E-Book, Deutsch, Band 1798, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
Dark John Sinclair 1798
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-2382-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei Henker für Sinclair
E-Book, Deutsch, Band 1798, 64 Seiten
Reihe: John Sinclair
ISBN: 978-3-8387-2382-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Wie heißt der Ort noch gleich?' Erst war ein Kichern zu hören, dann erfolgte die Antwort. 'Er heißt Lauder.' 'Sehr schön. Und wen legen wir dort um?' 'Sinclair', erklärte die Frau mit der rauen Stimme, bevor sie anfing zu lachen...
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Nebel, Nässe. Der Geruch nach Regen und sogar nach Schnee. Nass glänzende Straßen, die entweder mit Asphalt oder mit Steinen belegt waren. Auf beiden schmatzten die Reifen des Geländewagens, als das Fahrzeug in den schottischen Ort Lauder einrollte.
In ihm saßen drei Personen.
Hinter dem Lenkrad hockte Brian Cox, ein wüster Typ mit langen Haaren. Den Platz neben ihm hatte Valerian eingenommen. Ebenfalls jemand, der einem normalen Menschen Angst einjagen konnte. Er und Cox glichen sich, denn beide hatten ihre Haare lang wachsen lassen, und auch bei ihren Gesichtern gab es kaum Unterschiede.
Es gab noch eine dritte Person. Sie saß im Fond des Audi Q7. Auch ihre Haare wuchsen lang. Sie wurden allerdings durch ein Kopftuch gebändigt. Die Frau hieß Ruby.
Die drei zusammen erinnerten irgendwie an ein Piraten-Trio. Dazu passte auch Ruby Lamottes Kopftuch.
Cox fuhr langsam in den Ort hinein. So wie sich eben Fremde benehmen, wenn sie etwas Neues erleben. Es war kein Wetter, um seine Zeit auf der Straße zu verbringen. Die feuchte Luft, der Nieselregen, die tief hängenden Wolken, das alles machte den Tag beinahe schon zur Nacht.
Die Beleuchtung im Ort war ebenfalls nicht optimal. Das Licht der wenigen Laternen wurde schnell verschluckt und hatte sogar Mühe, den Boden zu erreichen.
»Wohin?«, fragte Brian.
Die Antwort erhielt er von Ruby. »Fahr mal bis in die Ortsmitte. Dort sehen wir weiter.«
»Meinst du?«
»Sonst hätte ich es nicht gesagt.«
Valerian hatte bisher nur zugehört. Jetzt fing er an zu lachen. Er nannte auch den Grund. »Wir können ja die Bullen fragen, die wird es bestimmt auch hier geben.«
»Abwarten.« Ruby Lamotte schaute wieder durch das Fenster an ihrer Seite und schüttelte den Kopf. Sie sah einfach zu wenig. Keinen richtigen Fixpunkt. Der Turm einer Kirche verschwand im grauen Dunst. Da wollten sie nicht unbedingt hin. Dazu hätten sie auch die Straße verlassen müssen, so aber fuhren sie weiter. Die Strecke führte leicht bergab. Flankiert wurde sie von unterschiedlich hohen Häusern, die aber nie über zwei Etagen hinaus gingen.
Es gab auch einen neuen Teil der Stadt, in dem sich einige Geschäfte etabliert hatten.
Und es gab so etwas wie eine Ortsmitte. Da wurde die Straße breiter und durch eine mit Bäumen bewachsene Verkehrsinsel in zwei Hälften geteilt.
Und es gab eine Polizeistation. Dass sie entdeckt wurde, glich einem Zufall. Ruby hatte sich im Fond bewegt und ihren Blick schweifen lassen.
»Anhalten!«
Cox tat ihr den Gefallen. Dann fragte er: »Was ist los?«
»Schau mal nach rechts.«
»Na und?«
»Da haben wir die Polizei.«
»Aha.«
»Aber sie ist nicht da. Die Station ist nicht besetzt. Sie scheint mir überhaupt nicht mehr besetzt zu sein.«
»Vielleicht hat man sie dichtgemacht, weil es hier für die Bullen nichts zu tun gab.« Die Erklärung hatte Valerian abgegeben. »Das hört man doch immer wieder, dass man in manchen Orten auf eine Bullen-Station verzichtet und man lieber welche zusammenlegt.«
»Ja, das kann sein«, sagte die Frau.
»Und was machen wir?«
»Fragen eine andere Person, wie wir einen Sinclair finden.«
»Super, hast du eine Idee?«
Ruby warf Valerian einen schnellen Blick zu. »Ich bin ja nicht du. Natürlich habe ich eine Idee. Wir fragen in einer Kneipe nach. Wenn du schräg nach vorn schaust, wird dir die schmale Leuchtreklame auffallen. Ich denke, dass es die Reklame für einen Pub ist.«
»Dann fahr ich mal hin«, meinte Cox.
»Tu das.«
Es waren nur ein paar Meter, die sie noch zurücklegen mussten. Sie ließen die Insel hinter sich, die Straße verengte sich wieder, dann sahen sie an der rechten Seite das Licht. Das Gasthaus hieß Highlander, ein etwas hochtrabender Name für eine graue Bude wie diese hier.
Einen Parkplatz für den Wagen gab es hier natürlich auch, und Ruby meinte, dass sie nicht unbedingt zu dritt dort erscheinen sollten. Es reichte, wenn einer ging.
»Und wer soll das sein?«, fragte Brian.
»Das bin ich.«
»Hatte ich mir gedacht.«
Ruby schnallte sich los. »Was dagegen?«
»Nein.«
»Dann bis gleich.« Sie glitt aus dem Wagen und trat hinein in die feuchte Luft, bei der das Atmen keine Freude bereitete, weil man das Gefühl hatte, die Luft trinken zu müssen.
Sie hatte gesehen, dass im Haus Licht brannte. Der Gastraum war zwar nicht taghell erleuchtet, aber das Licht würde ausreichen, um sich bewegen zu können.
Es gab eine graue Tür, die aufgestoßen werden musste, was Ruby auch tat.
Es war ihr klar, dass sie in ihrem Outfit hier auffiel. So etwas waren die Dorfbewohner nicht gewohnt. Aber das juckte sie nicht. Sie stand eben auf dieses leicht verwegen wirkende Outfit, das aus einer Hose und einer Weste bestand die einen guten Blick auf die Ansätze der beiden Brüste freigab. Hinzu kam das violette Kopftuch, dann die langen schwarzen Haare.
Sie trat ein, sah sich um und entdeckte keinen einzigen Gast. Die Kneipe war leer, denn auch einen Wirt sah sie nicht. Aber es war etwas zu hören, und das befand sich hinter der Theke. Klirrende Geräusche, denn da wurden Flaschen zusammengestellt.
Ruby blieb stehen. »Hallo …«
Ihr Ruf zeigte Erfolg. Hinter dem Tresen tauchte ein Mann auf, wahrscheinlich der Wirt. Er war klein, recht rund, trug eine Schiebermütze auf dem Kopf und nickte der Besucherin zu.
»Nett, Sie zu sehen, aber ich habe noch geschlossen. Es wird erst in zwei Stunden geöffnet.«
»Ja, das können Sie auch. Ich will Sie auch nicht lange aufhalten. Ich habe nur eine Frage.«
Der Wirt sah der Besucherin ins Gesicht. Große Lust hatte er nicht, ihre Frage zu beantworten, aber er sah etwas in den Augen der Frau, das ihn vorsichtig werden ließ.
»Um was geht es denn?«, fragte er.
»Um Menschen, die hier wohnen. Die man hier kennt.«
»Ja, dann los.«
»Die Sinclairs.«
Jetzt war es heraus, und Ruby Lamotte war gespannt, wie der Mann vor ihr reagieren würde. Viel traute sie ihm nicht zu, aber das musste man abwarten.
»Sinclair, sagten Sie?«
»Ja.«
Der Wirt schüttelte den Kopf. »Da haben Sie sich geirrt, Madam. Sorry, ehrlich.«
»Ich denke nicht.«
»Aber es gibt hier keine lebenden Sinclairs mehr.«
Sie wurde hellhörig. »Wie war das? Keine lebenden Sinclairs?«
»So ist es.«
»Gibt es denn tote Sinclairs?«
Der Wirt schluckte. Er bekam sogar einen roten Kopf, weil er plötzlich so aufgeregt war. Das ganze Gespräch war ihm alles andere als angenehm, aber er würde auch weitere Auskünfte geben, denn er wollte diese Frau nicht zur Feindin haben.
»Auf dem Friedhof«, flüsterte er.
»Ach. Und weiter?«
»Ein Doppelgrab. Dort liegen Horace F. Sinclair und seine Frau Mary. Ja, sie haben mal hier gewohnt, aber das ist länger her.«
»Und wo wohnten sie?«
»Außerhalb. Das Haus steht auf einem Hügel.«
»Sehr gut. Und wer wohnt dort jetzt?«
»Niemand.«
»Ach, warum das denn nicht?«
Der Wirt hob die Schultern an. »Das ist ganz einfach. Das Haus brannte ab. Wenn Sie jetzt dorthin fahren, dann sehen Sie nur noch die Ruine.«
»Hm«, murmelte Ruby Lamotte. »Ich muss ehrlich sagen, dass mir das nicht gefällt.«
»Ich kann daran nichts ändern.«
»Sowieso nicht. Wann ist der Brand denn passiert?«
Der Mann winkte ab. »Das liegt schon einige Zeit zurück, es war schade um das Haus.«
»Und was war mit den Menschen?«
»Die Sinclairs konnten sich retten, aber auch sie sind gestorben. Es war wohl ein Unglück.«
»Das ist nicht gut. Das hatte ich mir anders vorgestellt.« Sie setzte noch eine Frage hinterher. »Sind denn alle Sinclairs umgekommen?«
»Die hier wohnten, schon.«
»Daraus entnehme ich, dass es noch andere gibt.«
Der Wirt musste lächeln. »Sie kommen nicht von hier, nehme ich mal an.«
»Stimmt. Woran merken Sie das?«
»Wegen des Namens. Der Name Sinclair ist hier in Schottland sehr verbreitet. Es gibt wirklich viele Sinclairs. Aber nicht nur hier, auch weiter im Süden in England, und sogar in Frankreich, wie ich mal von einem Reisenden hörte.«
»Aber hier im Ort leben keine mehr – oder?«
»So ist es.« Der Wirt räusperte sich. »Das gilt auch für den Sohn der Sinclairs.«
»Oh, die beiden hatten einen Sohn?«
»Das weiß hier jeder.«
»Ich komme ja nicht von hier. Allerdings suche ich die Sinclairs. Ich habe ihnen etwas zu überbringen.«
»Ja, das kann ich verstehen.«
Ruby beugte sich vor. »Und Sie wissen nicht, wo man diesen Sohn finden kann?«
»Doch, das weiß ich.«
»Dann bitte.«
»Er lebt in London.«
»Oh, das ist weit weg.«
»Stimmt. Er war auch lange nicht mehr hier. Was soll man auch in diesem Kaff? Hier ist der Hund begraben. Sogar die Polizeistation hat man im vergangenen Monat geschlossen. Nichts los. Man lebt hier wie von der Welt abgeschnitten.«
»Das habe ich schon beim Einfahren in den Ort bemerkt. Um den Sohn der Sinclairs zu treffen, müssten wir also nach London reisen.«
»Ja.«
»Aber das Haus kann man sich ansehen?«
»Es ist kein Haus, sondern eine Ruine.«
»Ach.«
»Klar, mehr kann ich nicht sagen. Da bin ich...




