Dare Eine sündige Lektion
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17206-0
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-641-17206-0
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die junge, wissbegierige Hobbygeologin Minerva Highwood will unbedingt nach Schottland. Lebemann Colin Sandhurst muss vor allem eines: weg aus Spindle Cove. Also tun sich die beiden zusammen und beschließen, die beschwerliche und gefahrvolle Reise gemeinsam anzutreten. Da sie sich als Paar ausgeben, teilen sie sich nicht nur eine Kutsche, sondern gezwungenermaßen nachts auch ein Bett. Dies wird bald zur größten Herausforderung der ganzen Fahrt, denn die beiden sind wie Katz und Maus. Doch langsam kommen sie sich näher, und aus einem leisen Knistern wird bald zügellose Leidenschaft.
Tessa Dare ist halbtags Buchhändlerin und ganztags Mutter. Als Kind ist sie ständig umgezogen und hat schnell gelernt: Egal wie oft sie den Wohnort wechselt, eine bestimmte Sorte von Freunden bleibt ihr immer — die Helden aus den Romanen, die sie gelesen hat. Aus diesem Grund entschied sie eines Tages, sich ihre eigenen Freunde zu schaffen und Romane zu schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und ihrem Hund in Kalifornien.
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1
Wenn sich ein Mädchen um Mitternacht durch strömenden Regen kämpft, um an den Pforten der Hölle anzuklopfen, dann sollte der Teufel im Mindesten die Schurkenhaftigkeit – wenn nicht gar die Schicklichkeit – besitzen zu antworten. Minerva raffte mit einer Hand die Schöße ihres Umhangs zusammen und trotzte einem neuerlichen schneidend kalten Windstoß. Sie starrte verzweifelt auf das verschlossene Portal, bevor sie mit der flachen Seite ihrer Faust auf das Holz trommelte. »Lord Payne«, rief sie und hoffte, dass ihre Stimme durch die dicken Eichenpaneele trüge. »So kommen Sie doch an die Tür! Es ist Miss Highwood.« Nach einer kurzen Weile fügte sie erklärend hinzu: »Miss Minerva Highwood.« Wie unsinnig, dass sie erläutern musste, welche Miss Highwood sie war. Aus Minervas Sicht sollte dies offenkundig sein. Ihre jüngere Schwester, Charlotte, war erst ausgelassene, zarte fünfzehn Jahre alt. Und die Älteste der Familie, Diana, war zum einen mit engelgleicher Schönheit gesegnet und zum anderen dem Gedanken an eine Vermählung durchaus zugetan. Keine von ihnen war letzthin von der Sorte, nachts aus dem Bett zu schlüpfen und sich heimlich über die Hintertreppe der Gästepension zu einem Rendezvous mit einem berüchtigten Salonhelden zu stehlen. Doch Minerva war anders. Sie war immer anders gewesen. Von den drei Highwood-Schwestern war sie die Einzige mit dunklen Haaren, die einzige Brillenträgerin, die Einzige, die kräftige Schnürstiefel feinen Seidenslippern vorzog, und die Einzige, die sich sehr wohl einen Deut um den Unterschied zwischen sedimentärem und metamorphischem Gestein scherte. Die Einzige mit keinerlei Chancen, keiner Reputation, die es zu schützen galt. Diana und Charlotte werden ihren Weg aufs Ausgezeichnete machen, aber Minerva? Unscheinbar, belehrend, zerstreut, linkisch im Umgang mit den Gentlemen. Mit einem Wort, hoffnungslos. Die Worte ihrer eigenen Mutter in einem kürzlich verfassten Brief an ihren Cousin. Und um das Unglück vollkommen zu machen, hatte Minerva diese Beschreibung nicht etwa entdeckt, indem sie in privater Korrespondenz herumgeschnüffelt hätte. Oh nein. Sie hatte die Worte höchst selbst zu Papier gebracht, niedergeschrieben nach Mutters Diktat. Wirklich und wahrhaftig. Ihre eigene Mutter.
Der Wind packte ihre Kapuze und riss sie ihr vom Kopf. Kalter Regen prasselte auf ihren Nacken und machte alles noch schlimmer. Minerva wischte die nassen Strähnen fort, die an ihrer Wange klebten, und spähte zu dem alten steinernen Gefechtsturm hinauf – einer von vieren, welche die Festung Rycliff Castle umgaben. Rauch kringelte sich hoch oben aus dem Kaminabzug. Sie hob abermals ihre Faust, um mit größter Entschiedenheit auf die Tür einzuhämmern. »Lord Payne, ich weiß, dass Sie da drinnen sind.«
Scheußlicher, gemeiner Mann.
Minerva war fest entschlossen, an Ort und Stelle Wurzeln zu schlagen, bis er sie hineinließ, selbst wenn jener kalte Frühlingsregen sie währenddessen bis auf die Haut durchnässte. Sie war nicht die ganze weite Strecke vom Dorf zum Schloss hochmarschiert, in der Dunkelheit über glitschig bemoostes Geröll gestolpert und in morastige Rinnsale getreten, nur um denselben mühseligen Weg unverrichteter Dinge heimwärts zu stapfen. Indessen, nach einer weiteren geschlagenen Minute, während der sie vergebens an das Portal gepocht hatte, machten sich die Strapazen ihrer Klettertour bemerkbar. Ihre Waden verkrampften sich, ihre Muskeln erschlafften. Minerva taumelte vornüber. Ihre Stirn traf mit einem dumpfen Rums auf das Eichenholz. Sie hielt ihre Faust über dem Kopf erhoben, um in einem unablässigen, hartnäckigen Rhythmus auf die Tür einzuhämmern. Sie mochte vielleicht unscheinbar, belehrend, zerstreut und linkisch sein, aber sie war auch entschlossen. Entschlossen, wahrgenommen zu werden, entschlossen, gehört zu werden. Entschlossen, ihre Schwester zu beschützen, koste es, was es wolle. Aufmachen, flehte sie stumm. Aufmachen. Aufmachen. Aufm…
Die Tür schwang auf. Unverhofft, mit einem ohrenbetäubenden, unangenehmen Knirschen.
»Verdammter Hurensohn, Thorne. Kann das nicht bis …«
»Oh!« Aus dem Gleichgewicht gebracht, stolperte Minerva nach vorn, und ihre Faust prallte mit empfindlicher Wucht gegen … nicht gegen die Tür, sondern eine harte Brust. Lord Paynes Brust, um genau zu sein. Seine männliche, muskelgestählte, nackte Brust, die sich kaum weniger hart anfühlte als die Tür aus Eichenpaneelen. Ihr Hieb kam mitten auf einer Brustwarze zu landen, als wäre diese Luzifers eigener Türklopfer.
Dieses Mal wenigstens antwortete der Teufel. »Nun.« Seine tiefe Stimme vibrierte durch ihren Arm. »Sie sind nicht Thorne.«
»Sie… Sie sind nicht bekleidet.« Und ich berühre Ihre splitternackte Brust Oh … Gott. Ihr kam der entsetzliche Gedanke, dass er womöglich nicht einmal eine Hose trug. Sie sammelte sich. Derweil sie mit klammen, unsteten Fingern ihre Brille absetzte, nahm sie einen verschwommenen Fleck dunklen Wolltuchs wahr, der sich von dem fleischfarbenen Schemen seiner Körpermitte abwärts erstreckte. Das war immerhin beruhigend. Sie hauchte ihren Atem auf jedes der beiden runden messinggefassten Gläser, wischte sie mit einem trockenen Zipfel ihres Umhangs sauber und schob die Sehhilfe wieder auf die Nase. Er war nach wie vor halb nackt. Aber jetzt in hervorragender Scharfeinstellung. Gierige Zungen aus Feuerschein leckten über jede Kontur seines anziehenden Gesichts, hoben seinen Körper klar und deutlich gegen den Hintergrund ab.
»Kommen Sie herein, wenn es Ihnen genehm ist.« Er erschauerte, als ihn die frostigen Finger einer Windböe streiften. »Gleich, wie Sie sich entscheiden, ich werde nicht umhinkommen, die Tür zu schließen.«
Sie trat ins Innere. Das Portal fiel mit einem dumpfen Nachhall von Endgültigkeit hinter ihr ins Schloss. Minerva schluckte unbehaglich.
»Ich muss schon sagen, Melinda. Das ist wahrhaftig eine Überraschung.«
»Mein Name ist Minerva.«
»Aber ja, natürlich.« Er neigte forschend den Kopf zur Seite. »Ich erkannte Ihr Gesicht nicht gleich wieder – ohne das Buch vor Ihrer Nase.«
Sie atmete tief durch und versuchte, Nachsicht walten zu lassen, indem sie den seidenen Faden ihrer Geduld bis aufs Äußerste spannte. So lange, bis er straff war wie ein Drahtseil, gerade genug, sich auf einen spöttischen Bonvivant einzulassen – mit einem Gedächtnis wie ein Sieb und ausnehmend wohlproportionierten Schultern.
»Ich räume ein«, bekannte er, »es ist schwerlich das erste Mal, dass ich mitten in der Nacht die Tür geöffnet habe, um vor dem Portal eine wartende Frau vorzufinden. Aber Sie sind bis dato sicherlich diejenige, die ich am wenigsten erwartet hätte.« Er widmete ihrer unteren Körperhälfte einen prüfenden Blick. »Und diejenige, die den meisten Unrat hereinträgt.«
Mit Zerknirschung spähte sie auf ihre schmutzverkrusteten Stiefel und den klitschnassen Saum ihres Rocks. Eine mitternächtliche Verführerin war sie gewiss nicht. »Es ist nicht diese Art von Besuch.«
»Gewähren Sie mir einen Augenblick, die Enttäuschung zu verschmerzen.«
»Ich würde es vorziehen, Ihnen einen Augenblick zum Ankleiden zu gewähren.« Minerva durchquerte die rund gemauerte, fensterlose Turmkammer und strebte geradewegs zum Kamin. Sie löste umständlich die samtenen Verschlussbänder ihres Umhangs, ehe sie diesen über den einzig verfügbaren Armlehnstuhl drapierte.
Payne hatte seine in Spindle Cove zugebrachten Monate nicht in Gänze vergeudet, so schien es. Irgendjemand hatte ungemein viel Tatkraft darauf verwendet, dieses unwirtliche Steinsilo in ein warmes, nahezu gemütliches Heim zu verwandeln. Die altertümliche Feuerstelle aus Schamotteziegeln war gesäubert und für den Gebrauch instandgesetzt worden. Darin prasselte ein Feuer, heiß und heftig genug, einem normannischen Krieger zur Ehre zu gereichen. Neben dem gepolsterten Armsessel standen ein Holztisch und Stühle. Schlicht, aber sorgfältig gezimmert. Kein Bett. Eigentümlich. Sie ließ ihren Blick umherschweifen. Brauchte ein notorischer Draufgänger wie er denn kein Bett? Schließlich richtete sie ihr Augenmerk in die Höhe. Die Antwort befand sich über ihrem Kopf. Dort droben hatte er sich eine Art Schlafgemach eingerichtet, das nur über eine Leiter erreichbar war. Verschwenderische Vorhänge verbargen, wovon sie annahm, dass es sein Bett sei. Oberhalb davon verjüngte sich das Mauerwerk in ein schwarzes höhlenartiges Nichts. Minerva entschied, dass sie ihm ausreichend Zeit gelassen hatte, ein Hemd zu finden und sich repräsentabel zu kleiden. Sie räusperte sich und wandte sich zögernd zu ihm um. »Ich bin hergekommen, um zu fragen …«
Seine Lordschaft war immer noch halb nackt. Er hatte die Zeit nicht darauf verwendet, sich repräsentabel zu kleiden. Er hatte die Gelegenheit genutzt, die zur Auswahl stehenden Drinks zu inspizieren, und spähte gerade – ihr das Profil zugewandt – mit zusammengekniffenen Augen in ein Weinglas, um dessen Sauberkeit zu prüfen. »Wein?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. Dank seiner ungehörigen Zurschaustellung brannte sich bereits eine heftige Röte einen Weg über ihre Haut – vom Dekolleté über die Wangen bis zu ihrem Scheitel. In diesem Sinne verspürte sie kaum das Bedürfnis, noch Wein auf die Flammen zu gießen. Als er sich selber ein Glas einschenkte, konnte sie es sich nicht versagen, ihren Blick auf seinen sehnig...




