Dark | John Sinclair - Folge 1858 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1858, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

Dark John Sinclair - Folge 1858

Die Rache des Puppenspielers
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8387-5468-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Die Rache des Puppenspielers

E-Book, Deutsch, Band 1858, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

ISBN: 978-3-8387-5468-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Fast vor einem Jahr hatten wir es mit Gerald Pole, dem Puppenspieler, zu tun bekommen. Er hatte sich und seine Puppen dem Teufel geweiht, bis der ihn nicht mehr wollte und ihn und die Puppen zum Abschuss freigegeben hatte.

Das hatten Suko und ich verhindern können. Gerald Pole starb nicht. Er fiel nur in ein Koma, das mehr als ein Jahr andauerte. Dann besann sich der Teufel wieder und weckte Gerald Pole auf...

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Pole lag steif in seinem Bett. Er war an Instrumente angeschlossen, die Alarm gaben, sollte er aus seinem Zustand erwachen. Aber man hatte ihn aufgegeben. Man glaubte nicht mehr daran, dass er erwachen würde. Man ernährte ihn künstlich und rechnete damit, dass er sich bald von dieser Welt verabschieden würde. So war seine Kontrolle zur Routine geworden.

Etwas hatte man ihm gelassen. Am Finger seiner linken Hand steckte ein Ring. Es war eine Fassung mit Stein, aber der Stein zeigte kein Motiv mehr, denn er hatte sich in eine graue Fläche verwandelt. Kein Teufelskopf grinste den Betrachter an, und niemand wäre auf den Gedanken gekommen, ihn mit der Hölle in Verbindung zu bringen.

Und so rann die Zeit dahin. Woche für Woche, Monat für Monat. Gerald Pole lag in seiner Kammer, wurde am Leben erhalten, was auch alles war. Seine Muskeln schwächten sich ab. Er hätte von allein nicht aufstehen, geschweige gehen können, überhaupt ließen alle Funktionen nach und beschränkten sich auf ein Minimum.

Das war den Ärzten und Krankenschwestern bekannt. Sie hatten sich damit abgefunden und sich auch darauf eingestellt.

Doch irgendwann gab es die große Überraschung. Da sackte er nicht mehr weiter ab. Da fing sein Körper an, sich zu erholen. Er baute sich innerlich auf, was den Menschen, die mit Pole zu tun hatten, ein Rätsel war. Die Ärzte schüttelten den Kopf, die Krankenschwestern hoben die Schultern, aber man unternahm nichts.

Man gab ihm die gleiche Nahrung. Man untersuchte ihn. Man maß seinen Blutdruck, und es gab auch eine messbare Herzfrequenz.

Waren es erste Anzeichen dafür, dass Gerald Pole aus seinem Zustand erwachte?

Es konnte sein, aber festlegen wollte sich niemand. Man beschloss, das Phänomen weiterhin zu beobachten und es so unter Kontrolle zu haben.

Bis zu dem Tag, den man als blutig und denkwürdig ansehen konnte. Es war einer, der völlig normal begann. Die Schwester trat an das Krankenbett heran, maß den Blutdruck und saugte überrascht den Atem ein, als sie feststellte, dass er nahezu ideal war.

Sie maß sicherheitshalber noch mal nach und musste sich eingestehen, dass das Ergebnis sich nicht veränderte. Sie hatte also richtig gemessen.

Sie notierte die Werte und schaute in das Gesicht des Patienten. Der Mann wurde hin und wieder rasiert, und an diesem Morgen hatte er keinen Bart, sondern mehr einen dunklen Schatten auf seiner von der Natur aus hellen Haut.

Auch das Gesicht hatte sich regeneriert. Es war nicht mehr eingefallen. Die Wangen hatten eine fast schon gesunde Farbe bekommen. Sie glühten in einem zarten Rot, als stünde der Koma-Patient dicht vor dem Erwachen.

Die Schwester schüttelte den Kopf. Für sie war zwar keine Welt zusammengebrochen, aber sie begriff den Zustand nicht. Sie dachte sogar daran, den Mann anzusprechen, aber das ließ sie lieber bleiben. Sie wäre sich lächerlich vorgekommen, wenn jemand sie gehört hätte. Aber sie war gespannt, wie es weitergehen würde mit diesem Mann, und es würde etwas passieren, daran glaubte Schwester Ellen fest. Sie konnte sich jetzt sogar ein Erwachen vorstellen, und zwar in der Zeit, in der sie noch Dienst hatte, denn für sie stand ein langes Wochenende bevor. Sie würde die Tage hier im Krankenhaus verbringen, und da gab es das Zauberwort Bereitschaft. Ansonsten war die Besatzung sehr reduziert.

Ellen schüttelte den Kopf. Sie war eine resolute Person, erfahren in ihrem Job und nie um eine Antwort verlegen. An diesem Tag aber, da wusste sie auch nicht weiter. Es war am besten, wenn sie alles auf sich zukommen lassen würde.

Sie ließ den Patienten allein und spürte so etwas wie ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Das kannte sie. Es trat immer dann ein, wenn sie Hunger verspürte.

Aber dagegen konnte man etwas tun. Sie eilte den Gang entlang, um so schnell wie möglich den Aufenthaltsraum zu erreichen, in dem sich nicht nur die Schwestern versammelten, sondern auch die Ärzte.

Im Moment war der Raum nicht leer. Dr. Jason Quint saß an dem schmalen Tisch und hielt eine Kaffeetasse mit beiden Händen umfasst. Er war ein noch junger Mann mit kurz geschnittenen blonden Haaren und einer Brille mit dünnem Gestell auf der Nase. Er war natürlich über das informiert, was auf der Station lief.

Schwester Ellen ließ sich auf einem Stuhl nieder und schüttelte den Kopf. »Das gibt es nicht«, murmelte sie.

»Was ist denn passiert?«

»Ha.« Sie dachte kurz nach. »Das kann man kaum sagen, aber Gerald Pole sieht aus wie das blühende Leben. Man könnte meinen, dass er jede Minute aufstehen und das Krankenhaus verlassen wollte.«

»Wirklich?«

»Ja, Doktor Quint. So ist das.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann es ja selbst nicht glauben, auch ich muss es hinnehmen. Und ich würde mich nicht wundern, wenn der Typ noch vor Weihnachten erwacht oder uns dies als Weihnachtsüberraschung schenkt.«

»Das ist nicht zu fassen.«

»Da sagen Sie was, Doktor. Ich will Ihre medizinischen Kenntnisse nicht anzweifeln, aber Sie wissen auch keine Erklärung dafür, was mit dem Mann in der letzten Zeit passiert ist? Ich meine von der medizinischen Seite her.«

»Auch nicht.«

»Tja, dann wollen wir mal abwarten.«

»Sie sagen es, Schwester Ellen.«

Der Piepser des Arztes ertönte, und der Mann verdrehte die Augen, nickte Ellen zu und stand auf. Dann huschte er aus dem Zimmer. Er hatte Ellen allein gelassen, die zum Kühlschrank ging und sich einen Joghurt holte, den sie essen wollte. In der Stille konnte sie entspannen. Auch durchatmen.

Sie wollte es nicht so recht zugeben, aber der letzte Besuch bei dem Koma-Patienten hatte sie schon geschockt. Eigentlich hätte sie sich über die Gesundung eines Kranken freuen müssen, aber das war hier nicht der Fall. Poles rasche Gesundung war für sie unerklärlich, und sie konnte schon auf einige Berufsjahre zurückblicken.

Den leeren Becher warf sie in den Abfalleimer, dann erst kümmerte sie sich um den Kaffee. Es befand sich noch welcher in der Kanne, aber der war zu abgestanden und bitter geworden. Deshalb kochte sie einen frischen. Ihr Becher stand auf der Spüle. Den stellte sie bereit, um ihn sich später zu füllen.

Sie hatte einen recht starken Kaffee gekocht, den sie mit Milch verdünnte. Während sie ihn Schluck für Schluck trank, gingen ihr andere Dinge durch den Kopf.

Sie wollte noch einmal nach Gerald Pole sehen. Eine innere Stimme drängte sie dorthin, und das konnte sie sich auch nicht erklären. Den letzten Schluck trank sie noch, dann spülte sie ihren Mund mit Wasser aus, um den leicht bitteren Geschmack loszuwerden.

Danach verließ sie das Zimmer. Sie hatte es nicht weit. Das Ziel lag auf der gleichen Etage, aber je mehr sie sich ihm näherte, umso langsamer ging sie.

Ellen kannte den Grund nicht. Er musste tief in ihr stecken, aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken.

Als sie die Zimmertür erreichte, blieb sie stehen und holte erst mal tief Luft, um ihre Nerven zu beruhigen. Zu hören war natürlich nichts, trotzdem öffnete sie behutsam die Zimmertür, als wäre sie darauf gefasst, etwas Schlimmes zu erleben.

Das passierte nicht. Es war wie immer, wenn sie das Krankenzimmer betrat. Sie nahm die leicht frische Luft wahr, die durch das gekippte Fenster drang. Sie erfasste mit einem Blick den in seinem Bett liegenden Patienten, der noch immer die gleiche Haltung eingenommen hatte. Da gab es keine Veränderung.

Sie ging weiter. Bis an das Bett wollte sie kommen und den Patienten dann begutachten.

Das tat sie.

Sie senkte den Blick.

Sie sah das Gesicht – und sie sah die weit geöffneten Augen, die sie anglotzten …

***

Ellen Burkley konnte nicht anders. Sie musste schreien. Sie wollte den Schock überwinden, der sie erwischt hatte, und der Schrei sackte langsam zusammen.

Es war ein Wunder, dass sie es schaffte, sich auf den Beinen zu halten, denn sie spürte ein starkes Zittern in den Knien. Dann ging sie einen Schritt zur Seite und hatte in der Nachtkonsole einen Gegenstand gefunden, an dem sie sich abstützen konnte.

Sie stöhnte auf. Sie fror plötzlich, obwohl eigentlich nicht viel passiert war. Der Patient hatte nur die Augen geöffnet. Sie wischte über ihre Augen.

Sie wollte oder sie wünschte sich, dass dieses Bild verschwinden würde, aber das war nicht der Fall. Als sie wieder hinschaute, da standen die Augen noch immer offen.

Was tun?

Eigentlich hatte sie an Flucht gedacht, aber den Gedanken verwarf sie wieder, denn die Neugierde war doch größer. Sie wollte genau hinschauen. Es konnte ja sein, dass ihr noch etwas auffiel.

Das tat sie.

Aber sie sah nichts Neues. Der Patient lag noch immer mit offenen Augen auf dem Rücken, aber es war ein toter Blick, der ins Leere ging.

Ellen atmete schwer. Sie bewegte ihre Lippen, ohne dass sie kaute. Auf ihrem Gesicht lag ein dünner Schweißfilm, und Furcht kroch in ihr hoch.

Was war da geschehen? Eigentlich etwas ganz Normales. Da hatte jemand die Augen geöffnet, aber nicht um zu zeigen, dass er kommunizieren wollte, sondern …

»Was ist das nur?«, flüsterte sie. »Das – das – kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Das ist verrückt und nicht möglich. So plötzlich.« Sie wusste nicht, was sie noch sagen oder denken sollte. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie hätte eigentlich längst jemanden holen müssen, der sich dieses Phänomen anschaute, aber jetzt war es zu spät. Jetzt musste sie allein mit dem fertig werden, was sie da gesehen hatte.

Ellen wischte...



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