Dean | Falsches Quartett | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 278 Seiten

Dean Falsches Quartett

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99027-114-8
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 278 Seiten

ISBN: 978-3-99027-114-8
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Schule als Spielwiese oder Schlachtfeld der Gefühle, wo das Leben Lehrern und Schülern zeigt, dass es Grenzen gibt, die man nicht unbeschädigt überschreitet. Martin R. Dean hat einen klaren Blick, gnadenlos und liebevoll zugleich, für seine Figuren, die darunter - und das ist seine große Kunst - zu Menschen werden. Er erzählt eine Geschichte, in der sich jeder am anderen festklammert, je mehr er sich verlorenzugehen droht.Lucas Brenner ist Deutschlehrer an einem Gymnasium in der Schweiz. Anders als in der Ehe mit Lisa begegnet er in der Schule den Enttäuschungen und der Routine des Alltags mit Leidenschaft - für die Literatur. Im Fall der klugen und rätselhaften und labilen Nadia, die dafür empfänglich ist, ist es vielleicht mehr als das? Zumindest hat Lisa einen Verdacht, sie ist aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt, nachdem sie ihre Anstellung als Bildredakteurin bei einer Lokalzeitung verliert. Auch Deniz, ein aus Deutschland zugezogener Schüler mit türkischen Wurzeln, der an Schlafkrankheit leidet, fühlt sich zu Nadia hingezogen. Lisa erfindet sich indessen als Porträtfotografin neu und entfernt sich weiter von Lucas. Oder ist es umgekehrt? Als sie Deniz als Fotomodell engagiert, ist das falsche Quartett komplett: Der Reigen schließt sich.

Martin R. Dean wurde 1955 in Menziken, Aargau, als Sohn eines aus Trinidad stammenden Vaters und einer Schweizer Mutter geboren, studierte Germanistik, Ethnologie und Philosophie an der Universität Basel, unterrichtete an der Schule für Gestaltung in Basel und am Gymnasium in Muttenz. Dean ist vielfach ausgezeichneter Buchautor. Zu seinen jüngsten Werken gehören Meine Väter (Neuausgabe 2023), Ein Stück Himmel (2022), Warum wir zusammen sind (2019) und Verbeugung vor Spiegeln - Über das Eigene und das Fremde (2015). Martin R. Dean lebt in Basel.
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Hast du den Gottfried Keller gelesen?, fragte ihn Nadia nach dem Unterricht.

Er nickte vorsichtig und fragte sich, was sie von ihm wollte. Sollte er wieder erzählen, dass er erst seit kurzem und wegen seines Onkels Alper, der in der Industrie ein hohes Tier war, in dieser Gegend gelandet war? Oder sollte er ihr gestehen, dass er sich bereits Gedanken über sie gemacht hatte? Dass ihm ihre langen Haare gefielen und dass er es nett gefunden hatte, dass sie sich gleich neben ihn gesetzt hatte?

Sie hatte den gleichen Schulweg wie er.

Natürlich habe ich den Keller gelesen, antwortete er. Würde ich nicht gern lesen, wäre ich doch nicht an diese Schule gekommen.

Nadia schaute ihn verblüfft an.

Klar, sagte sie, du bist ein Streber aus dem Osten. Sie zündete sich eine Zigarette an, wollte sie ihm reichen, aber er rauchte nicht. Wie alt bist du? Du siehst uralt aus!

Den Streber kannst du dir schenken, sagte er und legte seinen Kopf in den Nacken. Ich bin fast zwanzig. Und du?

Achtzehn, habe ein Jahr ausgesetzt.

Dann wussten sie nichts mehr zu sagen und schauten eine Zeitlang aneinander vorbei. Natürlich hatte er erwartet, dass sie ihn über seine Herkunft ausfragen würde, über das Kaff, Nordhausen, in dem er sein bisheriges Leben verplempert hatte. Aber sie fragte nichts, machte stattdessen ein düsteres Gesicht und sog wie eine Süchtige an der Zigarette.

Brenner erstickt doch, wenn man seine Bücher nicht mag, sagte sie.

Er nimmt seinen Unterricht sehr ernst, sagte er.

Er hält sich für ein Genie und reitet auf den Büchern rum, als hätte er sie selber geschrieben.

Ich finde, er bringt’s auf den Punkt.

Meine Güte, sagte sie enttäuscht, wie du redest. Ihre Zigarette erlosch mit einem wütenden Zischen in einer Pfütze. Brenner ist doch der Totalneurotiker. Es gibt Typen, die können sich einfach nicht von ihrer Jugend lösen, und deshalb werden sie Lehrer, um ein Leben lang weiter zur Schule gehen zu können.

Falsch. Ich find ihn extrem, sagte Deniz.

Karman, woher kommt das eigentlich?, fragte sie nachdenklich. Du redest wie einer aus einer bildungsfernen Schicht, der die Statistik der Verlierer aufpolieren will. Bist du hier, um dir den Nobelpreis für Fleiß abzuholen? Gab’s nicht früher mal ein Auto, das Karmann hieß?

Sie eilte ihm einige Schritte voraus.

Karman kommt von Karemann, ich bin aus der Türkei, sagte er mit leisem Stolz.

Irritiert blieb sie stehen. Dacht ich mir doch, ein Türke, sagte sie und machte dazu ein Gesicht, als fände sie den Satz völlig in Ordnung.

Er verstellte ihr den Weg, schaute ihr in die Augen und flüsterte: Hast du was gegen Türken?

Sie schaute grinsend zurück.

Warum hast du so einen Riesenkopf?

Am liebsten hätte er ihr eine geknallt. Stattdessen sah er, wie sich ihr Blick auf einmal nach innen kehrte und eine Traurigkeit in ihrem Gesicht erschien, für die er sie am liebsten umarmt hätte. Ja, am liebsten hätte er sie fest an sich gedrückt.

In der nächsten Woche stand er mit Nadia auf dem Parkplatz neben dem alten Mercedes seines Vaters und fragte sie, ob sie nach Schulschluss mitfahren wolle, sie hätten ja ein Stück weit denselben Schulweg.

Sie schaute ihn an wie einen Verräter, aber trotzdem ging sie nicht.

Das ist dein Wagen? Das ist doch ein Taxi, so nennt man das hierzulande, wenn auf dem Dach ein Licht ist. Steht ja drauf.

Ja, sagte er.

Sie hielt eine Sekunde lang den Mund.

Ich könnte dir mit Hintergrundwissen zur Novelle helfen, sagte er übertrieben charmant.

Sie lehnte dankend ab und sagte, wenn es um Literatur gehe, brauche sie keine Nachhilfe. Dann ging sie, einige widerspenstige Haarbüschel zähmend, entschlossen zurück.

In der nächsten Brenner-Lektion setzte sie sich nicht mehr neben ihn, sondern ans andere Ende des Klassenzimmers, ihm gegenüber, und schaute die ganze Zeit durch ihn hindurch. Später deponierte er ein Zettelchen auf ihrem Tisch, auf dem in zittriger Schrift geschrieben stand: »Tausche Mercedes gegen einen Blick von dir. DK«

Während Brenner über das Besondere von Kellers Realismus palaverte und dabei immerzu zu ihr hinschielte, faltete sie den Zettel auf. Ein Ruck ging durch ihren Körper, sie schaute ohne Umschweife zu ihm herüber und schickte ihm einen eiskalten und wütenden Blick. Er fuhr vor Schrecken zusammen. Sand rieselte in sein Hirn. Schon wieder sank sein Kopf auf die Bank. Noch im Schlaf spürte er ihren Blick weiter in sich glühen.

Nachdem er wieder zu sich gekommen war, tat Brenner so, als wäre nichts passiert. Oder er hatte, weil er von seiner eigenen Lektion so begeistert war, wirklich nichts vom schlafenden Karman mitbekommen. Deniz sammelte bewundernde Blicke ein.

Am Nachmittag wartete Nadia vor seinem Auto auf ihn.

Stark und klar, dein Protest, sagte sie und setzte sich wortlos in den Wagen. Glaubst du wirklich, dass du das Ding noch zum Fahren kriegst?

Er klopfte mit dem Fingerknöchel aufs Armaturenbrett und startete den Mercedes.

Deutsches Auto, sagte er.

Türkischer Fahrer, sagte sie.

Er lachte.

Sie lehnte sich zurück. Man müsste, sagte sie, statt Demos Sleep-Ins machen. Schlafen sei subversiver als kämpfen. Die Welt lahmlegen, indem man schlief statt arbeitete, folterte, kämpfte.

Er staunte, dass sie die Welt lahmlegen wollte.

Warum pennst du im richtigen Moment immer so prompt ein?

Er hustete, als hätte er sie nicht verstanden.

Ich schlafe überall und immer ein, leider.

Hu, rief sie, wenn das nicht gefährlich ist! Besorgt schaute sie auf die Straße, die sich vor ihnen zu einer scharfen Kurve krümmte.

Deswegen darf ich eigentlich nicht lange Autofahren. Nur kurze Strecken. Ich leide nämlich an Narkolepsie. Eine seltene Krankheit. Ich schlafe ein, sobald ich mich aufrege. Oder zu stark freue. Egal.

Sie nickte, ließ das Thema fallen und kam auf die Keller-Novelle zurück.

Er registrierte, dass sie scharf denken konnte, auf jeden Fall verstand sie ihn besser, als er gehofft hatte, und ritt nicht auf seiner Schwachstelle herum.

Beim Aussteigen überrumpelte sie ihn mit der Frage, ob er Lust habe, mit ihr am Samstag ins Kino zu gehen. Er zögerte, obwohl er innerlich vor Freude hüpfte. Ins Kino hatte sie ihn eingeladen! Wie gerne wäre er mitgegangen. Aber es war zu riskant. Er war seit dem Ausbruch der Krankheit nicht mehr im Kino gewesen.

Nein, sagte er, er habe schon mit jemand anderem abgemacht.

Sie schaute ihn misstrauisch an, den Kopf leicht in der Schräge, als meinte er es ironisch. Das war der Blick, den sie letzte Stunde Brenner zugeworfen hatte. Sie war im Unterricht abwesend gewesen. Als Brenner dies bemerkt hatte, hatte er sie gefragt, woran sie denke. Er hatte nicht gefragt, wo sie war oder warum sie nicht am Unterricht teilnahm. Seine Frage, das war ihm wohl selber nicht klar, war viel zu privat gewesen. Und Nadia hatte ihn mit einem ironischen Blick gestraft und gesagt: An Sie, Herr Brenner!

Warum kommst du nicht mit ins Kino?, fragte sie. Sie zeigen »Inception« in einer Retro, krasser Film. Spielt auf drei oder vier Ebenen, alles wie im Traum. Am Schluss weiß man nicht mehr, schläft man oder nicht. Das Richtige für einen Penner wie dich.

Du hast den Film schon gesehen?

Fabian schwärmt davon und sagt, er hätte ihn viermal gesehen und würde ihn sich noch einmal ansehen.

Wenn er jetzt ablehnte, dann ließ er sich eine gute Gelegenheit entgehen, sie besser kennen zu lernen. Aber das Risiko, dass er wegschnarchte und zur Totalenttäuschung wurde, war ihm zu groß.

Nein, sagte er und drehte sich weg, damit sie nicht sah, wie schwer es ihm fiel.

Dann halt nicht, du Arsch, sagte sie.

Lisa horchte auf. Im milden Oktoberlicht drangen Akkorde wie aus einer anderen Zeit zu ihr. Sie ging seit Stunden durch die Stadt auf der Suche nach einem Sujet, an dem ihr Blick sich verfangen könnte. Vergeblich. Nichts blickte zurück. Warum ließ sich das Zusammentreffen von Musik und Licht nicht fotografieren? Erschöpft setzte sie sich in ein Café. Sie hatte gedacht, dass ihr das Fotografieren gegen die Einsamkeit und Verödung helfen könnte. Haushalten war nicht gerade erfüllend. Und Luc benahm sich wie das Arbeitsamt.

Auf der Fensterablage reihten sich alte Modelle von Radios, Konservendosen mit den weltweit gleichen Etiketten, Reproduktionen von berühmten Bildern hingen an den Wänden, und sie saß in einem ausgedienten ledernen Autosessel. Alles hier drin war nutzlos,...


Dean, Martin R.
Martin R. Dean wurde 1955 in Menziken, Aargau, als Sohn eines aus Trinidad stammenden Vaters und einer Schweizer Mutter geboren, studierte Germanistik, Ethnologie und Philosophie an der Universität Basel, unterrichtete an der Schule für Gestaltung in Basel und am Gymnasium in Muttenz. Dean ist vielfach ausgezeichneter Buchautor. Zu seinen jüngsten Werken gehören Meine Väter (Neuausgabe 2023), Ein Stück Himmel (2022), Warum wir zusammen sind (2019) und Verbeugung vor Spiegeln – Über das Eigene und das Fremde (2015). Martin R. Dean lebt in Basel.

"Martin R. DeanGeboren 1955 in Menziken, Schweiz. Sohn einer Schweizerin und eines karibischen Vaters aus Trinidad. Studium der Germanistik, Ethnologie und Philosophie. Lebt als Schriftsteller, Journalist und Essayist in Basel. Zuletzt erschien: "Meine Väter", 2003."



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