Dark John Sinclair - Folge 0804
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8387-3534-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Frau mit den Totenaugen (1. Teil)
E-Book, Deutsch, Band 804, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-8387-3534-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 1990 - 1999!
Die Frau mit den Totenaugen (1. Teil).
Die große Schwärze war über Fiona gekommen, nicht die Schwärze des Todes, sondern die der tiefen Bewusstlosigkeit, aus der sie nur allmählich erwachte. Entsetzliche Schmerzen hatte sie am Hals, und der Gedanke plagte sie, die Angst könne ihre Seele auffressen. Fiona dachte an die rote Person, an das Totengesicht, das sich hinter der Scheibe gezeigt hatte und sah ihr Heil nur in der Flucht. Fiona konzentrierte sich auf die Tür und rannte los. Rasch riss sie die Tür auf, und vor ihr stand die Frau mit den Totenaugen.
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
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Die Frau mit den Totenaugen (1. Teil)
Vor dem großen weißen Haus auf den Klippen hatte Susy Carter noch nie Angst gehabt. Auch an diesem frühen Abend nicht, als sie durch den weichen Sand den Hang hinab fast bis ans Meer gelaufen war, über dem Wolken standen. Der Wind spielte mit dem Wasser, türmte es zu Wellen hoch und schleuderte sie gegen den Strand, wo sie in breiten Schaumstreifen ausliefen und dem Sand eine graue Farbe gaben.
Die achtjährige Susy fröstelte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so kalt werden würde. Sie hätte statt der dünnen besser eine dickere Jacke anziehen sollen.
Das blonde Mädchen blieb vor dem alten Holzhaus stehen. Von dem ehemals weißen Lack war so gut wie nichts mehr zu sehen.
Mehrere Familien hätten in dem Haus wohnen können, leider stand es leer. Es sollte verkauft werden, das wusste Susy, doch es hatte sich noch kein Käufer gefunden.
Früher einmal war das Haus eine Pension gewesen. Wegen seiner außergewöhnlichen Lage mit Meerblick stets gut besucht, nun stand es seit vielen Jahren leer. Das helle Dach war ein Platz für zahlreiche Seevögel geworden.
Die Fenster waren noch vorhanden. Zum Glück hatten keine Rowdies die Scheiben eingeschlagen.
Susy schaute sich das Haus an.
Sie atmete einige Male tief durch. Die würzige Luft schmeckte gut, weniger gut allerdings schmeckten ihr die feinen Sandkörper, die der Wind gegen ihr Gesicht blies. Sie ärgerte sich jetzt, zu diesem Ort gelaufen zu sein, aber was hätte sie denn gegen den Drang machen sollen, der sie immer wieder an den Strand trieb?
Susy hatte das Haus noch nie betreten. Seltsamerweise fürchtete sie sich davor. Sie kannte ja die schrecklichen Geschichten, die man sich im Ort erzählte. Von Geistern war da die Rede gewesen, von einem Spuk, der alles tötete, was in seine Nähe kam. Von unheimlichen Schattenwesen und gefährlichen Geistern.
Als die Kleine darüber nachdachte, kriegte sie einen trockenen Hals. Sie spürte auch das Brennen in ihrer Kehle. Der Wind kämmte ihr Haar, auf der Kopfhaut kribbelte es, und auf ihrem Rücken lag ein Schauer, der nicht mehr weichen wollte.
Die Fenster kamen ihr düster vor. Viereckige Schatten wie hineingemalt in die Hauswand. Über ihrem Kopf hörte sie die krächzenden Schreie der Möwen. Unter ihnen befanden sich ziemlich große Tiere, die mit mächtigen Flügelschlägen durch die Luft segelten und sich das Haus als Ziel ausgesucht hatten.
In sanften Schwüngen landeten sie dort oben auf dem Dachfirst und schauten sie an.
Nur Tiere – oder …?
Manche Leute sagten, dass sich die Geister der Menschen in diesen Möwen verstecken konnten. Und war es nicht in der letzten Zeit passiert, dass Spaziergänger in Strandnähe von diesen normalerweise harmlosen Tieren angefallen worden waren?
Das wusste Susy nicht genau, die Erwachsenen redeten nur flüsternd darüber. Es waren auch mal Polizisten im Dorf gewesen, das stimmte alles, und die Eltern hatten Susy verboten, an den Strand zu gehen und sich dort länger aufzuhalten.
Aber sie wollte hin, sie musste hin, auch heute, obwohl dieser Abend nicht gut war.
Eine letzte Möwe segelte auf das Haus zu und ließ sich auf dem Dach nieder. Es schrie auch kein Vogel mehr, plötzlich lag Stille über dem Strand, abgesehen vom ewigen Rauschen des Meeres, dessen Wellen immer wieder anrollten.
Es war komisch. Auch Susy dachte über die Veränderung nach, und selbst als Kind suchte sie nach einem Vergleich. Sie kam sich vor wie in einem Bild stehend. Das Haus, der Strand und sie als Mensch. Sie war zu einem Teil des Gemäldes geworden. Es hatte sie eingeschlossen, es lebte, und auch sie lebte mit.
Sie schaute in die Höhe.
Eine Wolke war vom Meer her auf das Land zugewandert und hatte sich direkt über ihrem Kopf niedergelassen. Sie lag dort wie ein Stück grauer Decke, das jeden Augenblick nach unten fallen konnte.
Die blassen Lippen des blonden Mädchens bewegten sich. In ihrer Fantasie stellte sie sich die unheimlichsten Dinge vor. Die Wolke blieb, aber sie veränderte sich in ihrem Innern. Susy sah Gesichter, wo es eigentlich keine zu sehen gab. Böse, grauenhafte Fratzen, wie sie hin und wieder in den Filmen gezeigt wurden, die im Fernsehen liefen. Verzerrt, einige grellbunt, andere wieder so bleich wie ihre tote Urgroßmutter, die erst vor zwei Monaten gestorben war. Susy hatte sie noch im Bett liegen sehen. Sie hatte ausgesehen wie ein Skelett mit der dünnen Haut über den alten Knochen.
Das Kind zitterte. Waren es die dunklen Wolken, die beinahe geheimnisvollen Lichtverhältnisse, die ihr Angst einflößten. Sie wischte mit einer Hand über ihr Gesicht und spürte auf der Haut die kleinen Sandkörner, die überall in der Luft herumflogen.
Es war nicht die Angst, die sie kannte, die immer dann kam, wenn sie irgendwelchen Mist gebaut hatte, in der Schule oder zu Hause. Es war eine andere Angst, denn diese hier saß tiefer, sie war auch böser, und eine derartige Angst hatte sie noch nie zuvor gespürt.
Susy wollte eigentlich weg, aber die Furcht war stärker. Sie bannte sie auf der Stelle. Der Wind umsäuselte sie. Endlich gelang es ihr, sich aus der »Umklammerung« zu befreien. Sie hob den Kopf, um wieder gegen die Front des weißen Hauses zu schauen.
Da sah sie das Licht!
Im ersten Moment war sie geschockt. Ein gelber Streifen leuchtete hinter einem der Fenster. Es war eine matte Fahne, die nach unten flatterte, wobei sie den Rand nicht mehr erreichte und sich verlor.
Das Kind atmete tief durch. Es war schon oft allein hier am Strand gewesen und hatte das Haus beobachtet, aber das Licht hinter der Scheibe war ihr noch nicht aufgefallen.
Susy blieb stehen.
Zeit verstrich, das Licht blieb. Es flackerte nicht, also stammte es nicht von einer Kerze. Außerdem war es dafür zu hell und zu kalt. Jemand musste in dem verlassenen Haus sein.
Über ihren Rücken rieselte es kalt. Susy fing an zu frieren. In ihrem Kopf lagen kleine Eisstücke, gleichzeitig schwitzte sie auch, und sie sagte sich, dass sie weglaufen musste.
Statt dessen blieb sie stehen, denn das Licht war wie ein Magnet. Die Wolke lag noch immer über ihrem Kopf. Sie vereinigte sich mit der Dämmerung, die heranschlich wie ein Dieb.
Niemand war in der Nähe, der ihr einen Rat oder eine Hilfestellung hätte geben können. Susy fühlte sich so schrecklich allein an diesem Strandabschnitt, sie wusste allerdings auch, dass es ihre eigene Schuld war und sie nicht auf die Warnung ihrer Eltern gehört hatte.
Auf einmal wurde es ganz schlimm.
Da schimmerte nicht nur das Licht hinter dem einen Fenster, da kam noch etwas hinzu. Aus der Tiefe des Zimmers oder des Hauses drang etwas Rotes nach vorn. Es war ein kaltes Rot, eines, das ihr Furcht einjagte. Es sah aus wie die Farbe überreifer Erdbeeren, und es hatte die Form eines Gesichtes angenommen.
Langgestreckt, groß und mit zwei Augen, in denen so schrecklich weiße Löcher leuchteten, als wären sie hineingebohrt worden. Grausame und fürchterliche Augenlichter, für die Susy keine Erklärung hatte. Das Gesicht war auch so groß, und sie wartete gespannt ab, was geschehen würde, denn es löste sich von diesem Licht.
Es kam näher.
Über den Strand hinweg schwebte es auf das Kind zu.
Susy wartete. Sie hatte die Arme nach vorn gestreckt, als wollte sie das Gesicht umfangen. Es war eine Frau, sie sah die Haare, die den Kopf wie ein Vorhang umgaben.
Grelle Schreie erreichten ihre Ohren, als sich die Möwen vom Dach erhoben und durch die Luft flatterten.
Sie rasten auf das Kind zu.
Susy Carter spürte den Wind, der in ihr Gesicht fuhr. Sie schloss die Augen, denn sie wollte nicht sehen, wie sich die Vögel auf sie stürzten und mit ihren Schnäbeln zuhakten.
Es passierte nicht, denn die Tiere jagten über sie hinweg. Wie eine stürmische Wolke, die zusätzlich noch einen Windstoß produzierte, der die Gestalt des Kindes durchschüttelte.
Der Sand bewegte sich unter ihren Füßen. Susy überkam das Gefühl eines Wechsels. Es war kein Sand mehr, er hatte sich im Wasser oder in einen Sumpf verwandelt, der an ihr zerrte, um sie einfach wegzutreiben. Mit sich zu nehmen in ein gefährliches Reich, wo der Tod und das Verderben lauerten.
Schreckliche Vorstellungen tanzten durch ihr Gehirn. Alte Märchen und böse Kindergeschichten nahmen Gestalt an. So plastisch hatte sie diese Szenen noch nie erlebt.
Sie riss die Augen auf.
Ihr heller Schrei wurde vom Wind gepackt und weit über den Strand hinweggeweht. Susy Carter wusste nicht mehr, was sie noch denken sollte. Sie konnte auch nichts mehr sehen, denn ihr Blickfeld wurde nur von dieser roten Gestalt eingenommen.
Das Haus hatte sie verlassen, sie war am Strand, sie war bei ihr.
Und sie berührte sie.
Um das Kind herum tobten die Schreie der Vögel. Es hörte sich so schlimm und grell an, als würden sie unter einer schrecklichen Folter zu leiden haben.
Das Gesicht, die Vögel, das furchtbare Rot … vor Susys Augen drehte sich alles in einen Kreisel hinein, der sich für sie in einen tödlichen Strudel verwandelte.
Das Kind sank in den Sand.
Reglos blieb es liegen.
Und die Möwen stiegen in den dunkler werdenden Himmel auf, wo ihre Triumphschreie verwehten …
*
Eigentlich bin ich verrückt, dachte Fiona Finley. Eigentlich ticke ich nicht richtig, denn wer ist schon so blöd, die Abendstunden am Strand zu verbringen und sich dabei noch abzuhetzen? Jogging im Sand bedeutete die doppelte Kraftanstrengung wie auf festem Untergrund.
Aber sie lief weiter.
Sie musste weiterlaufen....




