Davis | Das Ende der Geschichte | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Davis Das Ende der Geschichte

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-85420-852-5
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

ISBN: 978-3-85420-852-5
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In ihrem einzigen Roman "Das Ende der Geschichte" zeichnet Lydia Davis eine obsessive Liebesgeschichte und deren Erinnerungsspuren nach.Eine 35jährige Schriftstellerin verliebt sich in einen viel jüngeren Mann, wird durch diese Erfahrung zutiefst irritiert und zeigt nach und nach alle Symptome von Liebeskrankheit. Die allmähliche Auflösung der Geschichte bis zur endgültigen Trennung setzt Lydia Davis parallel zum allmählichen Entstehen eines Romans über eben diese Erfahrungen und Vorgänge.Neben die Erforschung des Liebeswahns in allen seinen peinlichen Details tritt etwas anderes in den Vordergrund: die Erinnerung und ihre Unwägbarkeiten, ihre dunklen Flecken und grellen Beleuchtungen. Mit kristallklarer Nüchternheit beschreibt die Autorin nicht nur die emotionalen Verwerfungen, sondern mit großer Intensität auch die äußeren Landschaften: die Pazifikküste um San Diego und um San Francisco, das Hudson Valley an der Ostküste. Mit ungeheurer Wissbegier, und ohne sich auf vorgefertigte Schreibweisen und Satzfolgen einzulassen, legt Lydia Davis in "Das Ende der Geschichte" eine nahezu philosophische Untersuchung über das vor, was sich unserem Gedächtnis, unserer Erfahrung, unserem Wissen konstant entziehen möchte.

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Als ich ihn zum letzten Mal sah, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein würde, saß ich mit einer Freundin auf der Terrasse, und er kam schwitzend durch die Tür und blieb mit gerötetem Gesicht und Oberkörper und schweißnassem Haar höflich stehen, um ein paar Worte mit uns zu wechseln. Er ging auf dem rot gestrichenen Beton in die Hocke oder setzte sich auf das Eck des Lattenrosts einer Holzbank.

Es war ein heißer Junitag. Er hatte seine Sachen aus meiner Garage weggebracht und auf die Ladefläche eines Kleinlasters verfrachtet. Ich denke, er wollte sie in eine andere Garage bringen. Ich erinnere mich an seine gerötete Haut, aber die halbhohen Schuhe muss ich mir dazu denken, ebenso die im Ho cken oder Sitzen mächtigen weißen Oberschenkel und den freundlichen Aus druck, den sein Gesicht gehabt haben muss, während er sich mit den beiden Frauen unterhielt, die nichts von ihm forderten. Mir war bewusst, welchen Anblick meine Freundin und ich boten, in unseren Liegestühlen hockend, die Beine hoch gelagert, und dass ich ihm in Gegenwart meiner Freundin noch älter vorgekommen sein muss, als ich war, aber auch, dass er das unter Umständen attraktiv fand. Er ging ins Haus, um ein Glas Wasser zu holen, kam zurück und sagte zu mir, er sei nun fertig und werde aufbrechen.

Ein Jahr später, ich glaubte schon, er hätte mich vergessen, schickte er mir ein handgeschriebenes Gedicht, auf Französisch. Dem Gedicht war kein Brief beigelegt, obwohl er mich mit Namen anredete, so als handelte es sich um den Anfang eines Briefes, und obwohl er unterschrieben hatte, als wäre es das Ende eines Briefes. Als ich den Umschlag mit seiner Handschrift sah, glaubte ich zunächst, dass er mir vielleicht das Geld zurückschicke, das er mir schuldete – mehr als $ 300. Ich hatte das Geld nicht vergessen, weil sich meine Lage ge ändert hatte und weil ich es brauchte. Obwohl das Gedicht an mich adressiert war, war ich nicht sicher, was er mir damit sagen oder welche Botschaft ich aus ihm herauslesen sollte oder welche Absicht er mit ihm verfolgte. Er hatte seine Adresse auf den Umschlag geschrieben, und daraus schloss ich, dass er möglicherweise eine Antwort erwartete, aber ich wusste nicht, wie ich antworten sollte. Ich war der Meinung, ich konnte ihm nun nicht meinerseits ein Gedicht schicken, und wusste auch nicht, wie er auf dieses reagieren würde. Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, fand ich eine Möglichkeit zu antworten, und zwar indem ich ihm schrieb, was mir durch den Kopf gegangen war, als ich seine Post erhielt, was ich dachte, was sie zu bedeuten hätte, und wie ich entdeckte, dass meine Deutung falsch war, und wie ich es auffasste und was er damit wohl im Sinn gehabt hatte, als er mir ein Gedicht über Abwesenheit, Tod und Wiedervereinigung schickte. Ich machte eine Geschichte daraus, weil mir das ebenso un persönlich vorkam wie sein Gedicht. Ich legte eine kurze Notiz dazu und erklärte, dass es mir schwer gefallen war, die Geschichte zu schrei ben. Ich schickte die Antwort an die Anschrift auf dem Briefumschlag, hör te aber nichts mehr von ihm. Ich trug seine Adresse in mein Adressbuch ein, nachdem ich eine frühere ausradiert hatte, die nicht eben lange gegolten hatte. Kei ne seiner Anschriften galt längere Zeit, und die Seite in meinem Adressbuch mit seiner Anschrift ist vom vielen Herumradieren dünn geworden und ganz weich.

Und wieder verging ein Jahr. Ich machte mit einem Freund eine Wüsten tour, nicht weit von der Stadt, wo er gelebt hatte, und ich beschloss, bei seiner letzten Wohnadresse vorbeizuschauen. Die Reise war bis dahin unerquicklich gewesen, weil mir der Mann, mit dem ich unterwegs war, merkwürdig fremd geworden war. In der ersten Nacht trank ich zu viel, verlor in der mond hellen Landschaft mein Gefühl für Entfernung, und versuchte in mei nem Dusel – was er seinerseits zu verhindern versuchte – in die weißen Kavernen der Felsen hineinzutauchen, die mir weich wie Kissen erschienen. In der zweiten Nacht lag ich auf meinem Bett im Zimmer des Motels und trank Coca Cola und redete kaum mit ihm. Den ganzen nächsten Vormittag verbrachte ich auf dem Rücken eines alten Pferdes am Ende einer langen Kolonne von Pferden, die langsam zu einer einzelnen Felskluft in den Hügeln hoch trabten, durch sie hindurch und danach wieder hinunter, während er, von mir genervt, den Mietwagen von einer Felsformation zur nächsten kutschierte.

Als die Wüste hinter uns lag, besserte sich unser Verhältnis wieder, und während er fuhr, las ich ihm laut aus einem Buch über Christoph Columbus vor, aber je näher wir der Stadt kamen, desto abwesender war ich. Ich hörte auf zu lesen und schaute aus dem Fenster, aber als wir uns dem Meer näherten, nahm ich bloß Einzelheiten dessen wahr, was ich sah: eine Schlucht mit Euka lyp tusbäumen, die sich bis zum Wasser hinunter zog; einen schwarzen Kormo ran, der auf einem löchrigen weißen Kalksteinfindling saß, der zur Form einer Sanduhr verwittert war; einen Pier mit Achterbahn drauf; ein Haus mit Kuppeldach neben einer Kokospalme hoch über dem Rest der Stadt; eine Brücke über Eisenbahnschienen, die sich vor uns und hinter uns in der Ferne verloren. Auf unserem Weg zur Stadt, in Richtung Norden, fuhren wir neben den Gleisen her, manchmal in Sichtweite, und manch mal etwas weiter entfernt, wenn sie land einwärts führten und unsere Straße dem Rand der Klippe über dem Wasser folgte.

Am folgenden Nachmittag fuhr ich alleine los und kaufte mir eine Straßen karte. Ich studierte sie auf einer Steinmauer, die sich unter mir kalt anfühlte, obwohl die Sonne warm war. Ein Fremder erklärte mir, die von mir gesuchte Straße sei zu weit weg, um den Weg zu Fuß zu schaffen, aber ich ging dennoch. Jedes Mal, wenn ich dann auf einer Hügelkuppe stand, blickte ich hi naus aufs Was ser und sah Brücken und Segelboote. Jedes Mal, wenn ich in ein weiteres kleines Tal hinabstieg, schlossen sich die weißen Häuser wieder um mich.

Ich hatte nicht gewusst, wie weitläufig mir die Stadt beim Gehen vorkommen oder wie sehr meine Beine ermüden würden. Ich hatte nicht gewusst, wie sehr mich der Widerschein der Sonne auf den weißen Häuserfronten nach einer gewissen Zeit blenden würde, wie sie Stunde um Stunde auf Häuserfronten hinknallen würde, die zuerst immer weißer wurden und dann, während die Stunden vergingen und meine Augen zu schmerzen begannen, immer weni ger weiß. Ich nahm einen Bus und fuhr ein Stück, stieg aus und ging wieder zu Fuß weiter. Obwohl die Sonne den ganzen Tag geschienen hatte, waren die Schatten später am Nachmittag kühl. Ich ging an ein paar Hotels vorbei. Ich wusste nicht genau, wo ich war, aber dann, als das Viertel hinter mir lag, sah ich, wo ich gewesen war.

Nachdem ich ein paar Mal die richtige Richtung eingeschlagen hatte und dann wieder die falsche, landete ich schließlich in seiner Straße. Es war die abendliche Rushhour. Männer und Frauen in Arbeitskleidung gingen straßauf, straßab an mir vorüber. Der Verkehr war zähflüssig. Die Sonne stand tief und das Licht auf den Gebäuden war dunkelgelb. Ich war überrascht. Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass sein Viertel so aussehen würde. Ich hatte nicht einmal geglaubt, dass es die Adresse überhaupt gab. Aber da stand das Haus, dreigeschossig, hellblau angestrichen, ein bisschen schäbig. Ich nahm es von der anderen Straßenseite in Augenschein, etwas erhöht von einer Stufe aus, in die eine Reihe Fliesen mit dem Namen einer Apotheke eingelassen war, obwohl die Tür dahinter in eine Bar führte.

Seit ich diese Anschrift vor nunmehr über einem Jahr in mein Adressbuch eingetragen hatte, hatte ich mir – als hätte ich das geträumt – eine sehr genaue Vorstellung von einer kleinen, sonnigen Straße mit zweigeschossigen gelben Häusern gemacht, in denen Menschen ein und aus gingen, ein paar Treppen zu einem Treppenabsatz hochstiegen und von da herunterkamen, und ich hatte mir vorgestellt, wie ich selbst an der anderen Straßenseite, schräg gegenüber von seinem Haus, in einem Auto säße und seine Eingangstür und seine Fenster beobachten würde. Ich hatte mir vorgestellt, wie er, mit gesenktem Kopf und gedankenverloren, aus dem Haus treten und eilig die Treppe herunterlaufen würde, o der aber wie er, langsamer, neben seiner Frau die Treppe herunterkäme – nachdem ich ihn davor schon zweimal, ohne dass er davon wusste, mit seiner Frau gesehen hatte, einmal aus der Ferne, als sie auf dem Gehsteig vor einem Kino standen, und einmal durch den Regen hinter seinem Apartmentfenster.

Ich war mir nicht sicher, ob ich mit ihm reden wollte, denn wenn ich mir das vorstellte, dann machte mich der Ärger, den ich dabei auf seinem Gesicht bemerkte, unruhig. Überraschung, dann Ärger und dann Furcht, weil er Angst vor mir hatte. Sein Gesicht war leer und starr, er hatte seine Lider gesenkt und seinen Kopf ein wenig in den Nacken zurückgeworfen: Was wollte ich ihm denn nun schon wieder antun? Und er würde einen Schritt zurück tun, als wäre er damit tatsächlich schon vor mir sicher.

Obwohl ich sah, dass es sein Haus wirklich gab, glaubte ich nicht, dass es sein Apartment geben würde. Und auch wenn es sein Apartment gab, so glaubte ich nicht, dass sich auf einem Klebeband neben der Klingel sein Name finden würde. Ich überquerte die Straße und betrat das Haus, in dem er vielleicht noch bis vor kurzem gelebt hatte, sicherlich aber irgendwann während des letzten Jahres, und las die Namen ARD und PRUETT auf einem weißen Kärtchen neben der Klingel für die Nummer 6, sein Apartment.

Später wurde mir klar, dass es dieses sonderbare geschlechtslose Paar, Ard und Pruett, gewesen sein musste, das all das auffand, was er zurück gelassen hatte: die Reste von Klebeband, die an Dingen hafteten, die Büroklam mern und Reißzwecken zwischen den...



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