E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Dankert Bye , bye Mauerblümchen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86361-183-5
Verlag: Himmelstürmer
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-86361-183-5
Verlag: Himmelstürmer
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Schwänzen - negativ, abschreiben - negativ, heimlich rauchen - negativ, in der Schule rummachen - negativ. Gerade achtzehn Jahre alt, stellt Jake am letzten Schultag mit Entsetzen fest, dass er eigentlich nichts erlebt hat. Sein Dasein als Mauerblümchen muss ein Ende haben. Und das ganz schnell. Da Abschreiben und Schwänzen nicht mehr zu retten war und rauchen ohnehin scheiße ist, konzentriert er sich auf das einzig bleibende: Seine bestehende Jungfräulichkeit. Um das zu ändern, muss er zunächst sich selbst ändern. Neue Klamotten, neue Frisur und los geht's. Aber wie zum Teufel soll das gehen, wenn man erstens keine Ahnung hat und zweitens einem die liebe Familie ständig im Weg steht? Und - das wichtigste: Steht er nun wirklich auf Jungs?
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Danke.
Der letzte Schultag
Mann, was geht einem da alles durch den Kopf. Es ist der letzte Schultag. So viele Jahre haben wir uns hier alle gequält … nein, Korrektur, wir wurden gequält. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Lehrer mit seinem Examen auch einen Grundkurs im Schüler-Quälen bekommt. Ob das auch eine Prüfung ist? Ich stand an der Treppe, beobachtete meine Mitschüler – meine Noch-Mitschüler und überlegte, wie wohl eine Lehrer-quält-Schüler Prüfung aussehen würde. Vielleicht eine Art Rollenspiel, eine praktische Prüfung, wo sich zwei zukünftige Lehrer gegenüber sitzen. Einer mimt den Pauker, der andere den Schüler. Behandelt werden einzelne Bereiche eines alltäglichen Unterrichts: mündliche Aufgaben, Klausuren, zu Spätkommen, quatschen im Unterricht. Ich bin sicher, dass meine Mathelehrerin glanzvoll bestanden hat, oder hätte, vorausgesetzt, es gäbe so eine Prüfung. Oh, ich vergaß, mich vorzustellen. Mein Name ist Jacob Thomas Julian Paul Lorenz, ich bin achtzehn Jahre alt und habe heute meinen letzten Schultag. Okay, das sagte ich bereits. Was ist noch wichtig zu meiner Person? Nun, ich bin mittelgroß, mittelbrünett und laut dem Urteil meiner Schulkameraden … mittelmäßig. Ich bin ein Mauerblümchen, eine graue Maus, ein Loser. Wie immer man es nennen möchte. Solche Typen gibt es überall. Sie verbringen die Pause allein, machen nie den Mund auf, ziehen den Kopf ein, wenns mal lauter wird. Mann, mein Glück ist es, dass ich kein Streber bin. Das wäre mein Untergang gewesen. Im Grunde haben sie mich weitestgehend in Ruhe gelassen. Meistens. Fast immer. Wenn man das so im Ganzen sieht, könnte man meinen, meine Schulzeit wäre schrecklich gewesen. Nein, eigentlich nicht. Ich habe eine Freundin. Also … sie ist eine Freundin, nicht meine Freundin. Sie ist … meine beste Freundin. Laura Herwig. Es gab mal eine Zeit, da war sie in mich verliebt. Sie weiß nicht, dass ich es weiß. Sie hat es mir in einem Anfall von Sauforgie mitgeteilt, kurz vor dem Sauf-Koma und dem Sauf-Blackout. Ich habe es zur Kenntnis genommen, aber nie wirklich für voll genommen. Jaja, schon klar. Einige denken jetzt sicher: In seiner Position noch Ansprüche stellen … Das tue ich nicht. Nein, wirklich nicht. Aber ihr kennt Laura nicht. Sie ist eine wirklich, wirklich … wirklich liebe Freundin, die ich unheimlich gern hab … aber, nun ja, sie sieht nicht gerade vorteilhaft aus. Eine ungebändigte, glanzlose Naturlockenpracht, die ein Sommersprossen übersätes Gesicht in Feuerrot einrahmt. Dazu süße Hasenzähnchen und eine Brille, die Bierflaschenböden Konkurrenz macht. Naja, aber sie ist wirklich nett. Da stand ich nun, etwas abseits von einer Gruppe Jugendlicher, die es kaum erwarten konnte, endlich ihr Abschlusszeugnis in der Hand zu halten. Im Moment ließen sie ihre Schulzeit Revue passieren. Wie es schien, hatten sie alle zusammen reichlich etwas angestellt. War ich auf der gleichen Schule gewesen? Ich hatte davon nichts mitbekommen. Schwänzen – negativ Abschreiben – negativ Heimlich rauchen – negativ In der Schule rummachen – negativ Und das waren noch die harmlosen Dinge, die sie aufzählten. Howard Zubien, ein großer, dunkelblonder Kleiderschrank – wobei nicht genau raus war, ob es Fett oder Muskelmasse war, entdeckte, dass ich ihnen zuhörte. Nun muss ich noch eines sagen. Als ich heute morgen die Augen aufgeschlagen hatte und mir bewusst geworden war, dass dies der letzte Schultag war, hatte ich beschlossen, mein Mauerblümchendasein an den Nagel zu hängen und denen zu zeigen, dass ich durchaus … leben konnte. Nun, ich hoffte es jedenfalls. Howard musterte mich abfällig. „Uhh … schaut mal, Jakey will mitreden!“ Er kam auf mich zu und legte seinen Arm um mich. „Was hast du denn so angestellt?“, fragte er zuckersüß. „Eselsohren in dein Buch geknickt? Schlimm, schlimm.“ Gelächter kam auf, welches ich langsam und lächelnd nickend quittierte. „Jaah, das auch“, antwortete ich, „und ich habe beobachtet, wie deine Freundin es sich von Frankmann besorgen lässt. Weißt du, im Grunde ist es mir ja egal, aber es sah geil aus.“ Kurz überlegte ich, ob es erbärmlich in den Ohren der anderen klang, wenn ich, statt selbst Sex zu haben, anderen dabei zusah. „Ich bin ein Spanner. Das ist meine Jugendsünde. Ich gebs zu“, setzte ich lapidar hinterher und zuckte mit den Schultern. Howard starrte mich an, dann glitt sein Blick zu Ralf Frankmann, der abwehrend die Hände hob. „Wir unterhalten uns später, Drecksack!“ Ich lächelte und ging zwei Stufen nach oben. „Hey Zubien, tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber sie treibts auch mit anderen. Und da ich sie heute schon gesehen habe und sie nicht hier ist … versuchs mal auf dem Dachboden. Oh … Spanner und Petze … Mann, wird Zeit, dass die Schule endet. Die bekommt mir nicht.“ Nun musste ich regelrecht kichern. Ach, das Leben konnte echt schön sein. Ich wusste, dass ich mir von Zubien definitiv eine eingefangen hätte … wenn es nicht der letzte Schultag gewesen wäre und wenn er nicht so perplex dastehen und mich anstarren würde. Himmel, da sah ja ein Glubschfisch intelligenter aus. Okay, das war meine erste Tat zum Thema Ade Mauerblümchen. Meine zweite Tat war es, in einer kleinen Wasserpfütze auszurutschen. Klassischer Kack. Ich sah mich um, doch es waren nur wenig Schüler auf dem Flur, die mich nun feixend auslachten. Glück gehabt. Ich ging die Schulflure entlang und wurde mir bewusst, dass es das letzte Mal sein sollte. Und wieder überlegte ich, ob es hier irgendetwas gab, was ich in Erinnerung behalten würde. Verdammt, nichts. Meine Schulzeit ist an mir vorbeigeflogen, während ich in meinem Schneckenhaus gesessen und aufs Ende gewartet habe. Hatte ich vielleicht deswegen so viel verpasst? Ich war immerhin schon achtzehn und komplett unschuldig … in allem. Ich hatte nie geraucht, hatte nie geschwänzt, nie gespickt … Himmel, ich hatte noch nicht mal geküsst, von Sex ganz zu schweigen. Ich war eine schulische Jungfrau. Mit dieser Erkenntnis hatte ich nicht gerechnet. Wer machte sich schon groß Gedanken darum? Ich war echt geplättet. „Jake! Hey, warte mal.“ Laura lief mir hinterher. „Was ist los? Du scheinst mit deinen Gedanken Kilometer weit weg zu sein.“ Ich legte den Kopf schief, sah sie grübelnd an. „Nein, nicht so weit. Mir ist nur gerade etwas bewusst geworden.“ „Und was?“ Ich überlegte, ob ich es Laura unbedingt auf die Nase binden wollte. „Ach, naja … nur, dass meine Schulzeit ziemlich langweilig gewesen ist. Mehr nicht“, wich ich schließlich aus. „Na komm, so langweilig war sie nicht.“ „Ach ja?“ Ich hob fragend die Augenbrauen. „Dann zähl doch mal meine Schandtaten auf.“ Abwartend und mit verschränkten Armen sah ich sie an. „Du hast … also … warte, damals … ich hab gleich was …“ Ohne weiter auf mich zu achten, lief sie los, plapperte weiter vor sich hin. „Jap, genau so seh ich das auch.“ Ich musste grinsen. Manchmal war sie einfach süß in ihrer Art. Im Klassenraum setzte ich mich auf meinen Platz und stützte den Kopf auf die Hände. „Ich weiß was!“ Laura strahlte mich triumphierend an. „Na?“ „In der zweiten Klasse hast du Kreide geklaut und damit haben wir die Gehwege in unserer Straße bemalt.“ Gelangweilt machte ich nur „Wuff“ und seufzte. „Es gibt nichts zu beschönigen, Laura. Ich bin eine Trantüte.“ Nun seufzte auch sie. „Das ist Mist“, flüsterte sie, denn Mr. Lambert kam herein. „Warum?“, gab ich genauso laut zurück. „Weil ich dann auch eine bin. Daran müssen wir schleunigst etwas ändern.“ Lachend hob ich die Augenbrauen, sah verzeihungsheischend zu meinem Lehrer und senkte den Blick. „Dann fang mal an. Du hast noch etwa eine Dreiviertel Stunde, dann ist die Schulzeit vorbei.“ „Nun brauchen wir auch nicht mehr anfangen“, maulte sie. Das amüsierte mich. Ich fragte mich, wie der Sommer werden würde. Immerhin hatte ich noch sechs Wochen Freizeit, bis ich meine wahnsinnig interessante Lehrstelle im Büro beginnen würde. An meinem langweiligen Leben musste dringend etwas geändert werden und das hieße, dass ich all die Dinge nachholen müsste, die ich in der Schule verpasst hatte. Okay, das Rauchen nicht, denn ich hasste Zigarettenqualm. Und schwänzen, und Abschreiben fiel auch weg … den Sommer konnte ich nicht schwänzen. Verdammt, was blieb denn dann? Sex! Stimmt, der fehlte auch noch. Ich nahm mir vor, bis zum Ende des Sommers keine Jungfrau mehr zu sein. Kurze Zeit später standen Laura und ich auf dem leeren Schulhof. Die anderen Schüler hatten es plötzlich und das erste Mal in ihrer Schulzeit verdammt eilig gehabt, hier wegzukommen. Sonst hatten sie noch ewig auf dem Parkplatz herumgelungert, um Zeit tot zu schlagen. „Es ist ein seltsames Gefühl, wenn eine Epoche hinter dir liegt“, sinnierte ich. „Epoche? Mann, du bist heute sehr theatralisch, mein Freund“, lachte Laura. „Jaah! Weils eine Epoche war.“ „Sicher?“ „Jap, denn eine Epoche ist ein Zeitalter … ein längerer geschichtlicher Abschnitt mit grundlegenden Gemeinsamkeiten. Hey, ich hab mir ja doch was gemerkt. Gruselig, lass uns gehen.“ Ich verzog das Gesicht und verließ den Schulhof. Doch am Tor blieb ich stehen. „Wahnsinn. Ist dir klar, dass wir das heute das letzte Mal machen?“ „Was?“ „Na durch...




