Dark John Sinclair - Folge 1771
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1844-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Taumel der Nacht
E-Book, Deutsch, Band 1771, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-8387-1844-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die beiden Nackten hatten mich ins Haus gezerrt und auf den harten Boden geworfen. Den Fall hatte ich nicht abfangen können, ich war recht hart aufgeschlagen und hatte mir den Kopf gestoßen. Wer die beiden genau waren, wusste ich nicht, aber sie gehörten sicherlich nicht zu meinen Freunden, und ich hatte auch nicht damit gerechnet, so plötzlich attackiert zu werden...
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Dabei war ich nicht allein zu diesem Haus gefahren. Suko und Bill Conolly waren meine Mitstreiter. Nur hatten sie sich an irgendeiner anderen Seite des Hauses nach einem zweiten Eingang umsehen wollen, ich dagegen hatte es auf die konventionelle Art und Weise versucht. Einfach durch Klingeln an der Haustür, und ich hatte tatsächlich das Glück gehabt, dass jemand öffnete.
Wobei man das Wort Glück relativieren musste. Es war kein Glück, dass ich hier lag und hinter mir die beiden Nackten wusste, die den ersten Teil eines Plans hinter sich gebracht hatten und nun zum zweiten Teil übergingen.
Ich lag auf dem Boden und hörte sie. Es war das Aufklatschen ihrer nackten Füße. Und das Geräusch verstärkte sich. So war mir klar, dass sie auf mich zukamen und mir sicherlich nicht auf die Beine helfen wollten.
Ich bewegte mich nicht, ich wollte die Nackten in Sicherheit wiegen, denn ausgeschaltet hatten sie mich nicht.
Sie flüsterten. Es war eine Sprache, die ich nicht kannte. Vielleicht redeten sie auch nur sehr leise miteinander, ich wusste es nicht, konzentrierte mich aber, auch wenn es mir nicht leicht fiel und meine Lage ziemlich unbequem war.
Dann waren sie bei mir. Ich drehte ihnen noch immer den Rücken zu. Waffen hatte ich nicht bei ihnen gesehen. Ich glaubte auch nicht, dass sie sich inzwischen welche geholt hatten.
Der eine stand rechts, der andere links neben mir. Wieder sprachen sie miteinander. Die Worte hörten sich an, als würden die Nackten lispeln.
Meine liegende Position gefiel ihnen wohl nicht. Sie wollten mich auf die Beine zerren, bückten sich, bekamen mich an den Armen zu fassen und zerrten mich auf die Beine. Ich hatte keine Lust, mich von ihnen fertigmachen zu lassen, wartete aber ab, bis ich normal stand und sorgte dann für eine Gegenreaktion.
Sie waren sich ihrer Stärke bewusst, aber sie hielten mich nicht sehr hart fest, und so konnte ich mich mit einer heftigen Bewegung von ihnen lösen. Den einen stieß ich nach rechts, den zweiten nach links weg. Ich hörte die wilden Flüche oder was immer es war, was über ihre Lippen drang, und ich selbst machte einen Satz nach vorn, um Platz zwischen uns zu bringen.
Noch während des Laufens zog ich meine Beretta und drehte mich mit ihr in der Hand um, als ich einen bestimmten Punkt erreicht hatte. Jetzt hatte ich sie vor mir. Es fiel nicht besonders viel Licht durch die Fenster in diesen doch recht breiten aber leeren Flur hinein, aber hier reichte das Licht aus, um die beiden Typen gut erkennen zu können.
Ich hatte mich nicht geirrt. Sie waren tatsächlich nackt, sahen aus wie Menschen, wobei ich nicht daran glaubte, dass es normale Menschen waren. Zwar sahen sie so aus, was ihre Körper und auch die Gesichter anging, aber es störte mich etwas. Was es war, begriff ich nicht. Noch nicht. Ich sah die langen Haare, aber ich sah auch die gelbliche Haut, denn so sah kein Mensch aus. Und sie brauchten keine Kleidung, da glichen sie schon Tieren, nur dass sie eben kein Fell hatten, aber trotzdem nicht froren.
Sie waren seltsam, und als ich ihre Augen sah, da musste ich schon schlucken. Das waren für mich keine normalen Augen, das war etwas anderes. Kleine, tote Teiche. Kein Ausdruck darin. Marionetten, die den Befehlen eines Herrn gehorchten.
So etwas kannte ich. Aber wem gehorchten sie? Wer war ihr Chef oder ihre Chefin? War es Matthias? War es Justine Cavallo, hinter der wir auch her waren?
Ich musste sie fragen. Möglicherweise erhielt ich eine Antwort, auch wenn ich nicht so recht daran glaubte.
»Wer seid ihr? Wo kommt ihr her? Habt ihr Namen? Könnt ihr mich überhaupt verstehen?«
Eine Antwort erhielt ich nicht. Keiner der beiden rührte sich oder sagte ein Wort. Ihre Antworten bestanden aus scharfen Atemzügen. Entweder konnten oder wollten sie nicht. Ich glaubte auch nicht, dass sie sich durch meine Waffe besonders beeindrucken ließen, denn die unternahmen keine Fluchtversuche. Sie wollten es sogar noch wissen, denn plötzlich öffneten sie ihre Mäuler, und dann bekam ich zu sehen, was sich dort in ihnen befand.
Zähne!
Aber keine normalen, sondern welche, die man als metallische Stifte bezeichnen konnte. Sie wirkten wie eine gefährliche Zange.
Ihre Gesichter veränderten sich nicht. Nach wie vor blieben die Augen ohne Ausdruck, aber die Mäuler ließen sie offen.
Sie würden, wenn sie mich in ihre Fänge bekamen, regelrecht zerreißen. Ihre Gebisse erinnerten mich an die von Ghouls, aber echte Leichenfresser waren sie wohl nicht.
Sie suchten den Angriff. Von zwei Seiten konnten sie mich in die Zange nehmen. Für sie eigentlich perfekt. Und ich hätte auch dumm aus der Wäsche geschaut, wäre ich nicht bewaffnet gewesen. Im Magazin steckten die geweihten Silberkugeln, und es waren nicht gerade wenige, aber ich brauchte nicht viele, hoffte ich zumindest.
Und dann griffen sie an, und sie waren ungeheuer schnell. Ich hatte nicht damit gerechnet und musste blitzschnell reagieren. Ich zuckte nach rechts und schoss.
Die Silberkugel traf das Wesen mitten im Lauf. Ich hörte einen Schrei, sah es stolpern, aber mehr bekam ich nicht mit, denn ich musste mich um den Zweiten kümmern.
Wieder peitschte der Schuss auf. Für mich war es nur wichtig, dass ich traf, und nicht wohin. Ich hatte wohl etwas zu hoch gehalten und deshalb war die Kugel in das Gesicht gefahren und hatte es zerstört. Es war förmlich auseinandergeplatzt. Ohne Gesicht und mit halbem Kopf lief er noch weiter. Vergleichbar mit einem Huhn, das auch noch lief, wenn der Kopf abgeschlagen war.
Er torkelte auf mich zu und ich wusste, dass er mich nicht erreichen würde, denn er war schon durch das Silber geschwächt. Er stolperte über seine Beine, fing sich nicht wieder und landete bäuchlings vor meinen Füßen.
Von ihm drohte keine Gefahr mehr. Aber es gab noch den Zweiten. Zwar hatte ich ihn erwischt, aber ich wollte sehen, was mit ihm geschehen war, denn meine Kugel hatte nicht seinen Kopf getroffen.
Er lag ebenfalls am Boden. Allerdings auf dem Rücken, und jetzt sah ich, was das geweihte Silber bei ihm angerichtet hatte. Er verging vor meinen Augen. Es war schon unwahrscheinlich, was ich da zu sehen bekam. Seine Gestalt ging in einen anderen Zustand über. Das Feste löste sich auf. Es wurde flüssig und endete in einer großen, leicht riechenden Lache.
Wieder musste ich an Ghouls denken, verwarf den Gedanken aber wieder, denn die Ghouls, die Leichenfresser, kristallisierten sich. Das war hier nicht der Fall. Es blieb bei der Flüssigkeit, in die sich allmählich der gesamte Körper verwandelte. Es war ein Bild, das mich abstieß und zugleich faszinierte.
Die Gestalt lag am Boden, sie wurde immer weniger, während sich die Flüssigkeit vermehrte. Von den Füßen her bewegte sich der Prozess nach oben hin, und zuletzt würde der Kopf davon erfasst werden, das stand fest.
Ich konzentrierte mich auf das Gesicht. Es hatte sich verändert. Die Gestalt wusste, was auf sie zukam, aber sie sah keine Chance, dies zu ändern. Auch ihre Arme waren bereits in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Hände lösten sich auf, und von den Fingern fielen dicke Tropfen.
Ich drehte mich zu der zweiten Gestalt um.
Auch sie war im Begriff, sich zu verändern und dann zu vergehen. Bei ihr würde sich der Kopf ebenfalls als Letztes auflösen.
Ich sah wieder auf den anderen.
Der jammerte. Es waren ungewöhnliche Laute, die noch aus seinem Maul drangen. Sie waren schlecht einzuschätzen und hätten besser zu einem Tier gepasst. Möglicherweise war er ja auch ein Tier in Verkleidung. Jedenfalls würde er mir nicht mehr gefährlich werden, und als die Laute aufhörten, da sackte der Kopf nach unten, weil er keinen Halt mehr gefunden hatte.
Er schwamm jetzt auf der Masse, ich schaute noch in das Gesicht und sah die Zuckungen, die sich auf den Wangen und auch am Kinn abmalten.
Er starb. Oder er verging. Er wurde zu einem Teil der auf dem Boden liegenden Lache und ich konnte nur den Kopf schütteln. Die beiden waren Vergangenheit, nur die Lachen blieben als Erinnerung. Davon ging ich zumindest aus.
Dann hörte ich das Klingeln und das Klopfen zugleich an der Haustür. Draußen stand jemand und wollte herein, und ich wusste auch schon, wer das war.
»John, mach auf!« Bills Stimme war nicht zu überhören. Ich ging hin, öffnete die Tür und beinahe wäre mir der Reporter in die Arme gefallen, weil er sich von draußen gegen die Tür gelehnt hatte.
»Wir haben Schüsse gehört – oder?«
»Ja, das stimmt.«
Er sah mich von oben bis unten an und suchte nach einem Kratzer oder einer Verletzung. Er entdeckte nichts und sagte mit leiser Stimme. »Nichts passiert …?«
»Doch.« Ich nickte meinen beiden Freunden zu. »Dann kommt erst mal rein.«
Ich gab ihnen den Weg frei. Sie betraten das Haus und sahen gleich darauf die beiden Lachen am Boden, die einen ungewöhnlichen Geruch abgaben.
»Dein Werk?«, fragte Suko.
»Ja.«
»Und?«
»Es ist das, was von zwei Angreifern übrig geblieben ist«, erklärte ich.
Suko und Bill schwiegen zunächst. Meine Erklärung hatte sie geschockt. Dann fand Bill seine Sprache wieder. »Bist du sicher, dass du dich nicht geirrt hast?«
»Das bin ich. Wenn du in die Lachen schaust, wirst du noch meine Kugeln entdecken. Es waren zwei Angreifer, die mir ans Leder wollten. Sie hätten mich getötet, doch es war kein Problem für mich, sie auszuschalten.«
Suko deutete auf eine der Lachen. »Kann man bei ihnen von Ghouls sprechen?«
»Das hatte ich auch zuerst...




