E-Book, Deutsch, 112 Seiten
de Turckheim Im schönen Monat Mai
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8031-4129-3
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-8031-4129-3
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Émilie de Turckheim, geboren 1980 in Lyon, lebt in Paris. Sie schreibt Romane, Erzählungen und Kinderbücher und wurde vielfach ausgezeichnet.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
2
Der Erste, der die Treppe runterkommt, ist Wachtmeister Lyon-Saëck, der eigentlich schon in Pension ist, aber immer noch den Polizeiblick draufhat. Der hat kein Nickerchen gemacht, das sieht man, weil seine Sachen und Haare ganz glatt sind und nach frischgewaschener Wäsche riechen, aber das ist nur so eine Redensart, in Wirklichkeit riechen Polizistenhaare wahrscheinlich wie Haare. Lucette, wenn sie da wäre, würde sie sagen, er hat sich gut gehalten, das heißt, für Liebesdinge ist der zu alt. Er hat sich als Einziger nicht gleich nach der Ankunft in die Gästeliste eingetragen, aber die Geheimnistuerei war für die Katz, weil ich ihn nämlich schon einmal gesehen habe, aber auch wenn ich ihn noch nie gesehen hätte, hat man den Polizisten doch gleich gemerkt an diesem Dich-krieg-ich-auch-noch-Blick. Wenn man den sieht, hält man sich automatisch grade. Vorher, wie er eigentlich dran war, hat er gesagt, ich mach das später, mit meiner eigenen Feder, als wenn ihm unsere nicht gut genug ist. Also sag ich zu ihm, jetzt müssen Sie aber unterschreiben, Herr Wachtmeister, und gebe Martial ein Zeichen, dass er zum Eingang geht und die Liste holt, so kann er nämlich weg und braucht sein Gesicht nicht zeigen, dafür sieht man dann sein scheußliches Hinken, das ist auch von dem Unfall, den wir nicht mehr Unfall nennen wollen, jetzt wo Monsieur Louis nicht mehr da ist und bestimmt auch nicht wiederkommt. Mit einer goldenen Füllfeder, sowas hab ich noch nie gesehen und Martial auch nicht, unterschreibt der Wachtmeister mit »Kommissar Lyon-Saëck« und kriegt es dabei nicht hin, dass er die Spalte oder die Zeile trifft, vielleicht weil er nicht kleiner schreiben kann oder weil er seine Füllfeder so liebt, dass er gar nicht auf die Idee kommt, ihr nur so ein Stückchen Papier zu geben, wie wenn man seinen Hund so liebt, dass er nicht in einer Ecke schlafen soll. Kaum hat er fertig unterschrieben und ist dabei in alle Richtungen hinausgefahren, spricht er mich an, nicht Martial, wo der doch viel näher bei ihm steht und der Größere von uns zwei ist und fünfzehn Jahre älter, aber dadurch, dass er so furchtbar hässlich ist, hat er verloren.
»Sagen Sie, mein Guter ... sind wir jetzt komplett, oder fehlen noch welche?«
»Wir sind komplett komplett, Herr Wachtmeister. Ich hätte nicht gedacht, dass wir schon so komplett sind.«
Der Wachtmeister schaut mir tief in die Augen, um rauszukriegen, ob ich ihm was verschweige oder ihn anlüge, aber er findet nichts.
»Um welche Zeit wird der Notar erwartet?«
Das ist wahre Disziplin, wenn man seinen Kummer nicht zeigt, das ist noch schwerer, als nicht wie ein Schlosshund zu heulen. Wenn Leute heulen, dann ist mir das immer so furchtbar peinlich, dass ich sie in den Arm nehmen muss, um ihnen ein bisschen was abzunehmen. So eine Zurückhaltung hab ich noch nie gesehen, da können sich einige ein Stück davon abschneiden, die wegen nichts losheulen, also was ich damit sagen will, der Wachtmeister könnte doch wenigstens ein bisschen so tun als ob, damit es nicht ganz so ausschaut, wie wenn er nur wegen dem Geld da ist. Da hätte Monsieur Louis keine Freude, wenn er das sehen würde. Aber natürlich kann er ja nichts mehr sehen, weil ihn eine Kugel erwischt hat.
»Der Notar kommt erst morgen früh, Herr Wachtmeister. Ich dachte, die Herrschaften wollen sich vorher noch gern ein wenig sammeln.«
Er verzieht seine Nase. »Sehr schön gedacht, Kleiner.«
Ich weiß nicht, wann ich Geburtstag habe, aber ich weiß, wie alt ich bin, achtundzwanzig, also reißt es mich, wenn noch wer Kleiner zu mir sagt. Der Wachtmeister schaut aus dem Fenster, das zum Friedhof hinausgeht, keine Ahnung, ob er das absichtlich macht, ich glaub aber nicht, weil draußen ist es stockfinster und man kann gar nichts sehen.
»Dort liegt er«, sag ich, »neben seinem Bruder und den ganzen anderen Yokes. Wenn Sie wollen, Herr Wachtmeister, kann ich Sie hinbringen, solange Martial die Suppe aufwärmt.«
Das mit dem Polizeiblick haut immer hin. Ich halte mich grade, wo ich doch sonst mehr krumm gehe. Als wenn ich was auf dem Gewissen habe. Lucette sagt immer, wir sind alle als Sünder geboren und haben immer was auf dem Gewissen, aber ich kann nachdenken, so lang ich will, mir fällt nichts ein. Gut finde ich an dem Wachtmeister, dass er schnell durch den Dreck geht und sich nicht um die Sauerei an seinen Hosenbeinen schert. Da sieht man gleich, dass er aus einem Beruf kommt, wo sie im Dreck über Leichen stolpern. Weil es so finster ist und das Haus zu weit weg, hält er sich an meinem Ärmel fest, als wenn es dadurch heller wird, was es natürlich nicht tut, aber das sag ich nicht, weil ich nicht angeben will, dass ich mich im Finsteren besser auskenne wie er.
»Da ist es, Herr Wachtmeister.«
»Gibt es denn keinen Grabstein?«
»O ja! Was glauben Sie denn? Ein Mann wie er ... Er kriegt einen aus Marmor mit unserer tiefsten Trauer in goldener Schrift drauf.«
Weil es Nacht ist und besonders weil der Mond sich irgendwo versteckt hat, kann ich sein Gesicht nicht sehen, aber ich merke genau, dass jetzt die Polizeifragen kommen.
»Wann genau ist es passiert?«
»Das wird so vor einem Monat gewesen sein.«
»Vor einem Monat! Und wieso werden wir erst jetzt hierher gerufen?«
»Ich hab so schnell wie möglich gemacht, Herr Wachtmeister, ich bin halt langsam.«
»Haben Sie ihn gefunden?«
»Nein, mein Herr, das war Martial. Wir haben drei Tage nach ihm gesucht. Wir sind überall rumgelaufen, wo man nur rumlaufen kann. Nachts sogar mit elektrischen Lampen. Martial hat ihn dann gefunden, aber er hat ja nicht riechen können, in was für einem Zustand, deswegen hat er dann tagelang nichts gesagt und nichts gegessen, außer wie ich einmal Rouladen gemacht hab, weil Rouladen hat er am liebsten.«
»Verstehe. Angesichts der Einsamkeit von Monsieur Louis, seines Alters und vielleicht ... des Alkohols ... denkt man natürlich an Selbstmord.«
»Ja, ja, da denken wir nur dran. Den ganzen Tag und sogar in der Nacht, weil Martial nämlich nicht mehr schlafen kann, seitdem er Monsieur Louis so gefunden hat, erschossen mit einem Gewehr.«
»Und doch, ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich muss auch an die Nachbarn denken, die Monsieur Louis sicher beneidet haben um seine Geschäfte und vielleicht auch etwas gegen die Stadtmenschen hatten, die die immer freitags angereist sind und Irrsinnssummen dafür ausgegeben haben, dass sie am Wochenende vielleicht ein Wildschwein vor die Büchse kriegen, das sie dann womöglich verfehlen.«
»Nachbarn? Hier gibt es keine Nachbarn. Wir sind ganz allein! Schrecklich allein, Herr Wachtmeister, Sie können sich das gar nicht vorstellen!«
»Natürlich, wie dumm von mir! Ich weiß auch nicht, warum ich mir eingebildet habe, dass es hier unbedingt Nachbarn geben muss. In der Stadt hat man immer Nachbarn. Aber hier sind Sie ja wirklich ganz allein.«
Die Polizisten, die gut sind in ihrem Beruf, die sagen immer was oder sagen was nicht, was sie dann aber doch sagen, genau wie im Fernsehen. Aber wir sind auch nicht von gestern.
»Aimé, nicht wahr?«
»Je nachdem, was man drunter versteht, Herr Wachtmeister, aber heißen tu ich so.«
»Wir sind uns schon einmal begegnet, Aimé, vor etwas über zwei Jahren. Können Sie sich erinnern?«
»Nicht böse sein, Herr Wachtmeister, aber über die Jahre hab ich hier so viele zum Jagen kommen sehen ...«
»Macht nichts, ich kann mich sehr gut an Sie erinnern! Und jetzt, Aimé, stehen Sie durch die Macht der Umstände von einem Tag auf den anderen ohne Arbeitgeber und ohne Arbeit da ...«
»Ohne Arbeitgeber, da sag ich nichts, aber ohne Arbeit? Ich geb den Hühnern und den Schweinen Futter, ich geh mit dem Kescher durch den Teich, ich reche die Alleen, ich mach den Haushalt, ich kümmere mich um Martial, der manchmal schlimmer ist wie ein Kind, ich stelle Fallen auf für das Wild, ich putz die Gewehre für die Saison, ich koch die Suppe, ich gieß Monsieur Louis seinen Buchs, und wenn ich drüber nachdenke, arbeite ich sogar noch mehr als vorher, weil nämlich Monsieur Louis seinen Buchs immer selber gegossen hat.«
»Tut mir leid, Aimé, ich wollte Sie nicht kränken. Ich habe mich falsch ausgedrückt. Was ich damit sagen wollte, ist nur ... Es gibt keinen mehr, der Sie bezahlt.«
»Ach, na ja, das Geld ...«
Der Wachtmeister hockt direkt auf dem Grab von Monsieur Louis, aber weil es so finster ist, kriegt er das gar nicht mit. Er hat was von der Erde in die Hand genommen und macht sich wie ein Rotzlöffel die Finger dreckig.
»Sie müssen sich keine Sorgen machen, wie es mit Ihnen weitergeht, Aimé. Das steht Schwarz auf...




