Davis | Eine Autobiographie | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 544 Seiten

Davis Eine Autobiographie


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-311-70463-8
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 544 Seiten

ISBN: 978-3-311-70463-8
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Angela Davis' Autobiographie, 1974 von Toni Morrison erstmals herausgegeben, ist ein Klassiker der Schwarzen Befreiungsbewegung. Nun erlebt das Buch nach fast fünfzig Jahren eine Neuauflage, die beweist, wie aktuell antirassistische, feministische und sozialistische Kämpfe für Freiheit und Gerechtigkeit heute noch immer sind.

In Eine Autobiographie beschreibt Angela Davis ihren Lebensweg;erzählt von ihrer Kindheit auf dem sogenannten Dynamite Hill in Birmingham, Alabama, von ihrer Arbeit mit der Kommunistischen Partei, der Black Panther Party und den Soledad Brothers und wie sie von einer Professorin zu einer der vom FBI meistgesuchten Personen wurde.

Als Toni Morrison der damals 28-jährigen Angela Davis vorschlug, ein Buch über ihr Leben zu verfassen, war diese erst skeptisch, wollte der Tendenz, Geschichte zu individualisieren, nicht weiter Vorschub leisten. Und so schrieb sie eine zutiefst politische Autobiographie, die den Blick hinaus in die Welt niemals vernachlässigt.

»Ich habe also nicht wirklich über
mich selbst geschrieben. Ich habe die Ereignisse meines eigenen Lebens nicht an ihrer persönlichen Bedeutung gemessen. Vielmehr habe ich versucht, das Genre der Autobiographie zu nutzen, um mein Leben im Einklang mit dem, was ich für die politische Bedeutung meiner Erfahrungen hielt, zu betrachten.«

Brillant, feurig und mit Nachdruck geschrieben, ist Eine Autobiographie ein unvergesslicher Bericht über ein Leben, das dem radikalen Wandel verpflichtet war und ist.

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9. August 1970


Ich glaube, ich habe mich bei ihr bedankt, aber ich bin mir nicht sicher. Vielleicht habe ich ihr auch einfach dabei zugesehen, wie sie in die Einkaufstüte griff und mir eine Perücke hinhielt, die ich schweigend entgegennahm. Sie lag in meiner Hand wie ein kleines ängstliches Tier. Ich war allein mit Helen, versteckte mich vor der Polizei und trauerte um einen geliebten Menschen. Zwei Tage zuvor hatte ich in ihrem Haus auf einem Hügel in Echo Park, Los Angeles, von der Revolte im Marin-County-Gerichtsgebäude und dem Tod meines Freundes Jonathan Jackson erfahren. Bis vor zwei Tagen hatte ich noch nie etwas von Ruchell Magee, James McClain und William Christmas gehört: den drei Gefangenen des San-Quentin-Gefängnisses, die zusammen mit Jonathan an der Revolte beteiligt waren, welche zu seinem, James McClains und William Christmas’ Tod führte. Aber an diesem Abend schien es mir so, als hätte ich sie alle sehr lange gekannt.

Ich ging ins Badezimmer, stand vor dem Spiegel und versuchte meine Haarspitzen unter das straffe Gummi zu bekommen. Wie gebrochene Flügel flatterten meine Hände um meinen Kopf herum, meine Gedanken vollkommen losgelöst von ihrer Bewegung. Als ich endlich in den Spiegel blickte, um zu schauen, ob Teile meiner eigenen Haare noch unverborgen waren, sah ich ein Gesicht, so stark von Angst, Anspannung und Unsicherheit gezeichnet, dass ich es nicht als mein eigenes erkannte. Mit den falschen schwarzen Locken, die über eine gerunzelte Stirn in rote geschwollene Augen fielen, sah ich absurd aus, geradezu grotesk. Ich riss die Perücke von meinem Kopf, warf sie auf den Boden und schlug mit meiner Faust gegen das Waschbecken. Es blieb unverändert: kalt, weiß und undurchdringlich. Zwanghaft setzte ich mir die Perücke erneut auf. Ich musste normal aussehen. Ich wollte nicht den Verdacht des Tankwarts erregen, wenn wir Benzin brauchten. Ich wollte vermeiden, dass die anderen Autofahrer*innen ihre Aufmerksamkeit auf uns lenkten und zu uns herübersahen, wenn wir an einer Kreuzung auf grünes Licht warteten. Ich musste gewöhnlich aussehen, verschwinden in der Alltagskulisse von Los Angeles.

Ich sagte Helen, dass wir losgehen würden, sobald es dunkel wurde. Doch der Tag klammerte sich fest und ließ sich nicht abschütteln. Wir warteten stillschweigend. Hinter geschlossenen Vorhängen versteckt lauschten wir den Straßengeräuschen, die durch das leicht geöffnete Balkonfenster zu uns hineindrangen. Jedes Mal, wenn ein Auto abbremste oder anhielt, jedes Mal, wenn wir draußen auf dem Gehweg Schritte hörten, hielt ich den Atem an – und fragte mich, ob wir zu lange gewartet hatten.

Helen sprach kaum. Es war besser so. Ich war froh, dass sie in den letzten Tagen bei mir gewesen war. Sie war ruhig und versuchte nicht, den Ernst der Lage unter Bergen von ziellosem Geschwätz zu begraben.

Ich weiß nicht, wie lange wir bereits in dem schwach beleuchteten Zimmer gesessen hatten, als Helen das Schweigen brach. Es würde draußen wahrscheinlich nicht dunkler werden, sagte sie. Es war an der Zeit aufzubrechen. Zum ersten Mal, seit wir erfahren hatten, dass die Polizei hinter mir her war, verließ ich das Haus. Es war sehr viel dunkler, als ich erwartet hatte, aber nicht dunkel genug, um mich nicht verletzlich und schutzlos zu fühlen.

Draußen im Freien war meine Trauer und Wut auch mit Angst verwoben. Sie war klar und elementar und so überwältigend, dass ich sie nur mit dem Gefühl, verschlungen zu werden, vergleichen konnte, das ich als Kind verspürt hatte, wenn ich im Dunkeln allein war. Ich spürte damals dieses unbeschreibliche monströse Ding hinter meinem Rücken, es berührte mich nie ganz, war aber immer da und angriffsbereit. Wenn meine Mutter und mein Vater mich fragten, wovor ich so große Angst hatte, beschrieb ich das Ding mit Wörtern, die lächerlich und sinnlos klangen. Jetzt konnte ich das, was ich mit jedem Schritt wahrnahm, leicht beschreiben. Bilder von Angriffen schossen mir durch den Kopf. Sie waren nicht abstrakt, sondern eindeutig: Bilder von Maschinenpistolen, die aus der Dunkelheit herausbrachen, Helen und mich umzingelten und Feuer eröffneten …

Jonathans Körper hatte auf dem heißen Asphalt des Parkplatzes vor dem Marin County Civic Center gelegen. Auf dem Fernsehbildschirm sah ich, wie sie ihn aus einem Kleinbus herauszerrten. Um seine Taille war ein Seil gebunden …

Mit 17 hatte Jon bereits mehr Brutalität erlebt als die meisten Leute in ihrem ganzen Leben. Seit seinem siebten Lebensjahr trennten ihn Gefängnisgitter und feindselige Wachen von seinem großen Bruder George. Einmal hatte ich ihn naiv gefragt, warum er so selten lächelte.

Der Weg von Echo Park bis runter zur Schwarzen Gegend um West Adams herum war mir sehr vertraut. Ich war den Weg viele Male zuvor mit dem Auto gefahren. Aber an diesem Abend erschien er mir fremd und voll von den unbekannten Gefahren, die die Lebensrealität einer Person auf der Flucht bestimmen. Ich musste mich der Wahrheit stellen: Ich lebte jetzt ein Leben auf der Flucht, und flüchtige Menschen bekommen stündlich Besuch vom Verfolgungswahn. Jede fremde Person, die ich sah, könnte ein Agent in Verkleidung sein, vielleicht lauerten Bluthunde im Gebüsch, warteten auf ihr Kommando. Auf der Flucht zu sein, bedeutete, sich der Hysterie zu widersetzten und zwischen den Auswüchsen einer angsterfüllten Phantasie und den wahrhaftigen Anzeichen für den Feind zu unterscheiden. Ich musste lernen, ihm zu entkommen, ihn zu überlisten. Es würde schwierig sein, aber nicht unmöglich.

Tausende meiner Ahnen hatten wie ich gewartet, bis die Nacht ihre Schritte umhüllte, hatten sich auf die Hilfe einer Person verlassen, mit der sie eine echte Freundschaft verband, hatten wie ich die Zähne der Hunde auf ihren Fersen gespürt.

Es war ganz klar. Ich musste ihrer würdig sein.

Die Umstände, die dazu führten, dass ich gejagt wurde, waren vielleicht etwas komplizierter, aber unterschieden sich nicht grundlegend. Zwei Jahre zuvor hatte das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC)[1] eine Cocktailparty organisiert, um Spenden zu sammeln. Nach der Party führte die Polizei eine Razzia in der Wohnung von Franklin und Kendra Alexander in der Bronson Street durch. Die beiden waren Mitglieder der Kommunistischen Partei und eng mit mir befreundet. Geld und Waffen wurden beschlagnahmt und alle, die dort waren, wurden festgenommen und des bewaffneten Raubüberfalls beschuldigt. Sobald sie feststellten, dass eine der Waffen – eine 9 mm Automatik – auf meinen Namen angemeldet war, wurde ich zum Verhör vorgeladen. Vor Gericht erwies sich die Anklage als nicht haltbar; nach einigen Tagen im Gefängnis wurden die Schwestern und Brüder freigelassen und die Waffen an ihre Eigentümer*innen zurückgegeben.

Dieselbe 9 mm, die die Los Angeles Polizei (LAPD) mir damals widerwillig zurückgegeben hatte, befand sich nun in den Händen der Marin-County-Behörden, da sie während der Revolte im Gerichtssaal eingesetzt worden war. Der Vorsitzende Richter im McClain-Prozess war getötet und der Bezirksstaatsanwalt verletzt worden. Bevor mir Franklin sagte, dass die Polizei um mein Haus herumschlich, wusste ich bereits, dass sie hinter mir her sein würden. In den letzten Monaten hatte ich fast meine ganze Zeit damit verbracht, eine große Bewegung für die Befreiung der Soledad-Brüder – Jonathans Bruder George, John Clutchette und Fleeta Drumgo – aufzubauen, die fälschlicherweise für einen Mord im Soledad-Gefängnis angeklagt worden waren. Gouverneur Ronald Reagan und der Verwaltungsrat der University of California hatten mich gerade von meinem Lehrauftrag entlassen, weil ich Mitglied der Kommunistischen Partei war. Es war klar, dass sie die Tatsache, dass meine Waffe in Marin benutzt worden war, ausnutzen würden, um mich erneut anzugreifen.

Schon am 9. August schwirrten Agenten (des LAPD?, des FBI?) wie wütende Wespen um Kendra, Franklin und um Tamu, meine Mitbewohnerin. Andere Mitglieder unseres Parteikollektivs Che-Lumumba Club und des Verteidigungskomitees der Soledad-Brüder hatten Franklin mitgeteilt, dass auch sie überwacht wurden. Franklin hatte an diesem Tag mehrere Stunden damit verbracht, die Polizei abzuschütteln, um zu Helens und Tims Wohnung in Echo Park zu gelangen. Mehrere Stunden war er ihnen ausgewichen, hatte sich versteckt, Autos in verlassenen Gassen getauscht und war durch Vordertüren rein- und Hintertüren rausgegangen. Er hatte Angst, noch eine Fahrt zu riskieren, um mit mir Kontakt aufzunehmen. Vielleicht wäre er dabei weniger erfolgreich.

Bei einer umfangreichen Durchsuchung wäre ich in Helens und Tims Wohnung nicht sicher. Ich kannte die beiden seit einigen Jahren und obwohl sie keine Mitglieder einer aktivistischen Organisation waren, bewegten sie sich in linksradikalen Kontexten. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ihre Namen im Notizbuch irgendeines Polizisten auftauchen würden. Wir mussten schnell und inkognito handeln.

Die Adresse, die Helen und ich erhalten hatten, befand sich in einer ruhigen, gepflegten Straße in der West-Adams-Nachbarschaft. Dort stand ein älteres Duplexhaus, umgeben von hübsch geformten Hecken und blühenden Blumen. Nach einem unbeholfenen Abschied von Helen stieg ich aus dem Auto und klingelte zaghaft. Könnte es sein, dass wir die Adresse falsch verstanden hatten und dies das falsche Haus war? Nervös wartete ich darauf, dass sich die Tür öffnete, und fragte mich, wer mich hier wohl erwartete, wie sie...


Goldschmidt-Lechner, Simoné
SGL, SIMONÉ  GOLDSCHMIDT-LECHNER, schreibt, übersetzt, macht Podcasts, beschäftigt sich mit (queeren) Fankulturen im Netz, Horror aus postmigrantischer Perspektive, Sprache in Videospielen und gibt Workshops zu sozialpolitischen Themen. Sie ist Autorin des Romans Messer, Zungen (2022) und Übersetzerin von u. a. Against White Feminism (2022), Unertrunken (2022) von Alexis Pauline Gumbs sowie Eine Autobiographie (2023) von Angela Davis. Sie ist Mitherausgeberin des Literaturmagazins process*in und lebt in Hamburg.

Nuenning, Mirjam
MIRJAM NUENNING ist Übersetzerin für englischsprachige afrodiasporische Literatur. Nach einem Studium an der Howard University in Washington, D.C., lebt sie heute in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle und Synchronicity von Sharon Dodua Otoo, Kindred – Verbunden von Octavia Butler Unertrunken von Alexis Pauline Gumbs, Ein strahlendes Licht von Audre Lorde sowie Eine Autobiographie von Angela Davis.

Ledwon, Melody Makeda
MELODY MAKEDA LEDWON ist Übersetzerin und Dolmetscherin. In Berlin und New York sozialisiert, studierte sie Africana Studies und Soziologie am Hunter College, City University in New York, und Erziehungswissenschaften an der Washington University in St. Louis. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf rassismuskritischen, intersektionalen Perspektiven und Ansätzen. Ihre Schwerpunktthemen sind afroamerikanische und afrodiasporische Geschichte und Literatur, speziell Schwarze Feminismen.

Davis, Angela Y.
ANGELA YVONNE DAVIS ist Aktivistin, Akademikerin und Autorin. Sie wurde in den sechziger Jahren als führende Vertreterin der Kommunistischen Partei der USA und durch ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung weltweit bekannt. Sie war Professorin an der University of California, forschte und dozierte in den Bereichen Feminismus, afroamerikanische Studien, kritische Theorie, Marxismus, Philosophie und Geschichte von Strafen und Gefängnissen. Sie wurde wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an der Entführung und Ermordung des Richters Harold Haley durch die Brüder Soledad im August 1970 in Marin County, Kalifornien, vor Gericht gestellt und freigesprochen. Angela Davis ist seit mehr als fünfzig Jahren eine politische Aktivistin an der Spitze der Bewegungen zur Befreiung Schwarzer Menschen, sie kämpft für feministische und queere Anliegen und für die Abschaffung von Gefängnissen.



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