Dark | John Sinclair - Folge 1921 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1921, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

Dark John Sinclair - Folge 1921

Verflucht durch den Teufel
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1078-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Verflucht durch den Teufel

E-Book, Deutsch, Band 1921, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

ISBN: 978-3-7325-1078-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Mann, der Henry Miller hieß, war ein Bischof ohne Bistum. Aber es gab für ihn eine Kirche, und auf die war er stolz. Bis zu dem Tag, als sich alles änderte, denn da hatte die Hölle sich ihn als Opfer ausgesucht.

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»Sind Sie John Sinclair?«

»In der Tat. Und wer sind Sie?«

»Mein Namen ist Al Brody.« Er nannte mir sogar seine Adresse.

»Schön. Und was kann ich für Sie tun?«

»Wir müssen reden.«

»Tun wir das nicht im Moment?«

»Das meine ich nicht. Das ist mir auch zu wenig. Wir müssen persönlich miteinander sprechen und uns dabei anschauen. So kann ich beim besten Willen nichts sagen.«

Ich dachte nach. Auch über die Stimme. Sie hatte normal geklungen, und dennoch hatte ich das Gefühl, dass der Anrufer unter Druck stand. Er hatte sich nur mühsam beherrschen können. Irgendetwas bedrückte ihn. Wenn ich ihn abfahren ließ, hatte ich unter Umständen eine Chance vertan. Ich wollte mir keine Vorwürfe machen und stimmte deshalb seinem Vorschlag zu.

»Gut, ich komme zu Ihnen.«

Er fragte: »So schnell wie möglich?«

»Ja. Die Adresse habe ich ja.«

»Danke, Mister Sinclair, danke.«

Er legte auf, und ich tat es ebenfalls.

Telefoniert hatte ich von Glendas Schreibtisch aus. Als ich mich jetzt umdrehte, stand Suko da.

»Und?«, fragte er.

»Ich denke, ich muss noch mal weg.«

»Worum geht’s?«

Ich gab ihm einen knappen Bericht. Dann fragte er: »Brauchst du mich noch?«

»Wenn du mitfahren willst, ist mir das recht.«

Er schaute auf die Uhr. Sein Gesichtsausdruck zeigte keinerlei Begeisterung.

»Also nicht«, sagte ich.

»Du hast es erfasst.«

»Dann fahre ich allein.«

Suko nickte, wir klatschten uns ab, dann verließ er das Büro, um Feierabend zu machen. Er würde die U-Bahn nehmen und ich den Rover.

Glenda schaute mich fragend an. »Was hast du denn für ein Gefühl bei dieser Sache?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Etwas Neugierde ist schon dabei.«

»Ja. Und wenn der Mann ein Spinner ist?«

Ich wiegte den Kopf. »Das denke ich nicht. Da war etwas in seiner Stimme, das mich schon hat aufmerksam werden lassen.«

Glenda Perkins nickte. »Das ist dein Problem.« Dann zupfte sie ihren schwarzen Pullover zurecht. »Ich werde dann auch gehen. Sir James ist nicht mehr da, und ich möchte etwas einkaufen.«

»Shoppen?«

»Nein. Ich brauche hin und wieder auch Lebensmittel. Oder ernährst du dich von Luft und Liebe?«

»Beides schmeckt mir nicht so recht.«

»Hatte ich mir gedacht.« Sie kam auf mich zu und gab mir zwei Küsse auf die Wangen. »Sollten wir trotzdem mal wieder probieren.«

»Hm. Wäre nicht schlecht.«

»Dann komm mal darauf zurück.«

»Werde ich machen.« Das meinte ich ernst. Nur Glenda nicht so recht, denn ihr Lachen hörte ich noch, als ich die Tür bereits von außen zugezogen hatte …

***

Ich musste nach Lambeth fahren. Al Brody wohnte südlich des Bahnhofs Waterloo Station. Es war die Dragon Road. Eine Straße, in der man wohnte und die zugleich eine Sackgasse war. Von diesem Ende aus konnte man zu den Wohnhäusern gehen, von denen es schon eine Menge gab. Klötze, die dicht beisammen standen, aber keine Hochhäuser waren, denn die vierte Etage war zugleich die letzte.

Eine Nummer fünf musste ich finden. Da musste ich nicht lange suchen. Sogar einen Parkplatz fand ich in die Nähe, es war wohl ein Zufall.

Ich ging ein paar Schritte zurück und blieb vor dem Haus mit der Nummer fünf stehen. Es war ein Backsteinbau, und wenn ich mir die Scheiben anschaute, dann sah ich keinen Dreck. Sie alle wirkten gepflegt und fingen bei schönem Wetter sicherlich das Sonnenlicht ein.

Auf einem Klingelbrett las ich den Namen Brody. In welcher Etage er wohnte, das ging aus der Anordnung der Knöpfe nicht hervor. Ich drückte einen Knopf und wartete ab.

Der Summton erklang recht schnell. Ich betrat einen ziemlich düsteren Flur, entdeckte einen Lift und auch eine nach oben führende Treppe. Weder den Lift noch die Treppe musste ich benutzen. Es öffnete sich eine Tür, und ein Mann betrat die Fußmatte, die vor der Tür lag.

»Mister Brody?«, fragte ich.

»Sie sind John Sinclair.«

»Ja.«

»Dann kommen Sie bitte rein.«

»Mach ich doch glatt.«

Ich überstieg die Fußmatte und gelangte in einen schmalen Flur. Er war so eng, dass Al Brody und ich nicht nebeneinander stehen konnten.

Er war ein großer und auch breitschultriger Mann. Sein Kopf zeigte eine leicht eckige Form. Sie erinnerte mich an Frankensteins Monster, aber so schlimm war es nicht. Im Gesicht saß eine schiefe Nase, und die sah aus, als hätte der Mann früher mal geboxt.

Ich machte mich schmal und drückte mich gegen die Wand. So konnte er an mir vorbei gehen. Ich wurde in das Wohnzimmer gelotst. Es war nicht groß und zudem mit dunklen Möbeln eingerichtet. In einem Sessel durfte ich meinen Platz einnehmen.

Al Brody zog seine Jogginghose etwas hoch und setzte sich ebenfalls. Er hatte die Couch genommen. Erst jetzt sah ich seine großen Hände.

Brody hatte meinen Blick bemerkt und sagte: »Ich war früher mal Boxer, verstehen Sie?«

»Klar. Kein Problem.«

»Wollen Sie was trinken?«

»Danke, das habe ich im Büro schon getan.«

»Gut.« Er nickte vor sich hin.

Ich wollte zum Thema kommen und fragte: »Weshalb haben Sie mir Bescheid gegeben?«

Er räusperte sich. »Das ist ganz einfach. Und doch ist es schwer zu sagen.«

»Das kann ich mir denken. Versuchen Sie es trotzdem, bitte.«

»Ja, das werde ich tun.« Er senkte den Blick und auch seinen Kopf. »Es ist nicht leicht für mich. Ich muss erst mal den richtigen Anfang suchen.«

»Machen Sie das. Ich habe Zeit.«

Er rieb seine Handflächen gegeneinander. Ich hörte ihn auch stöhnen, und erst danach war er in der Lage, einen normalen Satz zu sagen.

»Es geht um eine tote Frau, Mister Sinclair!«

Jetzt horchte ich doch auf. Erst mal musste ich schlucken. Dann fand ich meine Sprache wieder.

»Tote Frau?«

»Ja.«

»Und wer ist diese tote Frau, wenn ich fragen darf?«

»Meine eigene.«

Fast hätte ich mich an meinem eigenen Speichel verschluckt. Im Moment musste ich wohl ein dummes Gesicht gemacht haben, denn mein Gegenüber lachte hart auf. Und auch sehr freudlos.

Er schüttelte den Kopf. »Glauben Sie mir nicht?«

»Doch, doch, ich glaube Ihnen. Es ist nur ungewöhnlich. Auch für mich. Normalerweise wenden sich Menschen nicht an mich, wenn sie eine Leiche entdeckt haben.«

»Aber das hier ist nicht normal.«

»Das weiß ich. Gibt es auch einen Grund?«

»Ja, den gibt es«, sagte er mit harter Stimme.

»Und welchen?«

Bisher hatte ich meine Antworten immer recht schnell bekommen. Das war jetzt nicht der Fall, denn er schüttelte den Kopf. »Das sage ich Ihnen später.«

»Aha. Und wann?«

»Wir können sofort gehen.«

»Alles klar. Und wohin.«

Jetzt kam die Antwort spontan. »In den Keller.«

»Aha. Finde ich dort die Tote?«

»Genau.«

»Die Sie nicht umgebracht haben?«

Dazu sagte er nichts. Stattdessen stand er auf und sagte: »Kommen Sie mal mit.«

»Gut.« Ich lächelte, obwohl mir danach nicht zumute war. So etwas war nicht normal. Damit hätte ich auch nicht gerechnet, dass mir jemand eine Leiche zeigen wollte. Es war auch ein bisschen verrückt, und ich spürte so etwas wie ein ungutes Gefühl, das in mir hochgestiegen war. Ich kannte den Mann nicht, mit dem ich jetzt in den Keller gehen sollte, um dort eine tote Frau, seine Frau, zu sehen. Aber ich begriff mittlerweile, dass dieser Fall doch nicht so locker war.

Wir verließen die Wohnung. Im Flur atmete Al Brody tief durch. Jetzt sah ich Schweiß auf seiner Stirn.

»Ist Ihnen nicht gut?«, fragte ich.

»Doch, doch es geht schon.« Er wollte lächeln. Es wurde mehr ein Grinsen. »Gehen wir?«

Ich nickte. »Sicher.«

Wieder ging Brody vor. Im Haus war es ruhig. Nicht eine Stimme war zu hören und auch keine Musik. Da konnte man sich auch in einer Trauerhalle aufhalten.

Der Mann führte mich zu einer Eisentür. Als er sie geöffnet hatte, sah ich die Stufen vor mir. Eine graue Treppe brachte uns in den Keller. Hier waren die Wände mal weiß gestrichen oder gekalkt worden. Im Laufe der Jahre hatten sie Patina angesetzt und waren mehr grau.

Vor der Treppe drehte sich Brody um. Er atmete schwer und sagte: »Gleich sind wir bei mir. Bei meinem Keller, meine ich.«

»Klar.«

Wieder ging er vor, und ich blieb in seinem Rücken. Was hier passierte, das gefiel mir nicht besonders. Dieser Keller bot ein ideales Umfeld für böse Taten. Ich war auf der Hut, obwohl ich noch nichts gesehen hatte.

Wir gingen durch den Gang fast bis zum Ende. Dort mussten wir dann nach links in einen Seitengang abbiegen, in den es nur zwei Türen gab, die sich gegenüber lagen.

»Das sind meine beiden Keller.«

»Aha. Sie haben zwei?«

»Ja, in einem bewahre ich meine Eisenbahn und Zeitschriften auf. Der andere ist normal. Und den schließe ich Ihnen jetzt auf.«

»Ich bitte darum.«

Während Al Brody einen Schlüssel aus der Tasche holte, fing ich an zu schnuppern. Ich sog eine Luft ein, die mir gar nicht gefiel. Sie roch so komisch. Nicht nach Keller, das wäre normal gewesen, nein, hier schwang etwas anderes mit.

Das war kein Duft. Das war auch kein Geruch für mich, sondern ein Gestank. Und ich wusste auch, wonach es hier stank, denn ich kannte...



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