Davis Fast keine Erinnerung
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-85420-851-8
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stories
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-85420-851-8
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit Lydia Davis, bewundert u.a. von Grace Paley, Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides und Zadie Smith, vorgeschlagen für den National Book Award 2007, ist eine der raffiniertesten Stimmen der amerikanischen Prosa zum ersten Mal auf Deutsch zu entdecken.Ob konventionellere und klassische Sujets - eine Reise durch Russland in den Kaukasus, ein karger Winter in äußerster Mittellosigkeit in einem südfranzösischen Bauernhaus, Träume vom idealen Cowboy-Mann, ein Nachmittag, umringt von Familien im Park - oder Gedankenspiele am Rand zum Sprachspiel, Davis untersucht ihre Geschichten und Themen sowohl in erzählerischer als auch in essayistischer Form, Erzählen und Denken sind zwei Seiten derselben Bewegung. Beim Lesen wähnt man sich dadurch in den sicheren Händen einer skrupulösen Schriftstellerin, die ihr Feld mit größter Sorgfalt beackert. Ihr Feld: das sind die Abenteuer des Alltags und der Gewöhnlichkeit, Träume, Vermutungen und Phantasien, Beziehungs- und Benennungsschwierigkeiten, allesamt unter so merkwürdigem Blickwinkel neu betrachtet, dass das Lesevergnügen von Geschichte zu Geschichte noch größer wird.
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Der Professor
Vor ein paar Jahren redete ich mir ein, ich wolle einen Cowboy heiraten. Warum auch nicht. Ich lebte allein, war ganz begeistert von der braunen Landschaft, und ab und zu, wenn ich die breiten Highways der Westküste entlangfuhr, hatte ich im Rückspiegel einen Cowboy in einem Pick-Up. Tatsache ist: Ich weiß, ich würde immer noch gerne einen Cowboy heiraten, obwohl ich jetzt im Osten lebe und schon mit jemand verheiratet bin, der kein Cowboy ist.
Aber was sollte ein Cowboy schon mit einer Frau wie mir anfangen – einer Englischprofessorin und Tochter eines Englischprofessors und nicht eben locker und ungezwungen? Nach ein, zwei Drinks bin ich lockerer, aber ich spreche immer noch korrekt, und ich weiß immer noch nicht, wie man mit anderen Leuten scherzt, es sei denn, ich kenne sie gut, und oft sind es Leute von der Universität oder sie leben mit solchen zusammen, und wenn die etwas sagen, ist es auch bei ihnen immer noch korrekt. Obwohl ich nichts gegen sie einzuwenden habe, ich fühle mich von den anderen Menschen in diesem Land abgeschnit ten – um nur einmal von diesem Land zu reden.
Ich redete mir ein, dass mir die Art gefiel, wie Cowboys sich kleiden, angefangen vom Hut, und wie wohl sie sich in ihren Kleidern fühlen, so zweckmäßig, weil sie mit ihrer Arbeit zu tun haben. Viele Professoren ziehen offensichtlich das an, was sie für Professoren kleidsam halten, ohne wirkliches Interesse und ohne Liebe. Ihre Kleider sind entweder zu eng oder schon ein paar Jahre aus der Mode und bewirken nur, dass ihre Körper noch linkischer wirken.
Nachdem man mir erstmals eine Lehrstelle angeboten hatte, kaufte ich eine Aktentasche, und nachdem ich mit meiner Lehrtätigkeit begonnen hatte, trug ich sie durch die Gänge wie die anderen Professoren. Ich konnte sehen, dass sich die älteren Professoren – hauptsächlich Männer, aber auch ein paar Frauen – der Wichtigkeit ihrer Aktentaschen nicht mehr bewusst waren und dass die jüngeren Frauen so taten, als wären sie sich ihrer nicht bewusst, wogegen die jüngeren Männer ihre Aktentaschen wie Trophäen herumtrugen.
Zur gleichen Zeit fing mein Vater an, mir dicke Umschläge mit Material zu schicken, von dem er glaubte, es könnte für meinen Unterricht hilfreich sein, Hausaufgaben und Zitatstellen inklusive. Manchmal, wenn ich mich der Sache gewachsen fühlte, las ich gerade mal ein paar Seiten. Wie kam ein alter Professor nur auf die Idee, eine junge Professorin belehren zu wollen? Wusste er nicht, dass ich unmöglich meine Aktenmappe durch die Gänge tragen und meine Kolleginnen und Kollegen und Studentinnen und Studenten begrüßen konnte, um anschließend nach Hause zu gehen und die Anweisungen des alten Professors zu lesen?
Der Unterricht machte mir nämlich Spaß, weil ich anderen Leuten gerne sagte, was sie tun sollen. In jenen Zeiten war es für mich klarer als heute, dass etwas, das ich auf eine bestimmte Art und Weise tat, auch für die anderen Menschen das Richtige sein musste. Ich war davon so überzeugt, dass es auch meine Studenten überzeugte. Und trotzdem: Obwohl ich nach außen hin eine Professorin war, war ich in meinem Innersten was anderes. Einige ältere Professoren waren auch in ihrem Innersten Professoren, ich aber war innerlich nicht einmal eine junge Professorin. Ich sah wie eine Frau mit Brille aus, aber ich träumte von einer ganz anderen Art von Leben, vom Leben einer Frau, die keine Brille trug, einer Art Frau, wie ich sie ab und zu von ferne in einer Bar sah.
Wichtiger als die Kleidung, die ein Cowboy trug, und die Art und Weise, wie er sie trug, war die Tatsache, dass ein Cowboy nicht viel mehr wusste, als er unbedingt wissen musste. Er dachte zwar über seine Arbeit nach und auch über seine Familie, sofern er eine hatte, und darüber, wie er Spaß haben könnte, und nicht viel mehr. Ich war es müde, so viel zu denken, und das war es, was ich damals hauptsächlich tat. Ich tat auch andere Dinge, aber während ich sie tat, dachte ich nach. Es konnte vorkommen, dass ich etwas empfand, gleichzeitig aber dachte ich darüber nach, was ich empfand. Ich musste sogar darüber nachdenken, was ich gerade dachte, und mir den Kopf zerbrechen, warum ich das dachte. Als mir die Idee kam, einen Cowboy zu heiraten, da dachte ich, vielleicht würde mich ein Cowboy davon abbringen können, so viel zu denken.
Und dann dachte ich mir, obwohl ich mich da vielleicht täuschte, dass ein Cowboy nicht so sei wie jeder andere, den ich kannte – zum Beispiel ein alter Kommunist oder das Mitglied einer Steuergruppe, ein Leserbriefschreiber, die Frau eines Professors, die bei einer Fakultätsparty Tee an Studenten ausschenkt, ein Professor, der mit einem scharf gespitzten Bleistift Korrekturfahnen liest und alle ersucht, ruhig zu sein. Ich stellte mir vor, wenn mein Kopf, der ständig auf Achse war, ständig im Kreis ging, ständig einen Einfall hatte und dann einen Einfall über einen Einfall, nach seinem Kopf langte, dass er es dann mit etwas Ruhigerem zu tun bekäme, dass es dann mehr Leerstellen geben würde, mehr Zwischenräume, dass dann zu dem, was er im Kopf hatte, vielleicht der Himmel gehörte, Wolken, Hügelkuppen und andere Dinge zum Anfassen: Seile, Sättel, Pferdehaar, der Geruch von Pferden und Rindern, Motoröl, Schwielen, Schmiermittel, Zäune, Jauchengruben, ausgetrocknete Flussbetten, lahmende Kühe, totgeborene Kälber, missgebildete Kälber, Tierarztvisiten, Behandlungen, Schutzimpfungen. Ich stellte mir das vor, obwohl ich wusste, dass ein Teil dessen, von dem ich mir gerne vorstellte, er hätte sie in seinem Kopf – wie die Sättel, die von Sätteln wund geriebenen Stellen, das Pferdehaar und die Pferde selbst –, oft gar nicht mehr zum Leben eines Cowboys gehörten. Und was meine Tätigkeiten anging, wenn ich mein Leben mit diesem Cowboy teilen würde, so stellte ich mir manchmal vor, wie ich in sauberen Kleidern still für mich in einem Arbeitszimmer las, aber manchmal stellte ich mir auch vor, wie ich Sattel und Zaumzeug einfettete oder große Mengen einfacher Gerichte kochte oder am Morgen im Stall aushalf, während der Cowboy beide Arme tief in eine Kuh steckte, um ein Kalb so herumzudrehen, dass es richtig lag. Das wären klar überschaubare Probleme und Aufgaben, und ich wäre imstande, angemessen mit ihnen umzugehen. Ich würde nicht aufhören zu lesen und nachzudenken, aber ich würde nicht viele Leute kennen, die auch viel lasen und nachdachten, also wäre ich dabei mehr für mich, weil der Cowboy, trotz aller Nähe, gar nicht erst versuchen würde, mich zu verstehen, sondern all das ganz und gar mir überließe. Es wäre nicht mehr so peinlich.
Ich dachte, wenn ich einen Cowboy heiratete, dann bräuchte ich nicht aus dem Westen wegzuziehen. Ich mochte den Westen wegen all seiner Schwierigkeitene. Erstens gefiel es mir, dass es so schwer war, mit Sicherheit zu sagen, wann eine Jahreszeit vorüber war und die nächste begann, und dann gefiel mir, dass es so schwer war, an der Landschaft, in der ich lebte, irgendwas schön zu finden. Zuallererst hatte ich mich an die ihr eigene Hässlichkeit gewöhnt, an all diese breiten Highways, die sich durch die Täler schlängelten, und die neuen Trassenführungen auf den kahlen Berghängen. Danach entdeckte ich mit einem Mal das Schöne daran, und plötzlich gefiel mir das Kahle und das schlichte Braun der Hügel während der Trockenzeit, und die Art und Weise, wie sich die Rinnen in den Berghängen, in denen sich Feuchtigkeit halten konnte, mit Gräsern und Buschwerk und allerhand blühendem Grünzeug füllten. Ich mochte die Schlichtheit des Ozeans und die Leere, wenn ich auf ihn hinaussah. Und eben weil es so schwer gewesen war, diese Schönheit zu entdecken, wollte ich nicht mehr von da weggehen.
Kann sein, dass mir die Idee, einen Cowboy zu heiraten, durch einen Film gekommen war, den ich an einem Frühlingsabend mit einem meiner Freunde ansah, der auch Professor war – ein gut aussehender und kluger Mann, der, freundlicher als ich, im Umgang mit Menschen allerdings noch unbeholfener war und in seinen jähen Anfällen von Schüchternheit selbst die Namen alter Freunde vergaß. Der Film schien ihm zu gefallen, obwohl ich keine Vorstellung davon habe, was ihm beim Ansehen durch den Kopf ging. Vielleicht stellte er sich vor, wie er mit der Frau in dem Film zusammenlebte, die so anders war als seine dünne, nervöse und schöne Frau. Als wir vom Kino weg und über einen dieser breiten Highways fuhren, mit nichts vor uns und hinter uns als Schlusslichter und Scheinwerfer und nichts zu unserer Seite als Dunkelheit, da wollte ich nur noch in die Mitte der Wüste hinausfahren, so weit weg wie nur möglich von allem, was ich schon mein Leben lang kannte, und weit weg von der Universität, an der ich unterrichtete, und von den kleinen und großen Städten der Umgebung, mit all den klu gen Leuten, die in ihnen arbeiteten und lebten und ihre Gedanken in Merkheften aufschrieben und in die Computer in ihren Büros und Arbeitszimmern daheim eintippten und sich Sachen aus schwierigen Büchern notierten. Ich wollte weg von all dem und hinausfahren, in die Mitte der Wüste, und da wollte ich ein Motel führen, mit einem kleinen Jungen dabei, und dann würde plötzlich ein abgetakelter Cowboy auftauchen, ein abgetakelter Cowboy im mittleren Alter, zur Not ein Alkoholiker, und den würde ich dann heiraten. Ich kannte einen kleinen Jungen, den ich mitnehmen konnte. Also fehlten mir nur noch der in die Jahre gekommene Cowboy und das Motel. Ich würde ein gutes Motel draus machen, würde mich drum kümmern und alle Probleme rasch und mit viel Grips lösen, kaum dass sie aufgetaucht waren. Ich glaubte, ich könnte das Geschäft gut und mit der notwendigen Härte führen, bloß weil ich diesen Film gesehen hatte, in dem diese Frau ihr...




