Deaver Die Saat des Bösen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18641-8
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-641-18641-8
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die siebzehnjährige Megan ist spurlos verschwunden. Ihr Vater Tate Collier, ein ehemaliger Staatsanwalt, hat den furchtbaren Verdacht, dass seine Tochter entführt wurde. In seinem Beruf macht man sich viele Feinde, und nicht immer verurteilt die Justiz den wahren Schuldigen. Da die Polizei nicht an ein Verbrechen glaubt, macht er sich auf eigene Faust auf die Suche und hat bald schon eine erste Spur. Doch Megans Entführer scheint ihm immer mehrere Schritte voraus zu sein …
Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Seit seinem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat Jeffery Deaver sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher, die in 25 Sprachen übersetzt werden und in 150 Ländern erscheinen, haben ihm zahlreiche renommierte Auszeichnungen eingebracht. Nach der weltweit erfolgreichen Kinoverfilmung begeisterte auch die TV-Serie um das faszinierende Ermittlerpaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs die Zuschauer. Neben Lincoln Rhyme hat Deaver mit Colter Shaw einen weiteren außergewöhnlichen Serienhelden geschaffen.
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2
Als sie den Wagen auf den Parkplatz des Arztes zurücksetzte, war das Mädchen erleichtert zu sehen, daß das Büro weit von der Innenstadt entfernt war. Niemand würde auf dem Weg zu den Einkaufszentren oder der High School hier vorbeikommen und ihren Wagen vor der Praxis eines Psychiaters stehen sehen.
He, guck mal, wer das ist! Bei der beißt jeder Seelenklempner an …
Alle mal herhören, gegen die verrückte Megan braucht ihr gar nicht erst anzutreten.
Als der Motor ausging, sah sie wie immer auf ihre Kleidung hinunter – Blue Jeans, ein dunkles Arbeitshemd aus Jeansstoff mit langen Ärmeln und Kampfstiefel. Und plötzlich löste sich ihre Erleichterung in Luft auf. Ihre Aufmachung kam ihr plötzlich völlig unpassend vor. Sie war verlegen und wünschte, sie hätte wenigstens einen Rock angezogen. Die Hosen waren zu weit, das Hemd war zu zerknittert, die Ärmel baumelten ihr bis auf die Fingerspitzen, und ihre Socken waren orangerot wie Tomatensuppe.
Was wird er von mir denken?
Daß ihm da wieder so eine Bekloppte gegenübersitzt.
Sie zog sich das hölzerne Friedenssymbol, das zwischen ihren Brüsten baumelte, über den Kopf und schleuderte es auf den Rücksitz. Megan fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und strich es sich aus dem Gesicht. Ihre geröteten Knöchel wirkten so groß wie Golfbälle. Sie trug an der einen Hand vier Ringe, an der anderen drei. Total kindlich, zuviel. Sie streifte sich alle bis auf zwei von den Fingern und warf sie ins Handschuhfach.
Soll ich einfach wegfahren? Einfach alles hinter mir lassen?
Sie seufzte. Unmöglich. Das würde nur Mega-Zoff geben.
Na schön. Also los. Achtung, hier kommt die verrückte Megan …
Sie drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage, und einen Augenblick später summte das Türschloß. Die Praxis von Dr. James Peters beeindruckte sie nicht sehr. Sie war klein und heiß. Details, hatte ihr Joshua immer wieder eingeschärft, Joshua, der Künstler. Er hatte sie gedrängt, ernsthaft mit dem Malen anzufangen. »Halt nach den Details Ausschau«, hatte er gesagt. Das war seine erste Kunststunde. »Du mußt wie ein Künstler sehen. Wenn du das tust, geht der Rest wie von selbst.«
Es gab hier reichlich Details, die sie sich ansehen konnte: dicke Stapel von Rechnungen im Ausgangskorb neben der Tür (das beruhigte sie – daß er so viele Patienten hatte). Schäbige Einrichtung (vielleicht liquidierte er nicht genug). Massen langweilig aussehender Bücher (mußte was im Kopf haben, der Mann). Sie nahm sich eine drei Wochen alte Zeitschrift, für die sie sich nicht interessierte, und setzte sich auf die durchgesessene Couch.
Bevor sie die Geschichte über Julia Roberts fand, ging eine Tür zu den hinteren Räumen auf, und der Arzt erschien. Er hob eine Augenbraue zum Gruß. »Sie sind Megan?« sagte er mit einem routinierten Lächeln. »Dr. Peters.« Er war etwa im Alter ihres Vaters, sah gut aus. Volles, dichtes Haar. Sie hatte sich vorgestellt, daß er eine Glatze hatte und einen Spitzbart.
»Hallo.« Sie hielt die zusammengerollte Zeitschrift People fest in der Hand.
»Kommen Sie rein.« Er machte eine Handbewegung. Sie betrat sein Sprechzimmer.
Der Raum war grün gestrichen, dunkel, aber gemütlich. Sie hatte die Wahl – einen von mehreren geraden Stühlen oder eine Ledercouch.
Hm … Die verrückte Megan nimmt den Stuhl.
Als sie sich setzte, kramte der Arzt einige Augenblicke in seinem Schreibtisch und fand schließlich einen leeren Aktenordner. »Bei mir ist nicht alles so organisiert, wie es sein sollte, doch das spricht nur für einen großen Geist.«
Darauf fühlte sich Megan genötigt zu sagen: »Vielen Dank, daß Sie sich die Zeit für mich nehmen, Herr Doktor. Ich meine, weil ich erst so spät um den Termin gebeten habe.«
»Keine Ursache.«
Sie hatte ihn erst gestern angerufen, um sich einen Termin geben zu lassen. Nach dem, was am Montag passiert war (wie sollte ich es nennen – den Zwischenfall, die Situation, die Sache?), hatte das Sozialamt von Fairfax ihren Vater angerufen und ihm Namen und Telefonnummer von Peters gegeben; Tate hatte die Information an seine Tochter weitergegeben.
Er klappte den Aktenordner auf und kritzelte: »Megan Collier, richtig?«
»Nein, Collier ist der Name meines Vaters. Ich verwende den meiner Mutter. McCall.« Sie wiegte sich in dem Stuhl mit der geraden Rückenlehne und schlug die Beine übereinander. Ihre tomatensuppenfarbenen Socken waren zu sehen. Sie setzte die Füße fest auf den Boden und nahm sich vor, sie nicht mehr von der Stelle zu rühren.
Er blickte hoch. »Ein paar Details. Mein Honorar beträgt einhundertzehn pro Sitzung. Und mir wäre es lieber, Sie würden bei jedem Besuch zahlen, wenn es Sie nicht stört.«
Stören tut es mich nicht, dachte Megan. Aber ein bißchen geldgierig ist es schon. »Hm, Bett hat mir einen Scheck mitgegeben.«
»Bett?«
»Meine Mutter.« Mega wühlte in ihrer Handtasche.
»Darum kümmern wir uns später. Sie haben Ihre Versicherungsunterlagen bei sich?«
Sie tippte wieder gegen die Handtasche.
»Gut.« Er musterte sie einen Augenblick mit dem Anflug eines Lächelns. »Also, der Spielplan sieht wie folgt aus. Wir werden heute einen kleinen Blick in Ihr Gehirn riskieren, um zu erfahren, was wir sehen können. Wenn wir glauben, daß wir weitermachen sollten, können Sie ab nächster Woche, wenn ich von meiner Konferenz zurück bin, regelmäßig kommen.«
Ein Kribbeln im Magen. Bin ich total krank, oder was?
»Ah, der Blick einer Patientin, die in Panik gerät. Glauben Sie, wir werden etwas Schreckliches, etwas Dunkles finden? Nun ja, vielleicht werden wir das. Aber wenn wir es tun, werden wir einen Lichtstrahl darauf richten, und wenn wir fertig sind, wird es nicht mehr so dunkel sein.«
Er erklärte, selbst wenn sie nicht zu ihm komme, müsse sie irgendeinen Therapeuten aufsuchen. Als man sie am Montagabend betrunken auf dem Laufgang des städtischen Wasserturms aufgegriffen habe, habe sie damit eine Straftat begangen. »Und die großen bösen Wölfe vom Sozialamt können Sie zwingen, wegen des Mißbrauchs verbotener Substanzen einen Therapeuten aufzusuchen. Oder sie schleppen Sie vor das Jugendgericht, und glauben Sie mir, das werden Sie nicht wollen.«
Der Zwischenfall …
»Na schön«, sagte sie weich. Ihr Blick fiel auf einen Reiseführer auf seinem Schreibtisch. »Sie reisen nach Westen?«
»Diese Konferenz, die ich vorhin erwähnte. Die findet in Kalifornien statt.«
»Oh, großartig. Dort wollte ich schon immer mal hin. Auf Janis Joplin fahre ich total ab. Sind Sie schon mal am North Beach gewesen?«
»Wußte ich doch, daß Sie mir bekannt vorkamen. Das gleiche blonde Haar. Sie sind natürlich hübscher. Können Sie auch den Blues so rausbringen?«
»Ich wünschte, ich könnte es.«
»North Beach?« fuhr er begeistert fort. »Grant Street? Und ob ich da gewesen bin. Meine Konferenz findet in L. A. statt, aber ich liebe den Norden. Marin County, Sausalito. Ich bin ein heimlicher Hippie. An die Hippies erinnern Sie sich wohl nicht?«
»Hören Sie mal«, sagte sie begeistert, »ich habe mir Woodstock achtmal angesehen.« Jetzt wünschte sie doch, sie hätte das Friedenssymbol anbehalten.
Die verrückte Megan fühlt sich ein bißchen weniger verrückt.
Doch dann erstarrte das Lächeln, und er war wieder geschäftsmäßig. Megan spürte einen Stich der Enttäuschung, als wäre ein Junge in einem Club ihrem Blick ausgewichen. »So, sagen Sie mir jetzt die Wahrheit – der Wasserturm? Wollten Sie sich etwas antun?«
Der Richtungswechsel ließ sie zusammenzucken. Sie schluckte, und ihr Kopf war plötzlich ganz leer.
»Nein«, sagte sie schließlich.
Er fragte: »Also, was ist passiert? Haben Piraten Sie da hochgetragen?«
»Na schön, es ist so gewesen, daß ich mit diesem Mädchen losgezogen bin, das ich in einer Bar kennengelernt hatte. Sie hatte ein bißchen Stoff bei sich. Ich glaube, ich nahm ein paar Pillen, von denen ich nicht wußte, was es war. So etwas tue ich sonst nie. Es ist einfach passiert.«
»Und getrunken haben Sie auch?«
»Nur etwas Southern Comfort, das ist alles. Vielleicht mehr als nur ein bißchen.«
»Lieblingsgetränk der Joplin. Zu süß für mich.« Er blickte wieder auf ihr langes, gerades Haar. Sie nickte, und irgendwo tief drinnen spürte sie wieder ein kleines Kribbeln – diesmal vor Vergnügen und Selbstsicherheit.
Er hielt einen Finger in die Höhe. »Konflikt Nummer eins. Ihr Vater sagte, er sei überzeugt, Sie tränken überhaupt nicht.«
»Nun ja, das ist seine Sicht der Dinge. Aber so hinüber bin ich noch nie gewesen.«
Er notierte sich etwas, blickte hoch, hielt für einen Moment ihren Blick fest. »Wen sehe ich vor mir? Wer ist die Megan McCall, die mir gegenübersitzt? Die wirkliche Megan McCall?«
Das angenehme Gefühl verging. »Soll ich mich denn nicht auf die Couch legen?«
»Wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie sich ruhig hinlegen.«
Dann würde er diese Suppensocken sehen. »Ich glaube, ich sitze lieber.« Sie atmete tief durch und lachte dann nervös. »Okay, meine geheime...




