E-Book, Deutsch, Band 2, 224 Seiten
Reihe: Sehnsuchtsorte
Danzer / Ullmann In der Ferne scheint das Glück
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95910-051-9
Verlag: Eden Books - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wie ich dank meiner großen Liebe und einem wilden Pferd mein Paradies fand. Eine wahre Geschichte.
E-Book, Deutsch, Band 2, 224 Seiten
Reihe: Sehnsuchtsorte
ISBN: 978-3-95910-051-9
Verlag: Eden Books - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Veronika Danzer hat in Deutschland als Maskenbildnerin und Bereiterin gearbeitet. Mit 29 Jahren reist sie nach Tobago und verliebt sich dort in die Insel und ihren Partner Lennon. Vier Jahre später heiraten die beiden, gründen das Unternehmen »Being with Horses« und entwickeln das Programm »Healing with Horses«. Inzwischen lebt sogar Veronikas Mutter auf der Insel.
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Heimweh geht vorbei
Ich träume viel. Auch tagsüber.
Wer immer einen Traum vor Augen hat, der ist stets auf der Suche, dem ist nie langweilig.
Mein Leben in Träumen: Zuerst war da der Traum von Unabhängigkeit, dann von künstlerischer Entfaltung, von einem Leben mit Pferden, vom Rampenlicht der Bühne – und von der Liebe, die alles vergessen macht.
Doch obwohl ich versucht habe, meine Träume zu leben, fiel ich irgendwann in ein tiefes schwarzes Loch. Und lernte am Ende, dass mein großes Glück in dem liegt, was ich mir nicht erträumen konnte …
Die Schule ist schon immer ein guter Platz zum Träumen gewesen. Die Schule und ich, wir waren nicht füreinander geschaffen. Ich war 15, ging in die neunte Klasse und träumte von Freiheit. Spätestens nach der zehnten würde ich die Idylle des bayrischen Landlebens ein für alle Mal hinter mir lassen, das wusste ich schon früh. Nichts sprach gegen das Leben hier in der Region – auf dem Land zwischen Nürnberg und Regensburg hatte ich mich austoben können. Meine Eltern hatten für ein Haus mit Garten für sich und ihre drei Kinder gesorgt und es fehlte uns an nichts. Aber wie das so ist – man wird älter und ahnt, dass die Welt noch mehr zu bieten hat.
Die grauen Klassenräume und Flure jedenfalls unterdrückten in mir jede Lust zu lernen und erst recht die Lust, mich noch ein Jahr hier an der Volksschule durchzukämpfen.
Und dann sah ich die Unabhängigkeit winken und folgte diesem Lockruf.
»Muss es so weit weg sein?«, fragte mein Vater besorgt, als ich ihm von dieser anderen Schule erzählte.
Ich hatte mir ein bisschen mehr Euphorie seinerseits erhofft. Immerhin hatte ich ihm gerade begeistert eröffnet, dass ich eine andere Schule besuchen wolle, um einen besseren Abschluss zu schaffen. War das nicht das Wichtigste für einen Lehrervater? Ich konnte doch nichts für den Zufall, dass die Schule acht Fahrstunden von zu Hause entfernt lag.
Die Frage meines Vaters war allerdings rhetorisch gemeint gewesen.
Ich antwortete nicht und lächelte ihn nur an.
»Wie kommst du auf so eine verrückte Idee?«, hakte er dann verwundert nach und stützte die Ellbogen auf den Küchentisch. »Du absolvierst die zehnte Klasse hier!« Er sah mich herausfordernd an.
Ich lehnte mich in meinem Stuhl nach hinten und verschränkte die Arme. »Die Schule oder keine. Du hättest sie sehen müssen.« Aber er war nicht dabei gewesen. Wie so oft in letzter Zeit. Es waren nur meine Mutter, meine Geschwister und ich für ein paar Tage verreist: In einer Kleinstadt in Niedersachsen lebte die Schwester meiner Mutter. Während unseres Aufenthalts hatte es sich dann ergeben, dass wir auch eine Kunstausstellung in einer Schule besuchten.
Ich konnte meinem Vater nicht beschreiben, warum mir dort alles freundlicher, einladender und sogar heller erschien, als wäre dort einfach alles möglich …
»Versuchst du es jetzt mit Erpressung? Und wenn ich Nein sage, gehst du dann nicht mehr zur Schule? Was willst du dann mit deinem Neunte-Klasse-Abschluss anstellen?«
Damit erwischte er mich auf dem falschen Fuß, das wusste er. Aber er kam damit nicht durch.
»Dann werd ich Reiterin im Zirkus!« Das war aus dem Ärmel geschüttelt. Ich senkte meinen Blick.
Mein Vater lachte leise und wirkte trotzdem wütend. »Du wärst dort allein, ohne Mama oder Papa.«
»Genau.« Ich blickte hoch und lächelte.
»Ich meine damit, du bist zu jung, um schon auszuziehen.«
»Ich kann für mich selbst sorgen und ich bin ja nicht ganz allein.« Immerhin lebte dort meine Tante. Es war alles schon abgesprochen. Sie hatte ein Zimmer für mich und würde gegenüber der Schule als mein Vormund auftreten.
Meine Mutter stand am Küchentresen und fing den Hilfe suchenden Blick meines Vaters auf. Sie zuckte mit den Schultern. »Es ist wirklich eine gute Schule. Ich kann mir vorstellen, dass es funktioniert.« Sie erzählte ihm etwas von anthroposophischer Ausrichtung und obwohl mein Vater ruhig zuhörte, rang er mit der Fassung. Ich verstand ihn nicht.
»Ihr zwei macht mich wahnsinnig«, sagte er nach ein paar Minuten Schweigen, jedes Wort einzeln betonend, und stand auf.
»Ich wandere nicht aus, ja? Es ist nur für ein Jahr!«, rief ich wütend. Dann war er eben nicht einverstanden. Ich hatte meine Mutter auf meiner Seite.
»Was ist mit deinem Pferd?«
Auch nichts anderes als Erpressung. »Da finde ich schon eine Lösung …«
»Viel Zeit bleibt dir nicht mehr. Die Sommerferien dort oben sind bald vorbei.« In lehrerhafter Pose stützte er sich stehend mit den Armen auf den Küchentisch. »Ihr könnt den Kombi haben, aber ich bin gegen das hier und deshalb werde ich dich nicht da hoch fahren.« Damit ging er.
Meine Mutter zog hilflos die Schultern hoch und setzte sich mit ihrem Tee an den Tisch. »Wir müssen entscheiden, was du alles mitnimmst.«
An meinem ersten Schultag im Norden schloss ich mein Fahrrad ab und ging im Kampf gegen meine Nervosität langsam über den Schulhof. Zehn Meter vor der Mauer musste ich dann einfach stehen bleiben und das Wandgemälde betrachten, eine farbige Ausgabe von Picassos Guernica in leuchtenden Farben. Hier würde alles besser werden, dachte ich. Hier wusste keiner, dass ich mich schwertat mit der Schule, am liebsten aus dem Fenster sah, wenn der Matheunterricht mich mal wieder besonders langweilte, und es nie erwarten konnte, nach Schulschluss endlich das zu tun, was mir Spaß machte.
Mein Herz klopfte, als ich durch die Flügeltür in das neue Gebäude trat. Darauf hatte ich seit Wochen gewartet. Jetzt lernte ich hier alles endlich richtig kennen. Mit meinem Rucksack auf dem Rücken und einer ordentlichen Ladung Stolz betrat ich den Klassenraum. Ich hatte einen Schritt gewagt, den ich anderen in meiner Klasse voraus hatte: Ich übernahm für mich selbst Verantwortung.
Und dann kam der Moment, als ich mich vorstellen sollte. »Hallo, ich heiße Veronika und komme aus Regensburg.« Ja, ich rollte das R, aber ich fand mein Hochdeutsch ganz ordentlich. Einige kicherten trotzdem. Egal, sagte ich mir, das machte mir gar nichts aus. Mein Dialekt würde sich noch legen. Alles eine Frage der Zeit.
Sie verging schnell, die Zeit. Die Unterrichtsstunden flogen nur so dahin. Die Lehrer waren alle ziemlich in Ordnung. Es gab zwei Mädchen in meiner Klasse, mit denen ich bald nachmittags Eis essen ging oder manchmal abends ins Kino. Dazwischen lagen unausgefüllte Nachmittage und Wochenenden, an denen ich mich mit mir selbst beschäftigen musste. Ich verbrachte viel Zeit mit meiner Tante, die unablässig reden konnte, wenn sie nicht gerade müde war von ihrem Schichtdienst im Krankenhaus. Wir kochten zusammen und sie versuchte mir das Stricken beizubringen. Bald zählte ich die Maschen und die Wochen bis zu den Herbstferien.
Ab da verging die Zeit dann auf einmal quälend langsam. Die Tage wurden kürzer und mir kam es so vor, als wenn die Wolken kaum noch Sonne durchließen. Vor dem Fenster meines Zimmers sah ich den Giebel des Nachbarhauses. Der Regen tropfte rhythmisch von der Dachrinne herunter. Auf meinem Schreibtisch standen ein Familienfoto – das letzte Bild zu fünft, bevor mein Vater ausgezogen war – und ein Foto von mir und meiner besten Freundin. An der Wand klebten die Pferdefotos, die schon in meinem Kinderzimmer zu Hause über dem Bett hingen, eines davon zeigte Jessica, meine Fuchsstute. Ich saß auf ihrem Rücken und strahlte in die Kamera, mein Collie-Mischling Wichtel blickte erwartungsfreudig zu mir hoch. Das Foto war gerade mal vor einem Jahr entstanden, an dem Tag, als mein Vater mir Jessica gekauft hatte. Jetzt hatte sie eine neue Besitzerin.
Mein Blick glitt von den Fotos zu dem Blatt Papier vor mir auf dem Schreibtisch. Ein Kalligrafie-Buch lag aufgeschlagen daneben. Ich wollte eigentlich einen Brief in Schönschrift an meine Oma schreiben. Das tat ich jede Woche. Aber heute fielen mir nur traurige Gedanken ein, die ich höchstens einem Tagebuch anvertrauen würde. Stattdessen tauchte ich die Feder in die schwarze Tinte und malte zufällige Linien und Bögen, bis das Blatt voll war. Es war ein Sonntagmittag im November. Der Tag war einfach nur grau, nicht nur das Wetter, alles an diesem Tag.
Ich legte die Schreibfeder ab und drehte mich in meinem Stuhl herum. Das Zimmer war voll mit meinen persönlichen Dingen, aber es war nicht mein Zuhause. Mein Leben hier war nur vorübergehend. Ich fühlte mich wohl, aber eben nur vorübergehend. So wie man sich auf einer Zugfahrt wohlfühlen kann, weil man weiß, dass man in ein paar Stunden am Ziel ist. Mein Ziel war aber noch weit entfernt. Auf dem Weg bis zum Ende des Schuljahres lagen noch der Winter, der Frühling und die Monate davor, dazwischen und danach, die sich nicht entscheiden konnten, was sie sein wollten.
Es klopfte an meiner Zimmertür und meine Tante steckte ihren blonden Lockenkopf herein: »Ich muss zur Arbeit. Ich hab Spätdienst, du wirst mich also heute nicht mehr sehen. Tut mir leid.«
»Kein Problem, bis morgen.«
Ich brauchte Ablenkung und nahm mir noch einmal mein Hausaufgabenheft: Das Buch für den Deutschunterricht hatte ich gelesen, alle Hausaufgaben waren erledigt und ich hatte mir freiwillig den Stoff der letzten Geschichtsstunden angesehen. Am Vormittag hatte ich schon ausgiebig mit meiner Freundin und meiner Schwester Helene telefoniert, die aufs Gymnasium gewechselt hatte.
Am Telefon musste ich nicht auf meine Aussprache achten. Diesmal hatte ich geweint, als ich zum Schluss mit meiner Mutter sprach. Normalerweise bin ich keine...




