E-Book, Deutsch, 188 Seiten, Format (B × H): 1700 mm x 220 mm, Gewicht: 497 g
de Vries / Trüten Orgelbaukunst
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-03805-340-8
Verlag: buch & netz
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Festschrift für Bernhardt Edskes zum 80. Geburtstag
E-Book, Deutsch, 188 Seiten, Format (B × H): 1700 mm x 220 mm, Gewicht: 497 g
ISBN: 978-3-03805-340-8
Verlag: buch & netz
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der schweizerisch/niederländische Orgelbauer, Organologe und Organist Bernhardt Edskes zählt heute zu den prägenden Persönlichkeiten der europäischen Orgelwelt. In der Fachwelt hat er sich vor allem durch seine konsequente Restaurierungspraxis und Rekonstruktionen von Orgeln aus Renaissance und Barock, aber auch durch wegweisende Neubauten einen Namen gemacht. Den Massstab für seinen kompromisslosen Qualitätsanspruch bildet die lebenslange intensive Auseinandersetzung mit dem Werk Arp Schnitgers (1648-1719) und seiner Schule. Vor diesem Hintergrund wandte er sich früh gegen die Missverständnisse der Orgelbewegung und die Erzeugnisse des «Fabrikorgelbaus». Dabei geht es ihm nicht um eine romantisierende Rückschau als Selbstzweck, sondern um die konkrete Befragung herausragender Zeugnisse der Vergangenheit im Hinblick auf die Schaffung von Neuem. Mit seinem umfangreichen Werk setzt Bernhardt Edskes ein starkes Signal im Hinblick auf eine lebendige Zukunft der europäischen Orgelkultur.
Die vorliegende Festschrift zum 80. Geburtstag von Bernhardt Edskes enthält Beiträge zahlreicher Wegbegleiter zu Leben und Werk, Schilderungen persönlicher Begegnungen sowie bebilderte Porträts seiner wichtigsten Arbeiten. Auf diese Weise entsteht ein facettenreiches Bild des Schaffens und Denkens des Jubilars.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Bernhardt Edskes:
Orgelbauer – Organologe – Visionär
Bernhardt Edskes zählt ohne Zweifel zu den prägenden Persönlichkeiten des europäischen Orgelbaus der Gegenwart. Die Bedeutung seines Schaffens für die Entwicklung der Orgelkunst in den letzten Jahrzehnten kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mit einer in dieser Form selten anzutreffenden Kombination von Leidenschaft, Wissen, kritischem Urteil, kunsthandwerklichem Qualitätsanspruch sowie einer klaren künstlerischen Vision hat er ein Lebenswerk geschaffen, das vorliegend nicht annähernd gewürdigt werden kann. Von seiner Liebe zur Orgel sprechen vorab seine klingenden Werke, von denen in diesem Beitrag hauptsächlich die Rede sein soll.[1]
Daneben versteht er es, in Interviews, Vorträgen oder als Leiter von Exkursionen seine Vorstellungen sowohl dem Fachpublikum als auch interessierten Laien anschaulich zu vermitteln. Als Mitglied zahlreicher Fachgremien hat er sich immer für die Belange der Orgelwelt stark gemacht, sei es als Präsident des schweizerischen Organisten-Verbands, als Mitglied im internationalen Arbeitskreis für Orgelbaufragen und in der Arbeitsgemeinschaft schweizerischer Orgeldenkmalpflege sowie als Beirat der renommierten Arp Schnitger-Gesellschaft. Wertvoll sind auch sein Einsatz für die Ausbildung hochqualifizierter Organisten und Organistinnen als Dozent für Orgelbau an der Schola Cantorum Basiliensis und seine wissenschaftlichen Schriften zu organologischen Themen.[2]
Bernhardt Edskes ist nicht nur Orgelbauer, sondern auch ein exzellenter Organist, was er im Rahmen zahlreicher Orgelpräsentationen, Konzerte, Rundfunk- und CD-Aufnahmen in ganz Europa unter Beweis gestellt hat. Dennoch steht für ihn, der während Jahrzehnten als Hauptorganist der Kirche St. Josef im zürcherischen Dietikon amtierte, die primäre Bedeutung der Orgel als liturgisches Instrument ausser Frage.
All dies kann im Rahmen dieses kurzen Beitrags nicht vertieft werden, wie auch nicht seine Tätigkeit als Cembalobauer, seine Leidenschaften für die bildende Kunst oder die Kunst der Zeitmessung. Stattdessen soll im Folgenden ein kurzer Überblick über sein Werk und seine Philosophie als Orgelbauer gegeben werden. Dabei erhebt diese Darstellung selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, war Bernhardt Edskes doch bislang an über 400 Orgelprojekten in verschiedenen Funktionen beteiligt. Mögen noch viele weitere hinzukommen!
Grundlegung
Als Bernhardt Edskes am 28. Oktober 1940 als jüngster von vier Söhnen des Juristen Albert Hendrik Edskes und seiner Frau Gritje zur Welt kam, schienen die Zukunftsaussichten düster, denn wie die übrigen Niederlande auch, war seine Heimatstadt Groningen von deutschen Truppen besetzt. Gewalt, Tod und Verfolgung prägten die Jahre bis zur Befreiung. Mehrfach erhoben sich in der Bevölkerung Aufstände gegen die Besatzer. Akut gefährdet war auch das einzigartige Orgelerbe der Stadt. Beim Einmarsch kanadischer Truppen entbrannten im April 1945 heftige Kämpfe, die zur weitgehenden Zerstörung der Bebauung am Grossen Markt führten. Wie durch ein Wunder erlitt die in unmittelbarer Nähe gelegene Martinikirche nur leichte Schäden. Die für die Brüder Edskes später so bedeutsame Orgel blieb zum Glück unversehrt, da die von deutschen Soldaten bereits vorbereitete Sprengung des Turms gerade noch verhindert werden konnte.
Dieser zunächst widrigen Umstände zum Trotz spielte Musik in der Familie Edskes stets eine grosse Rolle. Beide Elternteile sangen im Groninger Bach-Chor und gaben Ihre Begeisterung für die Kirchenmusik an die nächste Generation weiter. Wie seine Brüder erhielt Bernhardt von der ersten Klasse an Klavier- und Orgelunterricht. Mindestens ebenso wichtig war das Singen im Groninger Knabenchor, der damals von Evert Westra geleitet wurde. Dieser amtierte von 1949 bis 1992 als Kantor der Nieuwe Kerk und wurde 1963 für seine Verdienste um die protestantische Kirchenmusik mit dem Kulturpreis der Provinz Groningen ausgezeichnet.
Früh von der Kunst des Orgelspiels und des Orgelbaus fasziniert, gehört die einzigartige Orgellandschaft der Stadt und Provinz Groningen zu den prägenden Umständen seiner Kindheit und frühen Jugend.[3] Ähnlich wie im benachbarten Ostfriesland wetteiferten in dieser wohlhabenden Agrarregion seit dem ausgehenden Mittelalter selbst kleinste Landgemeinden um die prächtigste Kirche und die schönste Orgel. Fast nirgends findet man auf wenigen Quadratkilometern eine solche Vielzahl an historischen Instrumenten aus allen Epochen der Orgelgeschichte. Zudem war Groningen ein bevorzugtes Arbeitsgebiet des vielleicht bedeutendsten Orgelbauers überhaupt, Arp Schnitger (1648-1719).[4] Schnitger wurde 1691 zu Hilfe gerufen, um die stockenden Renovationsarbeiten an der Martiniorgel in die Hand zu nehmen. Dies gelang ihm in Zusammenarbeit mit seinem Gesellen Johann Balthasar Held und dem Groninger Kunsttischler und Stadtbaumeister Allert Meijer (1654-1722)[5] so überzeugend, dass Folgeaufträge nicht lange auf sich warten liessen. So konnte er die Martiniorgel wenig später um die beiden bis heute erhaltenen markanten 24’-Pedaltürme erweitern.[6] 1697 krönte er sein Groninger Schaffen mit der Orgel der Aa-Kerk, einem äusserst repräsentativen Werk, zu dem Schnitger aus freien Stücken ein Brustwerk mit 6 Registern hinzufügte.[7] Von dieser wohl bedeutendsten Orgel Schnitgers in den Niederlanden ist jedoch nur die Entwurfszeichnung erhalten, da das Instrument bereits 1710 beim Einsturz des Kirchturms zerstört wurde. Es folgten Arbeiten in den beiden Groninger Spitalkirchen[8], die Orgel der ehemaligen Universitätskirche (Academiekerk)[9] sowie die Orgel der lutherischen Kirche. Dieses Instrument, das der „Exil-Lutheraner“ Arp Schnitger 1699 „seiner“ Kirche im calvinistischen Groningen schenkte und das 1717-19 von Schnitgers Mitarbeitern Radeker/Garrels um ein freies Pedal erweitert wurde, sollte für Bernhardt Edskes noch bedeutsam werden.[10] In die „Ommelande“ lieferte Arp Schnitger ebenfalls eine grosse Anzahl neuer Orgeln. Aus diesem Werkkomplex ragt die Orgel in Uithuizen im Hinblick auf ihre Grösse und die Qualität ihrer Ausführung heraus. Auch dieses Instrument spielt im Leben und Werk von Bernhardt Edskes eine besondere Rolle.[11]
Intuitiv hat Bernhardt Edskes den hohen kulturgeschichtlichen Wert des historischen Orgelerbes seiner Heimat sofort erkannt, was zu jener Zeit keinesfalls selbstverständlich war. Trotz der in den 1920er Jahren einsetzenden Neubewertung der Orgeln des 17. und 18. Jahrhunderts blieb das entsprechende Wissen lange Zeit erstaunlich gering. Für Bernhardt Edskes war es ein Glücksfall, dass sein 16 Jahre älterer Bruder Cornelius („Cor“, 1925-2015) als einer der ersten damit begonnen hatte, diese Lücken durch intensive Forschungsarbeit zu schliessen und insofern echte Pionierarbeit leistete. Auslöser war eine 1939 bei dem damaligen Pfarrer von Uithuizen eingegangene Anfrage des deutschen Schnitgerforschers Gustav Fock im Hinblick auf Informationen über die dortige Schnitger-Orgel. Dieser verwies den Forscher auf Cor Edskes, der Fock in der Folge mit detaillierten Angaben nicht nur zu Uithuizen, sondern zu allen Schnitger-Orgeln in der Stadt und der Provinz Groningen versorgte.[12] Die Teilhabe an diesen damals noch nicht publizierten Erkenntnissen – das Werk von Fock erschien erst postum in seinem Todesjahr 1974[13] – war für den jüngeren Bruder eine wertvolle Mitgift im Hinblick auf seine weitere berufliche Laufbahn.
Ausbildung in Groningen
Trotz der Skepsis des Vaters, der seinen Jüngsten vielleicht lieber in der Robe eines Oberrichters gesehen hätte, entschied sich Bernhardt Edskes für eine Vertiefung seiner breiten künstlerischen Interessen. Hierzu strebte er eine umfassende Ausbildung an, die sich nicht auf technische Aspekte des Orgelbaus beschränken sollte.
Orgelbau
Entscheidend für seine weitere berufliche Laufbahn war primär seine Tätigkeit im Betrieb des Groninger Orgelbauers Klaas Doornbos (1888-1951). Schon als Schüler war er regelmässig in der kleinen Werkstatt anzutreffen, die nach dem Tod des Inhabers noch eine Weile von Mitarbeitern weitergeführt wurde, ehe der Betrieb Mitte der 1950er Jahre seine Pforten schliessen musste. Im Umgang mit historischen Orgeln sammelte Doornbos früh Erfahrungen, die zu jener Zeit nicht selbstverständlich waren. Wegweisend war etwa die 1950 durchgeführte Restaurierung der Wenthin-Orgel in der reformierten Kirche Nieuwolda[14]. Im folgenden Jahr erweiterte Doornbos die 1743 von dem aus Danzig stammenden Orgelbauer Matthias Amoor in Berghuizen errichtete Orgel um ein Rückpositiv nach dem Vorbild der Arp Schnitger-Orgel in Noordbroek. Beide Projekte wurden von Cor Edskes fachlich begleitet und soweit wie damals möglich im klassischen Stil ausgeführt, womit Doornbos seiner Zeit weit voraus war. Der Werkstatt oblag u.a. auch die Pflege der grossen Groninger Stadtorgeln in der Martinikerk und der Aa-Kerk. Dies ermöglichte Bernhardt Edskes ein genaues Studium beider Instrumente. Zwar bargen die Orgeln noch viel historische Substanz, doch war vieles verändert und dem Zeitgeschmack des 19. und frühen 20. Jahrhunderts angepasst worden.
Insbesondere die Martiniorgel war 1939 durch einen tiefgreifenden elektropneumatischen Umbau entstellt worden, der das Potenzial des Werks nur noch erahnen liess. Erfahrungen wie diese haben sicherlich zur Entwicklung des Qualitätsanspruchs beigetragen, der das Schaffen von Bernhardt Edskes seitdem so eindrücklich prägt. Über Klaas Doornbos bemerkte er:
„Dort lebte das alte Handwerk weiter; dort...