E-Book, Deutsch, 500 Seiten
Dath Gentzen oder: Betrunken aufräumen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7518-0036-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kalkülroman
E-Book, Deutsch, 500 Seiten
ISBN: 978-3-7518-0036-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dietmar Dath, 1970 in Rheinfelden geboren, ist Autor, Journalist und Übersetzer. Spätestens seit seinem 2008 für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Die Abschaffung der Arten ist er einem großen Publikum bekannt.
Autoren/Hrsg.
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1 | |Schmerz und Programm |
Er isst nicht genug. Diejenigen, die ihn eingesperrt haben und bewachen, geben ihm kaum Essbares und sehr wenig Wasser. Die Arbeit, zu der sie ihn zwingen wollen, kann er nicht länger tun. Appetit hat er keinen mehr, aber immer schlimmeren Hunger. Er versteht genug von sich und seinen Zuständen, um Appetit und Hunger zu unterscheiden. Diese Klugheit nützt ihm nichts. Er weiß seit Tagen, dass er an seinem Hunger wird sterben müssen.
Der Magen tut ihm weh. Er spürt, wie seine Glieder schwächer werden. Oft ist ihm übel. Er weiß, dass das, wie die medizinische Wissenschaft sagt, von tonischen Kontraktionen des leeren Magens kommt. Er friert manchmal, dann ist ihm wieder fiebrig heiß. Die grob gemauerte Wand, auf die er seine gesunde Hand legt, ist kalt und feucht. Diese Kühle beruhigt ihn. Beruhigung schadet ihm. Auch das weiß er. Die Kühle ist blau wie kupfernes Erz, das er einmal in der Hand gehalten hat, vor Jahren. Sinne und Sinn des Gefangenen blühen ineinander wie Träume oder verkettete Lügen.
Das Eisenblau, das dem Gefangenen vor Augen steht wie ein übergroßes Straßenschild, sieht müde aus. Das schwache Licht, das es blau macht, verbietet ihm den Schlaf. Dieses Licht ist böses Flüstern von weit draußen her, durch alle Mauern. Es wohnt im Weltall. Dort ist es ein Brüllen. Da sind Sonnen und Ringe aus Gas, junge Feuer und alte. Sie alle spürt und sieht und hört der Gefangene hier, wenn auch nur als Gerücht und Echo der in sich selbst verdrehten Wahrnehmung von anderen Wahrnehmungen anderer Intelligenzen im Kosmos. Sie sind nicht menschlich; das macht nichts. Der Gefangene ist gewohnt, dass das, was zu ihm spricht, nicht menschlich ist.
Ein sumpfiger Planet spuckt Metalle ins All. Meine Brille weint deinen Tee. Ein Tieranatom streichelt nachdenklich die Schwungfedern des Eichelhähers.
Ein Fuchsblick blinkt wie ein Licht am Computer.
Das Ganze (die Stimmen, die Farben, die Überlegungen) könnte beginnender Wahnsinn sein, diese frierende und übernächtigte Wissensungeduld, die sogar Temperaturen sehen zu müssen meint. Oder es ist die Synästhesie eines Verstandes, der mit allen Mitteln darum kämpft, nicht zu zerfallen. Wahrscheinlich beides.
Obwohl man ihm fast alles Werkzeug seiner Forschung weggenommen hat, sieht der Gefangene sich noch als Wissenschaftler. Er kennt nicht nur sein Fach, sondern auch andere Wissenschaften. Seine eigene stellt ihre Versuche in seinem Kopf an, in anderen Köpfen und auf Papier, demnächst in Maschinen. Das andere Fach, das ihm sagt, was mit seinem Körper passiert, unternimmt Versuche lieber mit Hunden, auch mit Kaninchen, mit Meerschweinchen und Ratten. Manche der Forscher, denen der Hungrige sein Wissen über Hunger verdankt, haben an sich selbst experimentiert. Gestorben sind sie nicht, die Tiere, die sie zwangen, wie Menschen zu fasten, manchmal schon.
Der Hungrige weiß von den Beobachtungen der Forscher, dass einen Menschen der Hungertod, wenn man bescheidene Wasserversorgung voraussetzt, in siebzehn bis sechsundsiebzig Tagen ereilt. Wann genau das geschieht, hängt unter anderm von der Menge Fett ab, die im Leib zu Beginn der Hungerzeit vorhanden ist.
Was dem Gefangenen fehlt wie allen Hungernden ist ATP, Adenosintriphosphat, der Energieträger irdischen Lebens. Am Anfang der Qual verlor der Mann etwa zwei Wochen lang bis zu einem Kilogramm Biomasse am Tag. Inzwischen sind es noch zwei- bis dreihundert Gramm täglich. Alles in ihm hat sich verlangsamt, selbst das Sterben.
Fortwährend freilich büßt er Proteine ein. Die ersten Organe beginnen bereits zu versagen. Seinem Fettgewebe gehen mehr und mehr Triglyzeride ab. Wenigstens sein Hirn und seine Nerven erleiden bis jetzt keinen messbaren Gewichtsverlust. Der Körper tut für sie, was er kann. Der Gefangene ist dankbar dafür. Vom Hirn hat er, so lang er denken kann, gelebt.
Glukose und Ketonkörper werden dem Organ, das denkt, soweit noch möglich zugeführt. Der Körper hält das Denken, wie der Geist, für die Hauptsache. Aber der Herzmuskel schwächelt. Leber und Nieren verabschieden sich. Schlechter Blutdruck begünstigt Hungerödeme.
Das Immunsystem versagt.
Hunde, weiß der Gefangene, sterben spätestens nach achtunddreißig Tagen, Katzen nach zwanzig, Kaninchen nach fünfzehn, Meerschweinchen nach acht, Ratten nach zwei bis drei.
Der Gefangene verdankt anderen Forschern und Technikern so viel Wissen, dass er noch immer staunt, wenn er dran denkt. Andere wiederum verdanken ihm mehr.
Er hat mit Leuten, die das können, was er kann, nur schlechter, sehr weitgehend geklärt, wie sich wichtige Voraussetzungen und Regeln für Verknüpfungen von wahren Sätzen zueinander verhalten. Wäre diese Arbeit nicht getan worden, so wüsste man zum Beispiel nicht genau, wie und warum man rechnet; kaum genau genug jedenfalls, um diese Arbeit, das Rechnen, den Maschinen zu übergeben, die sie bald leisten werden.
Was dem Kopf des Gefangenen entsprungen ist, wird helfen, Computer zu programmieren. Von denen weiß er nichts. Es gibt noch keine. Er weiß von Beweisen.
In einem wichtigen ästhetischen, dann einem ethischen und endlich sogar einem gewissen wissenschaftlichen Sinn ist die bestmögliche Überprüfung eines Computerprogramms formal gesehen der Beweis der Richtigkeit des Beweises eines mathematischen Satzes, ein Beweisbeweis.
Dass du mit Wasser und Strom versorgt wirst, dass der Verkehr in deiner Stadt fließt, dass die Atomraketen, die auf deine Gegend zielen, und die Atomraketen, deren Silos in deiner Gegend untergebracht sind, nicht ohne Grund losfliegen, dass das System, in dessen Rahmen man alles Mögliche, was gebraucht wird, andauernd kauft und verkauft, nicht kollabiert: Diese Umstände stellen Programme sicher, von denen man ohne die riskante Probe, die man Wirklichkeit nennt, nicht durchaus wüsste, ob, wie und warum sie das alles überhaupt zur menschlichen Zufriedenheit tun können.
Sind es die richtigen Programme? Sind ihre von Menschen entwickelten Zweckbestimmungen korrekt? Ist das, was sie tun sollen, das Gute? Man kann’s nur hoffen. Aber es gibt eine genauso wichtige Frage, die sich leichter klären lässt als die, ob das, was sie tun sollen, gut ist, nämlich die Frage, ob sie das gut tun, was sie tun sollen. Das lässt sich prinzipiell ohne Test in der Wirklichkeit, rein im Kopf, auf Papier oder in einem Rechner überprüfen, seit der Gefangene und andere wie er ihre Arbeit getan haben. Die Sache hat mehrere Namen, einer ist »Curry-Howard-Lambek-Korrespondenz«, das meint eine Entsprechung zwischen »Typen« (Bestandteilen gewisser Programmiersprachen), Aussagen (in der Logik) und Objekten eines hinreichend genau definierten mathematischen Kosmos, einer »Kategorie«. Man kann die Typen als Sätze behandeln und Ausdrücke, die dies oder das in den Rechner setzen, als Beweise der Aussage, die zu den Typen gehören, und umgekehrt.
Ohne Leute wie Haskell Curry, William Alvin Howard, Joachim Lambek, ohne Leute wie Kurt Gödel, Alan Turing oder den Gefangenen dürften du und ich und all diejenigen, die später leben als der Hungrige, den Maschinen in einem sehr grundsätzlichen Sinn eigentlich nicht vertrauen, mit denen wir arbeiten, Handel treiben, Forschung, Politik und Kunst, mit denen wir Meinungen machen und sie verbreiten.
An einer davon schreibe ich, was du jetzt liest.
Vom Gefangenen, von seinem Tod und von seiner Arbeit wissen die meisten unter uns in unserer so stark von Computern abhängigen Gesellschaft nichts. Wenn man uns Nachgeborenen sagt, dass es da eine Geschichte zu erzählen gibt, davon, wie längst Verstorbene diesen Mann gequält und getötet haben, wenn man uns erzählt, dass es einen anderen gab, der ähnlich wichtig für uns bleibt und dem ebenfalls Grauenhaftes angetan wurde, und dass es weitere gab, nicht nur Männer, viele Menschen, die uns leichteres, wahreres, schöneres und schlimmeres Handeln, besseres Forschen, andere Kunst und Politik ermöglicht haben, dann verstehen wir diese Geschichten nicht.
Sie sind uns zu voraussetzungsreich, historisch wie sachlich.
Der Gefangene ist in seine tödliche Lage geraten, weil einige unserer Vorfahren, zu denen er gehörte, unfassbare Scheiße im Kopf hatten. Diese Scheiße handelte von »Deutschlands Größe«, von der »arischen Rasse« und anderen in der Sache völlig uninteressanten und absolut unfruchtbaren, aber schwerst giftigen Ideen. Der Gefangene glaubte nicht übertrieben innig an dergleichen. Er widersetzte sich dem Zeug aber auch nicht stärker als die meisten seiner Landsleute. Er trat sogar in einen Verein von Arschlöchern namens Sturmabteilung ein, abgekürzt SA, weil er sich selbst einredete, dass man in »Deutschlands Größe« wohl gar nicht mehr zum Rechnen,...




