sich beide Kulturen im Alltag intensiv und unausweichlich begegnen: in Arbeitszusammenhängen und in Paarbeziehungen. Da bleibt es spannend. Das kann ich in meinen Beratungen, im individuellen Coaching oder Paarcoaching nach wie vor beobachten.

Zum Respekt gehört für mich, bei jeder menschlichen Begegnung davon auszugehen, dass der andere anders ist als ich. Erst dann höre ich zu. Erst dann beginne ich ja, mich wirklich mitzuteilen und nicht vorauszusetzen, dass der andere ja ohnehin schon wisse, was ich meine. Eine vollzogene staatliche Einheit lässt kulturelle Differenzen nicht verschwinden. Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland wirken ja nun immerhin auch schon seit 1870 nach, und niemand stört sich daran. Trotzdem ist es hilfreich und sinnvoll, bestimmte kulturelle Unterschiede nicht persönlich zu nehmen oder als individuelle Eigenheiten des anderen zu interpretieren. Wenn ein Norddeutscher wortkarger ist als ein Süddeutscher, bedeutet das nicht, dass er mich nicht leiden kann. Insofern ist das Wissen um die kulturelle Differenz hilfreich, um von gegenseitigen Unterstellungen und falschen Interpretationen wegzukommen und sich gerade dadurch besser zu verstehen.

»Besserwessi« und »Jammerossi« war eines der Klischees. Denn man kann ja wohl erst einmal davon ausgehen, dass es im Osten wie im Westen in etwa gleich viele Optimisten wie Pessimisten gibt. Wenn dennoch ein solches Klischee entsteht und scheinbar immer wieder bestätigt wird, hat das mit einer kulturellen Differenz, mit unterschiedlichen »Selbstpräsentationstechniken« zu tun. Kurz gesagt, darf ich im Westen nicht als »Verlierer« rüberkommen, selbst wenn es mir gerade schlecht geht. Im Osten darf ich nicht als »Angeber« rüberkommen, selbst wenn es mir gut geht. Das ist ein fein austariertes System der Verständigung, das innerhalb der eigenen Kommunikationskultur sehr gut funktioniert, aber in der Begegnung mit der anderen weniger. Inzwischen sind beide Seiten an dem Punkt sensibler geworden. Andererseits haben Sie Recht, dass Klischees heute vor allem nicht mehr offen ausgesprochen werden. Das ist politisch unkorrekt. Aber hören Sie mal genau hin, wenn Ostler oder Westler wirklich oder vermeintlich nur unter sich sind! Kulturschocks, und genau darum handelt es sich auch in der Begegnung von Ost- und Westdeutschen, sind immer schmerzhaft und herausfordernd. Sie konfrontieren einen ja nicht zuletzt auch mit einem selbst und den eigenen unbewussten Prägungen. Insofern gilt es, mit den vorhandenen Differenzen sensibel umzugehen. Sich selbst und dem anderen gegenüber. Was einem allerdings zunehmend Hoffnung geben kann, ist, dass interkulturelle Erfahrungen, zum Beispiel innerhalb Europas, auch zu mehr Sensibilität im Bereich der Kommunikation überhaupt führen.

Nach meinen Erfahrungen ist es so, dass Ostler im Westen eher mit kulturellen Differenzen rechnen als umgekehrt Westler, die in den Osten gehen und die dann meinen, nach 25 Jahren könne es doch da gar keinen Unterschied mehr geben. Die trifft es dann leider besonders hart, weil sie oft nicht verstehen können, warum sie plötzlich in ihrem neuen Umfeld auf so massive Probleme treffen, die sie vorher nicht hatten. Da könnte ich Ihnen hunderte Beispiele nennen....


Jahrgang 1964, Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Romanistik in Münster und Marburg, ab 1994 Redakteur in Lutherstadt Wittenberg und Halle, seit 2001 Berliner Parlamentskorrespondent für die Mitteldeutsche Zeitung und den Kölner Stadtanzeiger, seit 2012 auch für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau, 2006 erhielt Markus Decker den Journalistenpreis Münsterland für einen autobiografischen Text über seine Heimatstadt, er lebt in Berlin.



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