Danler | Sweetbitter | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten, E-Book Epub

Danler Sweetbitter

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8412-1288-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten, E-Book Epub

ISBN: 978-3-8412-1288-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eigentlich wollte Tess nicht Kellnerin werden, sondern ihrer provinziellen Heimat entkommen, in die Großstadt eintauchen und endlich herausfinden, was sie will vom Leben. Durch Zufall landet sie in einem edlen New Yorker Restaurant mit seinen ganz eigenen Regeln, Allianzen, Intrigen, Affären und Freundschaften. Um nicht unterzugehen, muss sie hart arbeiten und vor allem schnell lernen, was in der Gourmet-Welt wichtig ist. Und dann verliebt sie sich in den unnahbaren Barmann Jake... Sweetbitter ist ein großer Roman über den Genuss und die Obsession - darüber, dass man manchmal besessen sein muss, um wirklich genießen zu können. 'Ein Roman als Sinnesrausch.' Brigitte Woman. 'Eine rohe, schnörkellose, beißende, wilde Liebesgeschichte.' Marie Claire.



Stephanie Danler fing im Alter von 15 Jahren an, in Restaurants zu arbeiten. Als sie 2006 nach New York kam, um dort kreatives Schreiben zu studieren, begann sie im edlen Union Square Café zu kellnern. Sie verliebte sie sich in die Arbeit, das Essen, die Leute und die Stadt. Inspiriert durch ihre Erfahrungen aus dieser Zeit, schrieb sie ihr Debüt 'Sweetbitter'. Stephanie Danler lebt in Brooklyn, New York. Mehr Informationen zur Autorin unter www.stephaniedanler.com

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I


Du wirst Geschmack entwickeln. Den Ort auf deiner Zunge entdecken, wo die Erinnerung wohnt. Hier versiehst du jeden Geschmack mit einem Namen. Essen wird zu einer Wissenschaft, definiert durch Sprache. Nie wieder wirst du einfach Nahrung zu dir nehmen.

ICH WEISS NICHT, was es wirklich heißt, Kellnerin zu sein. Sicher, es ist ein Job, aber nicht nur. Es ist auf gewisse Art und Weise frei von jeglichen Ambitionen, eindeutig, klar definiert. Es gibt kein oben oder unten. Man bedient.

Es ist schnelles Geld– im Verlauf des Abends häufen sich ganze Bündel loser, glatter Scheine an und verschwinden dann wieder. Es kann Mittel zum Zweck sein, für all jene mit klaren Zielen und unerschütterlichen Visionen. Ich war zweiundzwanzig, als ich den Job im Restaurant bekam, und schon da waren mir diese Dinge eigentlich klar.

Natürlich hat mich das Geld gelockt. Und dieses Gefühl von Sicherheit, das sich einstellt, sobald man einen Ort gefunden hat, an dem man erst mal abwarten kann. Dass dieser Ort nur zwischen zwei unverrückbaren Klammern existierte, war mir damals nicht bewusst. Innerhalb dieser Klammern gibt es nichts anderes, doch außerhalb von ihnen bleibt bloß die trübe Erinnerung an einen Zustand des Wahns. Neunzig Prozent von uns würden das nicht mal in ihrer Vita aufführen. Vielleicht würden wir es mal nebenher erwähnen, als Beweis unserer moralischen Standfestigkeit, unseres Durchhaltevermögens. Ganz so, als hätten wir ein Erdbeben durchlebt oder Militärdienst geleistet. Denn so war diese Zeit. Von begrenzter Dauer.

WIE ALLE ANDEREN bin ich mit dem Auto gekommen. In einem Auto voller Kram, den ich für wichtig hielt. Kram, den ich wenig später auf den Sperrmüll brachte: DVDs, die schon bald bedeutungslos waren, eine Kiste mit Digital- und Analogkameras–Überbleibsel eines nach wie vor schlummernden Talents für Fotografie–, eine Ausgabe von On the Road, deren Lektüre ich nicht zu Ende gebracht habe, und eine Lampe– skandinavisch-modern, von Walmart. Es war eine lange, dunkle Fahrt, weg von einem Ort, der so klein war, dass er nicht einmal auf der wohlwollendsten Karte verzeichnet war.

Kommt irgendjemand ohne Ballast nach New York? Ich fürchte nicht. Und dennoch: Als ich den Hudson überquerte, dachte ich an Lethe, den milchigen Fluss des Vergessens. Ich vergaß, dass ich eine Mutter hatte, die fortgegangen war, bevor ich auch nur die Augen geöffnet hatte, und einen Vater, der wie unsichtbar durch die Zimmer unseres Hauses schlich. Ich vergaß all die Menschen in meinem Leben, die einfach nicht kapierten, was ich ihnen sagen wollte. Egal, worum es sich auch handelte. Sie wurden so durchscheinend wie ein Netzvorhang. Ich vergaß auch die staubigen Wege zwischen verdorrten Feldern unter diesem erdrückend wachsamen Sternenhimmel, die ich in meinem Auto entlanggefahren war, ohne dabei etwas zu empfinden.

Ja, ich war geflohen. Aber wovor? Vor Football und der Kirche, den Eckpfeilern der Gemeinschaft, in der ich aufgewachsen war? Vor den flachen, verblichenen Häusern in Sackgassen ohne Kindergeschrei? Vor den Morgenden mit der Gazette und abgepackten Donuts? Vor dem sentimentalen Gefühl, das all dem zugrunde lag und alle einlullte? Egal. Ich würde es nie genau sagen können. Mein Leben bewegte sich wie das der meisten einfach vorwärts. Kaum merklich, aber doch eindeutig vorwärts.

Sagen wir, dass ich Ende Juni2006, beim Überqueren der George-Washington-Brücke, geboren wurde. Es war sieben Uhr morgens, die Sonne begann gerade ihre Wanderung, der Himmel war voll scharfkantiger Lichtstrahlen, noch unberührt von den aufsteigenden Abgasen. Die Luft war beweglich, erst später würde die Hitze sie erstarren lassen. Die Fenster hatte ich heruntergelassen, und aus dem Radio kam ein absurd hoffnungsvoller Popsong. Alles offen, offen, offen.

SAUER: Beißende Zitrussäfte, Meyer-Zitronen mit dünner Schale, knubbelige Kaffir-Limetten. Joghurt und Essig, alles zieht sich zusammen. Zitronen in Halbliter-Eimern an der Seite eines jeden Kochs. Der Chefkoch schrie: Das braucht Säure!, Und dann schlachteten sie die Zitronen, die nichts als einen sanften Schmerz, einen Hauch Leben auf der Zunge hinterließen.

ICH WUSSTE NICHTS von einer Maut.

»Das wusste ich nicht«, sagte ich zu der Dame an der Mautstation. »Kann ich dieses eine Mal vielleicht einfach so durch?«

Die Frau blieb ungerührt, eine Säule aus Stein. Der Autofahrer hinter mir begann zu hupen, dann der hinter ihm– bis ich mich nur noch unter dem Lenkrad verstecken wollte. Sie dirigierte mich an die Seite, wo ich erst zurücksetzte, dann wendete. Vor mir lag nun das, was ich gerade noch hinter mir gelassen hatte.

Ich bog ab und fand mich in einem Industrieviertel wieder, einem Labyrinth von Straßen, eine trügerischer als die andere. Es war irrational, aber plötzlich hatte ich Angst, keinen Geldautomaten zu finden und dann ganz zurückzumüssen. Hinter der nächsten Kurve entdeckte ich einen Dunkin’ Donuts. Ich hob zwanzig Dollar ab und ließ mir den aktuellen Kontostand anzeigen: 146Dollar. Dann ging ich zur Toilette, um mein Gesicht zu waschen. Fast geschafft, sagte ich zu meinem angespannten Gesicht im Spiegel.

»Kann ich einen großen Haselnuss-Latte auf Eis bekommen?«, fragte ich. Der keuchende Mann hinter dem Tresen fraß mich mit seinen Augen.

»Wieder da?« Er gab mir das Wechselgeld.

»Wie bitte?«

»Du warst gestern hier. Hast exakt das Gleiche bestellt.«

»Nein, hab ich nicht.« Nachdrücklich schüttelte ich den Kopf. Ich stellte mir vor, wie ich gestern, morgen und jeden weiteren Tag meines neuen Lebens bei Dunkin’ Donuts im beschissenen New Jersey aus dem Auto stieg und diesen Kaffee bestellte. Mir wurde übel. »Habe ich nicht«, wiederholte ich, noch immer den Kopf schüttelnd.

Triumphierend ließ ich das Fenster herunter. »Hier bin ich wieder.« Die Frau an der Mautstation hob eine Augenbraue und hakte den Daumen in eine Gürtelschlaufe. Ich gab ihr das Geld, als sei es keine große Sache. »Kann ich jetzt durch?«

SALZ: Spucke sammelt sich in deinem Mund. Flocken aus der Bretagne, die sofort schmelzen. Rosafarbene Salzbrocken aus dem Himalaya, glanzlose, graue Klumpen aus Japan. Koscheres Salz, das in einem nicht enden wollenden Strom aus der Hand des Chefkochs fällt. Salzen, es ist das schwierigste aller Unterfangen– das Essen verlangt stets nach mehr, doch der Moment, in dem die Balance kippt, ist fatal.

DER FREUND EINES FREUNDES eines Freundes. Sein Name war Jesse. Ein Zimmer für 700Dollar im Monat. Ein Viertel, das sich Williamsburg nannte. Die Stadt befand sich in der Gewalt einer tyrannischen Hitzewelle, die Zeitungen machten täglich mit den Toten aus Queens und den äußeren Bezirken auf, wo immer wieder das Stromnetz zusammenbrach. Die Polizei verteilte Säcke mit Eis, ein flüchtiger Trost.

Die Straßen waren breit und leer. Ich parkte auf der Roebling Street. Es war mitten am Tag, kaum Schatten irgendwo, und alle Geschäfte schienen geschlossen zu haben. Auf der Suche nach Anzeichen von Leben, lief ich zur Bedford Avenue, sah ein Café und dachte darüber nach, hineinzugehen, um zu fragen, ob sie eine Barista brauchten. Durch das Fenster erkannte ich gepiercte junge Leute mit Laptops und verbissenen Mienen. Sie wirkten mager und viel älter als ich. Ich hatte mir selbst versprochen, schnell und ohne großes Nachdenken Arbeit zu finden– als Kellnerin, als Barista, als scheißegal was. Ankommen, das war die Hauptsache. Dennoch wehrte sich meine Hand, als ich sie aufforderte, die Tür zu öffnen.

Die Skyline am Ufer war voller Skelette, dicht an dicht wuchsen Hochhäuser aus den flacheren Gebäuden empor. Sie sahen aus wie halb ausradierte Fehler. Über einem verlassenen, verwilderten Grundstück hing ein quietschendes Tankstellen-Schild– um mich herum nur ambivalente Zeugnisse des Untergangs.

Mein zukünftiger Mitbewohner hatte die Schlüssel in einer Bar in der Nähe der Wohnung hinterlassen. Tagsüber arbeitete er in einem Büro in Midtown, darum konnte er mir die Schlüssel nicht selbst geben.

Clem’s war ein düsterer Schuppen an einer sonnigen Straßenecke, die Klimaanlage über der Eingangstür lärmte wie ein Dieselmotor. Als ich durch die Tür trat, weihte sie mich mit einem Tropfen Wasser, und ich stand blinzelnd im Luftstrom, während sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten.

Der Barmann stützte sich mit den Ellenbogen auf die Arbeitsfläche hinter sich, die Füße hatte er gegen den Tresen gestemmt. Er trug eine geflickte, mit Nieten besetzte Jeansweste. Kein Shirt darunter. Zwei Frauen in gelb bedruckten Kleidern saßen vor ihm. Sie spielten mit den Strohhalmen in ihren Drinks. Niemand sprach mich an.

»Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel…«, antwortete er auf meine Frage hin. Beim Näherkommen schlug mir sein unangenehmer Körpergeruch entgegen, die dämonischen Tätowierungen, die ihn von oben bis unten bedeckten, waren furchteinflößend. Die Haut über seinen Rippen wirkte wie angeklebt, sein Schnauzbart so akkurat wie kleine Mädchenzöpfe. Er zog das Kassenbuch heraus, warf es auf den Tresen und wühlte in der Schublade darunter. Ein ganzer Stoß Kreditkarten, fremdländische Münzen, Umschläge, Quittungen. Scheine flatterten in Klammern.

»Bist du Jesses Freundin?«

»Ha«, sagte eine der Frauen am Tresen. Sie...


Kray, Sabine
Sabine Kray, Jahrgang 1984, arbeitet in Berlin als Autorin und Übersetzerin.

Danler, Stephanie
Stephanie Danler fing im Alter von 15 Jahren an, in Restaurants zu arbeiten. Als sie 2006 nach New York kam, um dort kreatives Schreiben zu studieren, begann sie im edlen Union Square Café zu kellnern. Sie verliebte sie sich in die Arbeit, das Essen, die Leute und die Stadt. Inspiriert durch ihre Erfahrungen aus dieser Zeit, schrieb sie ihr Debüt Sweetbitter. Stephanie Danler lebt in Brooklyn, New York.

Mehr Informationen zur Autorin unter www.stephaniedanler.com



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