Dark John Sinclair - Folge 1592
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8387-4363-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Tiermensch
E-Book, Deutsch, Band 1592, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-8387-4363-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 2000 - 2009!
Noah Lynch war Biologe. Aber er war noch etwas anderes. Es war zu einer bestimmten Zeit halb Mensch und halb Wolf. Aber er war kein direkter Werwolf, denn er war der Tiermensch.
Entstanden durch einen Angriff und einen Biss der Königin der Wölfe, Morgana Layton. Ausgerechnet dieses Zwitterwesen suchte Hilfe und Schutz bei meinen Freundinnen Maxine Wells und dem Vogelmädchen Carlotta ...
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
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Der Tiermensch
Noah Lynch glaubte an einen Traum, aber es war keiner. Er musste nur die Tür öffnen und nach nebenan gehen. Da würde er sie sehen. Vielleicht schon nackt. Aber auch angezogen war sie ein Weibsbild wie aus einem Modekatalog.
Er kannte gerade mal ihren Namen.
Sie hieß Morgana Layton …
Im Spiegel, dessen Fläche von einem dicken Holzrahmen gehalten wurde, betrachtete Noah Lynch sein Gesicht.
Seine Haut zeigte vom heißen Duschen noch eine leichte Rötung.
Rasiert hatte er sich auch. Sogar die wenigen Haare, die auf dem muskulösen Hals wuchsen, der überging in einen kräftigen Oberkörper, mit Muskeln, die durch harte Arbeit entstanden waren und nicht durch Anabolika aus dem Chemielabor.
Er war stolz auf seinen Body, dessen unterer Teil von einem blauen Handtuch bedeckt war, das bis knapp über die Oberschenkel reichte.
Er griff zum Rasierwasser und verteilte einige Tropfen auf seiner frisch rasierten Haut. Der Duft von Zedern und Moos stieg ihm in die Nase. Er passte zu ihm und zu seiner Umgebung, auch zu dem stabilen Blockhaus, das zwar nicht völlig in der Einsamkeit stand, aber genügend weit vom nächsten Ort entfernt, sodass er hier in Ruhe arbeiten konnte.
Noah Lynch arbeitete als Biologe für die Regierung. Er war ein Umweltexperte und gab seine Daten einmal im Monat an ein Institut durch, wenn er nicht in seinen Geländewagen stieg und es selbst besuchte.
In der Einsamkeit fühlte er sich wohl.
Ein Eremit war der vierzigjährige Mann aber nicht. Zwar brauchte er nicht unbedingt eine Partnerin, doch hin und wieder hatte er doch Verlangen nach einer Frau, und diese Morgana war ihm vorgekommen wie vom Himmel gefallen, denn sie hatte sich bei ihm gemeldet, war für einige Stunden geblieben und hatte nichts dagegen gehabt, bei ihm zu übernachten.
Sie war heiß. Richtig heiß.
Das hatte sie ihm mit entsprechenden Gesten zu verstehen gegeben. Und sie war auch vor ihm ins Bad gegangen.
Lächelnd drehte er den Verschluss der Flasche wieder zu. Er stellte sie auf das Bord, strich noch mal sein dichtes braunes Haar nach hinten, das bis in den Nacken wuchs und einen Großteil seiner Ohren verdeckte.
Er lächelte sich selbst zu.
»Okay«, flüsterte er, »dann wollen wir mal …«
Lynch erstarrte mitten in der Bewegung.
Er hatte ein Geräusch gehört, das ihm nicht gefiel.
Es war eine Mischung aus Fauchen und Heulen. Beides klang unterdrückt, und er hatte keine Ahnung, wo es aufgeklungen war.
Sein Hund konnte es nicht sein. Den hatte er vor drei Tagen begraben müssen. Er war keines natürlichen Todes gestorben. Irgendein Tierhasser hatte ihn regelrecht zerrissen.
Und jetzt dieses Heulen. Klagend, als läge sein Hund noch einmal im Sterben.
Es verstummte so schnell, wie es aufgeklungen war, sodass der Mann beinahe an eine Täuschung glaubte. Um sicher zu sein, öffnete er das Fenster an der Seite.
Klare, kalte Luft strich ihm entgegen. Er spürte sie wie ein Kribbeln auf der nackten Haut. Rasch drückte er das Fenster wieder zu. Er wollte sich um angenehmere Dinge kümmern. Zudem waren die fremden Töne nicht mehr zu hören. Lynch ging beinahe davon aus, dass er sich tatsächlich geirrt hatte.
Auf nackten Füßen ging er zur Tür. Es war ein angenehmes Gefühl für ihn, so über den Holzboden zu laufen, denn Holz liebte er. Für ihn war es ein Material, das lebte.
Er summte leise eine alte schottische Volksweise vor sich hin, bevor er die Tür öffnete und auf der Schwelle stehen blieb, um einen Blick in den Schlafraum zu werfen.
Er war nicht besonders groß, und auch bei ihm passte die Einrichtung zur urwüchsigen Umgebung der Blockhütte. Mit Holz verkleidete Wände, ein stabiles Bett, und auch die Decke war mit dunklem Holz vertäfelt.
An der Ostseite des Zimmers befanden sich zwei Fenster, und vor einem stand Morgana Layton, die ihm den Rücken zudrehte.
Er hatte gedacht, sie bereits im Bett liegen zu sehen. So aber stand sie vor dem Fenster und schaute hinaus in die Dunkelheit.
Ihr Körper wurde von einem weißen, recht eng sitzenden Bademantel umschlungen. Im farblichen Gegensatz dazu stand ihr braunes Haar, das wie eine Mähne wirkte und über den Nacken bis fast zur Taille reichte.
Er schloss leise die Tür und räusperte sich.
Die Frau hatte ihn gehört.
Langsam drehte sie sich um, als wollte sie seine Vorfreude noch künstlich verlängern.
Noah Lynch schaute in ihr Gesicht. Obwohl er es kannte und die Lippen bereits geküsst hatte, musste er es anstarren.
Er konnte noch immer nicht richtig fassen, dass diese wunderschöne Frau bereit war, mit ihm ins Bett zu gehen.
Aber alles wies darauf hin, und der Blick, mit dem sie ihn anschaute, sprach ebenfalls Bände.
Dieses Gesicht mit den fein geschnittenen Zügen, das einen unbeschreiblichen weiblichen Charme ausstrahlte, das war schon etwas Besonderes.
Eine Göttin schien aus ihrem Reich gekommen zu sein, um seine Einsamkeit zu verkürzen.
Es war einfach unglaublich, und er musste den Mund öffnen, um die Luft tief in seine Lungen zu saugen.
»Bist du okay?«, fragte er.
Sie nickte.
»Ich habe zufällig noch eine Flasche mit Prickelwasser im Kühlschrank. Soll ich sie öffnen?«
Sie lächelte, was ihr Gesicht noch weiblicher machte, wie Lynch fand.
»Zufällig, Noah?«
»Ja.«
»Wie vielen Frauen hast du schon von diesem Zufall erzählt?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein, so ist es nicht. Ich – ich lebe hier ziemlich enthaltsam.«
»Komisch.«
»Was ist komisch?«
»Das glaube ich dir sogar.«
»Danke.« Er deutete ein leichtes Kopfschütteln an. »Dass du hierher zu mir gefunden hast, empfinde ich als einen Wink des Schicksals. Das kann ich noch immer nicht fassen. Das ist für mich wie ein Traum. Da bin ich offen und ehrlich.«
»Es gibt auch Albträume, Noah.«
Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. In seinem Fall passte das überhaupt nicht, und so fragte er: »Was meinst du damit?«
»Dass Traum und Albtraum oft dicht beieinander liegen.«
»Aber doch nicht hier!«
Sie runzelte die Stirn. »Weiß man es?«
Er lächelte. Es sah allerdings gezwungen aus.
Das Gespräch lief in eine Richtung, die ihm nicht gefiel. Er wollte davon ablenken, als sich Morgana bewegte.
Ihre Hände näherten sich dem Knoten des Gürtels vor dem Körper. Er war nur lose zusammengeschlungen. Es sah sehr lässig aus, wie sie ihn löste.
Noah konnte seinen Blick nicht von ihren Händen abwenden. Gleich würde er das sehen, was er sich schon die ganze Zeit gewünscht hatte. Sie nackt zu sehen und dann mit ihr ins Bett zu gehen.
Die Schlaufe war offen. Der Bademantel schwang an beiden Seiten leicht auseinander, aber noch gab es für Noah nicht viel zu sehen.
Morgana ließ sich Zeit und machte es spannend.
Plötzlich ging alles sehr schnell. Sie riss die beiden Hälften zur Seite und bewegte sich so raffiniert, dass der Bademantel über ihre Schultern hinweg zu Boden rutschte.
Nackt stand sie vor Noah.
Er starrte sie an.
Die Luft blieb ihm weg. Er wollte es nicht glauben.
Zwar starrte er einen nackten Körper an, aber der war nicht so, wie er ihn sich vorgestellt hatte.
Vom Hals bis hinab zu den Füßen war er mit einem dichten braunen Fell bedeckt!
*
Das waren die Sekunden der Wahrheit.
Aber immer noch nicht konnte oder wollte er glauben, was er da sah. Es war einfach unglaublich.
Er war entsetzt, aber dieses Gefühl zeigte sich nicht in seiner Reaktion. Es sei denn, man bezeichnete seine Starre als eine solche. Es war ihm nicht mehr möglich, sich aus ihr zu lösen.
Obwohl er sich nicht bewegte, hatte er den Eindruck, auf schwankenden Bootsplanken zu stehen, auf denen er nur mühsam das Gleichgewicht hielt.
Etwas gurgelte in seiner Kehle.
Noah merkte erst später, dass es seine eigene Stimme war. Er hatte etwas gesagt und konnte sich nicht daran erinnern, was es gewesen war. Er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen.
»Na, wolltest du nicht mit mir ins Bett gehen, Noah?«, fragte sie mit kehliger Stimme.
Der Mann stieß pfeifend den Atem aus. Er wollte den Kopf schütteln, er wollte seine Gedanken in eine andere Richtung lenken, er wollte auch fliehen, aber nichts davon gelang ihm.
Seine Starre blieb bestehen.
Allerdings nicht bei Morgana Layton. Sie ging leicht in die Knie und stieß sich plötzlich ab.
Ein Sprung brachte sie bis auf das Bett, dessen Matratze federte, sodass Morgana keine Schwierigkeiten hatte, mit einem zweiten Sprung in Noahs Nähe zu gelangen.
Er sah sie jetzt noch besser, und er sah auch, dass ihre Hände bis zu den dunklen und jetzt glänzenden Nägeln ebenfalls mit Fell bewachsen waren. Es waren keine normalen Finger mehr, sondern eher mit Krallen bestückte Tatzen, was sich auch bei den Füßen zeigte.
Noah war ein Mann, der mit der Natur vertraut war und sich dort auch wohl fühlte. Er hatte seine Berufung zum Beruf gemacht und kannte sich wirklich aus. Egal, ob es sich dabei um Tiere oder Pflanzen handelte. Aber eine derartige Horrorgestalt hätte er sich selbst in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.
Er wusste nicht, wie er die Frau einstufen sollte, die eigentlich keine mehr war. Er wollte sie nicht als Mensch bezeichnen. Für ihn war sie ein Unding.
Er atmete heftig ein, und es wurde nur ein Röcheln.
Obwohl Morgana jetzt in seiner Nähe stand, hatte er den Eindruck, dass ihre Konturen vor seinen...




