E-Book, Deutsch, Band 10, 468 Seiten
Davis Den Löwen zum Fraß
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-770-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Fall für Marcus Didius Falco - Der zehnte Fall | Eine tödliche Intrige im römischen Kolosseum
E-Book, Deutsch, Band 10, 468 Seiten
Reihe: Ein Fall für Marcus Didius Falco
ISBN: 978-3-96655-770-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lindsey Davis wurde 1949 in Birmingham, UK, geboren. Nach einem Studium der Englischen Literatur in Oxford arbeitete sie 13 Jahre im Staatsdienst, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Ihr erster Roman »Silberschweine« wurde ein internationaler Erfolg und der Auftakt der Marcus-Didius-Falco-Serie. Ihr Werk wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Diamond Dagger der Crime Writers' Association für ihr Lebenswerk. Die Website der Autorin: www.lindseydavis.co.uk Bei dotbooks erscheinen die folgenden Bände der Serie historischer Kriminalromane des römischen Privatermittlers Marcus Didius Falco: »Silberschweine« »Bronzeschatten« »Kupfervenus« »Eisenhand« »Poseidons Gold« »Letzter Akt in Palmyra« »Die Gnadenfrist« »Zwielicht in Cordoba« »Drei Hände im Brunnen« »Den Löwen zum Fraß« »Eine Jungfrau zu viel« »Tod eines Mäzens« »Eine Leiche im Badehaus« »Mord in Londinium« »Tod eines Senators« »Das Geheimnis des Scriptors« »Delphi sehen und sterben« »Mord im Atrium« Ebenfalls bei dotbooks erscheint der historische Roman »Die Gefährtin des Kaisers«, der auch im Sammelband »Die Frauen der Ewigen Stadt« erhältlich ist.
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Kapitel II
Die Arbeit für den Zensor war meine Idee gewesen. Eine zufällige Unterhaltung mit dem Senator Camillus Verus vor einigen Wochen hatte mich auf die Steuerneuveranlagungen aufmerksam gemacht. Ich erkannte, dass man das nur ordentlich organisieren musste, mit einem entschlossenen Revisorenteam, das sich die verdächtigen Fälle vornahm (eine Kategorie, unter die Camillus selbst nicht fiel; er war nur ein armes dummes Huhn mit einem unglückseligen Gesicht, der einem Steuereinschätzer zum Opfer gefallen war und sich keinen aalglatten Buchhalter leisten konnte, um sich aus dem Schlamassel zu befreien).
Mich für die Leitung der Revision anzupreisen erwies sich als schwierig. Es gab immer dutzende von Intelligenzbolzen, die in ihrer besten Toga zum Palast eilten und brillante Vorschläge zur Rettung des Imperiums unterbreiten wollten. Die Palastbeamten waren darin geschult, sie abzuweisen, denn selbst brillante Ideen wurden von Vespasian nicht unbedingt begrüßt, weil er Realist war. Als ein Ingenieur beschrieb, wie man die riesigen neuen Säulen für den restaurierten Jupitertempel mit mechanischen Mitteln sehr billig auf das Kapitol bringen könnte, soll, so wurde berichtet, Vespasian den Vorschlag abgelehnt haben, weil er für die Arbeit lieber die niederen Schichten bezahlte, damit sie Geld zum Essen hatten. Der alte Mann wusste genau, wie man einen Aufstand verhindert.
Trotzdem ging ich mit meinem Vorschlag zum Palatin. Einen halben Vormittag saß ich mit anderen Hoffnungsvollen in einem kaiserlichen Salon, aber ich langweilte mich bald. Es hatte sowieso keinen Zweck. Wenn ich durch den Zensus Geld verdienen wollte, musste ich schnell damit anfangen. Ich konnte mir nicht leisten, monatelang in einer Schlange zu warten; der Zensus sollte innerhalb eines Jahres abgeschlossen sein.
Mit dem Palast gab es noch ein anderes Problem. Mein derzeitiger Partner war bereits kaiserlicher Angestellter. Ich hatte mich nicht mit Anacrites zusammentun wollen, aber nach acht Jahren als Einzelkämpfer hatte ich mich dem Druck meiner Umgebung gebeugt und zugestimmt, dass ich einen Kollegen brauchte. Ein paar Wochen lang hatte ich mit meinem besten Freund Petronius Longus zusammengearbeitet, der zeitweilig vom Dienst bei den Vigiles suspendiert worden war. Gern würde ich behaupten, es sei ein Erfolg gewesen, aber seine Herangehensweise war in fast allem das genaue Gegenteil von meiner. Als Petro beschloss, sein Privatleben in Ordnung zu bringen, und von seinem Tribun wieder eingestellt wurde, war es für uns beide eine Erleichterung.
Danach hatte ich kaum noch Auswahl. Niemand will Ermittler sein. Nur wenige Männer besitzen die notwendige Schlauheit und Beharrlichkeit, die Ausdauer, stundenlang durch die Straßen zu schlurfen, oder haben gute Informationskontakte – vor allem für Informationen, die von Rechts wegen unzugänglich sein sollten. Unter den wenigen, die in Frage kamen, wollten noch weniger mit mir zusammenarbeiten, vor allem, seit Petro auf dem ganzen Aventin herumposaunte, wie furchtbar es sei, sich mit einem pingeligen Piesepampel wie mir das Büro zu teilen.
Anacrites und ich waren nie ein Herz und eine Seele gewesen. Ich hatte ihn aus Prinzip verabscheut, als er noch kaiserlicher Oberspion und ich ein kleiner Schnüffler mit ausschließlich Privatklienten war. Nachdem ich begann, selbst für Vespasian zu arbeiten, hatte sich meine Abneigung noch verstärkt, da ich bald herausfand, dass Anacrites unfähig, hinterhältig und schäbig war. (All das wirft man auch Ermittlern vor, aber das ist Verleumdung.) Und als mich Anacrites während einer Mission in Nabatäa ermorden lassen wollte, hörte ich auf, ihm Toleranz vorzuheucheln.
Die Parzen schritten ein, als er von einem Möchtegern-Attentäter angegriffen wurde. Ich war es nicht; ich hätte ganze Arbeit geleistet. Das war selbst ihm klar. Nachdem er bewusstlos mit einem Loch im Schädel aufgefunden wurde, brachte ich es aus unbegreiflichen Gründen zu Stande, meine eigene Mutter zu überreden, sich seiner anzunehmen. Wochenlang hing sein Leben am seidenen Faden, aber Mama zerrte ihn mit schierer Entschlossenheit und Gemüsebrühe vom Ufer des Lethe zurück. Nachdem sie ihn gerettet hatte und ich von einer Reise nach Baetica zurückkam, musste ich feststellen, dass zwischen ihnen eine Bindung entstanden war, als hätte Mama ein verwaistes Entlein in Pflege genommen. Anacrites’ Hochachtung vor meiner Mutter war nur geringfügig abstoßender als ihre Verehrung für ihn.
Mama hatte die Idee gehabt, ihn mir aufzuhalsen. Aber das würde nur so lange dauern, bis ich jemand anderen fand. Auf jeden Fall hatte er offiziell nach wie vor Genesungsurlaub. Daher konnte ich kaum im Palast aufkreuzen und ihn als meinen Partner angeben, denn der Palast bezahlte ihn wegen seiner schrecklichen Kopfwunde bereits fürs Nichtstun, und seine Vorgesetzten durften nicht erfahren, dass er schwarz arbeitete.
Tja, nur eine weitere all der Komplikationen, die das Leben versüßen.
Genau gesagt, hatte ich bereits eine Partnerin. Sie nahm teil an meinen Problemen und lachte über meine Fehler, half mir bei der Buchhaltung, beim Rätsellösen und führte manchmal sogar Befragungen durch. Helena. Die Liebe meines Lebens. Wenn niemand sie als meine Geschäftspartnerin ernst nahm, lag es teilweise daran, dass Frauen keinen rechtlichen Status haben. Außerdem war Helena die Tochter eines Senators; die meisten glaubten immer noch, sie würde mich eines Tages verlassen. Selbst nach drei Jahren engster Verbundenheit, gemeinsamer Reisen ins Ausland und der Geburt unseres Kindes erwartete man, dass Helena Justina meiner überdrüssig werden und zu ihrem früheren Leben zurückkehren würde. Ihr illustrer Vater war derselbe Camillus Verus, der mir die Idee eingegeben hatte, für den Zensor zu arbeiten; ihre edle Mutter Julia Justa hätte nichts lieber getan, als einen Tragestuhl zu schicken und Helena heimzuholen.
Wir lebten als Untermieter in einer grässlichen Hochparterrewohnung auf der rauen Seite des Aventin. Unser Baby mussten wir in den öffentlichen Bädern waschen, und wenn wir backen wollten, blieb uns nichts anders übrig, als den Teig zum Pastetenbäcker zu bringen. Unsere Hündin hatte uns mehrere Ratten zum Geschenk gemacht, die sie vermutlich nahe dem Haus erwischt hatte. Das war der Grund, warum ich anständige, regelmäßig bezahlte Arbeit brauchte. Der Senator wäre entzückt gewesen, dass ein paar von ihm hingeworfene Bemerkungen mir die Idee dazu eingegeben hatten. Und er würde noch stolzer sein, wenn er je erfuhr, dass Helena mir letztlich den Posten verschafft hatte.
»Möchtest du, dass Papa Vespasian bittet, dir die Arbeit beim Zensor anzubieten, Marcus?«
»Nein«, sagte ich.
»Das dachte ich mir.«
»Du meinst, ich bin dickköpfig?«
»Du machst lieber alles selbst«, erwiderte Helena ruhig. Sie war am beleidigendsten, wenn sie vorgab, gerecht zu sein.
Helena war eine große Frau mit strengem Ausdruck und stechendem Blick. Leute, die von mir erwartet hatten, dass ich mir ein dralles Püppchen mit Wolle im Hirn aussuchen würde, staunten immer noch über meine Wahl, aber nachdem ich Helena Justina kennen gelernt hatte, beschloss ich, bei ihr zu bleiben, so lange sie mich haben wollte. Sie war ordentlich, neigte zu beißendem Spott, war intelligent und auf wunderbare Weise unvorhersehbar. Ich konnte nach wie vor meinem Glück kaum glauben, dass sie mich bemerkt hatte, ganz zu schweigen davon, dass sie mit mir in einer Wohnung lebte, die Mutter meiner kleinen Tochter war und Ordnung in mein desorganisiertes Dasein gebracht hatte.
Das hinreißende Weib wusste, dass sie mich um den kleinen Finger wickeln konnte, und ich ließ es nur allzu gern geschehen. »Marcus, Liebling, wenn du heute Nachmittag nicht wieder zum Palast gehen willst, würdest du mich dann zum anderen Ende der Stadt begleiten? Ich hab da was zu erledigen.«
»Selbstverständlich«, stimmte ich großzügig zu. Alles, nur um außer Reichweite von Anacrites zu kommen.
Helenas Vorhaben machte das Anmieten eines Tragestuhls über eine Entfernung nötig, die mich zweifeln ließ, ob die wenigen Münzen in meinem Geldbeutel als Bezahlung reichen würden. Zuerst schleppte sie uns zu einem Lagerhaus, das mein Vater, ein Auktionator, in der Nähe des Emporiums besaß. Er gestattete uns, im hinteren Teil die Sachen zu lagern, die wir von unseren Reisen mitgebracht hatten und die auf den Tag warteten, an dem wir endlich ein anständiges Heim haben würden. Ich hatte eine Trennwand eingebaut, um Papa von diesem Teil des Lagers fern zu halten, da er die Art Unternehmer war, der sorgfältig ausgesuchte Schätze für einen Spottpreis verkaufen und denken würde, er hätte uns einen Gefallen getan.
Bei unserem heutigen Ausflug war ich nur ein Begleiter. Helena machte keine Anstalten, etwas zu erklären. Mehrere formlose Ballen, die mich offenbar nichts angingen, wurden eingesammelt und auf einen Esel geladen, dann umgingen wir das Forum in Richtung zum Esquilin.
Der Weg nach Norden dauerte ewig. Durch den fadenscheinigen Vorhang sah ich, dass wir uns außerhalb der alten Servianischen Mauer befanden und wohl zum Prätorianerlager wollten. Ich enthielt mich jeder Bemerkung. Wenn jemand Geheimnisse hat, soll er doch.
»Ja, ich hab einen Geliebten bei der Garde«, sagte Helena. War wohl als Witz gemeint. Ihre Vorstellung rauer Zärtlichkeit war ich: empfindsamer Liebhaber, treuer Beschützer, erfahrener Geschichtenerzähler und Möchtegern-Dichter. Jeder Prätorianer, der sie vom Gegenteil überzeugen wollte, würde von mir einen Tritt in den Arsch kriegen.
Wir umrundeten das Prätorianerlager und kamen auf die Via Nomentana. Kurz darauf hielten wir an, und Helena kletterte aus dem Tragestuhl. Ich folgte, überrascht, weil ich...




