de Kat Eine Tochter in Berlin
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7317-6000-9
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-7317-6000-9
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Otto de Kat, 1946 geboren in Rotterdam, studierte niederla?ndische Literatur an der Universita?t Leiden. Er arbeitete als Kritiker, Herausgeber und Verleger. Seine Bu?cher, die sich um schmerzliche historische Themen drehen, werden seit seinem Erfolg mit dem Bestseller Julia in sechs Sprachen u?bersetzt.
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Die Abfahrt vom Lauberhorn zum Dorf hatte Oscar so oft gemacht, dass er die Strecke blind hätte zurücklegen können. Auf halber Höhe, am Hotel Jungfrau, hielt er an, schnallte die Skier ab, rammte sie in den Schnee und streifte die Stockschlaufen über die Spitzen. Die hölzerne Terrasse lag am Wanderweg zur Kleinen Scheidegg, mit Aussicht auf die Jungfrau. Von ewigem Schnee bedeckte Wände, ein breiter Rücken, der Schutz bot in bedrohlicher Zeit. Einst hatte Lord Byron das Hotel besucht, wahrscheinlich vom Namen Jungfrau angelockt, und wohin er reiste, dorthin folgten ihm Touristen. Das Gebiet wurde entdeckt, die Engländer erfanden hier den Wintersport, brauchten Kirchen und Hotels, Restaurants, später Skilifte. Und natürlich, typisch britisch, einen Club: DHO – Down Hill Only. Mittlerweile schien es für sie tatsächlich nur noch bergab zu gehen, überall bröckelte ihr Weltreich, ihre Hauptstadt war verbarrikadiert, ihre Kolonien eingekreist.
Oscar hatte sich an einen der Tische mit Leinendecke und langer Holzbank gesetzt. Er blickte über das Tal. Halb vier, die Sonne wärmte noch, die Berge vor dem wolkenlosen Himmel wirkten höher und weißer als sonst. Eiger, Mönch und Jungfrau, so vertraut, die drei Namen klangen für ihn wie ein Seilspringvers. In wie vielen Wintern war er mit Kate und Emma hier gewesen, sogar letztes Jahr noch, 1940, kaum zu glauben, dass sich das ermöglichen ließ. Emma und Carl aus Deutschland angereist, Kate aus London, er selbst aus Bern. Man hatte noch im Flugzeug über das abwartende Europa reisen können, die Züge fuhren planmäßig, in der Schweiz hieß man Gäste gern willkommen. Nach dem Polenfeldzug war im Westen kaum noch ein Schuss gefallen, doch die Kontrahenten hatten sich bis an die Zähne bewaffnet gegenübergestanden, bereit zum Losschlagen. Lautloser Alarmzustand an allen Grenzen. Der Krieg war erklärt, aber wie anfangen, wo angreifen?
In der Ferne sah er eine Formation Flugzeuge. Unhörbar, verloren im Blau. Die Wände der Jungfrau warfen nur Stille zurück. Jede Stimme war ein Störenfried, man dämpfte sie aus einer seltsamen Ehrfurcht vor dieser unergründlichen Schneelandschaft, Handlangerin der Ewigkeit.
Ein herrlicher Winter, dennoch waren nicht viele Skiläufer oder Wanderer unterwegs. Auf der Terrasse saßen ein paar Schweizer, wenige Italiener. Am übernächsten Tisch sah er eine Frau, die den Kopf an die Außenwand des Hotels lehnte. Sie musste dort Platz genommen haben, während er mit dem Kellner sprach. Jedenfalls hatte er sie beim Abschnallen der Skier noch nicht bemerkt. Döste sie? Völlig reglos saß sie da, als habe sie mit ihrer Umgebung nichts zu tun. Sie trug eine Mütze aus hellgrauem Pelz und einen rotweiß karierten Pullover. Als er sich gerade wieder abwenden wollte – er hatte sie schon unverschämt lange betrachtet –, nahm sie aus einem Etui auf der Bank ein Fernglas und richtete es auf die Jungfrau. Unwillkürlich folgte er ihrem Blick. Er konnte nichts Besonderes erkennen. Lange schaute sie ohne Unterbrechung durch das Glas, schob nur hin und wieder eine Haarsträhne hinters Ohr, halb unter die Pelzmütze. Dann konnte er etwas mehr von ihrem Gesicht sehen; es war nicht von dieser Welt, eher von der Welt dort oben. Ihr Tee blieb unangerührt, auch Oscar ließ sein Kännchen stehen. Er wollte sehen, was sie sah. Beobachtete sie Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel, hatte sie einen besonderen Vogel entdeckt, hielt sie Ausschau nach Lawinen? Sie blickte auf den Berg, er abwechselnd in die gleiche Richtung und zu ihr hinüber.
Der Kellner brachte die bestellte Rüeblitorte, und Oscar zahlte. Er hörte gerade noch die Tür zum Hotel zufallen, dann sah er, dass die Frau verschwunden war. Nur das Teegeschirr zeugte von ihrer Anwesenheit. Er fühlte sich ertappt. Wie hatte er sie nur so anstarren können. Ihr Gesicht, dieses ungewöhnliche, anziehende Gesicht.
In der Nacht begann es unerbittlich zu schneien, es hörte nicht mehr auf. Am Morgen war an Skifahren nicht zu denken, der Schnee fiel senkrecht und sehr dicht. Kein Lüftchen regte sich. Auf der schmalen Dorfstraße mussten sich die wenigen Fußgänger beinahe vorantasten, das Licht der Laternen reichte nicht weit. Oscar war auf dem Weg von seinem Hotel, das etwas höher lag, zu seinem Stammcafé schräg gegenüber dem kleinen Zahnradbahnhof. Manchmal ließ er sich abwärts gleiten, eine Hand an dem Holzzaun, der den Übungshang auf ganzer Länge begrenzte. Das Leben schien aus ihm fortzuschneien, es war ein Gefühl von Verzicht und Verzückung zugleich, von Hingabe und Verlassenheit, eine federleichte Unruhe, der verwegene Wunsch, alles zu vergessen, was er wusste und getan hatte. Einen solchen Schneefall hatte er nie erlebt; nicht mehr lange, und das Bähnchen würde in Lauterbrunnen in der Wagenhalle bleiben, dann war das Dorf von der Außenwelt abgeschnitten. Er hoffte es. Barrikaden aus Schnee, meterhohe Wälle. So dass niemand herein oder hinaus konnte. Die Außenwelt war ein Begriff aus einem Buch, nicht wirklich, ein Fantasiegebilde, etwas Unmögliches. Hier wollte er bleiben, hier im Schnee, in der abgeschlossenen Leere eines versteckten Dorfes. Bei jedem Schritt sank er tiefer ein als beim vorigen, es war eine träge Euphorie ohne Richtung. Trotzdem fanden seine Füße mühelos den Weg zum Café.
Es war ungewöhnlich voll, die meisten Tische besetzt. Er wusste nicht, ob er die Windfangtür hinter sich schließen oder in den Schnee zurückgehen sollte. Im Winkel gleich neben der Tür stand ein kleiner Tisch, den man leicht übersah, dort war noch ein Stuhl frei.
Sie legte die Zeitung hin, hinter der sie fast ganz versteckt gewesen war, und zeigte auf den leeren Stuhl. Oscar erkannte sie sofort, obwohl er sie bisher nur von der Seite gesehen hatte.
»Kein Wetter für Ferngläser heute«, sagte er.
»Für einen Ausländer fahren Sie gut Ski.«
Woher wusste sie, dass er Ausländer war? Ihm fiel ihr etwas altmodisches, gepflegtes Deutsch auf.
»Ich habe Sie gestern ankommen sehen, von meinem Fenster aus.«
Sie wohnte also im Hotel Jungfrau.
Sie hatte ihn früher bemerkt als er sie. Unbedeutende Details, unabsehbare Konsequenzen. Der kleinste Vorfall kann eine Lawine von Ereignissen auslösen. Sie hatte ihr Buch zur Seite gelegt, nach dem Fernglas gegriffen, nach der Sonnenbrille; war durch den Flur gegangen, die Treppe hinunter, hatte bei einem Kellner Tee bestellt. Sonne. Fernsicht, die vom Feldstecher herangeholten Berge. Seitlich von ihr hatte er gesessen, sie hatte nicht zu ihm hingeschaut.
Ungeordnet reihten sich Oscars Gedanken auf. Verwirrt vom Marsch durch den Schnee und auch von der Frau gegenüber, bestellte er Kaffee.
»Wird nicht einfach sein, Ihr Hotel wiederzufinden«, sagte er, als sie wieder zur Zeitung griff.
»Auf halbem Wege hierhin ist mir das auch bewusst geworden.« Sie sprach ruhig, ließ die Zeitung liegen und schaute aus dem Fenster. »Aber ich konnte nicht, wollte nicht umkehren. Das Blickfeld verengt sich, man will nur weiter, der Kopf wird leer, der Verstand zieht sich zurück. Es bleibt die Stille, die man hört, das Knirschen des Schnees unter den Sohlen.«
Oscar horchte auf ihre Stimme, nicht auf ihre Worte. Hörte längst Vergessenes oder Verdrängtes. Erkannte etwas sehr Altes wieder, das ihn einmal bezaubert hatte. Ein Mädchen hatte ihn sich selbst entführt und nie wieder zurückgebracht. Sechzehn war er gewesen, und er hatte sie auf wundersame Weise geliebt. Niemandem hatte er davon erzählt, nicht einmal seinem Bruder Dick, seinem Bruder, der sein einziger Freund war. Und auch ihr nicht. Wie hätte er ihr denn sagen sollen, dass er sie liebte. Liebe, er hatte eine Art unumkehrbare Veränderung in seinem Inneren gefühlt, er war nicht mehr derselbe. Durch einen geheimnisvollen Vorgang allem entfremdet, was kurz zuvor noch selbstverständlich gewesen war.
Das hätte er ihr doch nicht erklären können. Er hatte ihren Namen in sich verborgen, hatte ihn nicht mehr genannt aus Angst, sie zu verlieren, was prompt geschah. Seltsam, dass Liebe einen auch heimatlos machen, aushöhlen, die Dinge leer und unbedeutend erscheinen lassen kann.
Die Frau schaute ihn an. Zum ersten Mal sah er ihre Augen. Einen Moment nur, denn der Kellner brachte seinen Kaffee, andere Gäste drängten sich neben seinem Stuhl. Willkommene Ablenkung. Ihre Augen waren wie ihre Stimme, sie trieben ihn in die Enge, er kannte sie aus einer früheren Zeit, die eine Ewigkeit zurücklag: Eis auf dem Boden seiner Erinnerung, spiegelglatt und knackend. Sanftfüßig über das dünne Eis eines Weihers mit Trauerweiden am Ufer, nach der ersten Frostnacht. Die Umarmung des Mädchens auf dem Weg zur Schule. Ein flüchtiges Glück, später zu einer Geschichte umgeschmolzen. Nein, nicht in die Enge getrieben fühlte er sich, es war etwas anderes, keine Reue, keine Sehnsucht. Ihr Gesicht und ihre Augen hielten ihn fest, selbst wenn er es gewollt hätte, er konnte nicht fort.
Neben ihnen wurde gelacht, die Tür war fast ständig in Bewegung, überall tropften beschneite Mäntel. Café Eiger war der Mittelpunkt, hier sammelten sich die Mutigen, die sich hinausgetraut hatten. Suppe, Kaffee, Kakao, Schnaps, Torte, fröhlich trugen die Kellner Tabletts vor sich her. Man war festlich gestimmt, wollte unbedingt das Beste aus diesem Tag machen, niemand dachte an Heimkehr. Oscar zeigte nach draußen auf den fallenden Schnee und fragte, ob er ihr noch etwas bestellen dürfe. Er durfte. In diesem Winkel waren sie für die Bedienung fast unsichtbar. Er hob ihre Zeitung samt Halter schräg in die Höhe, um einen Kellner auf sich aufmerksam zu machen....




