E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Daumüller Macht Schule dumm?
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7407-3671-2
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Reformen ohne Tiefgang. Jugend ohne Sprache. Schule ohne Intellekt.
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-7407-3671-2
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Daumüller, Privatdozent für Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Dr. paed., Diplom-Pädagoge, seit 22 Jahren Realschullehrer, unterricht, lehrt und lebt in Heidelberg.
Autoren/Hrsg.
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2. Systemzwerge statt Persönlichkeiten
Eine Anekdote: Auf einer Fortbildung für Lehrer, die an „Führungsaufgaben“ interessiert sind, ging es kürzlich um „Projekt- und Prozessmanagement“. Dort wurden Modelle und Elemente von Projektorganisation vorgestellt (u.a. „Stakeholder Analyse“). Die sehr karriereorientierten Berufsschullehrkräfte hatten sich bereits in Details solcher Modelle verbissen, als jemand die Frage stellte, weshalb hier eigentlich Modelle der Wirtschaft eins zu eins auf Schule übertragen werden sollen. Denn in der Schule hängt die Qualität zu 80% bis 90% von den Lehrpersonen ab. Deren Können wird nicht besser, wenn die Organisationsschritte von Projekten eingehalten werden, sondern hier geht es um Einstellungen und Haltungen zu Bildung und Unterricht. Eigentlich hätte ja gefragt werden müssen, ob man in unserer „Firma“ auch was werden kann, wenn man selber denkt. Doch bereits die Frage nach der Spezifik des Qualitätsbegriffs in Bildungseinrichtungen hat nachhaltig Verwirrung gestiftet.
Die Schule gerät durch solche Ambitionen in ein Dilemma: Sie soll einerseits das Leben spiegeln und sich sozialpädagogisch entwickeln. Andererseits soll sie strukturell – im Zeit-, Personal- und Produktmanagement - wie ein Wirtschaftsunternehmen funktionieren. Dieser Spagat kann nur misslingen. Effizienz, Effektivität und Rationalisierung sind keine sinnvollen Maßstäbe für Bildungsprozesse. Schulen verkaufen keine Bildungsprodukte und binden die Käufer dann mit einem leuchtreklameroten „thank you for shopping“ bauchpinselnd an sich. In Schulen geht es darum, dass Schüler „sich bilden“, also um intellektuelle Anstrengung, Selbstbezüglichkeit, die sich in Erkenntnissen über gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge zeigt – auch über den Zusammenhang von Marketingstrategien und Kaufverhalten. Die Schule kann sich nicht an Verhaltensmaßstäben ausrichten, die in ihr gedanklich durchleuchtet werden sollen. In ihr werden Strategien der Wirtschaft beobachtet und analysiert, nicht reproduziert. Alles andere würde ihre aufklärerische Funktion ad absurdum führen. Was be deutet dieses Dilemma für die Ausbildung junger Lehrkräfte und für ihre ersten Arbeitsjahre?
In den Referendariats-Seminaren wird viel Zeit darauf verwendet, den jungen Lehrkräften Handwerkerideologien zu implantieren. Ob Unterricht „gut“ ist, hängt dort davon ab, ob Lernzirkel, „think pare share“ (früher hieß das arbeitsteilige Partnerarbeit), Fishbowl- bzw. Präsentationsrunden stattfinden. Eigentlich bräuchten wir in Schulen selbstständig denkende, intelligente junge Leute, die sich z.B. damit auseinandersetzen, wie ihre Schüler Geschichtsbewusstsein entwickeln können. Stattdessen wird ihr Denken durch diese rein technischen Dinge der Unterrichtsform innerlich kolonisiert. Es geht dabei nicht mehr darum, wie sich fachliche Lernprozesse in einer Methodik oder Sozialform wiederspiegeln, z.B., inwiefern Gruppen unterschiedliche Sichtweisen auf eine Problemstellung einnehmen. Wichtig ist, dass die Gruppeneinteilung über folierte bunte Kärtchen erfolgt und dass die Kinder in ihr „soziale Kompetenz“ erwerben. Die „interessante“ Unterrichtsgestaltung scheint ein Qualitätskriterium geworden zu sein, das sogar im Bewusstsein von Schülern, ganz unabhängig von den Erkenntnisfortschritten, die dort stattfinden oder eben nicht, existiert. Als wir anlässlich eines Forschungsprojekts vor einigen Monaten Realschüler am Ende ihrer Schulzeit danach fragten, was ihnen das Geschichtslernen gebracht habe und wie sie sich einen „guten“ Geschichtsunterricht wünschen, wiederholten sie permanent die Floskel „methodisch interessant gestaltet“. Auf die Idee, dass es die Geschichte gar nicht gibt, sondern nur Versionen von Geschichte, weil Geschichte nämlich eine Konstruktion über die Bedeutung von Vergangenheit ist, kam niemand. Aus fachdidaktischer Sicht ist das problematisch: Es ging den Lehrkräften offenbar um eine interessante, schülergerechte Vermittlung von Zusammenhängen zwischen historischen Ereignissen, aber nicht um das Bewusstsein, dass die Vergangenheit in jeder Gegenwart neu und vielleicht anders bewertet werden muss. Es ging ihnen um historische Kenntnisse und die Vermittlung möglichen Bedeutung, aber nicht um die Fähigkeit ihrer Schüler zu einem reflektierten Umgang mit Geschichte. Es ist zu befürchten, dass das zunehmen wird. Im mer mehr ist bei den jungen Praktikanten und Referendaren zu beobachten, dass sie keine intellektuelle Neugier mehr mitbringen. Viele von ihnen sind nicht in der Lage, aus einem Bildungsinhalt einen Bildungsgehalt herauszuschälen und diesen als Problemdiskurs zu inszenieren. Vielleicht reicht das, um Schülern zu vermitteln, dass die amerikanische Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg Umerziehungskurse durchführte. Es reicht aber nicht, um die Frage zu reflektieren, ob und wie Entnazifizierung angesichts der ideologischen Durchdringung des Lebens und der Menschen gelingen kann. Schließlich kann man Gesinnung schlecht verbieten. Die Menschen auf Kulturveranstaltungen Erlebnisse machen zu lassen, die sie zu „demokratischeren“ Menschen machen – wie es die Franzosen praktizierten - ist hingegen ethisch fragwürdig, weil hier die Inszenierung der Lebenswelt, wie sie die Nazis praktizierten, nur einem anderen Zweck verpflichtet wird. Wenn die Methode bleibt, der Zweck sich aber ändert - ist das dann auch noch Manipulation? Die jungen Lehrpersonen denken nicht mehr mit ihren Schülern über solche Fragen nach. Sie sind sich gar nicht darüber bewusst, dass die , der Weg der Bildung, über die , die im Bildungsprozess, erfolgt und sich Schüler dabei als Menschen entwickeln. Platon und Co. spielen keine Rolle im Methodenpuzzle der Junglehrer. Der Referendariats-Wahnsinn hat ihre Intellektualität paralysiert. Dort bilden sich keine Lehrerpersönlichkeiten, sondern es werden Methodentrainer ausgebildet. Mit dem Kompetenzbegriff wird diese Schwachstelle dann überpinselt und Professionalisierung inszeniert. Referendaren wird beigebracht, dass sie selbst und ihre Schüler methodische, soziale, personale und fachliche Kompetenzen ausbilden sollen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Methodische Kompetenz wird mit „Unterstreichen in Texten während der Gruppenarbeit“ übersetzt, soziale mit „Teamfähigkeit“ und personale mit „Präsentation“. Fachliche Kompetenzen werden häufig darauf beschränkt, Fakten und Zusammenhänge zu recherchieren und wiederzugeben. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Methodentraining zum Kompetenzerwerb führt. Eigene Fragen an einen Sachverhalt stellen, was einen gebildeten Menschen im Wesentlichen aus zeichnet, kommt in dieser Sezierung des Bildungsbegriffs gar nicht mehr vor. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen: In zwei „Fächerübergreifenden Kompetenzprüfungen“ an einer Schule stellte eine Gruppe von sehr adrett gekleideten Mädchen ihr Thema „Die drei monotheistischen Religionen“ vor. Ambitioniert zählten sie die unterschiedlichen Glaubensgrundsätze auf. Der Religionskollege erfragte dazu Details: Die Rolle von Engeln zum Beispiel, oder ob Jesus auch bei den Muslimen vorkommt. Der Vorsitzende stellte Fragen aus politischer Perspektive: Inwiefern die Glaubensgrundsätze der Muslime und deren Niederschlag im Koran mit einem Rechtsstaat vereinbar sind? Ob bei der Beschneidung von Jungen das Wohl des Kindes auf körperliche Unversehrtheit oder die Religionsfreiheit wichtiger sei? Dadurch sollten die Mädchen zum Nachdenken gebracht werden: Dass sie die Fragen aus verschiedenen Sichtweisen heraus reflektieren und dazu ihr Wissen in Argumente verwandeln. Ziel war, dass sie sich positionieren, ohne andere Meinungen zu diskreditieren. Das versteht man gewöhnlich unter Kompetenz. Doch die anderen beiden Lehrer meinten nur, dass sol che Fragen für Realschüler zu schwierig seien. Andere Schule, anderes Beispiel, gleiche Problemstruktur: Eine Gruppe Jungs trägt etwas zu Olympia vor: Disziplinen, Regeln, Weltrekorde, Symbole. Das alles hätte man ohne weiteres in fünf Minuten googeln können. Geschichte hatten sie als zweites Fach gewählt, weil Olympia in der Vergangenheit entstand. Mit historischem Denken hatte das aber nichts zu tun. Deshalb wurden die Jungs gefragt, was Olympia mit dem Demokratiegedanken verbindet oder welche Rolle der Sport in unterschiedlichen politischen Systemen, z.B. in der Weimarer Republik, dem Dritten Reich, der Bundesrepublik und der DDR, spielt. Den anderen Prüfern stockte der Atem. Der Vorsitzende hatte es gewagt, in einer fächerübergreifenden Kompetenzprüfung eine fächerübergreifende Frage zu stellen. Aber die Jungs hatten die ganzen Regeln und Symbole sehr selbstbewusst und eloquent präsentiert. Personale Kompetenz: Eins. Fachliche Kompetenz? Egal. Es geht nicht um Erkenntnisse. Sondern um Performanz. An diesem Punkt waren wir bereits, aber er zieht sich leider durch alle Ebenen und Situationen unserer „Firma“.
Was haben diese Beispiele mit der...




