Davis Kanns nicht und wills nicht
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-85420-942-3
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stories
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-85420-942-3
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ihre Erzählungen sind manchmal buchstäbliche Einzeiler; oder es sind lange geduldige Beobachtungen von Kühen im Laufe eines Winters vom Küchenfenster eines Landhauses aus. Ihre Stories können aber auch Träume sein, Beschwerdebriefe (an Tiefkühlerbsenproduzenten oder Autoren von Buchhändler-Werbebroschüren) oder Geschichten, die aus den Briefen Flauberts kondensiert wurden. Lydia Davis schreibt in allen Fällen mit großer Präzision, mit Witz und Intelligenz und einem geschärften Blick für die Unerfreulichkeiten des täglichen Lebens. Da sie nichts als gegeben hinnimmt, überschreitet sie auch ständig die Grenzen der literarischen Konventionen, der Genres und Gepflogenheiten – und das macht ihr Werk zu einer Fundgrube für überraschende Entdeckungen. Sie scheut weder das intellektuelle Vergnügen noch die Nähe der Intimität. Ob es sich um die ironische Aufzählung von Lesevorlieben handelt oder um die ungemein intimen Erinnerungen einer Frau an ihre verstorbene ältere Schwester, um die trocken notierten Schwierigkeiten mit renitenten Dienstmädchen oder die Essgewohnheiten von Großstadtneurotikern: Lydia Davis zu lesen erweitert nicht nur den Horizont, es weist uns auch auf unerwartete Freuden in unser aller rätselhaftem Alltag hin.
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Die beiden Davis und der Teppich
Sie hießen beide Davis, aber sie waren nicht miteinander verheiratet und sie waren nicht blutsverwandt. Sie waren allerdings Nachbarn. Sie waren beide unentschlossene Menschen oder, richtiger, sie konnten in bestimmten Dingen sehr entschlussfreudig sein – in wichtigen Dingen oder in Dingen, die mit ihrer Arbeit zu tun hatten –, aber in Kleinigkeiten konnten sie sehr unentschlossen sein und ihre Meinung vom einen Tag zum nächsten ändern, immer von neuem, wobei sie an einem Tag von einer Sache vollständig überzeugt waren, um sich am nächsten ebenso überzeugt gegen sie zu entscheiden.
Das wussten sie voneinander nicht, bis sie sich dazu entschloss, ihren Teppich zum Verkauf anzubieten.
Es war ein bunter, rot, weiß und schwarz gemusterter Wollteppich, mit knalligem Rautendessin und ein paar schwarzen Streifen. Sie hatte ihn in der näheren Umgebung der Stadt, in der sie früher gelebt hatte, in einem kleinen indianischen Laden gekauft, fand nun aber heraus, dass es kein indianischer Teppich war. Er lag im Zimmer ihres abwesenden Sohnes auf dem Fußboden, und sie war seiner müde geworden, weil er etwas schmutzig und an den Ecken eingerollt war, und sie beschloss, ihn bei einer Gruppenauktion zum Fundraising für einen guten Zweck zu verkaufen. Als man ihn aber bei der Auktion sehr bewunderte – mehr als sie erwartet hatte –, und als der Ausrufungspreis von einem Sachverständigen von zehn auf fünfzig Dollar angehoben wurde, überlegte sie es sich anders und hoffte, er würde keinen Käufer finden. Die Zeit schritt voran, aber sie ging mit dem Preis für den Teppich – anders als andere um sie herum – nicht herunter, und obwohl man ihn weiterhin bewunderte, kaufte ihn keiner.
Der andere Davis kam früh am Morgen zur Auktion und war sofort von dem Teppich eingenommen. Er zögerte allerdings, weil das Muster so knallig und die Farben so grellrot, -weiß und -schwarz waren, weshalb er dachte, er würde sich in seinem Haus vielleicht nicht gut machen, obwohl sein Haus schlicht und modern möbliert war. Er bekundete unüberhörbar seine Bewunderung für den Teppich, sagte aber zu ihr, er sei nicht sicher, ob er in sein Haus passe, und verließ die Auktion, ohne ihn zu kaufen. Während aber im Verlauf des Tages keiner den Teppich kaufen wollte und sie den Preis nicht senkte, dachte er über den Teppich nach und kam später wieder, um den Teppich ein weiteres Mal anzuschauen und zu sehen, ob er noch da war, und zu entscheiden, ob er ihn kaufen würde oder nicht. Die Auktion war allerdings zu Ende, und alles war entweder verkauft oder als Sachspende verpackt oder eingepackt und nach Hause zurückgebracht worden, und die große Wiese vor der Terrasse des Pfarrhauses, auf der die Auktion stattgefunden hatte, lag wieder blitzblank und glatt in der spätnachmittäglichen Sonne da.
Der andere Davis war überrascht und enttäuscht, und als er der einen Davis am nächsten oder übernächsten Tag im Postamt über den Weg lief, sagte er, er habe seine Meinung bezüglich des Teppichs geändert, und fragte, ob er verkauft worden sei, und als sie verneinte, fragte er sie, ob er ihn probeweise in seinem Haus auflegen dürfe, um zu sehen, ob er sich gut machen würde.
Die eine Davis war sofort unangenehm berührt, weil sie sich inzwischen entschlossen hatte, den Teppich doch lieber zu behalten, ihn reinigen zu lassen und da und dort im Haus aufzulegen, um zu sehen, wie er sich machen würde. Aber als nun der andere Davis so großes Interesse an dem Teppich bekundete, war sie nicht mehr sicher, ob sie es so machen sollte. Schließlich hatte sie ihn ja verkaufen wollen und gedacht, er sei nur zehn Dollar wert. Sie bat den anderen Davis um eine Frist von ein paar weiteren Tagen, um sich zu entschließen, ob sie sich von ihm trennen wollte. Der andere Davis zeigte Verständnis dafür und sagte, es sei in Ordnung, wenn sie ihn von ihrem Entschluss verständigen würde, falls sie den Teppich nicht behalten wollte.
Eine Zeit lang ließ sie ihn im Zimmer ihres Sohnes liegen, wo er ursprünglich gelegen hatte. Sie warf hin und wieder einen Blick auf ihn. Mit den eingerollten Ecken sah er immer noch ein wenig schmutzig aus. Sie fand ihn immer noch irgendwie attraktiv und gleichzeitig irgendwie unattraktiv. Dann dachte sie, sie sollte ihn hinausbringen, wo sie ihn jeden Tag sehen würde, so dass sie sich eher zu der Entscheidung durchringen konnte, ob sie ihn nun behalten wollte oder nicht. Sie wusste, dass der andere Davis wartete.
Sie legte ihn auf den Treppenabsatz zwischen Erdgeschoß und erstem Stock und fand, dass er sich unter dem Bild an der Wand gut mache. Aber ihr Mann fand, er sei zu grell. Sie ließ ihn trotzdem da liegen, und jedes Mal, wenn sie die Treppen hinauf- oder hinunterging, dachte sie wieder über ihn nach. Der Tag nahte, an dem sie, obwohl sie ihn ziemlich attraktiv fand, den festen Entschluss fasste, ihn dem anderen Davis ganz oder wenigstens zur Probe zu überlassen, da er ihm gefiel und er sich in seinem Haus wahrscheinlich besser machen würde. Doch am nächsten Tag – bevor sie ihren Entschluss ausführen konnte – kam eine Freundin zu ihr ins Haus, die gerade an diesem Teppich besonderen Gefallen fand: Sie dachte, der Teppich sei neu, und fand ihn sehr hübsch. Nun fragte sich die eine Davis, ob sie ihn letztlich nicht doch behalten sollte.
Inzwischen aber vergingen die Tage, und sie machte sich wegen des anderen Davis große Sorgen. Sie hatte das Gefühl, dass er den Teppich definitiv ausprobieren wollte und sie ihn aus purem Egoismus zurückbehielt, obwohl sie bereit gewesen war, ihn zu verkaufen – und das um ganze zehn Dollar. Sie hatte das Gefühl, dass er ihn wahrscheinlich wirklich haben wollte oder ihn bewunderte, mehr als sie selbst. Und doch wollte sie nicht weggeben, was sie einmal so sehr bewundert hatte, dass sie es überhaupt gekauft hatte, und das andere gleichfalls bewunderten und das ihr, wäre es erst einmal gereinigt, vielleicht sehr gefallen würde.
Nun ging ihr der Teppich oft durch den Kopf, und fast täglich versuchte sie, zu einem Entschluss zu kommen, und fast täglich änderte sie ihren Entschluss. Sie verfolgte verschiedene Argumentationsketten, um herauszufinden, was sie tun sollte. Der Teppich war ein schönes Stück – das hatte ihr ein Experte erklärt; sie hatte ihn gekauft, weil er ihr in dem indianischen Laden gefallen hatte, obwohl es offenbar kein indianischer Teppich war; ihrem Sohn gefiel er bei den seltenen Gelegenheiten, an denen er zu Besuch kam; er würde ihr noch immer gefallen, wenn er ein wenig sauberer wäre; andererseits hatte sie früher nicht auf seine Sauberkeit geachtet und würde es wahrscheinlich weiterhin nicht tun; und wenn sie danach ging, wie der andere Davis ihr das Innenleben seines Hauses präsentiert hatte – alles tipptopp sauber und klug arrangiert –, würde er ihn reinigen und gut auf ihn aufpassen; sie war bereit gewesen, ihn zu verkaufen, und der andere Davis war bereit gewesen, ihn zu kaufen. Der andere Davis wäre wahrscheinlich gewillt, die fünfzig Dollar für ihn zu bezahlen, und sie würde sie dann für den guten Zweck spenden. Behielt sie den Teppich, dann würde sie ihrer Einschätzung nach wahrscheinlich fünfzig Dollar für den guten Zweck spenden, wo sie doch bereit gewesen war, ihn zu verkaufen, und keiner ihn gekauft hatte – obwohl sie dann fünfzig Dollar für etwas bezahlen würde, das ihr ohnehin schon gehörte, es sei denn, man konnte es, nachdem sie es für den guten Zweck versteigern hatte lassen wollen, nicht mehr als ihren Besitz ansehen.
Eines Tages bekam sie vom Sohn eines Freundes eine große Schachtel mit frischem Gemüse geschenkt: Es war unterdessen Hochsommer geworden, und er hatte in seinem Garten sogar mehr Gemüse, als er verkaufen konnte. In der Schachtel war zu viel Gemüse für ihren Mann und sie selbst, und sie entschloss sich, es mit ein paar Nachbarn zu teilen, die keinen Garten hatten. Einen Teil des Gemüses gab sie einem Nachbarn um die Ecke, einem Berufstänzer, der unlängst mit seinem blinden Hund in ihrer Nachbarschaft eingezogen war. Als sie von ihm weggegangen war, brachte sie das restliche Gemüse zu dem anderen Davis und seiner Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Als sie sich nun in der Einfahrt über dieses und jenes unterhielten, darunter auch über den Teppich, musste sie eingestehen, dass es ihr oft schwer falle, eine Entscheidung zu treffen, nicht nur den Teppich betreffend. Daraufhin gab der andere Davis zu, auch ihm falle es schwer, Entscheidungen zu treffen. Seine Frau sagte, es sei erstaunlich, wie fest sich ihr Mann zu etwas entschließen konnte, bevor er seine Meinung änderte und ebenso fest das Gegenteil beschloss. Sie sagte, es sei ihm eine Hilfe bei seinen Entschlüssen, egal, worum es dabei ging, wenn er mit ihr darüber redete. Sie sagte, ihre Antworten folgten gewöhnlich eine Zeit lang diesem Muster: »Ja, ich glaube, du hast recht«, »Tu, was du willst«, »Mir ist es egal«. Sie sagte, dadurch, dass beide Davis’ so untentschlossen waren, begann der Teppich in diesem Falle ein Eigenleben zu führen. Sie sagte, sie sollten ihm einen Namen geben. Diese Idee gefiel beiden Davis’, aber im Moment fiel ihnen kein Name ein.
Die eine Davis verblieb mit dem Wunsch, es möge ein Salomon auftauchen, an den sie sich um ein Urteil wenden konnten: denn die Frage war in Wahrheit wahrscheinlich nicht, ob sie den Teppich behalten wollte oder nicht, sondern, in einem allgemeineren Sinn, wer von ihnen beiden den Teppich höher schätzte: Sie dachte, dass der andere Davis den Teppich haben sollte, wenn er seinen Wert höher schätzte als sie, und dass sie ihn behalten sollte, wenn sie ihn höher schätzte. Vielleicht sollte die Frage aber...




