Dark John Sinclair - Folge 0815
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8387-3545-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Höllenbestie (2. Teil)
E-Book, Deutsch, Band 815, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-8387-3545-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1990 - 1999!
Die Höllenbestie (2. Teil).
Jake und Jory sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Sie waren Zwillinge, und doch gab es einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden: Sie standen auf verschiedenen Seiten. Der eine war ein Lehrer, John und Suko hatten ihn ja verhaftet und dann erkennen müssen, dass es sich bei ihm nicht um die gesuchte Person handelte. Der andere war der Untote, der Killer, über den dieser geheimnisvolle Film existierte, der den beiden befreundeten Helden im Yard vorgeführt worden war. Jetzt sind John und Suko dem Richtigen auf der Spur.
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
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Die Höllenbestie (2. Teil)
Damals.
Die unscheinbare Frau kehrte von ihrem kurzen Spaziergang zurück.
Es dämmerte schon. Die letzten Meter war sie schneller gegangen.
Das Gefühl der Unruhe hatte sich nicht vertreiben lassen. Sie wollte zu ihrem Sohn, mit dem sie seit einiger Zeit in dieser Einsamkeit hauste.
Das Knurren hörte sie bereits, bevor sie den durch Strauchwerk verborgenen Eingang erreichte. Dazwischen klang das Schmatzen und Schlürfen fast leise, sie hörte auch, wie etwas mit einem schon singenden Geräusch zerriss, und über die blassen Lippen der Frau huschte ein widerliches Lächeln.
Vor den Büschen blieb sie stehen. Sie kniete sich hin und schaute zurück.
Kein Mensch war zu sehen. Der Hang lag einsam. Er endete dort, wo die Wellen auf breiter Front gegen ihn anliefen.
Der nächste Ort lag hinter dem Hügel, einige Meilen entfernt. Für die Frau und den Jungen war er bereits eine andere Welt.
Wieder das eklige Schmatzen, das an ihre Ohren drang. Etwas wischte auf sie zu. Beinahe hätte der Gegenstand ihren Kopf getroffen. Die Frau hatte sich im letzten Augenblick geduckt, so segelte er hinter ihr weg und prallte gegen einen Stein.
Sie schaute sich um.
Es war ein Knochen.
Abermals grinste die Frau. Sie rieb ihre feuchten Handflächen gegeneinander. So hatte sie es sich vorgestellt, und sie wusste auch, dass ihre teuflische Erziehung Früchte getragen hatte.
Fünfzehn Jahre.
Sehr lang, aber die Zeit würde noch länger werden, viel länger. Die Frau raffte sich endlich dazu auf, einige Zweige zur Seite zu biegen, um in die Höhle schauen zu können.
Dort hockte Jory auf einer alten Matte. Neben ihm stand eine Kerze, die ihm ihr spärliches Licht spendete. Jory war wie ein junger Vogel, der sehr schnell gelernt hatte, dass er sich das Fressen selbst holen musste.
Er hatte dafür gesorgt.
Zwischen seinen Händen hielt er einen Hasen. Blut beschmierte sein Gesicht, Blut war an seinen Fingern entlanggelaufen und hatte sich auf seinen Unterarmen als rote Striche verteilt. Blut war auch auf seine Kleidung getropft, das alles gehörte dazu, denn er war es nicht gewohnt, seine Mahlzeiten gebraten oder gekocht einzunehmen. Er aß sie roh, nein, er fraß sie schon.
Er hatte den Hasen gefangen, ihm blitzschnell das Genick gebrochen, das Fell abgezogen und seine kantigen Zähne in das dampfende Fleisch geschlagen.
Es ging ihm gut, sehr gut. Während er schon einige Knochen abgenagt hatte, riss er immer noch Fleisch aus dem Körper, kaute es kaum, sondern schluckte es in großen Brocken. Seine Augen leuchteten dabei, durch nichts ließ er sich stören, und er schaute auch nicht auf, als die Frau sich durch den dünnen Gestrüppgürtel schob, sich noch tiefer duckte und anschließend die Höhle betrat.
Jory bewegte seine Augen und schaute die Person über seine blutigen Hände hinweg an.
Die Frau nickte. »Schmeckt es dir?«
»Ja, Mutter.«
Sie ließ sich ihm gegenüber nieder, lächelte ihn an und erklärte, wie sehr es sie freute. »Das Blut wird dir die nötige Kraft geben, mein Sohn. Du wirst etwas ganz Besonderes werden, das kann ich dir versprechen.«
Jory ließ die Hände sinken. Er suchte nach Worten. In seinem eckigen Gesicht zuckten die Muskeln. Er war erst fünfzehn, aber er sah schon sehr erwachsen aus. »Hast du mir nicht versprochen, dass wir bald das Land verlassen werden?«
»Ja.«
»Wann?«
»Es dauert nicht mehr lange. Du solltest richtig vorbereitet werden. Dann kehren wir zurück.«
»Und was ist danach?«
»Wird die Welt über dich reden.«
Jory begriff es nicht. Er war nicht sehr intelligent, dafür unwahrscheinlich brutal. Rücksicht und Gnade kannte er nicht. Er löschte Leben aus wie andere Menschen Kerzenflammen. Er legte seinen Kopf schräg, leckte einen blutigen Knochen ab und schaute dabei seine Mutter an. »Können wir nicht sofort fahren?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
In den Augen der Frau leuchtete es auf. »Habe ich dir nicht versprochen, dich an einen bestimmten Ort zu führen und dir etwas zu zeigen, mein Söhnchen?«
Erst überlegte Jory, danach nickte er zögernd. Durch den dabei entstehenden Lufthauch bewegte sich die Flamme und malte sein Gesicht mit tanzenden Schatten ab. »Es ist einer, der so aussieht wie ich.«
»Stimmt, dein Bruder.«
»Jake …?«
»Wie schön, dass du den Namen behalten hast. Du sollst ihn sehen, Jory, du sollst ihn dir genau merken, denn irgendwann werdet ihr aufeinandertreffen, und dann wirst du ihn töten.«
»Ja, Mutter. Aber ich sah ihn doch schon. In dem Lokal, wo er aß – damals.«
»Das ist lange her. Ihr habt euch beide verändert.«
»Sieht er so aus wie ich?«
»Das denke ich schon.«
Jory senkte den Blick. Was er in der Hand hielt, lohnte sich kaum, abzuknabbern. Zwei Hinterläufe des Hasen, an denen auch noch Fellreste hingen. Wie ein Steinzeitmensch schleuderte er sie aus der Höhle, falls die Steinzeitmenschen so etwas überhaupt getan hatten. Dann schabte er seine blutbefleckten Handflächen über die Matte, um sie notdürftig zu säubern.
»Willst du was trinken, Jory?«
»Nein, das habe ich gerade.«
»Hast du noch Hunger?«
»Auch nicht.«
»Du lügst, ich sehe es dir an.«
Jory bewegte seinen Mund, ohne etwas zu sagen. Dafür starrte er seiner Mutter ins Gesicht. »Ich habe noch Hunger«, würgte er hervor, als stünde er unter einem gewaltigen Stress. »Ich … ich habe Hunger … Hunger.« Er sagte nicht, worauf er Appetit hatte, sondern streckte die Arme aus, schloss die Hände, öffnete sie wieder und drehte sie entgegengesetzt, als würde er ein feuchtes Tuch auswringen. Seine Augen leuchteten dabei, und die Frau sah, wie sich etwas in seinen Pupillenschächten bewegte. Es war wie ein Licht, eine kleine, rote Flamme, die dort aufgeglüht war und ihren Weg immer weiter nach vorn fand, bis sie in den Pupillen blieb.
Es war das Feuer der Hölle in seinen Augen, ein Zeichen des Satans, dem er geweiht war.
»Krack«, sagte er.
»Was war das?« fragte seine Mutter.
Jory leckte über die Unterlippe. »Ein Genick – sein Genick!«
Die Frau zog die Augenbrauen zusammen. »Sprichst du vielleicht von deinem Bruder?«
»So ist es.«
»Du willst ihm das Genick brechen?«
»Auch.«
»Und dann?«
Jory riss seinen Mund sperrangelweit auf. »Dann denke ich, er wäre ein Hase.«
»Nein!« Sie schüttelte den Kopf. »Das wirst du nicht tun, Jory! Nicht jetzt, auch nicht in der nächsten Zeit. Ich werde dir schon sagen, wann und wo es soweit ist.«
»Kann es lange dauern?«
»Bestimmt.«
»Wie lange? Jahre …?«
Sie nickte. »Ich denke schon. Aber erst wirst du deine Ausbildung beenden, dann sehen wir weiter. Als kleine Belohnung darfst du deinen Bruder zuvor sehen.«
Die Augen leuchteten wieder. »Kann ich ihm auch einen Streich spielen, Mummy?«
Die Frau summte die Antwort beinahe. »Wenn du willst, mein Liebling, immer …«
*
Sonnenschein, blauer Himmel, Wasser, Wellen, Strand – ein herrlicher Sommertag, um Ferien oder Urlaub zu machen. Davon hatten zahlreiche Menschen Gebrauch gemacht. Die Strände waren überfüllt. Auch Amy Lester war mit ihrem Sohn an die Küste gefahren. Nicht in den Süden, wo das Seebad Brighton liegt, sie hatte es an die Ostküste gezogen.
Amy Lester hatte sich den Luxus eines Strandkorbes erlaubt und einen gemietet. Für sie war es wichtig, in einem Strandkorb zu sitzen und entspannen zu können.
Lektüre lag bereit.
Die Bücher schleppte sie stets in einer großen Segeltuchtasche herbei und las sich mit großem Vergnügen quer durch die Literatur.
Als Bibliothekarin in der Uni hatte sie mit Büchern zu tun. Sie waren ihr Hobby, dem sie auch im Urlaub frönte. Um ihren Sohn brauchte sie sich nicht zu kümmern.
Jake gehörte zu den kontaktfreudigen Jugendlichen. Er fand sehr schnell Freunde. Das hatte sich auch hier am Strand nicht geändert, schon am ersten Tag hatte sich eine kleine Clique zusammengefunden, die den Strand unsicher machte.
Hin und wieder schaute Amy ihrem Nachwuchs zu. Immer wenn sie Jake sah, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie erfreute sich an seinem Anblick. Jake hatte sich in den letzten Jahren fantastisch entwickelt. Was sich bei ihm als Kind schon angedeutet hatte, das war auch im jugendlichen Alter nicht ins Stocken geraten. Er war ein junger Mann mit einer sogenannten Superfigur. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften. Dazu das dunkelblonde, leicht bräunliche Haar, das Amy so an ihren verstorbenen Mann Sam erinnerte, und sie dachte sehr oft an ihn, wenn sie Jake anschaute.
Wenn Sam das noch hätte erleben können, so wäre ihr viel wohler gewesen. Leider konnte er dies nicht mehr, keiner brachte ihn zurück, das Schicksal hatte es anders gewollt.
Dachte sie an Sam, so kamen ihr wieder die Umstände seines Todes in den Sinn. Er war verunglückt. Sein Wagen, in dem auch die hochschwangere Amy gesessen hatte, war bei regennasser Straße von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Ein in die Fahrgastzelle eindringender Ast hatte Sam brutal getötet. Amy hatte sich retten können und mitten in der Nacht und auf der Straße entbunden.1
Hilfe hatte sie von einer Frau bekommen, die wie ein Geist erschienen war. Bis zum heutigen Tag kannte sie ihren Namen nicht, sie wusste nur, dass es sie gab, und sie wusste auch, dass diese Frau ihr ein Kind gestohlen hatte. Nicht nur Jake...




